Band 246, 2017, Titel: Public Image, S. 74

Ein fliehendes Bild

Erzählungen von Wanderung, Angst, Grenze und die Irrealisierung des Weltbezugs

von Mark Terkessidis

Am Telefon ist die Redaktion Anne Will. Es geht um meine Teilnahme an einer Sendung mit dem Titel „Bürger verunsichert – Wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern?“. „Sie hatten doch diesen Artikel im Tagesspiegel geschrieben, über die Zustände in Ihrem Kiez in Kreuzberg, den fanden wir interessant.“ Das Interesse kommt alles andere als unerwartet: Kurz nachdem der Artikel erschienen war, hagelte es Anrufe der gleichen Art – Markus Lanz, Maischberger, Hart aber Fair. Tatsächlich ging es in dem Artikel aber um eine sehr spezifische Gemengelage an meinem Wohnort in Berlin-Kreuzberg, auf die ich noch kommen werde. Die konnte ich öffentlich thematisieren, weil sie in die Chiffre „Köln“ passte. In der Silvesternacht 2015/16 war „Köln“ bekanntlich zu einem Kennwort geworden für eine angeblich aus dem Ruder geratene und zudem sexualisierte Gewaltkriminalität. Letztlich ist bis heute unklar, was in dieser Nacht genau geschehen ist. Immer noch stehen 1.222 Anzeigen 21 Ermittlungsverfahren gegenüber, und selbst einer Bund-Ländergruppe ist es nicht gelungen, exakte Informationen über die Täter und ihren Organisationsgrad vorzulegen. Dennoch wurden die Ereignisse schnell in ein Raster eingeordnet: „Fremde“ oder „arabische“ Männer verübten Übergriffe auf „weiße“ oder „deutsche“ Frauen.  

Diese Trennung zeigte ein Titelbild von Focus, auf dem eine nackte Frau mit Abdrücken schwarzer Hände auf ihrem Körper zu sehen ist. Ähnliche Titelbilder gab es bei der liberalen Süddeutschen Zeitung (schwarze Hand im Schritt einer Frau) und sogar beim linken Wiener Stadtmagazin Falter (halbnackte, blonde Frauen umringt von gefährlich dreinblickenden Männermassen mit schwarzem Haar). Das Motiv ist alt. Die Angst vor dem bedrohlichen „schwarzen“, „orientalischen“ oder „südländischen“ Täter, ausgestattet sowohl mit patriarchaler Frauenverachtung als auch mit ungezügeltem sexuellen Appetit, der es auf „unsere Frauen“ abgesehen hat, war seit der europäischen Expansion in der Neuzeit ein wiederkehrender Topos im rassistischen Wissens. Historisch gesehen, erscheinen die erwähnten Titel gar nicht als Bilder im eigentlichen Sinne, sondern nur als Illustrationen eines bereits vorhandenen Narrativs – das Geschehene wird in einen „Rahmen“ nur eingepasst, wie George Lakoff sagen würde. „Kriminelle Zuwanderer“ lässt dann alle möglichen Formen der psychischen, polizeilichen und politischen „Besetzung“ zu.  

Konservative Männer und solche, die sich als fortschrittlich verstehen, sprachen unisono patriarchal von der Notwendigkeit, „unschuldige Frauen vor Gewalt schützen“ (Boris Palmer). Die Polizei im Rheinland definierte eine Tätergruppe namens „Nafris“. Zu dieser Gruppe wurden alle „Nordafrikaner“ gezählt, auch gesetzestreue Bürger: Personen etwa, die in den 1960er Jahren gemäß Anwerbeabkommen als „Gastarbeiter“ aus Marokko eingewandert waren bzw. deren Nachkommen. In Düsseldorf fanden Razzien in einem von den Medien durchweg als „Maghreb-Viertel“ bezeichneten Ort nahe dem Hauptbahnhof statt, von dem zuvor nie jemand gehört hatte, der aber nun wie in einem Guerrilla-Krieg als „Rückzugsort vor allem von kriminellen Gruppen aus Nordafrika“ (Spiegel Online) galt. Am Sylvesterabend 2016/17 schließlich wurden zu der potentiellen Tätergruppe „Nafris“ einfach alle Personen gezählt, die nach dem Eindruck der Polizei aussahen wie „Nafris“. Sie wurden nicht nur vom Domvorplatz ferngehalten, sondern sogar in einem Kessel festgesetzt. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass von den 674 Personen, deren Identität festgestellt wurde, nur 30 sich als Marokkaner und Algerier entpuppten – wobei es auch noch kein Verbrechen ist, aus Marokko oder Algerien zu stammen. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin allerdings bedankte sich bei der Polizei und betonte, wie „wütend“ es sie mache, dass die Rede auf Rassismus gekommen war.  

