Band 250, 2017, Monografie, S. 200

Arthur Jafa

Ikonographie eines schwarzen Amerikas

von Anneli Botz

Art Basel 2017, ein Gang über den kuratierten Teilbereich „Unlimited“. Ganz am Ende der Halle liegt eine Reihe einzelner Galerieräume nebeneinander. Bei Gavin Brown’s Enterprise aus New York wird der Besucher durch einen Vorhang in den dunklen Ausstellungsraum geführt. Die erste Begegnung mit Arthur Jafas Film „Apex“ ist allumfassend. Eine große Leinwand sendet, gepaart mit dem pointierten Staccato elektronischer Musik, eine in Sequenzen aufeinanderfolgende Bilderflut. Und diese ist keine leichte Kost. Es alterniert verstörendes Bildmaterial – das Foto einer Blutlache mit danebenliegender Waffe, ein in Scheiben geschnittenes Gehirn, ein brennender Korpus, Bilder der Sklaverei und schwarzer Diskrimierung – mit bekömmlicheren Aufnahmen, die das kollektive Bildgedächtnis ansprechen: Michael Jackson, die „Große Welle“ des Japaners Hokusai, Tupac, Mickey Maus, Kurt Cobain, King Kong. So schnell ziehen die Bilder am Auge vorbei, dass sich der Besucher nur flüchtig auf das Gesehene einstellen kann. „Apex“ von Arthur Jafa wirkt wie eine Art Brainwash-Rave, der unweigerlich in Bewusstsein und Unterbewusstsein vordringt und der es schwermacht, wegzuschauen. Der achtminütigen Videoarbeit von 2013, die aus hunderten von Bildern besteht, liegt eine Ästhetik zu Grunde, die ihre Einheitlichkeit im Fluxus findet, in der dichten Konzentration von Objekten, Menschen, Momenten, Ereignissen, in der fließenden Abfolge von Anspannung und Entspannung. Gerade in der Konfrontation mit dem Unangenehmen, dem Abstoßenden, liegt für den Künstler die Herausforderung: „Es liegt in der menschlichen Natur, vor Dingen zurückzuschrecken, die abschreckend sind. Im Laufe meines Lebens habe ich mich darin geübt, genau das Gegenteil zu tun und mich ganz bewusst jenen Sachen zuzuwenden, die mich verstören.“, so Jafa in einem Interview 2017.1 Das System, das nach dem Prinzip „Pressure und Release“ agiert, ist die Folge einer jahrzehntelangen Ansammlung von Bildmaterial, die Jafa über einen langen Zeitraum ohne konkretes Ziel zusammentrug und erst 2013 zu einem Film zusammenstellte. Thema ist die Studie schwarzer Kultur in Amerika und der Versuch einer filmischen Darstellung von etwas, das der Künstler als nicht vorhanden deklariert. Während er in der Musik deutlich den Einfluss schwarzer Kultur verortet, bleibt eine vergleichbare Ästhetik im Film ohne Equivalent. Daher erklärt er seinen Anspruch an die eigene Kunst wie folgt: „Ich folge einem einfachen Vorsatz: Ich möchte ein afroamerikanisches, ein schwarzes Kino schaffen, mit der Kraft, der Schönheit und der Distanziertheit schwarzer Musik. Das ist mein primäres Ziel. Die noch größere Aufgabe ist es, sich zu überlegen wie wir die Filmewelt dazu bringen können, sich mit den existentiellen, politischen und spirituellen Dimensionen auseinanderzusetzen, die uns als Menschen definieren.“2 Während auf formaler Ebene der zeitliche Wettlauf zwischen Bild und Musik steht, behandelt „Apex“ inhaltlich die Diskriminierung der Schwarzen in Amerika, die bis heute die Gesellschaft durchzieht und auch im Leben des Künstlers seit Kindheitstagen eine fundamentale Rolle spielt.  

Ich möchte ein afroamerikanisches, ein schwarzes Kino schaffen, mit der Kraft, der Schönheit und der Distanziertheit schwarzer Musik.

