Band 252, 2018, Essay, S. 228

Digitalisierung heute

Wert und Legitimation

von Roland Schappert

1. Science Fiction – Freude oder Angst

Nie mehr im Stau zu stehen. Was ist Ihnen das wert? Die Idee der Navi-App FREIFAHRT DELUXE verspricht freie Fahrt, leitet aber nicht zahlende Verkehrsteilnehmer direkt in den unvermeidlichen Feierabendstau. Wer spontan nachzahlt, kann eine Ausweichroute wählen. Wer nicht updatet, wird dauerhaft verstaut. Je mehr Nutzer, desto präziser die Vorhersagen. Wer kein Carsharing nutzt, zahlt mehr. Die Zukunft bietet viele Wahlmöglichkeiten. Warum sollte freie Fahrt nichts kosten?  

Vielleicht reisen Sie bald gar nicht mehr selbst, sondern schicken einen Replikanten, ausgestattet mit eigenem Willen und Gedächtnis. Wir können heute schon Double Robotics als Fernarbeiter und Stellvertreter-Reisenden nutzen, uns alternativ an unzähligen Orten bewegen, sehen und hören, was dort vor sich geht.>  

Die Verschmelzung von Mensch, Sensorik, Kameratechnik und Computer sowie die Ablösung des Menschen durch Cyborgs, denkende und sich selbst erschaffende Maschinen und Replikanten gelten schon lange als große Themen des Science-Fiction-Genres und unzähliger Filme bis hin zu Blade Runner und Matrix. George Orwell veröffentlichte 1949 seinen dystopischen Roman Nineteen Eighty-Four. Seitdem wissen wir, dass der nahezu perfekten Überwachung durch Maschinen und Computer nicht mehr zu entkommen ist: „Der Apparat, ein sogenannter Televisor oder Hörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch gab es keine Möglichkeit, ihn völlig abzustellen.“1  

Isaac Asimov (1920 –1992), russisch-amerikanischer Biochemiker und einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren seiner Zeit, hinterließ seine berühmten drei zukunftsträchtigen Robotergesetze, nach denen Maschinen nicht nur vorrangig zum Nutzen und Schutz des Menschen geschaffen werden, sondern schließlich auch um ihrer selbst willen. In seinem Essay Der Mythos der Maschine von 1978 beschrieb Asimov die Zweischneidigkeit des technologischen Fortschritts. Neben der optimistischen Haltung zur Technik äußerte Asimov am Ende seines Textes: „Sicher ist die große Angst nicht, dass die Maschine uns Schaden zufügt – sondern, dass die Maschine uns ablöst. Es ist nicht die Furcht, dass sie uns geistig verarmen lässt – sondern, dass sie uns überflüssig macht.“2  

In unserer Gegenwart sehen sich nun viele Menschen in der Zwickmühle, einerseits Angst vor unwiderruflichen Veränderungen durch technologischen Fortschritt zu haben, andererseits den Neuerungen immer wieder freudig hinterherzulaufen: „Tatsächlich ist der Reiz neuer technischer Spielereien für viele unwiderstehlich.“3 Darüber stülpt sich inzwischen für viele die Angst, durch eine nie da gewesene Entfesselung technologisch getriebener Produktivität, durch Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung mit Hilfe neuster Computertechnik, Robotik und künstlicher Intelligenz den Arbeitsplatz und die eigene Identität zu verlieren.  

2. Digitale Transformation als exponentieller Fortschritt

Vernetzungen wie das World Wide Web sowie exponentieller Fortschritt bei der Computerproduktion und elektronischen Datenverarbeitung haben uns ins Zeitalter der digitalen Transformation versetzt. Der Dreischritt der Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung scheint die Richtung vorzugeben bis zur Implementierung des Internets der Dinge im Zuge einer weiteren Mobilisierung und Vernetzung. Das Mooresche Gesetz (Moore’s Law) besagt, dass sich seit den 1960er Jahren die Integrationsdichte und Leistung neuer Computerbauteile, die für die Rechengeschwindigkeit der Prozessoren und Kapazität der Speichermedien verantwortlich sind, im Durchschnitt alle 12 – 24 Monate verdoppeln. Inzwischen streitet man darüber, ob oder wie lange die Vorhersagen von Gordon Moore noch zutreffen.  

Uns Menschen fällt es schwer, logarithmische Skalierungen exponentieller Wachstumsreihen zu erfassen. Beliebt ist die Veranschaulichung anhand der stetigen Verdoppelung einer Anzahl Reiskörner auf einem Schachbrett. Mit einem Reiskorn angefangen, würde auf dem letzten Spielfeld eines 64 Felder umfassenden Schachbretts die Last von 18 Trillionen Reiskörnern ruhen. Damit würde dieser Haufen allerdings auch den Mount Everest überragen.4  

In ihrem Buch The Second Machine Age von 2014 schreiben Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee: „Für uns bricht eine Ära an, die nicht nur anders wird: Sie wird besser, weil wir neben der Vielfalt auch das Volumen unseres Konsums steigern können.“5 Die beiden Fortschrittsdenker vom MIT Center for Digital Business erwarten ein „Zeitalter der Fülle anstelle des Mangels“. Ihre optimistische Vision: Digitale Technik könne eine immer größere Auswahl bereitstellen und damit Nutzern mehr freie Entscheidungsmöglichkeiten bieten und Einschränkungen beseitigen. Sie verweisen darauf, dass digitale und digitalisierte Güter von grundsätzlich anderer Beschaffenheit sind als physische. Digital erschaffene Güter sind, wie der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin sagen würde, ein Segen für Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, „wenn die Produktionskosten eines zusätzlichen Gutes oder einer Dienstleistung nahezu null sind“6. Rifkin führt in seiner Vision des sich selbst überlebenden Kapitalismus von 2014 fort: „Eine Nahezu-null-Grenzkosten-Gesellschaft ist der Zustand optimaler Effizienz, was die Beförderung des Allgemeinwohls angeht, und damit der Triumph des Kapitalismus schlechthin. Sein Augenblick des Triumphs freilich markiert auch sein unausweichliches Verschwinden von der Weltbühne.“7 Rifkin zeigt sich überzeugt davon, dass kapitalistisches Profitstreben und das hierzu notwendige Wettbewerbsparadigma für Produkte und Preisgestaltung auf den freien Märkten ans Ende kommen, sobald die Produktionskosten durch technologischen Fortschritt so niedrig gehalten werden können, dass Investitionen und gegebenenfalls beabsichtigte Monopolbildungen der Kapitalseigner nicht mehr durch ausreichende Profite gedeckt werden.8 So lässt sich Rifkins Science Fiction als Clash des Kapitalismus lesen.9  

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Autor
Roland Schappert

* 1965, Köln, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Felix Stalder

* , Schweiz

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* 1883, Triesch, Tschechische Rep.; † 1950 in Taconic, Verein. Staaten

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* 1967

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