Band 246, 2017, documenta 14 in Athen, S. 234

Von Kassel nach Athen, und wieder zurück

Ein Gespräch mit Annette Kulenkampff, Geschäftsführerin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH

von Heinz-Norbert Jocks

Annette Kulenkampff, 1957 in Hannover geboren, heute Geschäftsführerin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, arbeitete nach dem Abitur zunächst als Stewardess. Danach studierte sie Kunstgeschichte, Germanistik und Archäologie in Frankfurt am Main. Von 1981 bis 1989 war sie dort Teilhaberin der Galerie für realistische Kunst Gering-Kulenkampff. Danach bis 1995 Leiterin der von ihr aufgebauten Publikations-Abteilung der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD. Danach wechselte sie als Assistentin der Geschäftsführung zu den beiden Kunstverlagen Gerd Hatje und Cantz in Ostfildern. 1997 wurde sie Geschäftsführerin der Verlagsgemeinschaft, die sich 1999 zum Hatje Cantz Verlag zusammenschloss. Im April 2013 wurde sie als Nachfolgerin von Bernd Leifeld zur Geschäftsführerin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH ernannt. Dort arbeitet sie seit dem April 2014.  

Heinz-Norbert Jocks: Wie und was hat sich an der documenta seit 1955 verändert?  

Annette Kulenkampff: Die documenta hat sich seit ihren Anfängen fortwährend verändert, weil sich auch die Kunst beständig wandelt. Der Weg führt von der ersten Ausgabe von Arnold Bode, bei der es um Skulpturen, Bilder und Graphiken ging, über die Ausgaben der documenta, die neben Video auch Fotografie, Design und Architektur miteinbezogen, bis hin zu der konzeptuellen documenta 10 von Catherine David, die mehr den Entstehungsprozess als das eigentliche Kunstwerk in den Vordergrund rückte. Nehmen Sie nur den Atlas von Gerhard Richter: Dieses Archiv gewährte einen Einblick in Zusammenhänge und verdeutlichte, wo seine Inspirationen zu den großen Bildern herkommen. Die Veränderung der documenta besteht auch darin, dass die Installationen größer und die Performances zahlreicher wurden. Die bildende Kunst hat sich zudem für andere Bereiche geöffnet. Die documenta 14 verdeutlicht, dass Performance, Theater und Musik zu einem Teil der Kunst geworden sind. Kunst ist heute ephemerer als zur Zeit der ersten, von Arnold Bode aus der Taufe gehobenen documenta. So steht die Skulptur „Die Kniende“ von Wilhelm Lehmbruck immer noch im Museum. Hingegen wird die speziell für die documenta 14 realisierte Installation „The Parthenon of Books“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín nur temporär in Kassel auf dem Friedrichsplatz zu sehen sein und dann wieder verschwinden.  

Apropos Örtlichkeiten: Hat sich durch die Örtlichkeiten keine Routine in deren Wahrnehmung eingeschlichen?  

Das ist schon deshalb nicht der Fall, weil jede künstlerische Leitung neue Orte erschlossen hat. Das Fridericianum ist das einzige Gebäude, das der documenta immer zur Verfügung steht.
Alle anderen Orte werden von documenta zu documenta neu ausgesucht und entdeckt. Für Catherine David war es der Kulturbahnhof, für Okwui Enwezor die inzwischen abgerissene Binding Brauerei an der Fulda und für Roger M. Buergel die Stadt Kassel als Ganzes. Carolyn Christov-Bakargiev bespielte die Stadt vom Weinberg bis hin zur Aue, und jetzt sind wir mit Adam Szymczyk in Athen angekommen. In Kassel reicht das räumliche Spektrum diesmal vom Süden bis zum Norden. Der Parcour verläuft von der Kunsthochschule über den Friedrichsplatz, der alle Orte miteinander verknüpft, bis hin zu einem ehemaligen Postgebäude in der Unteren Königsstraße. Auch dadurch wird auf die Parallele zwischen dem Süden und dem Norden angespielt und eine Brücke zwischen Kassel und Athen geschlagen. In Athen werden etwa das Museum für zeitgenössische Kunst, das Athener Konservatorium, das Benaki Museum und das Städtische Kunstzentrum im sogenannten Freiheitspark als Ausstellungsorte genutzt.
 