Die Maßnahmen auf Bundesebene, die auf „Köln“ folgten, bezogen sich auf verbesserte Möglichkeiten der Abschiebung, womit das Problem solcher Formen von Kriminalität offenbar symbolisch außer Landes geschafft werden sollte – es gehört nicht zu „uns“. Zugleich kam eine Debatte über die Wiederbelebung der Schengengrenzen in Gang, die nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin noch einmal befeuert wurde. Zwei nationale Grenzen, habe Anis Amri überquert, bevor er gefasst wurde, war nahezu in jedem Beitrag zu lesen oder zu hören, obwohl diese Grenzüberschreitungen im Rahmen von Schengen-Staaten eine Selbstverständlichkeit darstellen. Aus dem Narrativ der Trennung zwischen „uns“ und „ihnen“ leitet sich eben auch eine neue Bedeutung der nationalen Grenze ab: Die Nation hat angeblich einen Innenraum, in dem sexualisierte Gewalt nicht vorkommt, und die Grenze schützt diesen Innenraum vor gewalttätigen Eindringlingen. Gegen diese Narrative organisierte sich vielfältiger Protest in den sozialen Medien, dennoch gaben und geben sie in der Öffentlichkeit einen Rahmen der Interpretation vor, in dem Alternativen kaum noch gedacht werden können. Einen extrem einfachen Rahmen, der kaum hilfreich erscheint, um die komplizierten Probleme zu lösen, die durch Transnationalisierung und Migration aufgeworfen werden. Tatsächlich war in Köln zweifellos etwas vorgefallen. Ich habe in besagtem Artikel „Köln“ als Vergleich aufgerufen, um etwas über die Zustände in Kreuzberg zu sagen, die für kurze Zeit als eigenes Chiffre „Kottbusser Tor“ durch die Medien der Republik gereicht wurden. In dem Text ging es um Drogenhandel und eine zunehmend gewalttätige Straßenkriminalität. In einem sogenannten bürgerlichen Viertel Berlins wären Politik und Polizei zweifellos hart eingeschritten, jedoch zeigten sie wenig Einsatz in Kreuzberg, wo die bürgerliche Schicht etwa der Geschäftsleute rund um das Kottbusser Tor vornehmlich türkischer Herkunft war. Nun wurde in meinem Artikel auch erwähnt, dass der Drogenhandel hauptsächlich von Personen aus dem subsaharischen Afrika betrieben wurde und die neue Qualität der Straßenkriminalität maßgeblich von lose organisierten Einwanderern aus einigen nordafrikanischen Straßen ausging.  

Ich sah keine Veranlassung, das zu verschweigen. Im Grunde ist die Entstehung dieser beiden „Gruppen“ ein Ergebnis der Ambivalenzen, Fallstricke und Ignoranzen der europäischen Einwanderungspolitik. Im Görlitzer Park ist über Jahre, angeheizt von der zumal touristischen Nachfrage nach Drogen, eine Art „zweiter Arbeitsmarkt“ entstanden, mit einem hohen Attraktivitätsfaktor für Personen, die betroffen sind von endlosen Wartezeiten auf die Entscheidung über einen festen Aufenthalt, bürokratischer Willkür und einem kompletten Mangel an Jobaussichten. Die andere Gruppe, die durch Taschendiebstahl, Raub und sexualisierte Gewalt eine bislang unbekannte Unsicherheit verbreitet hat, bestand tatsächlich aus jungen Männern, die aus Maghreb-Staaten stammten. Aus Recherchen des Journalisten Mohamed Amjahid und des Sozialarbeiters und Besitzers des „Café Kotti“, Ercan Yasaroglu, ergab sich das Bild von Personen, die zumeist in anderen europäischen Ländern gescheitert waren und das Chaos des Jahres 2015 zur Einreise genutzt hatten. Es gab keine Papiere und keine Perspektive; man hielt sich mit rabiaten Formen von Kleinkriminalität über Wasser. An einer Wiederaufnahme solcher Personen haben die Maghreb-Staaten wenig Interesse: Sie sind ja „woanders“ kriminell, und sie tragen mit ihren Remittenden zum Sozialprodukt etwa von Marokko bei – sie alle schicken ihren Verwandten Geld, auch um zu beweisen, dass das Projekt Migration erfolgreich verlaufen ist.  