Arthur Jafa wird 1960 in Mississippi in den USA geboren, wächst in Clarksville auf und geht in dem benachbarten Tupelo zur Schule. Obwohl zu diesem Zeitpunkt die Segregation, die Rassentrennung, aus dem Gesetzbuch offiziell gestrichen ist, erlebt er selbst eine andere Realität. Während er in Tupelo die erste Grundschule besucht, die fortan auch schwarze Schüler aufnimmt, bleibt Clarksville dem alten, rassistischen, Gedankengut verhaftet. Mit einem Baseballplatz für Schwarze und einem für Weiße, einem Kino für getrennte Verhältnisse und einem allgegenwärtigen Gefühl der Ungleichheit. „Zwischen diesen beiden Orten aufzuwachsen, machte mich zu einem skeptischen Menschen. Ich stand sowohl der vermeintlichen Integration in Tupelo, als auch der sogenannten Segregation und der rückwärtsgewandten Denke in Clarksville kritisch gegenüber. Dies trug dazu bei, dass ich in beiden Umgebungen, sei sie nun integriert oder getrennt gewesen, verunsichert war. Ein Gefühl, das bis dato eigentlich alle meine Entscheidungen geprägt hat“, so Jafa im Interview. Nach dem Ende seiner High School Zeit studiert Arthur Jafa Architektur, entscheidet sich aber nach einigen Jahren der Berufstätigkeit für eine Neuorientierung. Sein eigentliches Interesse gilt dem Film, er wechselt den Karriereweg, wird Regisseur und Kameramann, arbeitet unter anderem mit Stanley Kubrick an „Eyes Wide Shut“ und mit Spike Lee an „Crooklyn“. Die Musikbranche wird auf ihn aufmerksam, er dreht mit Solange Knowles, mit Jay-Z. Einer seiner frühen Filme, „Daughters of the Dust“, die Geschichte einer Gullah Familie, die von afrikanischen Sklaven abstammt, inspiriert Beyoncé Knowles zu der Visualität ihres mehrfach prämierten Videos „Lemonade“. Vor allem in Jafas späteren Projekten tritt formal wie inhaltlich ein grundlegendes Thema hervor: Die Kultur, Geschichte und Gegenwart der schwarzen Bevölkerungsschicht in der amerikanischen Gesellschaft. Vor einigen Jahren wechselt Arthur Jafa in die bildende Kunst, hier sieht er die größte Freiheit zum Ausdruck seiner mannigfaltigen Ideen und Konzepte. Vor allem aber will er sichtbar machen, was bist heute in der westlichen Welt vielerorts übergangen wird: Die Zugehörigkeit schwarzer Kunst zum allgemeinen Kanon. „Die Tatsache, dass Schwarze ein nicht wirklich anerkannter Teil des allgemeinen Kunstkanons sind, ist natürlich auf die Diskriminierung zurückzuführen. Die Anti-Schwarzen Bewegung will den Einfluss schwarzer Kultur und Menschen in allen Teilen unserer Welt möglichst kleinhalten.“ Dennoch, so Jafa, lasse sich der Einfluss schwarzer Kultur auf den Kunstkanon keinesfalls leugnen. „Ohne den Einfluss afrikanischer Kunst gäbe es auch keine westliche Kunst. Und zu einem bestimmten Grad ist zeitgenössische Kunst ebenfalls ein Produkt dessen. Denn man kann nicht ernsthaft über Kunstpraxis sprechen wollen, und dann die Rolle herausstreichen, die schwarze Musik in diesem Zusammenhang gespielt hat.