Bemüht um eine Bestandsaufnahme, rief Arnold Bode die documenta ins Leben, weil er dem vom Dritten Reich angerichteten Tabula Rasa etwas entgegensetzen, an die von den Nazis verbotene Kunst anknüpfen, diese wieder sichtbar machen und gleichzeitig dem Zeitgenössischen einen Ort geben wollte.  

Ja, es war Arnold Bodes dringlicher Wunsch, die entartete, verschwundene Kunst nach dem Krieg nach Deutschland zurückzuholen. Insofern war die erste documenta mehr eine historische als eine zeitgenössische Ausstellung. Für Arnold Bode war das was er auf der ersten documenta präsentierte Weltkunst. Zu jenem Zeitpunkt war damit nicht die Kunst aus aller Welt gemeint. Vielmehr warf er einen Blick auf 5000 Jahre Kulturgeschichte, um vor Augen zu führen, worauf die Moderne fußt. Das Zurückbringen der von den Nazis verfemten Kunst war ein wichtiger Schritt für die nachfolgende Entwicklung der Kunst in Deutschland. Mich überrascht dabei, dass dies erst zehn Jahre nach dem Krieg passierte. Für die 130.000 Besucher damals, war die documenta ein einschneidendes Erlebnis im Hinblick darauf, was Kunst sein kann. Das war bis dahin unvorstellbar und für die Betrachter kein einfacher Schritt, sich dies alles nicht nur anzuschauen, sondern auch zu akzeptieren. Mit den darauffolgenden Ausgaben der documenta rückte Bode die abstrakte Kunst als Weltkunstsprache ins Zentrum. Diese Vorstellung, von der Bode und Werner Haftmann ausgingen, ließ sich so nicht aufrechterhalten. Mit dem Leitspruch der documenta 4 „Was Künstler machen, ist Kunst.“ wurde das Feld erweitert, und Harald Szeemann gelang mit seiner documenta 5 schließlich die endgültige Öffnung. Er holte nicht nur den Realismus, insbesondere den Fotorealismus von Künstlern wie Chuck Close und Richard Estes nach Kassel. Vielmehr erklärte er alles zur Kunst – sogar Gartenzwerge.  

Es war Arnold Bodes dringlicher Wunsch, die entartete, verschwundene Kunst nach dem Krieg nach Deutschland zurückzuholen.


Durch diese documenta, inzwischen als eines der wichtigsten Kunstereignisse des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen, kam vieles in Bewegung. Szeemann, für frischen Wind sorgend, bescherte der documenta eine andere Aufmerksamkeit. Man kann die Entwicklung der documenta als die Geschichte einer ständigen Ausweitung der Kunst lesen. Die documenta wurde so auch zum Seismograph für das politische und soziale Zeitgeschehen. Der Schwerpunkt der documenta 4, die 1968 zum letzten Mal unter Bodes Leitung eröffnet wurde, lag mehr auf den Werken der Arrivierten der jüngsten Kunst-Avantgarde als auf dem Schaffen der Meister der mittleren und älteren Generation. Sie blieb nicht unberührt vom Geist der Studentenrevolte. Harald Szeemann machte die Realität zur Kunst und Manfred Schneckenburger und Rudi Fuchs dehnten den Begriff der Kunst in andere Fachbereiche wie Design und Architektur aus. Jan Hoet ging 1992 noch einen Schritt weiter, indem er sogar einen Boxkampf und Konzerte präsentierte. Catherine David wendete sich hingegen unter dem Titel „Politics / Poetics“ stärker der Theorie und dem künstlerischen Prozess zu. Außerdem entwickelte sie das Programm „100 Tage / 100 Gäste“, zu dem sie an den traditionell hundert Tagen der documenta hundert Gäste aus aller Welt einlud, und zwar nicht nur Künstler, sondern auch Ökologen, Dichter, Ökonomen und Wissenschaftler. Diese abendlichen Gespräche in der documenta Halle waren für sie ein wichtiger Teil des künstlerischen Konzeptes.  