Die beschriebene Kriminalität ebenso wie auch die jüngsten Terroranschläge kommen also nicht einfach aus einem „Außen“ und können dahin wieder zurückgeschoben werden. Tom Holert und ich haben in unserem Buch Fliehkraft 2006 gezeigt, wie in Sachen Flucht von den europäischen Einwanderungsländern seit Jahrzehnten ein Feld der Ambivalenz hergestellt wird, in dem mehr und mehr Personen in einer Art „anwesenden Abwesenheit“ leben. Italien und Spanien etwa haben vor der Finanzkrise die Einwanderung bzw. Flucht aus den Maghreb-Staaten stillschweigend akzeptiert, weil das Baugewerbe und die Landwirtschaft vor allem saisonal Arbeitskräfte benötigten. So wurde Geflüchteten, deren Identität nicht feststellbar war, nach kurzer Internierung ein Ausweisungsbescheid erteilt. Die Aufforderung, binnen einiger Tage das Land zu verlassen, war etwa auf den Kanaren gepaart mit einem Flug nach Madrid. De facto wurden diese Personen in der wichtigsten Wirtschaftsmetropole des Landes „ausgesetzt“ und so dem Arbeitsmarkt zugeführt. Der unsichere bzw. illegalisierte Status wurde also bewusst herbeigeführt. Seit der Finanzkrise finden diese Personen an der südlichen europäischen Peripherie oftmals keine Beschäftigung mehr, was dafür gesorgt hat, dass sie im Rahmen von Schengen auf andere Staaten ausweichen. Gleichzeitig hat sich das System von Internierung, Behördenwillkür und „Aussetzung“ auf der Straße verselbständigt, ohne noch Jobaussichten zu bieten – aus diesem Umfeld in Italien stammt etwa Anis Amri.  

In Deutschland wurden ähnliche Praktiken in den 1990er Jahren anlässlich der so genannten Visa-Affäre bekannt. Die jeweiligen deutschen Regierungen, egal welcher politischen Provenienz, hatten die Botschaft in Kiew angewiesen, ohne weitere Prüfung Touristen-Visa zu vergeben. Diese Visa dienten einer Pendel-Arbeitsmigration von Ukrainern in saisonale Bereiche des Arbeitsmarktes (Landwirtschaft, Gastronomie). So wurde in Kauf genommen, dass die Touristen-Visas für die Arbeitsmigration genutzt wurden. Zugleich wurde die regelmäßige Überschreitung des dreimonatigen Besuchsfensters toleriert und also auch die „Illegalität“ des Aufenthalts. Schließlich war den Behörden klar, dass in Deutschland fiktive Reisebüros entstanden, die fiktive Touren anboten, um diesen Visa den Anschein der Legalität zu geben. Der Staat unterstützte also letztlich das „Schleusen“. Die Produktion von Statusunsicherheit und Ambivalenz hat sich durch die „Flüchtlingskrise“ von 2015 verschärft. Die sogenannte Willkommenskultur speiste sich oft aus einem verklärten Bild der Geflüchteten als schiere Opfer. In der Erzählung des „Helfens“ tauchten diese Opfer nicht als widersprüchliche Menschen auf, sondern als moralisch eindeutige, „gute“ Personen. Die Gegenerzählung bestand in der Beschwörung eines „Notstandes“ angesichts der Zahl der Flüchtlinge und ihres unorganisiert wirkenden Ankommens in der Bundesrepublik. „Köln“ war dann der Anlass für die Inszenierung einer Kehrtwende, wobei die Ereignisse mit der Flucht aus Syrien oder auch anderen Ländern in keinem Zusammenhang standen. Seitdem ist das Asylrecht mehrfach kurz hintereinander verschärft worden.  

