Band 251, 2017, Titel: I. Eine neue Museumskultur, S. 44

Museumsboom

Wandel einer Institution

herausgegeben von Heinz Schütz

Weltweit boomen gegenwärtig Museumsneubauten und Museumsgründungen. Dabei entstehen nun auch Kunstmuseen in Regionen wie Afrika und China, wo moderne und insbesondere zeitgenössische Kunst über lange Zeit kaum oder überhaupt nicht in entsprechenden Institutionen öffentlich zugänglich war. Der Boom vollzieht sich vor der Folie und als Teil der fortschreitenden Ökonomisierung und Digitalisierung. Er öffnet eine globale postkolonialistische Perspektive, die dem sich wandelnden Museum zur Herausforderung wird und Fragen nach seiner gegenwärtigen Rolle im Umgang mit Kunst aufwirft.  

Die klassische Museumsagenda basiert auf den vier Hauptaufgaben „Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen“. Am historischen Anfang des Museums steht die Sammlung, heute nun hat sich zunehmend das Ausstellen in den Vordergrund geschoben. Von außen betrachtet kommt dies dem von der Aufmerksamkeitsökonomie geforderten Ereignischarakter entgegen, kunstimmanent greift das Museum das von der Kunst anvisierte Performative auf und überträgt es nun auch auf den Umgang mit Objekten. Das Performative wiederum, insofern es zum „Gegenstand“ der Sammlung wird, stellt das Museum vor komplexe historische Aufgaben. Wenn Peter J. Schneemann in seinem Beitrag über „Das Museumserlebnis als Zeitkultur“ das „Museum als Handlungsmodell“ versteht, verwirft er im Rekurs auf Praktiken der Gegenwartskunst das simple Modell der unmittelbaren Wahrnehmung von Museumsobjekten und stellt fest: „Die Rezeption der zeitgenössischen Kunst operiert mit verschiedenen Zeitlichkeiten und Aggregatszuständen eines Werkes.“ Neue Möglichkeiten der globalen Besucher-Involvierung stellt das Internet zur Verfügung. Annet Dekker analysiert sie und weist unter anderem daraufhin, wie sich die permanente algorithmische Umstrukturierung von Internetarchiven der mündlichen Überlieferung annähert, wie aber auch das Museum im Netz aufgrund der ökonomischen Interessen der Plattformbetreiber kolonisiert wird. Mit Blick auf die digitalen Technologien und die „creative commons“ untersucht Martha Buskirk das Verhältnis von Kopie und Autorenrecht und stellt damit die Frage, wem die Objekte im Museum gehören und wer Anspruch auf ihre Autorenschaft hat.  

Mit der zunehmend globalen Verbreitung des Kunstmuseums richtet sich der Blick auf die möglichen politisch-kolonialistischen Implikationen der bestehenden und neu gebauten Museen. Alexandra Karentzos rekurriert dabei auf kritische Interventionen der beiden Künstler Walid Raad und Fred Wilson. Im Gespräch mit Jacques Herzog – neben dem Um- und Neuanbau der Tate Modern baute das Architekturbüro Herzog & de Meuron Museen auf drei Kontinenten – steht die Frage nach seiner Vorstellung von Museumsarchitektur im globalen Kontext im Vordergrund. Lars Nittve, Gründungsdirektor der Tate Modern und ehemaliger Exekutivdirektor des Hongkonger M+, berichtet von seinen Erfahrungen mit dem ambitionierten Großprojekt M+ und den zugrundeliegenden Intentionen. Die Hinwendung zu Kunstmuseen in Afrika untersucht Tobias Wendl aus historisch-kritischer Perspektive, Spotlights auf die neue Museumssituation in China wirft ein Beitrag von Jaewon Chey, und wenn Sabine B. Vogel den Lourve Abu Dhabi vorstellt, führt sie ein Beispiel der von Emmanuel Mir untersuchten Vermarktung von Museen als expansive Marken vor. Die gegenwärtige Museumsdebatte wird häufig ohne die Einbeziehung von Künstlerinnen und Künstlern geführt und dies, obwohl sie die nominalen Hauptakteure des Museums sind und ihre Kritik des Museums den avantgardistischen Diskurs beflügelte. Der vorliegende Band mündet in Gespräche mit der südafrikanischen Künstlergruppe Burning Museum über ihre Expansion des Museums in den öffentlichen Raum, mit what remains gallery über ihren Umgang mit Ausstellungsrelikten, mit Hito Steyerl über das „Museum als Schachtfeld“ und als „duty-free depot“ und mit Tania Bruguera über ihr zukunftsorientiertes Konzept der Arte Útil. Ein Manifest von Thomas Hirschhorn entwirft das „Museum der Zukunft“, ein Gespräch mit der Restauratorin Maike Grün lenkt den Blick zurück in die Gegenwart auf Hirschhorns Arbeit im Museum.  

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