“ Was der Künstler hier thematisiert, lässt sich als eine Art indirekten Einfluss durch afrikanische Musik auf die Kunst des 20. Jahrhunderts definieren. In seiner Argumentation bringt er zudem die Tragweite der Begegnung europäischer Künstler mit afrikanischen Artefakten an, eine in der Kunstgeschichte nicht unübliche These. So sei beispielsweise das Werk Pablo Picassos maßgeblich durch afrikanische Artefakte beeinflusst worden, wie er anhand des Werkes „Les Demoiselles d’Avigon“ aus dem Jahre 1907 in seinem Artikel „My Black Death“ erklärt: „Picasso’s Demoiselle D’Avigon (und somit der Modernismus) ist das direkte Resultat einer Konfrontation mit afrikanischen Artefakten und die Erfindung des Kubismus lässt sich auf eben genau jene Auseinandersetzungen mit der formalen Beschaffenheit dieser Artefakte zurückführen.“3 Die formale Freiheit, die der Kubismus der traditionellen, von der Renaissance inspirierten Perspektive, gegenüberstellte, sei ein direktes Ergebnis der Begegnung mit der unkonventionelleren Formgebung afrikanischer Kunst gewesen.4 In Bezug auf den zuvor ebenfalls angeführten musikalischen Einfluss afrikanischer Kultur auf die Kunst führt Jafa exemplarisch unter anderem Jackson Pollock und den abstrakten Expressionismus an: „Pollock und die gesamte Bewegung des Expressionismus sind im Kern genau das, was man als schwarze Ästhetik bezeichnen kann. Wenn Pollock malte, dann hörte er wie ein Besessener Jazz. Ich glaube, dass die Musik, die der Künstler während der Arbeit hört, einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie er malt und was er malt. Gut, wenn es nun eine Landschaft, oder eine Teekanne oder ein Hund ist, dann mag es nicht so entscheidend sein. Aber wenn es darum geht, kein Objekt, sondern ein abstraktes Phänomen abzubilden, dann spielt die Musik, die man dazu hört sicherlich eine Rolle. Man könnte sie als das phonetische Gegenstück zu dem bezeichnen, was der Künstler in rhythmischer Natur auf die Leinwand bringt. Sie ist zugleich Fluss, Dynamik und Dimension.“ Die Bedeutung von afrikanischer Musik in der bildenden Kunst erklärt Jafa somit über die Immanenz des Kunstanspruches in der Musik an sich. Den Ursprung seiner Argumentation sieht er sowohl in der Jahrtausende alten Tradition afrikanischer Musik und deren internationaler Verbreitung sowie in den Grundzügen der Sklaverei verhaftet. Jenen, die als Sklaven von Afrika nach Amerika gebracht wurden, blieb natürlich keine Möglichkeit, kulturstiftende Artefakte, wie Skulptur oder Malerei, in den neuen Kontinent einzuführen, so Jafa. Dementsprechend blieben zwei grundlegende, immaterielle, Ausdrucksformen erhalten, die Musik und der Tanz, die nach Jafa maßgeblich den westlichen Kanon des 20. Jahrhunderts durchwirkten und es bis heute tun. Der Mangel und die Unterdrückung bildlicher Artefakte, grundlegender Ausdrucksbestandteil einer jeden Hochkultur, sowie die bis dato andauernde Negierung des Einflusses afrikanischer Kunstformen auf den Kanon, sind für Arthur Jafa im Umkehrschluss wiederum Indikator dafür, warum eine „schwarze Bildsprache“ im Film bis heute einem Fundament entsagt und daher Anlass zur Neubegründung bietet. „Ein Großteil meiner Arbeit besteht nicht nur darin, mich persönlich auszudrücken und Dinge zu erschaffen die andere faszinieren. Mir geht es darum, etwas zu kreieren, das man nicht von den Wurzeln trennen kann, aus denen es erwachsen ist.“ Jafas fundamentaler Anspruch beinhaltet, jene Wurzeln, die in der Musik ihren Ausdruck finden, gleichermaßen auf die filmische Leinwand zu übertragen.  