Wie erwähnt wurde zuletzt unentwegt das Thema „Abschiebung“ thematisiert – die Behörden konterkarieren die Aufnahme von Syrern mit der Rückführung von (teilweise langjährig) Geduldeten aus Balkanländern, Nigeria, Pakistan oder Afghanistan. Für die gleichen Gruppen geht der Weg nun zurück zu sinnlosen Restriktionen: Bereits bestehende Arbeitserlaubnisse werden widerrufen. Zugleich hat das neue „Integrationsgesetz“ die Bedingungen für das „Ankommen“ in der Bundesrepublik deutlich erschwert – als sei das „Ausländergesetz“ nicht längst ein kafkaesker Dschungel, den selbst Anwälte kaum noch durchblicken. Dieser wenig zielführende Regierungs-Aktivismus im Dienste von Eindeutigkeit erscheint de facto als Operation zur Erzeugung von mehr Ambivalenz. Immer mehr Personen werden in einen unsicheren, bedrohten Wartestatus von „anwesender Abwesenheit“ versetzt. In dem Dokumentarfilm Trapped by Law des kosovarischen Regisseurs Sami Mustafa, in dem es um die Abschiebung eines Roma-Bruderpaars geht, das sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, überfällt einen der Protagonisten irgendwann die Erkenntnis: „The system has become criminal.“  

Dennoch erzählen die jüngsten Bilder der Einwanderung die immergleiche und völlig naive Geschichte der „Integration“, etwa in dem Buch mit dem Titel Challenging Chances. Flucht im Bild, dass die Bertelsmann-Stiftung zusammen mit der Agentur „laif“ herausgebracht hat. Hier geht die „Story“ von den dramatischen, Mitleid heischenden Bildern der (Massen-)Flucht (die im übrigen immer unbeteiligte, abgebrühte Fotografen voraussetzen) über die „Rettung“ und die Notunterbringung hin zu Bildern von Schulunterricht, Ausbildung und Arbeit, also „Integration“. Nun tauchen die Fallstricke einer „Integration“, die ihre eigenen Voraussetzungen etwa durch Statusunsicherheit ständig unterläuft, in dieser Erzählung gar nicht auf. Allerdings rekrutieren sich aus einer „integrierten“ Bevölkerung, deren Status dennoch uneindeutig bzw. ambivalent geblieben ist, jene Dschihadisten, die für die jüngsten Terroranschläge verantwortlich waren. Tatsächlich kamen die Terroristen etwa beim verheerenden Anschlag in Paris 2015 überhaupt nicht von „außen“, sondern es handelte sich um junge Menschen, die in unterschiedlichen Vierteln (nicht etwa den berühmten „Problemvierteln“) von Brüssel und Paris aufgewachsen waren. Dass diese jungen Leute durchweg als Täter betrachtet werden, die von „außen“ kamen, komplettiert deren eigenen Eindruck, dass sie nicht einmal als Staatsbürger „echt“ dazugehören können. Sie wurden einbezogen und zugleich ausgeschlossen. Für Frankreich haben François Dubet und andere in dem Buch Pourquoi moi? L’expérience des discriminations (2013) solche Erfahrungen näher beschrieben. Das Forscherteam konnte zeigen, wie Diskriminierung sich zu einer „totalen Erfahrung“ verdichten kann. Bei einigen Personen haben sich die Ausgrenzungen auf eine Weise aggregiert, die all ihre Erlebnisse nur noch unter dem Gesichtspunkt des Rassismus sinnhaft erscheinen lässt. Die Wut wirkt als einziges Mittel des Widerstandes und auch der Autonomie. In dieser Konstellation, so Dubet, gibt es „weder Wandel noch Fortschritt“. Im Fall der Täter von Paris hat das Weltbild des „Kalifats“ die ungerichtete Wut und den unklaren Bezug aufgelöst: Der Feind wird sichtbar und zwar schlicht als die gesamte Welt, die einen in Frankreich umgibt.  

Nachdem ich meinen Artikel im Tagesspiegel erwähnt habe, dürfte klar sein, dass diese Analyse keine mildernden Umstände für die Täter formulieren soll. Ich möchte zeigen, dass die Narrative der Interpretation und die Bilder von den Tätern einen Rahmen entwerfen, der nur unangemessene Maßnahmen zulässt. Während in Europa Krokodilstränen über das Dekret des neuen US-Präsidenten vergossen werden, dass die Einreise von Personen aus bestimmten „muslimischen“ Ländern untersagt, erzählt die hiesige Öffentlichkeit unentwegt eine Geschichte, die genau diese Maßnahme als geeignet erscheinen lässt: Die Grenzen sind durchlässig, Staatsangehörige müssen eindeutig sein etc. Dagegen sind die gesellschaftlichen Verhältnisse komplex und risikoreich. Der Terror richtet sich nicht gegen ein ethnisch homogenes „Uns“, sondern gegen die Vielheit der westlichen Gesellschaften. Ein Blick auf die Liste der Toten des Anschlags von Paris 2015 zeigt Dutzende von arabischen Namen. Zugleich sind die Täter wie gesagt „unsere Kinder“ – das „Wir“ hat ganz offenbar dabei versagt, für diese Personen Zugehörigkeit zu organisieren. „Integration“ führt daher auch nicht zwangsläufig zu mehr sozialem Frieden und Integration, sondern lässt auch die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit stärker aufeinanderprallen.  

Die geographischen Beziehungen von Nähe und Ferne, von Innen und Außen haben sich verändert und pluralisiert. Es macht keinen Sinn, die Grenze zu befestigen, wenn die Gesellschaft nicht mehr in einen Container namens Nation passt, sondern von zahlreichen transnationalen Verbindungen durchzogen wird. Rassismus ist keine einfache Beziehung von „schwarz“ und „weiß“, sondern betrifft unterschiedliche Gruppen und bedarf der ständigen Abwägung. Von Rassismus betroffen zu sein, bedeutet keineswegs selbst nicht in rassistische Ausgrenzungspraxis verwickelt zu sein oder rassistische Wissensbestände zu haben. Zweifellos gibt es rassistische und restaurative Narrative in Medien und Politik, zugleich aber auch eine Kriminalität, die polizeilich entsprechend bekämpft werden muss. Jede Strategie bedarf also der Vermessung dieses Feldes, um wirksame Maßnahmen zu entwickeln, die dann auch wieder reflexiv der Korrektur bedürfen. Allerdings scheint es zurzeit, als geschehe genau das Gegenteil. Medienschaffende und Politiker, denen sowohl die Kriterien als auch buchstäblich die Welt-Anschauung fehlt, um Ereignisse sinnvoll zu interpretieren, halten sich teilweise trotz besseren Wissens an die einfachen Narrative.  

Was die Medien betrifft, so hat die Studie „Drucksache ‚Bild’ – Eine Marke und ihre Mägde“ von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz bereits 2011 anhand der Griechenland-Darstellung der Bild-Zeitung zeigen können, dass im eigentlichen Sinne gar keine Berichterstattung mehr betrieben wird, sondern Bild aus den Ereignissen und um das Thema herum eine Geschichte zusammensetzt, die von den faulen und betrügerischen Griechen erzählt, die an das Geld des deutschen Steuerzahlers wollen. Die Vokabel „post-faktisch“ ist nicht adäquat, das Vorgehen ließe sich eher als „prä-faktisch“ charakterisieren. Obwohl Bild wie andere traditionelle Medien (Fernsehen etwa) in den letzten Jahren dramatisch an Auflage und Einfluss verloren hat, speist sie diese und andere Narrative fortwährend in die unterschiedlichen Echokammern der sozialen Netzwerke ein. Die „alte“ mediale Öffentlichkeit, selbst wenn sie differenzierter daherkommt als Bild, hat sich in den letzten Jahrzehnten insgesamt zunehmend zu einem Unternehmen in Sachen Angst entwickelt – Barry Glassner und Frank Furedi haben in den 1990er Jahren von einer „Culture of fear“ gesprochen. Während etwa die Statistik sagt, dass die Fälle von Morden an Kindern seit den 1970er rückläufig ist, stieg die Berichterstattung im gleichen Zeitraum um fünfhundert Prozent. Gleichzeitig regiert immer noch ein Narrativ der Normalität – Jürgen Link hat ebenfalls in den 1990er Jahren vom „Normalismus“ gesprochen –, dass jede neue Drehung in der Spirale der Ängste (Seuchen, Kriege, Kriminalität, Terrorismus, US-Präsidenten) als jeweils neuen „Ausnahmezustand“ erscheinen lässt.  

