Band 248, 2017, Titel: documenta 14 Gespräche, S. 458

Marta Minujín

Europa brennt

von Heinz-Norbert Jocks

Marta Minujín, 1943 in Buenos Aires geboren, ist eine Konzeptkünstlerin, die vorwiegend in den Bereichen Skulptur, Happening, Performance und Video arbeitet. Sie studierte von 1953 bis 1959 Kunst an der Escuela de Bellas Artes Manuel Belgrano und von 1960 bis 1961 Kunstpädagogik an der Escuela Superior de Bellas Artes. 1961 gehörte sie zu den argentinischen Teilnehmern der Biennale von Paris. 1966 zog sie nach New York, da sie ein Guggenheim-Stipendium erhalten hatte. Dort setzte sie sich mit psychedelischer Kunst und der Hippiekultur auseinander. 1976, in der Zeit der Argentinischen Militärdiktatur kehrte sie zurück in ihr Heimatland.  

Heinz-Norbert Jocks: Sie kommen aus Argentinien und haben dort nach der Diktatur 1983 ein ähnliches Werk geschaffen wie jetzt das „Parthenon der Bücher“ hier vor dem Fridericianum. Die Tatsache, dass sich das Werk an einem so zentralen Platz befindet, hat mit der Verbindung zu tun, die Adam Szymczyk u.a. zum Fridericianum herstellen wollte. Dort war die 1913 auf das gesamte Gebäude erweiterte Bibliothek untergebracht, deren Bücher während des Zweiten Weltkrieges bei einem Bomberangriff der Alliierten im September 1941 fast vollständig verbrannten. Rund 350.000 Bände gingen verloren. Dass das Parthenon auf dem Friedrichsplatz steht, ist gleichzeitig auch als Erinnerung an die sogenannte „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu verstehen, bei der am 19. Mai 1933 rund 2.000 Bücher von den Nazis verbrannt wurden. Ehe wir da tiefer einsteigen, die Frage: Was heißt es für Sie, Künstlerin zu sein?  

Marta Minujín: Ein Künstler ist jemand, der etwas komplett Neues und Einzigartiges entwickelt. Ein Problem für die Kunst heute ist deren Vermarktung, die immer mehr die Kunstwelt bestimmt. Das Kaufen und Verkaufen zerstören die Idee, was Kunst ist. Ich bin glücklich, bei der documenta dabei zu sein, weil diese nichts damit zu tun hat.  

Nun möchte ich aber nicht, dass meine hier präsentierte Kunst alleine auf das „Parthenon der Bücher“ reduziert wird. Denn ich habe am 8. April am Eingang des EMST in Athen auch eine Performance gemacht und die griechischen Schulden an die Regierung von Angela Merkel mit Oliven bezahlt. Etwas Ähnliches unternahm ich vor vielen Jahren in New York mit Andy Warhol, denn er war der König von New York und ich die Königin von Argentinien. Ich bezahlte ihn mit Mais, denn Mais ist das Gold Lateinamerikas. Später bezahlte ich die Regierung von Margaret Thatcher in London ebenfalls mit Mais wegen der Malwinen, die ursprünglich argentinisch, aber durch Kolonialisierung in britischen Besitz übergegangen waren. Sie erinnern sich sicherlich an den Falklandkrieg. Für Kassel habe ich das Parthenon aus verbotenen Büchern errichtet, und zwar in der Originalgröße des antiken griechischen Tempels auf der Akropolis in Athen.  

Dieser war sowohl ästhetisch als auch politisch das Ideal der ersten Demokratie.  

