Band 243, 2016, Essay, S. 206

Rückkehr der Väter

Familiäre Bindungen zwischen den Künstlergenerationen:

Vermächtnis, Auftrag oder schiere Fortsetzung einer Tradition?

Von Michael Hübl

Die Väter kehren zurück. Und fast sieht es dabei so aus, als habe sich momentan die Kunstwelt gegen Platon verschworen. Sie verdankt dem attischen Philosophen viel: Sein Höhlengleichnis, spätestens seit Susan Sontags Essay „On Photography“ ins Medienzeitalter katapultiert, hat den Kunstdiskurs wiederholt inspiriert. Und doch scheint sich die Kunstwelt gegenwärtig – zumindest in einem Punkt – gegen Platon zu wenden. Der hat in seinem Dialog „Protagoras“ die These aufgestellt, dass die Söhne guter Maler selbst keine guten Maler werden könnten.1 Will sagen: Herausragende ästhetische Fähigkeiten lassen sich nicht einfach innerhalb derselben Familie von einer Generation auf die nächste übertragen. Seit einiger Zeit jedoch will man offenbar genau das demonstrieren: Auffällig oft wird seit einiger Zeit Vater-Sohn-Beziehungen in der bildenden Kunst nachgespürt – und das nicht erst, seit Neo Rauch unter großer medialer Anteilnahme damit begonnen hat, in seiner Grafikstiftung Blätter aus dem Nachlass seines Vaters Hanno Rauch an die ­Öffentlichkeit zu bringen.2 So lud etwa das Museum Wiesbaden ab März 2016 zu einer dreieinhalbmonatigen „Seniorenfeier“3, die zwar in der Hauptsache dem damals 78-jährigen Thomas Bayrle gewidmet war, aber zugleich eine Auswahl der deutlich von Paul Cézanne beeinflussten Malereien des Vaters Alf Bayrle (1900 – 1982) umfasste. Und als Ergebnis umfangreicher Vorbereitungen präsentiert das Schlossmuseum Murnau „Väter & Söhne“ zwischen „Konfrontation und Gleichklang“ (so der Untertitel)4, wobei die Timeline von dem verspäteten Deutschrömer Edmund Kanoldt (1845 – 1904) und seinem neusachlichen Sohn Alexander (1881 – 1939) bis zu Lenz und Florian Geiger reicht, den Söhnen von Rupprecht Geiger (1908 – 2009), der selbst Sohn eines Malers war – des von den Nationalsozialisten bedrängten, nach dem Zweiten Weltkrieg vielfach geehrten Münchener Akademieprofessors Will ­Geiger (1878 – 1971).  

Die Kunstgeschichte legt die Suche nach familiären Kontinuitäten allemal nahe, waren doch insbesondere in der frühen Neuzeit Malerdynastien keine Seltenheit. Der Venezianer Jacopo Bellini (um 1400 – um 1470/71) nebst seinen Söhnen Gentile (1429 – 1507) und Giovanni (1427 oder 1430 – 1516) zählt ebenso zu den bekannten Beispielen wie die flämische Familie Brueghel; die kunstgenealogische Linie erstreckt sich dort von Pieter d.Ä. (zw. 1525 und 1530 – 1569), der in der Mitte des 16. Jahrhunderts wirkte, bis hin zu seinem Urenkel Abraham (1631 – um 1697), der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts tätig war. Zu nennen wären aber etwa auch Derick Baegert (um 1470 – um 1515) und sein Clan oder Antonio Vivarini (um 1415 – zw.1476 u. 1484) zusammen mit seinem Bruder Bartolomeo Vivarini (um 1432 – um 1499) sowie Alvise Vivarini (um 1446 – 1503/05), dem Sohn von Antonio und Neffen Bartolomeos.  

Mit der im späteren Geschichtsverlauf zunehmenden Individualisierung des Künstlerberufs schwinden die Familienbande. Das Aufkommen des Geniegedankens im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung verstärkt oder begleitet bis weit in die Moderne hinein die Transformation der gesellschaftlichen Stellung des Künstlers: Der Beruf wird zur Existenzform, zum Künstlerdasein. Das Bild, Ideal oder Modell einer freien Existenz aber, die keinen gesellschaftlichen Ansprüchen genügen muss, die unabhängig von jeder Norm agiert und einzig dem eigenen Genius verpflichtet ist, passt schlecht zu einer Auffassung, nach der sich Kunst aus Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten konstituiert, die sich generationsübergreifend weitergeben lassen.  

So langlebig und folgenreich das Konzept vom Künstler als Genie auch war: Mittlerweile ist es obsolet geworden. Folglich muss es auch nicht mehr einen Widerspruch zur Authentizität und Werthaltigkeit von Kunst darstellen, wenn sich mehrere Mitglieder derselben Familie als Maler oder Fotografen, Konzeptkünstler oder Bildhauer betätigen. Der kunsthistorische Impuls zu prüfen, ob und wie weit eine alte Kooperationsform in jüngerer Zeit wieder virulent wurde, entspricht demnach einem geänderten Künstlerbild, aber auch einem grundsätzlichen Wechsel der Parameter, die als zukunftsfähig angesehen werden. Teamwork und vernetztes Denken sind an die Stelle der bahnbrechenden Einzeltat getreten, als deren Exponent vornehmlich im 19. und bis tief ins 20. Jahrhundert hinein der unbeirrt und gegen alle Widerstände sein Ziel ansteuernde Pionier in Forschung und Wissenschaft galt – heißt er nun Heinrich Schliemann (1822 – 1890) wie der Archäologe, Robert Koch (1843 – 1910) wie der Mediziner oder Roald Amundsen (1872 – 1926) wie der Polarforscher. Das Analogon zu diesem Typus ist der Künstler als Einzelgänger, als in seinen ästhetischen Findungen singuläres Individuum.  