Harald Szeemann machte die Realität zur Kunst und Manfred Schneckenburger und Rudi Fuchs dehnten den Begriff der Kunst in andere Fachbereiche wie Design und Architektur aus. Jan Hoet ging 1992 noch einen Schritt weiter, indem er sogar einen Boxkampf und Konzerte präsentierte.


Auf diese Weise überwand sie im Rahmen der documenta erstmals die Enge des eurozentristischen Blicks.
 

Ja, damit machte sie den Anfang. Zum 60igsten Jubiläum vor zwei Jahren organisierten wir ein Symposium, zu dem wir die ehemaligen Leiter der documenta einluden. Bezogen auf die inzwischen abgeebbte Aufregung, die dadurch ausgelöst wurde, dass Adam Szymczyk die jetzige documenta gleichberechtigt in Kassel und Athen stattfinden lässt, berichtete Catherine David dem überraschten Publikum, dass sie die documenta schon 1997 nach Saudi-Arabien bringen wollte. Dagegen hat man sich damals in Kassel vehement gewehrt. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Für Okwui Enwezor war Kassel die letzte von fünf Plattformen auf vier Kontinenten. Die erste fand in Wien unter dem Titel „Demokratie als unvollendeter Prozess“ statt. Die zweite in Neu-Delhi im Hinblick auf das „Experiment mit der Wahrheit: Rechtssysteme im Wandel und die Prozesse der Wahrheitsfindung und Versöhnung“. Eine weitere zur „Créolité und Kreolisierung“ in St. Lucia und noch eine in Lagos zum Thema „Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte. Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos“. Roger M. Buergel konzentrierte sich fünf Jahre später vor allem auf die Stadt Kassel und deren Bürger. Dass Carolyn Christov-Bakargiev nach ihm die documenta nicht nur in Kassel, sondern auch in Kabul ausrichtete, wurde nicht so wahrgenommen wie die jetzige Ausdehnung nach Athen. Kabul war Kriegsgebiet und es trauten sich kaum auswärtige Besucher nach Afghanistan, dennoch war die dortige Ausstellung in den königlichen Gärten mit rund 25000 Gästen durchaus ein Erfolg. Adam Szymczyk hingegen erklärt Athen zu einem gleichberechtigten Standort. Das hat noch mal eine ganz andere Dimension. Nicht nur weil man Athen problemlos bereisen kann sondern auch weil wir tatsächlich in Athen und Kassel eine gemeinsame Ausstellung ausrichten, die über 163 Tage an beiden Standorten läuft.  

Christov-Bakargiev begründete Ihre Entscheidung für Kabul mit der Biographie Ihrer Mutter, die eine Zeitlang dort gelebt hatte. Für die Kuratorin war Kabul auch ein Statement.  

Ja, ihr Thema war das Verhältnis von Zerstörung und Wiederaufbau, und sie sah Parallelen zwischen dem, was sich in Kabul zutrug, und dem, was hier im Fridericianum während des zweiten Weltkriegs passiert ist. Es ging ihr darum, das Phänomen des Zerstörens, an dem Ort zu thematisieren, der gerade zerstört wurde. Aus meiner Sicht ist die Ausdehnung nach Athen in der Reihe der documenta Ausstellungen eine logische Konsequenz. Das bedeutet keineswegs, dass es immer so weitergehen muss. Bei der documenta 15 kann wieder alles ganz anders sein, weil jede documenta sich von der vorangegangenen unterscheidet und jedes Mal neu erfindet. Sie muss sich immer wieder völlig neuen Anforderungen und Herausforderungen stellen, und in Athen waren diese für alle Beteiligten gewaltig im künstlerischen Team und im Management. Die Ausdehnung hat auch mit der Globalisierung und damit zu tun, dass die Künstler und die künstlerischen Leiter nicht nur einzelne Länder, sondern die ganze Welt im Blick haben. Von daher spiegelt die Einbeziehung von Athen eine gesellschaftliche Entwicklung wider.  