Ja, dieser symbolische Verweis war mir wichtig. Das Parthenon hat eine Größe von 70 mal 35 Meter und besteht aus 48 Säulen, die mit 90.000 verbotenen Büchern aus der ganzen Welt noch nicht ganz gefüllt sind, denn zu dem Konzept des Projekts gehört, dass die Menschen, die von überallher die documenta besuchen, noch mehr Bücher bringen, so dass am Ende das Parthenon komplett aus verbotenen Büchern bestehen wird. Mein erstes Parthenon bestand aus 20.000 Büchern. In Kassel kann man sie in den transparenten Säulen sehen und somit erfahren, welche auf dem Index stehen oder standen. Und es ist interessant, welche Titel wo verboten waren. Unvorstellbar, aber „Alice im Wunderland“ von Lewis Caroll war in China verboten, weil Tiere nicht wie Menschen denken dürfen. Und das Märchen „Rotkäppchen“ der Brüder Grimm wurde von den Falangisten in Spanien verboten, weil „Rot“ als Farbe auch für Kommunismus steht. Deshalb erschien es in Blau, und aus Rotkäppchen wurde Blaukäppchen. Es ist sehr aufschlussreich, zu verfolgen, wie sich das menschliche Denken im Laufe der Zeit dadurch verändert hat, dass Bücher nicht gelesen werden durften. Das Parthenon ist auch ein Mahnmal des Friedens, und die Bücher repräsentieren quasi eine Gruppe von Menschen. Wenn ich auch außer Landes und in New York war und die Diktatur nicht erlebt habe, so wusste ich doch, was dort vor sich ging. Viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert und getötet. Ihnen war es verboten, zu atmen, zu sprechen, sich zu treffen, zusammen zu sein. Viele Bücher waren nicht verfügbar, und sehr viele Schriftsteller, Buchladenbesitzer sowie Mitglieder der Kunsthochschule waren spurlos verschwunden. Es wurde einem geraten, niemals seinen Namen in ein Notizbuch oder Buch zu schreiben. Ich kehrte 1981 nach Argentinien zurück, als die Junta dabei war, das Feld zu räumen, und hatte die Idee, ein Denkmal für die Demokratie zu errichten, denn wir hatten nichts. Ich realisierte es am 19. Dezember 1983, eine Woche nach den Präsidentschaftswahlen in der Avenida 9 de Julio. in Buenos Aires. Das Werk war in Form eines Tempels konstruiert. Fünfzehn Meter breit, dreißig Meter lang und zwölf Meter hoch. Mehr als 20.000 Bücher bedeckten die Säulen, Friese und Giebel. Ich wählte Bücher aus, die während der Zeit des Militärregimes zwischen 1976 und 1983 verboten waren. Die Menschen strahlten vor Glück, dass die Diktatur vorbei und der Frühling der Demokratie angebrochen war. Es war auch diese Atmosphäre, die mich zu der Errichtung des Parthenons bewog. Es stand zwar nur fünf Tage, aber jeder erinnert sich daran. Deshalb wollte ich es nochmals machen, aber anders, nämlich größer. Im Gegensatz zu Kassel hatte ich in Argentinien kein Geld, um das Projekt zu verwirklichen. Deshalb sprach ich zunächst Firmen an, um sie um Hilfe zu bitten, und schließlich den Präsidenten der argentinischen Buchmesse sowie Verlage, die geschlossen gewesen waren und mir für das Parthenon die über Jahre in Kellern versteckten Bücher zur Verfügung stellten. Ohne offizielle Genehmigung habe ich das Projekt mit vielen Unterstützern im Zentrum von Buenos Aires verwirklicht, und zwar in der Zeit kurz nach den Wahlen, da es keine Regierung gab. Das Ganze war ein Riesenerfolg und weltweit in den Medien. Es schien unvorstellbar zu sein, dass man so etwas ohne Geld in die Tat umsetzen konnte.  

Wie gelangten Sie zu Ihrem Kunstverständnis?  

Wir Künstler sind nicht aggressiv. Das Einzige, was wir wollen, ist, etwas für die Menschen zu schaffen. Jedenfalls sehe ich es so. Ich bin der festen Überzeugung, es würde nirgendwo mehr Kriege toben und wir hätten Frieden, gäbe es überall Kunst. Wir bedienen uns der Kreativität, um lebendig zu sein.  

Wir Künstler sind nicht aggressiv. Das Einzige, was wir wollen, ist, etwas für die Menschen zu schaffen.

