Band 251, 2017, Biennalen: Moskau, S. 302

Moskau, 09.09.2017 – 18.01.2018

7. Moskau Biennale
Clouds 􀀧 Forests

Zur 7. Moskau Biennale für zeitgenössische Kunst
Neue Tretyakov Gallery
von Heinz-Norbert Jocks

„Clouds  Forests“, als metaphorischer Titel für die 7. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst in der Neuen Tretyakov Gallery am Krymsky Val von der Kuratorin Yuko Hasegawa gewählt, erscheint so sonderbar wie poetisch und so verknappt wie ein Haiku. Von vorherein werden von der Japanerin mit dem auf die Natur gemünzten Wörterpaar andere Akzente als die sonst üblichen gesetzt. Ist doch die Beziehung der Ausstellungsmacherin zur künstlerischen Kreativität eine vornehmlich poetische. Es geht ihr um die Entwicklung eines neuen Sensoriums für die uns umgebende Welt und die Dinge sowie um das konkret Mögliche. Ihre Ästhetik, der sie zuletzt im ZKM im Rahmen der GLOBALE mit ihrer Ausstellung „New Sensorium“ Ausdruck verlieh, zeugt von einer extremen Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Der Wunsch nach Aufhebung sämtlicher Grenzen, die, zwischen Geschichte, Genres und Medien errichtet, uns beschränken, ist evident. Entsprechend allergisch reagiert sie auf die künstlich konstruierte Dichotomie von Globalismus und Regionalismus. Denn, wie im Gespräch geäußert, teilen seit der Antike die unterschiedlichsten Stämme der Menschen gemeinsame Vermittlungsformen, insofern die allen gemeinsame Lebensgrundlage durch die gleiche Umgebung geprägt ist. Dazu gehören Land, Klima, Natur, das Materielle ebenso wie das Immaterielle. Das die ganze Menschheit miteinander Verbindende ist das Teilen von Kenntnissen, Ästhetik und Lebensstilen. Diese Weigerung, das Globale und Regionale auseinanderzudividieren, ist alles andere als ein Desinteresse an lokalen Kunstszenen, speziell an der russischen. Als Hasegawa 2016 die Eremitage anlässlich einer Ausstellung von Jan Fabre besuchte, war sie bei der Besichtigung der Sammlung des Hauses begeistert von der Verbindung zwischen Klassizismus und Modernismus. Aus Zeitmangel konnte sie sich damals nicht mit der aktuellen Kunst befassen. Dieses Versäumnis holte sie nach ihrer Ernennung nach. Sie erkundigte die Szene in Moskau und St. Petersburg. Wollte sie doch den lokalen Kontext im Rahmen der Biennale mitverankern.  

Für die künstlerische Leiterin des Museums für zeitgenössische Kunst und Professorin an der Universität der Künste in Tokio ist der starke Hang zur Poesie alles andere als eine Flucht vor dem Politischen. Eben keine raffinierte Verkleidung, hinter der sich Konservatismus verbirgt, wie es ihr seitens einiger russischer Künstler vorgeworfen wurde. In ihrer barschen Polemik gingen ihre Kritiker soweit, die Biennale mit einem japanischen Garten oder, wie der Konzeptkünstler Yuri Albert, mit einem „biologischen Museum“ zu vergleichen.  

Diese überschnelle Unterstellung, sie würde vor den Herrschenden sanft in die Knie gehen, ist kurzsichtig und eine Verkennung ihrer grundsätzlichen Visionen, die sie stringent und ohne Paukenschlag verfolgt. In den Augen der Asiatin birgt das Poetische etwas Politisches in einem erweiterten Sinne in sich, wie sie gleich zu Beginn unseres Austauschs hervorhebt. Aber auf Umwegen zum Ausdruck gebracht, von daher nicht auf Anhieb sichtbar, zudem unspektakulär, eben nicht mit dem Holzhammer ins Auge des Betrachters geschlagen. Alles andere als ein direkter Eingriff in die unmittelbare Realität unserer Tage, da weit darüber hinauszielend.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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