Für Okwui Enwezor war Kassel die letzte von fünf Plattformen auf vier Kontinenten.


Nun traf Szymczyk, wenn ich mich nicht täusche, die Entscheidung zu einem Zeitpunkt, da Griechenland wegen der Krise bereits im Dauerfokus der Medien stand.
 

Nein, so war es nicht. Im Gegenteil, das Erstaunliche an seinem Konzept ist, ist, dass er es noch vor der großen Finanzkrise entwarf. Erst nach seiner Wahl zum Künstlerischen Leiter der documenta 14 brach die Finanzkrise richtig aus, folgten die schreckliche Tragödie in Syrien und die Flüchtlingsdramen.  

Was sind die Gründe, die Szymczyk dazu bewogen, die documenta nach Athen zu bringen?  

Er erkannte bei seiner Entscheidung für diese Stadt die Dringlich- oder Notwendigkeit, so wie es Bode 1955 in der Ruinenstadt Kassel empfand. Er hält das, was dort derzeit passiert, für extrem relevant. Davon überzeugt, dass die Kunst in dieser aktuellen Situation den Menschen in Athen etwas geben kann, möchte er dort einen anderen Blick auf die Welt werfen. Ein weiterer Grund für Athen hat mit der Rolle der documenta zu tun. In Kassel ist sie Gastgeber. Diese Rolle ist kommod, weil man zu Hause ist und sich auskennt. Von dem Moment an, da die documenta in einem anderen Land als Gast willkommen geheißen werden möchte, braucht sie einen Gastgeber. Dieser muss offen sein für das, was documenta ausmacht. Eingeladen zu werden, einen Gastgeber zu finden, war für eine deutsche Institution unter den derzeitigen politischen Bedingungen nicht so einfach. Nicht nur, weil Herr Schäuble als Finanzminister bei den Griechen in der Kritik steht. Hinzu kommt, dass das Lebensmodell des Südens, wie das in Griechenland, ein vollkommen anderes ist als das des Nordens für das Deutschland steht. Zwischen diesen beiden Polen, hier Kassel und dort Athen, in welche die Welt aufgeteilt ist, herrscht eine Ungleichheit. Ein weiteres Thema bezieht sich auf die Genesis unserer Kultur, die sich zu einem Großteil dem klassischen Griechenland verdankt. Um sich das vor Augen zu führen, brauchen Sie sich nur in Kassel umzuschauen. Der Einfluss des klassischen Griechenland reicht von Herkules bis zum Fridericianum.  

Im Gegenteil, das Erstaunliche an seinem Konzept ist, dass er es noch vor der großen Finanzkrise entwarf. Erst nach seiner Wahl zum Künstlerischen Leiter der documenta 14 brach die Finanzkrise richtig aus, folgten die schreckliche Tragödie in Syrien und die Flüchtlingsdramen.


Nun ist Athen noch nicht so drastisch wie andere Metropolen dem Kunstmarkt unterworfen. Eine sowohl negative als auch positive Folge könnte sein, dass der Kunstmarkt seine Kampfzone ausdehnt und alles dem Tauschwertzwang unterwirft. Dies mag ein Gewinn für die Künstler sein, denen der Eintritt in die Zirkulation ihrer Kunstwerke als Waren gewährt wird. Der Mehrheit, die dabei durch das Sieb fällt, wird dies zum Nachteil gereichen.
 

