Band 252, 2018, Ausstellungen: Duisburg, S. 256

Hauchkörper als Lebenszyklus

Rebecca Horn ist Wilhelm-Lehmbruck-Preisträgerin 2017
Lehmbruck Museum 24.11.2017 – 02.04.2018
von Claudia Posca

Das wurde ja auch mal Zeit: Als erste Frau überhaupt hat Rebecca Horn den renommierten Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg erhalten. Er wurde der 1944 im südhessischen Städtchen Michelstadt im Odenwald geborenen Ausnahmekünstlerin für ihr beeindruckendes Lebenswerk im November 2017 verliehen. Und man fragt sich: warum erst jetzt, zählt doch die 73jährige Bildhauerin seit Jahrzehnten zu den ganz Großen der Gegenwartskunst. Ihre Ausstellungsliste ist beeindruckend, aus großen und größten internationalen Sammlungen sind ihre Werke nicht mehr wegzudenken. Wer einmal in den Bann der traumverlorenen Präzionsmechanik ihrer Kunst geriet, hat auf ewig deren kratzbürstige Sanftheit unter der Haut.  

Unvergessen etwa: Rebecca Horns historisch angedockte Installation „Das gegenläufige Konzert“ auf den Skulptur.Projekten Münster 1987 im Alten Zwinger. Zig klopfzeichenschlagende Pickel hämmerten dort im Schummerlicht Sound und Historie in Herz und Hirn. Bedrückend. Kritisch. Ergreifend.  

Jetzt setzt sich die Geschichte fort. Die Duisburger Schau lädt zum Gang durch einen Kosmos ein, darin mit „Einhörnern“ performt und mit Körperextensionen gespielt wird, wo Filme zu plastischen Erzählungen geraten, sich überdimensionierte Nadeln als „Hauchkörper“ im Raum bewegen, eine antike Continental-Schreibmaschine „AMORE“ zum Beben bringt und ein „Schildkrötenseufzerbaum“ das phantastische Manifest skulpturaler Kommunikation zwischen Neugier, Zuwendung, Voyeurismus, Staunen und Gemeinschaft gibt. Manchem erscheint das als rechtes Wonderland. Anderen ist die Feinsinnigkeit der Werke Rebecca Horns ein sinnliches Reflektieren existentieller, auch spiritueller Verwebungen von Mensch, Tier und Welt.  

Dafür, und auch für die kontinuierliche thematisierte Integration widerstreitender Pole zwischen Wärme und Aggression hat Rebecca Horn den Wilhelm-Lehmbruck-Preis erhalten. 10.000 Euro ist der Revier-Kunstpreis schwer, aber weit darüber hinaus ist er vor allem von inhaltlicher Strahlkraft, werden doch nur international bedeutendste Bildhauerinnen und Bildhauer damit geehrt. Nach 10jähriger Pause, und nachdem der Preis zuvor in den Jahren zwischen 1966 und 2006 regelmäßig alle 5 Jahre vergeben worden war, ist es besonders schön, dass zu seiner Wiederbelebung eine vielseitigste Bildhauerin ausgewählt wurde. Von allen Künstlerinnen, die in dieser höchsten Liga Gegenwartskunst spielen, hat Rebecca Horn den Wilhelm-Lehmbruck-Preis mehr als verdient. Der Jury erschien sie als „würdigste Künstlerin“, so Lehmbruck-Museumschefin Söke Dinkla.  

Mit Freude verneigt man sich vor einem Werk, das mit Spartengrenzen-sprengenden Maschinenskulpturen „Seelenstrukturen“ (Rebecca Horn) einfängt, um Staunen machende Bilder fürs Wundersam-Wunderbare zwischen Geburt und Tod, zwischen Eros und Thanatos in den Alltag zu schicken. Generationen von Kunstschaffenden, Kunstfans und Wissenschaftlern hat Rebecca Horn mit einer ihren Werken innewohnenden, poetischen Härte fasziniert. Weiblich, aber nicht feministisch ist deren Bild- und Ausdruckssprache. Und in keinster Weise steht sie den Findungen der anderen Lehmbruck-Preisträger nach, die Eduardo Chillida, Norbert Kricke, Jean Tinguely, Claes Oldenburg, Joseph Beuys, Richard Serra, Richard Long, Nam June Paik und Rainer Ruthenbeck heißen. „Allein vier Mal auf der documenta und bei vielen weiteren wichtigen Ausstellungen vertreten, war Rebecca Horn nie „Quotenfrau“, sondern immer eine Künstlerin, auf deren Werke alle neugierig waren, die diskutiert wurden, und deswegen ist die Ehrung mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis (…) richtig und folgerichtig“, fasst Jury-Mitglied Georg Elben den Entscheid der Preisvergabe zusammen.  