Wenn jetzt aber – unter anderem als Ergebnis einer kritischen Auseinandersetzung mit der Moderne – komplexen Auffassungen und kooperativen Handlungsformen der Vorzug gegeben wird, dann kann auch die ‚longue durée‘ künstlerischer Praxis innerhalb einer Familie wieder von Interesse sein. Hier mag einer der Gründe liegen, weshalb das Vater-Sohn-Verhältnis in der Kunst neuerdings erhöhte Aufmerksamkeit genießt. Darüber hinaus spielt möglicherweise eine Rolle, dass auf wissenschaftlichem Gebiet ebenso wie im Meinungsmainstream stärker als noch vor zehn, zwanzig Jahren in genetischen Kategorien gedacht wird und damit die mögliche Vererbung bestimmter Eigenschaften als Fragestellung in den Vordergrund rückt.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 250 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Michael Hübl

* 1955, Schwetzingen, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Alf Bayrle

* 1900, Biberach, Deutschland; † 1982 in Rotthalmünster, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Thomas Bayrle

* 1937, Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Olafur Eliasson

* 1967, Kopenhagen, Dänemark

weitere Artikel zu ...

Lyonel Feininger

* 1871, New York, Verein. Staaten; † 1956 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Florian Geiger

* 1940, München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Lenz Geiger

* 1938, München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Rupprecht Geiger

* 1908, München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Pan Gongkai

* 1947, Wenzhou, Volksrep. China

weitere Artikel zu ...

Bernhard Heisig

* 1925, Breslau, Polen

weitere Artikel zu ...

Johannes Heisig

* 1953, Leipzig, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Elías Hjörleifsson

* 1945; † 2001

weitere Artikel zu ...

Thaddäus Hüppi

* 1963, Hamburg, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Alexander Kanoldt

* 1881, Karlsruhe, Deutschland; † 1939 in Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Edmund Kanoldt

* 1845, Großrudestedt, Deutschland; † 1904 in Bad Nauheim, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Anselm Kiefer

* 1945, Donaueschingen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Barbara Klemm

* 1939, Münster, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Fritz Klemm

* 1902, Mannheim, Deutschland; † 1990 in Karlsruhe, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Gustav Kluge

* 1947, Wittenberg, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Hanno Rauch

* 1939, Gera, Deutschland; † 1960 in Deutschland

weitere Artikel zu ...

Neo Rauch

* 1960, Leipzig, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Pan Tianshou

* 1897, Ninghai, Volksrep. China; † 1971 in Hangzhou, Volksrep. China

weitere Artikel zu ...

Weitere Personen
Giovanni Bellini

* 1430, Venedig, Italien; † 1516 in Venedig, Italien

weitere Artikel zu ...

Bertolt Brecht

* 1898, Augsburg, Deutschland; † 1956 in Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Jan Brueghel d. Ä.

* 1568, Brüssel, Belgien

weitere Artikel zu ...

Pieter Brueghel d. Ä.

* 1527, Breda, Niederlande; † 1569 in Brüssel, Belgien

weitere Artikel zu ...

Pieter Brueghel d. J.

* 1564, Brüssel, Belgien; † 1638 in Antwerpen, Belgien

weitere Artikel zu ...

Albrecht Dürer

* 1471, Nürnberg, Deutschland; † 1528 in Nürnberg, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Walter Eisler

* 1954, Leipzig, Deutschland; † 2015 in Leipzig, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Marie Ellenrieder

* 1791, Konstanz, Deutschland; † 1863 in Konstanz, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Andreas Feininger

* 1906, Paris, Frankreich; † 1999 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Theodore Lux Feininger

* 1910, Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Lucio Fontana

* 1899, Rosario, Argentinien; † 1968 in Comabbio, Italien

weitere Artikel zu ...

Willi Geiger

* 1878, Schönbrunn, Deutschland; † 1971 in München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Alfonso Hüppi

* 1935, Freiburg, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Johannes Hüppi

* 1965, Baden-Baden, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Franz Kafka

* 1883, Prag, Tschechische Rep.; † 1924 in Wien, Österreich

weitere Artikel zu ...

Albert Kiefer

* 1918

weitere Artikel zu ...

Søren Aabye Kierkegaard

* 1813, Kopenhagen, Dänemark; † 1855 in Kopenhagen, Dänemark

weitere Artikel zu ...

Platon

* 427 v.C., Athen, Griechenland; † 347 v.C. in Athen, Griechenland

weitere Artikel zu ...

Giuseppe Spagnulo

* 1936, Grottaglie, Italien

weitere Artikel zu ...

Igor Strawinsky

* 1882, Lomonossow, Rußland; † 1971 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Théodore Strawinsky

* 1907, Sankt Petersburg, Rußland; † 1989 in Genf, Schweiz

weitere Artikel zu ...

Suzanne Valadon

* 1865, Bessines-sur-Gartempe, Frankreich; † 1938 in Paris, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Franz Erhard Walther

* 1939, Fulda, Deutschland

weitere Artikel zu ...