Die Lage in Athen und Griechenland ist extrem und existentiell schwierig. Es gibt eine aktive Kunstszene, die von den Galerien nicht widergespiegelt wird und sehr reiche Griechen, die sich zwar für zeitgenössische, nicht aber unbedingt für die griechische Kunst interessieren. Diese speziellen Verhältnisse werden sich meines Erachtens mit der documenta nicht gravierend verändern. Auf jeden Fall nicht so, dass für die Kunstszene alles viel besser wird. Die documenta bietet die Möglichkeit, die aktuellen Ereignisse in der Welt durch den Blick der Künstler im weitesten Sinne und auf unterschiedlichste Weise zu sehen. Gezeigt wird keine Kunstmarktkunst, sondern eine, die zur Auseinandersetzung aufruft. Darauf muss sich der Besucher einlassen. Und dass dies mit etwas so Erfolgreichem und Publikumswirksamen wie der documenta verbunden ist, dürfte eine neue Erfahrung für die Griechen sein. Natürlich gibt es das dort bereits, aber nicht in gleicher Weise. Das auf der documenta Präsentierte war stets schwer vermittelbar. Dennoch zog sogar die schwierige documenta von Catherine David ein breites Publikum an. Das ist alles andere als normal. Damit rechnen wir in Athen nicht, weil den Athenern die spezifische documenta Erfahrung fehlt, die sich in Kassel in den vergangenen sechzig Jahren entwickelt hat. Der eine oder andere Athener mag die documenta vom Hörensagen kennen. Zu Beginn wurde die documenta auch von den Kasselern eher angefeindet als geliebt. Vor den Werken von Christo und Walter de Maria stand man ratlos, sich fragend: Was soll das? Erst nach längeren Kämpfen und nachdem die documenta auch wirtschaftlich erfolgreich war, änderte sich die Stimmung. Und jetzt, da sie nicht nur in Kassel bleibt, sondern auch nach Athen geht, hat man Angst, man könnte etwas Liebgewonnenes verlieren.  

Dass Athen einer von zwei Austragungsorten der documenta ist, heißt nicht, dass mehr griechische Künstler als sonst diesmal dabei sind.  

Nicht mehr als früher, wobei die Anzahl griechischer Künstler stets vergleichsweise hoch war. Anlässlich eines Empfangs in Athen beim deutschen Botschafter am 3. Oktober letzten Jahres, also zum Tag der Wiedervereinigung, wurde auf einer Häuserwand eine Lichtinstallation projiziert. In Form eines Laufbandes erschienen die Namen sämtlicher griechischer Künstler, die irgendwann einmal an der documenta teilgenommen haben. Insofern die documenta nie eine regionale Ausstellung war, gibt es auch jetzt nicht mehr griechische Künstler als früher.  

Wie verliefen die Gespräche mit der Stadt Athen?  

Bertram Hilgen, der Oberbürgermeister von Kassel hat bereits im Frühjahr 2014 Giorgos Kaminis, den Bürgermeister von Athen offiziell eingeladen, Gastgeber der documenta 14 in Athen zu werden. Von Anfang an stießen wir auf eine unglaubliche Offenheit gegenüber unserem Vorhaben, ohne dass der Gastgeber erahnen konnte, was ihn erwartet. Erst im Werden hat sich die documenta so, wie sie sich jetzt darbietet, herauskristallisiert. Es handelt sich nicht um eine die Welt verschönernde Kunst, sondern um eine Kunst, die Fragen aufwirft. Das ist auch für die Stadt Athen ein gewisser Lernprozess. Aber sie sind begeistert dabei und helfen uns, wo immer möglich. Die Stadt Athen ist ein grosszügiger Gastgeber.  

Wie schützt sich die documenta vor dem Vorwurf der Einmischung in die Belange eines anderen Landes?  

Sobald etwas zur Diskussion gestellt wird, sind Missverständnisse unvermeidbar. Keiner von denen, die am Inhalt gearbeitet haben, tut so, als wüsste er, wo es langgeht. Die documenta legt etwas Allgemeines offen, aber nichts, was speziell nur Athen betrifft. Künstler wie Lois Weinberger lassen keine schönen Blumen blühen. Vielmehr stellen sie Kategorien wie „Unkraut“ und „Blumen“ infrage. Wer trifft diese Unterscheidungen und nach welchen Kriterien? Sie fragen, warum etwas so und nicht anders ist.  

Wird Athen in Werken thematisiert?  

