documenta-Leitung: Scholz-Beleidigung "nicht hinnehmbar"

23. August 2022 · Kulturpolitik

Nach anfänglichem Zögern fand die documenta-Leitung doch noch klare Worte zu der Tirade, in welcher der documenta-Künstler Hamja Ahsan Bundeskanzler Olaf Scholz als „neoliberales faschistisches Schwein“ tituliert hatte. Die Geschäftsführung und die künstlerische Leitung der d15 teilten in einer gemeinsamen Erklärung mit, sie hielten die Äußerungen Ahsans für „nicht hinnehmbar“. Seine Werke mit Leuchtreklamen von fiktiven Imbisslokalen bleiben zwar hängen; Ahsan selbst jedoch ist in Kassel inzwischen unerwünscht. Man beschloss, “dass der Künstler keine weitere Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt im Rahmen der Documenta Fifteen erhält.” Es gelte jedoch, das ausgestellte Werk von „persönlichem Handeln“ zu trennen; daher werden Ahsans Leuchtskulpturen nicht abgehängt. Im Prinzip ist das zunächst einmal richtig, denn schließlich gibt es in der Kunstgeschichte genügend Beispiele für die Trennung von künstlerischem Werk und persönlicher Lebensführung: Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) z.B. wurde zwar 1606 wegen eines Totschlagdelikts aus Rom verbannt, was ihn aber nicht daran hinderte, anschließend in Neapel eine fulminante, wenn auch bis zu seinem Tod vier Jahre später nur kurze Karriere zu erleben. Salvador Dali biederte sich bekanntlich nach 1945 zeitweise dem faschistischen spanischen Diktator Franco an. Niemand kam allerdings bislang auf die Idee, deswegen Caravaggios oder Dalis Bilder aus den Museen zu entfernen und dem Werk dieser Maler eine kunsthistorische Bedeutung abzusprechen. Aber bei Hamja Ahsan liegt der Fall anders, denn mindestens eine seiner Leuchtreklamen mit dem Label „PFLFC – Popular Front Liberation Fried Chicken“ ist eindeutig antisemitisch: die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) gilt in der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten als Terrororganisation. Zeitgleich zum Streit um die verbalen Pöbeleien Ahsans kritisiert die „taz – die tageszeitung“ antisemitische Tendenzen in Teilen des d15-Filmprogramms: „Dort sind auf einer etwa fünf Meter hohen und sieben Meter breiten Leinwand insgesamt 20 propalästinensische Propagandafilme aus den 1970er und 1980er Jahren zu sehen, zusammengestellt von einem japanisch-palästinensischen Künstlerkollektiv… Die ‘Dokumentarfilme’ strotzen nur so vor Israelhass. Sie bezeichnen die Gründung des jüdischen Staates als Resultat einer ‘zionistischen Verschwörung’… Diverse Kurzfilme sind zu sehen, in denen für den Märtyrertod von palästinensischen Kindern geworben wird…. Zwei Filme zeigen ein Ausbildungscamp, in dem palästinensische Kinder für den bewaffneten Kampf gegen Israel trainiert und auf das Lebensziel eines heldenhaften Märtyrertods abgerichtet werden…“ Die „taz“ vermisst eine „kritische Kommentierung“ solcher Filme.

Dazu in Band 283 erschienen:


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