Die Anti-Schwarzen Bewegung will den Einfluss schwarzer Kultur und Menschen in allen Teilen unserer Welt möglichst kleinhalten

Das Genre der Videokunst fungiert für ihn an dieser Stelle auf verschiedenen Ebenen. Zum einen ist es als filmischer Ausdruck einer Kultur identitätsstiftend, zum anderen dokumentiert es als Darstellungsmedium die andauernde Diskriminierung schwarzer Kultur und Menschen, vor allem in den Vereinigten Staaten. So auch Jafas Film „Love Is The Message, The Message is Death“, der 2016 zum ersten Mal bei Gavin Brown’s Enterprise in New York gezeigt wurde und durch welchen Kurator Hans Ulrich Obrist auf Jafa aufmerksam wurde und ihn infolgedessen zu einer Ausstellung in die Serpentine Gallery nach London einlud. Der siebenminütige Kurzfilm besteht aus eine der Folge einzelner Videosequenzen, darunter Archivmaterial, Youtube Videos und Handyaufnahmen, die einen Querschnitt afroamerikanischer Geschichte und Gegenwart erzählen: Helikopteraufnahmen der L.A. Riots, Schwarz-Weiß Episoden aus Zeiten der Sklaverei, die mit dem Handy gefilmte Szene, in der 2015 der Amerikaner Walter Scott erschossen wird, eine tanzende Menge während eines Basketballspiels. Daneben ikonisch: Martin Luther King, winkend auf dem Rücksitz seines Wagens oder der ehemalige Präsident Barack Obama, der „Amazing Grace“ singt. Getragen wird die Abfolge von narrativen Elemente: „What would America be like, if we loved black people, as much as we love black culture?“, fragt in einer Szene eine junge Frau in die Kamera. Unterlegt ist der Kurzfilm mit dem Song „Ultralight Beam“ des amerikanischen Musikers Kanye West, eine Hommage an Gospel und Hip Hop, die Jafa selbst als kulturhistorisch bahnbrechend und als weitere Repräsentanz afroamerikanischer Kultur beschreibt. „Das Lied ist ein Meisterwerk, denn es schafft etwas eigentlich Unmögliches. Nämlich, dass ein Mensch eine schon bestehende Form, wie den Gospel Song, nimmt und ihn als Synthese aus Gospel und R&B, wie ein Ray Charles, zu Soul Music macht. Kanye hat so eigentlich die erste formelle Weiterentwicklung von Gospel Musik in 100 Jahren erwirkt.“5  

Pollock und die gesamte Bewegung des Expressionismus sind im Kern genau das, was man als schwarze Ästhetik bezeichnen kann