Die Künstler haben sowohl Kassel als auch Athen besucht. Die Künstler haben in beiden Städten Zeit zugebracht und Projekte vorgeschlagen, die ihrer Erfahrung an beiden Orten entspringen. Übrigens wurde die Geschichte der Stadt Kassel in der Vergangenheit von documenta Künstlern häufig thematisiert.  

Die Liste der Künstler ist in beiden Städten fast identisch. Aber sie zeigen dort nicht die gleichen Werke.  

Was aber nicht heißt, dass diese auf den jeweiligen Ort bezogen sind. Es sind auch viele historische und solche Arbeiten dabei, die eine Brücke zwischen beiden Orten schlagen, sowie Performances, Film- und Videoarbeiten, die sowohl hier wie dort aufgeführt werden.  

Was bringt es der documenta, dass sie nicht mehr nur in Kassel verankert ist, sondern nun auch in Athen?  

Dadurch, dass sich die documenta an einen anderen Ort begibt, gibt sie eine gewisse Sicherheit ab. Der Blick richtet sich mehr darauf, was sie tut. Indem sie sich selbst hinterfragt, stellt sie sich anderen Fragen. Solange sie an nur einem Ort wie Kassel verharrt, sind diese weniger existentiell, als wenn sie von Athen aus gestellt werden. Das bringt die documenta als Institution weiter. Man kann sich kaum vorstellen, dass man wieder zurückgeht und diesen Zugewinn zurücknimmt. Doch muss dieser Schritt aus Kassel hinaus keine Konsequenz im örtlichen Sinne für die nächste documenta haben. Vielleicht findet sie das nächste Mal nur im Fridericianum statt, um es einmal etwas überspitzt zu formulieren. In jeden Fall gilt: wer teilt bekommt doppelt zurück.  

Welche Folgen ergaben sich daraus, dass Sie bei den Vorbereitungen der documenta in Athen nicht auf die in Kassel über Jahrzehnte aufgebauten Strukturen zurückgreifen konnten?  

Es führte zu einer von Adam Szymczyk wohl mitintendierten Verunsicherung der Institution und machte deutlich, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass alles wie gehabt weitergeht. Dabei war es auch zuvor nicht so, dass sich die Prozesse glichen. Es ist immer alles neu. Aber mit der Verlegung der documenta nach Athen hat Adam Szymczyk diese Herausforderung noch einmal getoppt. Dadurch wurde nicht nur die Institution hinterfragt, wir mussten auch ganz praktische Probleme lösen. Zum Beispiel kann man in Deutschland ohne weiteres Geld abheben. In Athen gibt es „Capital Control“. Das bedeutet, dass man innerhalb einer Woche nicht mehr als 420 Euro Bargeld vom Konto abheben kann. Mit einer so kleinen Summe machen Sie keine documenta. Zur Regelung alltäglicher Dinge muss man andere Wege und Lösungen finden. Das ist uns gelungen.  

Wird die Bedeutung des Standorts der documenta, die diese für Kassel hat, von Athen aus nicht relativiert?  

Für eine mittelgroße Stadt wie Kassel ist die documenta extrem wichtig. Die Kasseler erwarten das Überraschende, lassen sich darauf ein und fühlen sich mit der documenta eng verbunden. Das ist in Athen anders. Das System documenta, das beinhaltet, dass Themen von Künstlern aufgegriffen werden, und der Ruf, den sie in Kassel genießt, funktioniert in Athen zwar auch. Und ebenso ist die Neugierde dort groß. Doch für die Athener wäre das Scheitern der Ausstellung ein kleineres Problem als für die Kasseler. Für sie wäre das ein Desaster.  

Wir sprachen darüber, dass die Künstlerliste in beiden Städten fast identisch, die Werke, die hier oder dort zu sehen sind, aber größtenteils andere sind. Soll das signalisieren, dass sich für jemanden, der nach Kassel geht, auch die Reise nach Athen lohnt?  

