Band 253, 2018, Titel: I. Kulturtheoretische Essays, S. 44

Einen Kunstsinn suchen und finden

Wir könnten porös sein wie ein Schwamm

von Paolo Bianchi

Ein Kunstding ist eine besondere Ausdrucksform des Kreativen. Es prägt die sinnliche Erfahrungsfähigkeit von Menschen durch seine Intensität entscheidend mit. Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir zu sehen gelernt haben. Der Phänomenologe Otto Friedrich Bollnow schreibt 1988, also vor genau dreißig Jahren: „Wir leben in einer Welt, wie die Kunst uns sie zu sehen gelehrt hat.“ Und weiter: „Der Mensch wird erst im vollen Sinne Mensch, wenn er die ganze Breite der bisher verkümmerten Sinne zur Entfaltung gebracht hat.“1 Worte eines Plädoyers für eine Wahrnehmung mit allen Sinnen. Erfahrung und Anschauung begründen sich aus dem Zusammenspiel von äußeren und inneren Sinnen. Auf diese Weise kann ein Kunstsinn sich ausbilden, ein „Organ“ zur Aneignung ästhetischer Gefühle: „Gerade die interessanten sinnlichen Zwischen-Phänomene wie Rhythmus, Aroma, Atmosphäre, Aufmerksamkeit, Idiosynkrasie, Aura u. v. a. m. lassen sich ohne Rückbindung an die gesamte Sinnesphysiologie nicht deuten.“2 (Abb. 01) Ein Wahrnehmen und Erleben mit allen Sinnen eröffnet bedeutungsvolle Zugänge zur eigenen Person und zur Umwelt, zum Ich und Du. Es bildet eine natürliche Quelle für Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Selbstbehauptung, aber auch für den Umgang mit Differenz, Krise und Konflikt. Es verhilft zu sinnstiftenden Antworten bei Fragen wie: Wer bin ich? Was kann ich? Wie fühle ich mich? Was bin ich wert? Wie nehme ich wahr?  

Wer eine Ausstellung betritt, aktiviert sein ‚kuratorisches Ich’ in Bezug auf die präsentierten Kunstobjekte. Die Fähigkeit, die Exponate „sein zu lassen“, sie als Phänomene zu denken, eröffnet den Zugang, die Bedeutung der Dinge introspektiv mit zu verhandeln. Eine Ausstellung hat das Potenzial, darauf zu verweisen, dass ihr Aussagewert immer an eine Materialität gebunden ist und das Gegenständliches immer den eigenen Augenschein benötigt, um es deuten und interpretieren zu können. Die Bedeutung der Dinge ist nicht per se in den Objekten angelegt, sondern erschließt sich erst im „Dialog“ zwischen Zeigendem, Betrachter und Gezeigtem. Wer eine Ausstellung als Parallelaktion von Discours & Parcours zu begreifen vermag (siehe mehr dazu im Gespräch mit Bazon Brock in diesem Heft), dem kann nach einer wach-rezeptiven Passage der Alltag durchaus in einem anderen und kritischen Blick erscheinen. Die Kunstdinge rücken zugleich in eine befremdliche Nähe und aufdeckende Ferne. Sie werden widerborstig, anklagend, evozieren ein anderes Narrativ und entfernen sich von den Denkschablonen.  

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Autor
Paolo Bianchi

* 1960, Baden, Schweiz

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Otto Friedrich Bollnow

* 1903 , Stettin, Polen; † 1991 in Tübingen, Deutschland

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Jules Henri Poincaré

* 1854, Nancy, Frankreich; † 1912 in Paris, Frankreich

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Burghart Schmidt

* 1942, Ludwigshafen, Deutschland

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Weitere Personen
Aleida Assmann

* 1947 , Gadderbaum, Deutschland

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Eugene Gendlin

* 1926, Wien, Österreich; † 2017 in Spring Valley, New York, Verein. Staaten

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Marion Gendlin

* 1944; † 2015

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Gottfried Hattinger

* 1950, Hausruckwald, Österreich

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André Vladimir Heiz

* 1951, Schweiz

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Karl Marx

* 1818, Trier, Deutschland; † 1883 in London, Grossbritanien

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Mathieu Mercier

* 1970, Conflans St. Honorine, Frankreich

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Friedrich Nietzsche

* 1844, Röcken, Deutschland; † 1900 in Weimar, Deutschland

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Jackson Pollock

* 1912, Cody, Verein. Staaten; † 1956 in Springs-East Hampton, Verein. Staaten

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Hans-Jörg Rheinberger

* 1946, Grabs, Schweiz

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