Nun reiht sich der Kunstpreis aus dem Ruhrgebiet in der Biografie dieser markanten Performance-, Video- und Installationskünstlerin, die daneben eine mindestens genauso bravouröse Poetin und Zeichnerin ist, prächtig ein zwischen so glänzenden Würdigungen wie den Praemium Imperiale, der als Nobelpreis der Kunst gilt (2010), oder den Goslarer Kaiserring (1992) oder den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künstler (2016).  

Die Duisburger Jury unter dem Vorsitz von Prof. Jochen Gerz bezeichnete die Grande Dame zeitgenössischer Bildhauerei „als eine der eigenwilligsten, innovativsten und experimentierfreudigsten Künstlerinnen Deutschland. Sie entwickelte in ihren Arbeiten von den 1960er Jahren bis heute ein ebenso komplexes wie unverwechselbares Werk, in dem es um die existentiellen Bedingungen des Menschseins geht.“  

Was, wen wundert’s, auch lange noch nach Ausstellungsbesuch nachhallt als Erlebnis von packender Verlangsamung und surrealer Entgrenzung. Tatsächlich, und obwohl es mal hier, mal dort im Duisburger Parcours überraschend laut klackt und surrt, etwa wenn der „Dialog der Hämmer“ losgeht, – was Schreck und Irritation auf den Plan ruft –, der Haupttonus der Schau aber ist still, die Zeit scheint gedehnt, der Raum geronnen zum Vakuum für Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre, darin das Pendel keine Eile und die Spirale keine Hetze hat. „Ich mag es, wenn meine Maschinen müde werden. Sie sind mehr als reine Objekte. Sie sind weder Autos noch Waschmaschinen. Sie ruhen sich aus, sie denken nach, sie warten“ beschreibt Rebecca Horn das Meditieren ihrer Objektkunst.  

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür liefert das „Schlangenklavier“ von 1995. Der mit einem Quecksilberrinnsal auf beweglichen Gummimatten ausgestattete, 4 Meter lange, bodengelagerte Stahlkasten scheint nur darauf zu lauern sein giftiges kleines Innenleben zum Leben zu erwecken. Was in unverhersehbaren Zeiträumen, begleitet von lautem Geräusch, so lange passiert, bis das Quecksilber-Schlängchen erneut darauf harrt aus der Reglosigkeit zu erwachen.  

Verwesentlichung könnte man das nennen. Entschleunigung auch. Jedenfalls wirkt es, trotz dieses typischen Fröstelns, mit denen man Rebecca-Horn-Kunst guckt, bemerkenswert meditativ. Fast so wie das Flüstern zwischen Gedichtzeilen. Gäbe es so etwas wie skulpturale Haikus – Rebecca Horn hat sie geschaffen. Und so ist „allmählich“ das wohl passendste Wort dafür, was mit den goldeleganten Nadeln der erst jüngst entstandenen „Hauchkörper“-Installationen passiert, wenn sie, kaum merklich, die Vertikale verlassen, um sich einander – eher sehnsüchtig denn tatsächlich – zuzuneigen. „So gut wie jede Arbeit von Rebecca Horn ist Mittlerin eines Begehrens, das niemals zur Erfüllung kommt und gerade hieraus eine Utopie des Sehnens macht“ hat Horst Bredekamp die „Begehrenstragik und Negationsverneinung“ der Kunst Rebecca Horns beschrieben. Eine ganze Menge Verletzlichkeit und noch mehr Empathie fürs paradoxale Leben stecken drin.  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Rebecca Horn

* 1944, Michelstadt, Deutschland

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Weitere Personen
Horst Bredekamp

* 1947, Kiel, Deutschland

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Söke Dinkla

* 1962, Wilhelmshaven, Deutschland

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Jochen Gerz

* 1940, Berlin, Deutschland

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