Wenn man Adam Szymczyk fragt, ob man die documenta in beiden Städten gesehen haben sollte, um es als Ganzes zu begreifen, bejaht er dies mit dem Hinweis, dass, wenn man nur einen Teil kennt, nur eine Perspektive erfasst, weil man alles nur mit einem Auge wahrnimmt. Mit zwei Augen sähe man alles schärfer. Außerdem ist nichts redundant, und ein künstlerisches Werk weist mehr als nur einen Aspekt auf. Wenn man zum Beispiel die Arbeiten von Hans Haacke hier wie dort sieht, hat man zwei sehr verschiedene, auf den jeweiligen Ort reagierende Arbeiten vor sich. Wer beide Städte aufsucht, bekommt also einen tieferen Einblick als derjenige, der es bei dem Besuch nur einer Stadt belässt. Das Hier-wie-Dort-Sein erhöht die Intensität der Erfahrung. Unterstreichen möchte ich an dieser Stelle, dass die documenta 14 in Kassel und Athen eine Ausstellung an zwei Orten ist.  

Dass diese sowohl hier wie dort stattfindet, hat etwas von der Behauptung, dass die documenta sich an verschiedenen Orten Geltung verschaffen kann.  

Aber nicht derart, dass sie mit einem kolonialistischen Anspruch antritt. Die documenta hat ihre Geschichte dadurch geschrieben, dass sie erst all vier Jahre stattgefunden hat, dann alle fünf. Dabei erreicht sie hier deutlich mehr Besucher, als sie Einwohner hat. Das Besondere ist, dass das Publikum eben nicht nur aus Kunstinteressierten besteht, die sich ohnehin mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzen. Die documenta ist für alle da, gleich welcher Generation und aus welchem Land auch immer. Und es kommen auch alle. Spräche sie nur die Kunstwelt an, würden wir nicht fast eine Millionen Besucher zählen. Diese Breite des Publikums ist einmalig auf der Welt. Der gerade in unseren Zeiten bedeutende Kern der documenta ist, dass man der künstlerischen Leitung und den Künstlern die absolute Freiheit lässt, sichert und garantiert. Wir legen allergrößten Wert darauf, dass dieses Prinzip der Kunstfreiheit eingehalten und nicht beschnitten wird. Die einzige Determinante ist der Finanzrahmen. In den 60 Jahren ihres Bestehens hat die documenta immer wieder einen Paradigmenwechsel vollzogen. Deshalb ist der zeitliche Abstand von 5 Jahren auch notwendig. Denn in einem solchen Zeitfenster entwickelt sich innerhalb der Kunst tatsächlich etwas Neues. Dadurch hat sie sich ihre Einzelstellung bewahrt und zeigt, was Künstler der Gesellschaft vermitteln können.  

Wenn man Adam Szymczyk fragt, ob man die documenta in beiden Städten gesehen haben sollte, um es als Ganzes zu begreifen, bejaht er dies mit dem Hinweis, dass, wenn man nur einen Teil kennt, nur eine Perspektive erfasst, weil man alles nur mit einem Auge wahrnimmt.


Worin unterscheidet sich die documenta von der Biennale in Venedig. Die Geschichte der Biennale setzt 1984 ein. Und sie war von Anfang an darauf aus, Kunst aus aller Welt, zumindest was man damals dafürhielt, zu zeigen, während die documenta am Anfang vor allem sich auf die verfemte Kunst besann. Auch die Globalisierung hielt in Venedig schneller Einzug. Die documenta wirkte verglichen damit lange Zeit rückständig. Auch die Pop-art war erst in Venedig und mit einer zeitlichen Verzögerung auf der documenta zu sehen.
 

Die Konzepte beider Institutionen unterscheiden sich gravierend. Viele Biennalen orientieren sich stark am Markt. So war die Biennale in Venedig zu Beginn eine Verkaufsausstellung, die documenta hingegen war das nie. Diese wiederum verstand sich im Gegensatz zur Biennale als eine kuratierte Weltausstellung und die abstrakte Kunst als eine alle Menschen miteinander verbindende Weltsprache.  

Hatte der Fokus auf Athen eigentlich Einfluss auf das Konzept?  

