Tag um Tag - Camille Henrot im Salzburger Kunstverein
„Muttersprache“ betitelt Camille Henrot ihre erste große Personale in Österreich. Letztes Jahr im Sprengel Museum Hannover ausgestellt, ist hier im Salzburger Kunstverein jetzt eine kleinere, mit neuen Werken aktualisierte Version zu sehen. Auf Wänden und Boden sind weiße Banderolen aufgemalt, man liest darauf Sprachwendungen und Wortspiele rund um das Thema “Tag”, auf das auch viele Aquarelle mit Titeln wie „Blue Monday“ oder „Day Out“ referieren. In der Raummitte stehen kreisrund angeordnete Bronzeskulpturen. Wie so oft in ihrem Werk kommen auch hier verschiedene Verweise zusammen in einem großen Thema, das hier um Mutterschaft kreist. Und Alltag. Muttersprache als Bild für ein Organ, die Zunge; Sprache als Ort des Ausdrucks, der Kommunikation; Mutterschaft als Verwandlungsprozess für Frauen. „Mutter ist natürlich auch eine sehr politische Kategorie, auch wenn sie innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft ins Anekdotische verwiesen worden ist“, wird sie im Ausstellungsfolder zitiert. In ihrer Serie „Is Today Tomorrow“ verdichtet sie tägliche (Mutter-)Erfahrungen wie „Ruin my Day“, aber auch „Lockdown Day“. Die Aquarelle zeigen verstörende Motive wie eine Stillende, die ihre Kinder zu verschlingen droht. Oder fressen die Kinder die Mutter auf? Der weibliche Körper ist in seine Einzelteile zerlegt, das Leben in Momente zersplittert – ohne jemals allzu konkret zu werden, spürt man in dieser Ausstellung dank der enorm intensiven und wunderbar radikalen Bildsprache Zweifel, Sorgen und Verwunderung, die mit einer Mutterschaft einhergehen. Henrot (Ausstellungsfolder): „Ich weiß nicht, wie man die Ambivalenz der Gefühle, die diese Bilder hervorrufen, auflösen kann. Das Bild (der Mutterschaft, AdV) ist daher ein Bild sowohl der Entfremdung als auch der Freiheit.“ (SBV)
Salzburger Kunstverein, 30. Juli bis 2.Oktober 2022
Dazu in Band 277 erschienen: