Band 243, 2016, Biennalen, S. 254

32. São Paulo Biennale

„Incerteza Viva“ – Die Ungewissheit des Lebens
Welche polithygienische Filterfunktion übernimmt Kunst?

Ciccilio Matarazzo Pavilion 07.09. – 11.12.2016
von Ursula Maria Probst

Während der Pressekonferenz und Eröffnung der São Paulo Biennale am 5. und 6. September 2016 nützten KünstlerInnen die internationale Öffentlichkeit und Präsenz ausländischer JournalistInnen, um ihre Position gegenüber der derzeitigen instabilen politischen Lage in Brasilien klar zu deklarieren. Bekleidet mit schwarzen und weißen T-Shirts mit der Aufschrift: EU QUERO VOTAR PARA PRESIDENTE – was soviel heißt wie „Ich will meinen Präsidenten selbst wählen“ oder DIRETAS JÁ – „Wahlen jetzt“ – protestierten die KünstlerInnen dagegen, dass die Konstituierung der derzeitigen Übergangsregierung durch das Entziehen demokratischer Rechte beängstigende totalitäre, diktatorische Züge zeigt. Initiiert von APARELHAMENTO fand bereits Wochen zuvor eine KünstlerInnenauktion zugunsten eines Fonds statt, aus dessen Ressourcen die ­T-Shirts gedruckt wurden. Die 100 T-Shirts, die zur Mitnahme bereit lagen, waren in Sekundenschnelle vergriffen.  

Gegenüber Tendenzen durch transkulturelle, interdisziplinäre und performative Ausstellungsformate direkt auf den allgegenwärtigen sozioökonomischen, globalökologischen und politdemokratischen Countdown zu reagieren, setzt Jochen Volz mit seinen Co-KuratorInnen Gabi Ngcobo, Júlia Rebouças, Lars Bang Larsen und Sofia Olascoaga in der Konzeption der diesjährigen 32. São Paulo Biennale im Ciccilio Matarazzo Pavilion bereits durch den spekulativen Titel „Incerteza Viva“ (Die Ungewissheit des Lebens) ein explizites Zeichen. Als kollektives Projekt begann „Incerteza Viva“ bereits 2015 und bezog KünstlerInnen, AktivistInnen, WissenschaftlerInnen, QuerdenkerInnen, LehrerInnen und Studierende in den laufenden Prozess als Plattform kosmologischer Überlegungen zur Produktion anderer möglicher Realitäten ein.  

Unter der Übermetapher „Incerteza Viva“ begegnen wir getragen von politischen Ambitionen, die sich mit glokalen Symptomen und deren Auswirkung auf unser Leben in diversen Kontexten wie Erderwärmung, dem Verlust der Arten- und Kulturvielfalt, der zunehmenden politischen und ökonomischen Instabilität, der Unfairness in der Verteilung von Ressourcen, globalen Migrationsbewegungen und der Zunahme von Xenophobien befassen, in der Gestaltung des großräumigen Displays environmentartigen Settings. In ihrer mobilen Installation „Transnomades (Transnomad)“ (2016), die als Bett, Kabine, Bibliothek und Soundsystem funktioniert, verführt das KünstlerInnenkollektiv OPAVIVARÁ! das Publikum gleich eingangs zur Interaktion. Durch die Beteiligung von 81 KünstlerInnen und KünstlerInnen-Gruppen wie Alia Farid, Alicia Barney, Ana Mazzei, Cecilia Bengolea & Jeremy Deller, Dineo Seshee Bopape, Donna Kukama, Em’kal Eyongakpa, Francis Alÿs, Kathy Barry, Pia Lindman, Pierre Hughe, Pilar Quinteros, Rosa Barba, Wlademir Dias-Pino, Xabier Salaberria, die vorwiegend aus Lateinamerika kommen, setzt die Biennale nicht auf Kunstmarkt-Namen, sondern favorisiert junge und weniger bekannte Positionen.  

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Autor
Ursula Maria Probst

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Weitere Personen
Francis Alÿs

* 1959, Antwerpen, Belgien

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Jonathas de Andrade

* 1982, Maceió, Brasilien

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Rosa Barba

* 1972, Agrigent, Italien

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Alicia Barney

* 1952

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Cecilia Bengolea

* , Buenos Aires, Argentinien

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Ursula Biemann

* 1955, Zürich, Schweiz

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Dineo Seshee Bopape

* 1981, Polokwane, Zaire

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Carolina Caycedo

* 1978, London, Grossbritanien

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Jeremy Deller

* 1966, London, Grossbritanien

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Wlademir Dias-Pino

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Ruth Ewan

* 1980, Grossbritanien

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Em’kal Eyongakpa

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Alia Farid

* 1985

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Pierre Huyghe

* 1962, Paris, Frankreich

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Donna Kukama

* 1981 , Mafikeng, Südafrika

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Lars Bang Larsen

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Pia Lindman

* 1965, Espoo, Finnland

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Ana Mazzei

* 1980

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Sofía Olascoaga

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Pilar Quinteros

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Júlia Rebouças

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Luiz Roque

* 1979, Cachoeira do Sul, Brasilien

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Xabier Salaberria

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Hito Steyerl

* 1966, München, Deutschland

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Paulo Tavares

* 1980, Campinas, Brasilien

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Gediminas Urbonas

* 1968, Vilnius, Litauen

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Nomeda Urbonas

* 1966, Kaunas, Litauen

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Jochen Volz

* 1971, Braunschweig, Deutschland

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Biennalen
Bienal de São Paulo

BR – São Paulo

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