Band 251, 2017, Titel: II. Museum global, S. 100

Museumsneubauten in Afrika

von Tobias Wendl

Geht der aktuelle Museumsboom an Afrika vorbei? Oder zeigt er sich hier nur verhaltener und eher punktuell? Im Wettbewerb um globale Touristenströme ist das City-Branding mit Hilfe spektakulärer neuer Museums- und Theaterbauten inzwischen eine fixe Größe in den Planungsszenarien von Stadtentwicklern und Politikern. Dass sich dabei ein neuer „Art-Architecture“-Komplex1 herausgebildet hat mit weltweit agierenden Star-Architekten, deren Bauten als monumentale Landmarken den Status eigenständiger Kunstwerke genießen und die der ausgestellten Kunst schon fast den Rang streitig machen, ist ebenso offensichtlich wie die Problematik eines damit oft einhergehenden, unter der Chiffre des Universalismus verborgenen Hegemoniestrebens westlicher Museen, die durch ihre Dependancen und die Politik des Franchising zu global agierenden Unternehmensmarken mutieren. Am deutlichsten abzulesen sind diese Entwicklungen zweifelsohne im neuen Cultural District Sadiyaat in Abu Dhabi2. In Afrika zeigen sich diese Veränderungen in der politischen Ökonomie der Museumslandschaft weniger ausgeprägt, wenngleich die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme und Sparvorgaben von IMF und Weltbank auch hier die Handlungsspielräume der staatlichen Akteure massiv eingeschränkt haben und zugleich verstärkt private Investoren und Stiftungen – meist aus der Diaspora – mit kleineren Kunsträumen und Privatmuseen auf den Plan gerufen haben3. Betrachtet man die derzeit fertiggestellten oder vor ihrer Eröffnung stehenden Großprojekte, so fällt auf, dass sie sich im Wesentlichen auf drei Länder konzentrieren: auf Ägypten, Marokko und Südafrika – jene Länder also, die laut Statistiken der Welttourismusorganisation (UNWTO) zusammen etwa für drei Fünfte l der jährlich 50 Millionen nach Afrika Reisenden als Destination dienen. Dabei ist anzumerken, dass die Touristenzahl in Ägypten durch die anhaltende Politikkrise seit 2011 gefallen ist (von 14 Millionen 2010 auf knapp 10 Millionen 2015), in Marokko (10 Millionen) und Südafrika (9 Millionen) jedoch beständig steigt4.  

Kleiner Exkurs zur Museumsgeschichte in Afrika

Kunstmuseen spielten in Afrika – abgesehen von einzelnen wenigen Ländern wie Ägypten, Algerien, Südafrika und Simbabwe – bis in die letzten Dekaden des 20. Jh. kaum eine Rolle. Zwar erlebte das sub-saharische Afrika im Zuge der Dekolonisierung und der anschließenden Phase des Nationbuildings in den 1960er Jahren einen ersten Museumsboom, doch waren für die damals unabhängig gewordenen Staaten Museen, die der nationalen Einheit und Geschichte gewidmet waren, weitaus dringlicher5. Eines der seinerzeit aufwändigsten Neubauprojekte war das von Maxwell Fry und Jane Drew im Stil des späten „Tropical Modernism“ entworfene und 1957 eingeweihte ghanaische Nationalmuseum in Accra6. Meist aber handelte es sich um Umwidmungen vormals kolonialer Museen in Nationalmuseen etwa in Abidjan, wo das in den 1940er Jahren gegründete ethnografische Museum des Institut francais de l’Afrique noire IFAN im Unabhängigkeitsjahr 1960 in „Musée national de Côte d’Ivoire“ umbenannt wurde. Oder in Daressalam; dort wurde das 1940 von den Briten inaugurierte George V Memorial Museum 1965 erweitert und anschließend als „National Museum of Tanzania“ ausgewiesen. Mitunter fiel die Eröffnung neuer Museen und Nationaltheater auch mit der Ausrichtung von Kunst- und Kulturfestivals zusammen. Das gilt etwa für das „Musée Dynamique“ in Dakar, das in Form eines monumentalen Peristyls von den Architekten Chesneau und Verola entworfen und 1966 anlässlich des „Premier Festival mondial des Art nègres“ eingeweiht wurde7; aber ebenso wie für das nigerianische Nationaltheater in Lagos, das 1977 von der bulgarischen Firma Technoexportsroy als Replik des Sport- und Kulturpalasts in Varna (1968) für das FESTAC-Festival errichtet wurde und neben Räumlichkeiten für Großveranstaltungen auch einen eigenen Ausstellungsbetrieb unterhielt8. Beide Gebäude werden heute anderweitig genutzt: das Musée Dynamique beherbergt seit 1983 den obersten Berufungsgerichtshof des Senegal, und das Nationaltheater Nigerias wurde 2014 an eine Investorengruppe aus Dubai verkauft, die plant das Gebäude in eine Shopping Mall zu konvertieren.  

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Autor
Tobias Wendl

* , Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Jochen Zeitz

* 1963, Mannheim, Deutschland

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David Adjayes

* 1966, Daressalam, Tansania

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* 1930, Saint-Pierre-d’Oléron, Frankreich; † 2017 in Saint-Rémy-de-Provence, Frankreich

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* 1921, Marseille, Frankreich; † 1998 in Paris, Frankreich

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