Allerdings hat der überwiegende Teil der Bewohner des Westens mit all diesen Ereignissen so gut wie keine persönlichen Erfahrungen – das Alltagsleben folgt weiter seinen bekannten Rhythmen. Das führt zu einem Realitätsverlust in bezug auf die Bedrohungen. So wird etwa, das hat das Forschungsinstitut Ipsos MORI jüngst festgestellt, die Zahl der Muslime in Frankreich auf 31% geschätzt, real sind es aber nur höchstens 7,5% (in Deutschland stehen geschätzte 20 % realen 3,7% gegenüber). Zudem hat sich eine Art Irrealisierung des Weltbezugs insgesamt eingestellt: Auch aufgrund eines Mangels an Interpretationskriterien erscheint die Welt zunehmend als zusammenhangloses Geschehen, auf das man selbst keinen und auch sonst niemand wirklich Einfluss hat. Realitätsverlust und Irrealisierung amalgamieren sich zu allen möglichen Formen von alternativen Erzählungen, welche Ereignisse im Zusammengang stehen, wer und was für welches Ereignis verantwortlich ist, und beliebige Kombinationsmöglichkeiten lassen Verschwörungstheorien zu.  

Nun gilt Bild unterdessen bei Politikern als „Leitmedium“, quasi als Stimme des Volkes, eine Einschätzung, die wiederum eher als „post-faktisch“ einzuordnen wäre. Auch die Politik besteht auf dem Narrativ der Normalität, von „wir“ und „ihnen“, vom gesetzestreuen Deutschen und potentiell gefährlichen „Ausländern“, der Bedrohungsabwehr durch Grenzen etc. Während sich die europäische Politik über Donald Trumps Maßnahmen echauffiert (Mauerbau, Visa-Stopps), betreibt sie letztlich genau die gleiche Art von Politik. Die Effekte dieses schon immer post-faktischen Willens zur Eindeutigkeit, der immer mehr Widersprüche produziert und die Unsicherheit multipliziert, kommen in den politisch-medialen Narrativen nicht vor bzw. sie werden aktiv verhindert. Sowohl im Bereich der Medien als auch in der Politik hört man unentwegt den Ausspruch, das sei zu kompliziert, das können man den Menschen nicht zumuten. Ich denke, dass der überwiegende Teil der Bürger sich durchaus darüber im Klaren ist, wie wenig die herkömmlichen Narrative und Bilder noch zutreffen. Warum sollte man ihnen nicht zumuten können, realistisch über die Komplexität, die Unsicherheit, das Nicht-Wissen und komplizierte Strategien zu sprechen? Politisch, so hat der französische Soziologe Zaki Laidi der Zeitschrift Les Inrockuptibles gesagt, bräuchte es für die Anpassung an die Veränderung der Welt und die Identifizierung von Möglichkeiten „nicht notwendigerweise eine neue Theorie, aber eine Klarheit über die Angelegenheiten der Welt, eine größere Bestimmtheit über die Prinzipien der Gerechtigkeit und einen enormen Pragmatismus, um sie zu realisieren“. Die Illustrationen von normativen, prä-faktischen Narrativen führen dabei nicht weiter, sondern das Aushalten der Unklarheit und Widersprüchlichkeit von faktischen Bildern. Dafür war Anne Will nicht der richtige Rahmen.  

Biografische Daten

MARK TERKESSIDIS
Freier Autor, arbeitet zu den Themen (Populär-)Kultur, Migration, Rassismus und gesellschaftlicher Wandel. Studium der Psychologie in Köln, Promotion in Pädagogik in Mainz. Redakteur der Zeitschrift Spex, Moderator für WDR Funkhaus Europa, Fellow am Piet Zwart Instituut der Willem de Kooning Akademie Rotterdam und seit 2012 Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen (HSG). Zahlreiche Beiträge in tageszeitung, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Freitag, Literaturen, etc. sowie für den Westdeutschen Rundfunk und Deutschlandfunk. Mit Jochen Kühling Projektleiter von Heimatlieder aus Deutschland: http://heimatliederausdeutschland.de/home.html. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Interkultur (2010, bei edition suhrkamp), Kollaboration (2015, bei edition suhrkamp), Nach der Flucht (August 2017, Reclam).

Autor
Mark Terkessidis

* 1966, Deutschland

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Weitere Personen
Tom Holert

* 1962, Hamburg, Deutschland

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