Ja, der bewusst als Arbeitstitel verstandene Titel „Von Athen lernen“ weist bereits darauf hin. Danach befragt, was damit gemeint sei, gab Adam Szymczyk zur Antwort, wenn er das wüsste, bräuchte er es erst gar nicht mit der Arbeit an der documenta an zwei Orten zu beginnen. Der eine Ort hat den anderen befruchtet. Meines Erachtens nach hat die documenta 14 in Athen ihre Form angenommen..  

Im Gegensatz zu Kassel ist Athen eine internationale Metropole. Als Ai Weiwei zur documenta von Buergel 1000 Chinesen einlud, wollte der dann zum internationalen Star Avancierte Kassel mit Chinesen überfluten, die Stadt mit dem Fremden konfrontieren. Insofern Athen auch vom Tourismus lebt, werden Touristen vermutlich die documenta als eine wenn auch nur temporäre Sehenswürdigkeit sehen wollen. Von daher scheint mir die Angst vor einem Misserfolg der documenta unbegründet zu sein.  

Deren Erfolg lässt sich nicht an Besucherzahlen messen. Als gelungen betrachten wir die documenta, wenn sich das Konzept des künstlerischen Leiters oder der Leiterin mit den Künstlern umsetzen lässt. Wenn dann ein paar weniger Besucher kommen, ist die documenta gleichwohl ein Erfolg.  

Wenn Sie davon ausgehen, dass Athen eine Stadt ist, in der es noch nicht zur Tagesordnung gehört, zeitgenössische Kunst zu sehen, so müssen doch über das Zeigen hinaus noch Wege der Rezeption geebnet werden.  

Nun kann man weiß Gott nicht behaupten, in Athen gäbe es keine zeitgenössische Kunst. Denn es passiert dort viel Großartiges. Aber nicht in dem Ausmaß, wie die documenta es zeigt. Die Öffentlichen Programme laufen bereits seit September 2016. Darüber hinaus gibt es die Vermittlung und das Publikationsprogramm.  

Was begeistert Sie am Austausch mit Athen am stärksten?  

Der Dialog mit den Menschen, diese so kostbaren Begegnungen. Wir erlebten, was dies für das Verständnis zwischen den Menschen ausmacht. Da ist die Kooperation der Universitäten, und auch die Kunsthochschulen in Athen und Kassel tauschen sich aus. Durch dieses Miteinander, dieses sich in die Augen schauen, wird bei Seite geschoben, was die Politik anrichtet. Nicht nur Deutsche und Griechen kommunizieren und arbeiten miteinander, sondern auch mit den Künstlern aus aller Welt. Dass die documenta von Menschen so vieler Kontinente mitgetragen wird, verbindet die beiden europäischen Länder miteinander und mit der Welt. Alleine dafür hat sich jede Anstrengung gelohnt.  

Dass die documenta von Menschen so vieler Kontinente mitgetragen wird, verbindet die beiden europäischen Länder miteinander und mit der Welt.

JAHR LEITER KÜNSTLER EXPONATE BESUCHER
1955 , 148 670 130.000
1959 Arnold Bode, Werner Haftmann 338 1770 134.000
1964 Arnold Bode, Werner Haftmann 361 1450 200.000
1968 24-köpfiger documenta-Rat 151 1000 220.000
1972 218 820 228.621
1977 622 2700 343.410
1982 182 1000 378.691
1987 405 600 474.417
1992 189 1000 603.456
1997 120 700 628.776
2002 118 450 650.924
2007 114 über 500 754.301
2012 187 860.000
2017
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Documenta
 

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Annette Kulenkampff

* 1957 , Hannover, Deutschland

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Adam Szymczyk

* 1970, Trybunalski, Polen

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Weitere Personen
Arnold Bode

* 1900, Kassel, Deutschland; † 1977 in Kassel, Deutschland

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Carolyn Christov-Bakargiev

* 1957, New Jersey, Verein. Staaten

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Catherine David

* 1954, Paris, Frankreich

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Okwui Enwezor

* 1963, Kalaba, Nigeria

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Harald Szeemann

* 1933, Bern, Schweiz; † 2005 in Tegna, Schweiz

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Biennalen
documenta

D – Kassel

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