Stellt man „Love is the Message, The Message is Death“ der Videoarbeit „Apex“ gegenüber, so differenziert sich erstere durch die Verwendung des bewegten Bildes, durch die ruhigere Geschwindigkeit der Abfolge, durch Sprachsequenzen und narrative Momente. In der Zusammenstellung aus Youtube Videos und Handyaufnahmen entwickelt Jafa eine Ikonographie, die sich zeitgemäß der Visualität der sozialen Netzwerke des 21. Jahrhunderts verschreibt. Ein grundlegendes Werkzeug, das in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Dokumentation der Diskriminierung Schwarzer in Amerika beigetragen hat. „Ich erinnere mich daran, wie mir jemand vor einigen Jahren sagte, dass Handys nun auch integrierte Kameras haben würden. Ich dachte, das wäre das Dümmste, was ich je gehört hätte, Warum sollte man an seinem Telefon eine Kamera haben wollen? Aber heute sehen wir, welche Tragweite dies im Bezug auf die Dokumentation der Diskriminierung hatte und wie es zu der allgemeinenen Bestätigung dessen beigetragen hat, was Schwarze seit jeher gesagt haben.“6 Trotz formaler Unterschiede funktionieren sowohl „Apex“ als auch „Love is The Message, The Message is Death“ auf einer ästhetisch verbundenen Ebene, leben von einer bewegenden Emotionalität, ausgedrückt durch die dynamische Zusammenstellung von Musik, Bild und Rhythmus. Die Washington Post beschreibt Jafa’s Stil als eine Art visuelle Poesie, „a wedding of imagery and rhythm that connects oral tradition with the music video.“7 Während „Love is The Message, The Message is Death“ von vornherein bewusst als Videoarbeit angelegt war, entstand die filmische Bildfolge bei „Apex“ vielmehr durch einen Zufall. Zwei Freunde des Künstlers hatten den Ordner mit den einzelnen Bilddateien im Atelier auf einen anderen Computer übertragen und waren dabei auf den Gedanken gekommen, alle Dateien als eine Art Zeitstrahl hintereinander laufen zu lassen. Eine ungeplante Zusammenarbeit, die in ihrer finalen Umsetzung Rückschluss auf einen Grundethos des Künstlers zulässt. „Es ist schon komisch, wenn man selbst der Herrscher seines Universums ist, der Kerkerwächter und dann kommt da einfach jemand daher, nimmt dein Zeug und macht etwas komplett anderes damit. Etwas, das im Nachhinein auch zu einhundert Prozent Sinn macht, und dir dennoch nie eingefallen wäre. Ich bezeichne das als den ständigen Austausch untereinander. Das ist eine Sache, die mir wahnsinnig wichtig ist“, so Jafa im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist.8 Diese Art der künstlerischen Interaktion, die Anerkennung anderer Positionen, ist fundamental im Schaffen des Arthur Jafas. Seine jüngste Ausstellung „A Series of Utterly Improbable, Yet Extraordinary Renditions“, in der Londoner Serpentine Gallery widmet sich genau diesem Thema und würdigt jene von Jafas Zeitgenossen, die sein Denken und Schaffen beeinflusst oder inspirierend geprägt haben. Ein in der Kunstwelt nicht alltägliches Zugeständnis, zu prägnant scheint häufig der Gedanke, dem eigenen Werk Aufmerksamkeit und Geltung zu nehmen, würde man anhand anderer zeitgenössischer Positionen am eigenen Korpus Bilanz ziehen. Für Jafa ist das Prinzip der Partnerschaft, der Zusammenarbeit und Kollegialität ein besonderes, und dahingehend auch Kultur begründet. „Mich interessieren alle möglichen Arten und Weisen, wie Schwarze zusammenarbeiten können. Für uns herrschen andere Kategorien der Interaktion, wir leben in schwarzer Sozialität.“9  

Das bedeutet, dass wir zu dem Kern vordringen müssen, dem Kern, welcher der weißen Vorherrschaft, dem Patriarchart und der Homophobie zugrunde liegt

