Band 254, 2018, Titel: II. Ethik politischer Kunst, S. 88

Kultureller Klimawandel

Wie Populisten in die Rolle der Avantgarde schlüpfen und die Künstler zu Beschützern des Status Quo werden
von Hanno Rauterberg

Everything about Donald Trump’s campaign, it’s avant-garde.1

Sarah Palin am 28. August 2015

 

Manche werden sie als Querdenker beschreiben, unangepasst und kompromisslos. Als politische Freigeister, die dem Mainstream trotzen. Die aufbegehren gegen das, was ihnen unrecht und falsch erscheint. Die den Konflikt nicht scheuen, die unerschrocken der Macht entgegentreten – und damit alles in allem just jene Charaktereigenschaften auf sich vereinen, die herkömmlicherweise den kritischen, aufgeklärten Zeitgenossen zugeschrieben werden. Nur dass es sich um Mitglieder der Identitären Bewegung handelt.  

Im Gestus einer linken Protestbewegung versuchten sie im Mai 2017 das Bundesjustizministerium zu stürmen und als das misslang, blockierten sie mit einer Art Sit-in den dortigen Zugang, ganz im Stil der sechziger Jahre. Wenige Monate zuvor hatten Aktivisten der Gruppe das Brandenburger Tor erklommen und orientierten sich dabei nach eigener Auskunft an Greenpeace-Aktionen, mit dem Unterschied, dass ihre rasch entrollten Banner nicht zur Rettung der Wale oder des Klimas aufriefen, sondern für „Sichere Grenzen“ warben. Per Twitter, Facebook und Instagram wurde die kurzzeitige Besetzung des Nationaldenkmals bildmächtig verbreitet.  

In ihren Selbstbeschreibungen begreift sich die Identitäre Bewegung, vom Verfassungsschutz beobachtet, als „aktivistische Avantgarde der schweigenden kritischen Masse“2 und erklärtermaßen will sie durch diesen Aktivismus, durch eine Vorliebe für Performance und Partizipation, möglichst viele Mitstreiter gewinnen. Auch in dieser Hinsicht ähneln ihre Handlungsmuster klassisch-linken Protesttraditionen. Ob es sich um die Besetzung von Parteizentralen handelt, um die Störung öffentlicher Veranstaltungen oder um den Claim „Gesicht zeigen“, der ursprünglich von einer antirassistischen Kampagne verwendet wurde – zahlreiche Strategien und Appelle der Alternativkultur werden von der völkischen Gruppierung appropriiert3.  

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Autor
Hanno Rauterberg

* 1967, Celle, Deutschland

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