Christo, der, wie Sie wissen, in Bulgarien geboren wurde, hat für sich beschlossen, nie wieder in seine Heimat zurückzukehren, weil seine Erinnerungen zu stark durch die Diktatur geprägt sind.  

Ich weiß. Wussten Sie, dass er mich verpackt hat, und zwar während eines Happenings, das ich machte. Er kam, und ich stellte mich auf meine Arbeit. Er verpackte mich, und anschließend befreite ich mich daraus.  

Da Sie hin und wieder mit anderen Künstlern zusammengearbeitet haben, die Frage, ob Sie sich mit Künstlern besonders verbunden fühlen.  

Nein, mit Menschen im Allgemeinen. Nicht nur mit Künstlern. Ich liebe vor allem Leute, die nichts über Kunst wissen. Vor allem für sie mache ich meine Arbeit. Künstler sind langweilig, aber gleichzeitig vermag Kunst die Welt zu retten. Es ist sehr dialektisch. Es kann Ja und auch Nein sein. Eines ist gewiss: Künstler sind friedlicher als die anderen.  

Das klingt sehr pauschal. Warum soll das so sein?  

Ich kann es Ihnen nicht erklären. Um darüber zu reden, müssten wir uns mehr Zeit nehmen. Aber ich bin in Eile. Das Parthenon der verbotenen Bücher ist vielleicht nicht nur deshalb ein Fragment, weil noch nicht alle Säulen mit Büchern gefüllt sind und Sie die Besucher dazu bewegen wollen, an dem Werk dadurch zu partizipieren, dass sie weitere verbotene Titel nach Kassel bringen, sondern wohl auch deshalb, weil Sie womöglich davon ausgehen, dass die Geschichte der verbotenen Bücher niemals endet und die Welt niemals die beste aller möglichen sein wird.  

Sie haben Recht, das Parthenon ist noch unfertig, aber es wird am Ende der documenta vollendet sein. Übrigens handelt ein Buch von Guantanamo, von dem einige Seiten verboten waren. Ich finde es interessant, herauszufinden, warum dieses Buch erst verboten, dann wieder publiziert und schließlich abermals verboten wurde. Wie viele Wörter wurden dort warum gestohlen oder herausgestrichen?  

Künstler sind langweilig, aber gleichzeitig vermag Kunst die Welt zu retten.

Sie sind ein Optimist. Ich dachte, Sie wollten auch darauf verweisen, dass die Zeit der verbotenen Bücher niemals endet.  

So ist es. Stets wird es jemanden geben, der etwas verbietet.  

Warum wollten Sie dieses Parthenon in Deutschland aufbauen?  

Weil Europa derzeit brennt. Mein Denkmal soll den Menschen vor Augen führen, wie wichtig das Engagement für Frieden ist. Weltweit gibt es weiterhin Zensur. Was ich an der Erscheinung des Parthenons ebenfalls mag, ist, dass es wie ein vielfarbiges Bild aus Büchern wirkt, wobei man diese für sich nehmen kann. Sie werden nicht nur gezeigt, weil sie verboten sind oder verboten waren, sondern weil sie auch für sich stehen. Als wunderschöne Gegenstände an sich, die Neugierde auf ihren Inhalt, also auf das wecken, was in ihnen zu lesen steht. Damit sie sich erschließen, bedarf es der Geduld des Lesers und eines tieferen Verständnisses. Bücher sind nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Kultur, sondern auch deren Vermittler. Sich ihrer durch Lesen zu vergewissern, ist sehr wichtig, insofern man dadurch in Erfahrung bringen kann, was in der Welt vor sich geht. Zudem ist Lesen eine Bereicherung und hilft bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit sowie dabei, für sich selbst einzustehen.  

In Athen haben Sie die Performance und für Kassel das Parthenon gemacht.  

Ja, und zwar deshalb, weil ich in Athen etwas machen wollte, was mit Griechenland zu tun hat, und in Kassel etwas sehr Deutsches.  

Übersetzt aus dem Englischen von Christina Rotaru.

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Marta Minujín

* 1943, Argentinien

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