Warum nun dieser Diskurs, der nicht nur Arthur Jafas künstlerische Gestaltung, sondern auch seine gesellschaftlichen, kulturhistorischen und ethisch-moralischen Überlegungen mit einbezieht? Ein Artikel im Guardian beschreibt Arthur Jafa als einen Künstler von facettenreicher Vielfalt: „Jafa, [is] an energetic speaker, the kind you suspect has more ideas in a minute than most people have in their lifetime.“10 Um den Künstler Arthur Jafa also wirklich zu verstehen, muss man sich der umfangreichen Bandbreite seiner Argumentation und Grundlagenforschung widmen. Nicht nur möchte er eine eigene Visualität des schwarzen Films, ein „Black Cinema“ erschaffen, welches in seiner Tragweite dem Einfluss schwarzer Musik gleichkommt, sondern zugleich auf die Missstände hinweisen, welche die Abwesenheit einer solchen Ikonographie überhaupt erst bedingen. Hier steht nicht der künstlerische Umgang mit den Symptomen von Diskriminierung, Unterdrückung oder Rassismus im Vordergrund. Vielmehr will Jafa zu den Ursachen vordringen, die einer rassistischen, homophoben und patriarchalischen Gesellschaft zu Grunde liegen. „Ich habe dieses Bild vor Augen: Ich laufe die Strandpromenade entlang und sehe eine Gruppe schwarzer Menschen, die in Ketten liegen. Eine Erfahrung, die ich häufig mache, auch in der Kunstwelt. Ich schaue rüber und denke, „Wie kann es sein, dass ich all diese Vorteile und Möglichkeiten erhalten habe und nicht die andere Person da drüben? Warum ich und nicht er oder sie?“ Und trotzdem lasse ich mich nicht aufhalten, ich versuche nicht, das Boot zu retten. Denn diesem Boot zu helfen, würde nur einigen wenigen Menschen etwas bringen. Wir versuchen aber, jeden zu retten. Und das bedeutet, dass wir zu dem Kern vordringen müssen, dem Kern, welcher der weißen Vorherrschaft, dem Patriarchart und der Homophobie zugrunde liegt. […] Ich interessiere mich nicht für ein Manifesto. Ich interessiere mich dafür, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die mir etwas bedeuten, die ich liebe und mit denen mich ein gemeinschaftliches Ziel eint: Das Ziel, einen emanzipierten, einen gerechten Raum für jedermann zu schaffen. Für schwarze Menschen, und auch für alle anderen.11 Das Medium der Videokunst fungiert in diesem Zusammenhang als Grundstein einer identitätsstiftenden Ikonographie, die in einer Symbiose aus Vergangenem und Gegenwärtigem dem Versuch folgt, eine schwarze Ästhetik zu schaffen. Jafa zollt Tribut an die schmerzhafte Vergangenheit und die gegenwärtige Unterdrückung, aber auch an die Kraft, den Überlebensdrang und die Gemeinschaftlichkeit eines schwarzen Amerikas. Dies tut er auf sozialer, kunst- und kulturhistorischer sowie emotionaler Ebene. Mit einer ausgeprägten Sensibilität für Zeitgeschehen und Ursachenforschung, beansprucht Jafa gängige Repräsentationsmodi für sich und unterzieht sie einer Neudefinition. Am Ende steht vor allem der Anspruch, den Betrachter zu der Selbstkonditionierung zu bewegen, den Impuls, sich abzuwenden, zu unterdrücken, das Gesehene als Realität zu erkennen, emotional zu verorten und den Ursprung zu hinterfragen.  

Anmerkungen
1 T, Arthur Jafa im Gespräch mit Antwan Sargent, in: Interview Magazine, 11.01.2017,
2 T, Arthur Jafa im Gespräch mit Antwan Sargent, in: Interview Magazine, 11.01.2017, New York,
3 Arthur Jafa: My Black Death, in: Everything But the Burden: What White People Are Taking from Black Culture, von Greg Tate, New York, 2003, S. 170.
4 Vgl. Arthur Jafa: My Black Death, in: Everything But the Burden: What White People Are Taking from Black Culture, von Greg Tate, New York, 2003, S. 170.
5 T, Arthur Jafa im Gespräch mit Antwan Sargent, in: Interview Magazine, 11.01.2017, New York,
6 T, Arthur Jafa im Gespräch mit Antwan Sargent, in: Interview Magazine, 11.01.2017, New York,
7 Kaleem Aftab: Arthur Jafa: ‘So much of being black is tied up with whether someone’s potential is actualised or not.’, 06.06.2017, in: https://inews.co.uk/essentials/arthur-jafa-artist-inspired-beyonce-solange/
8 : Filmemacher ARTHUR JAFA im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, 27.07.2017, 032c.com/arthur-jafa
9 : Filmemacher ARTHUR JAFA im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, 27.07.2017, 032c.com/arthur-jafa
10 : Arthur Jafa: the go-to video artist for Jay Z and the Knowles sisters, 13.06.2017,
11 : Filmemacher ARTHUR JAFA im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, 27.07.2017, 032c.com/arthur-jafa
Arthur Jafa, Unbalanced Diptych1, 2016, Courtesy: Arthur Jafar und Gavin Brown’s enterprise, New York / Rom

Biografische Daten

Arthur Jafa wurde 1960 im amerikanischen Tupelo, Mississippi
geboren, er lebt und arbeitet in New York. 1983 beendete er an der Howard University Washington sein Studium der Architektur und arbeitete in den darauffolgenden Jahren als Architekt. 1991 wechselte er zum Film. Für sein Debut als „Director of Photography“ bei dem Spielfilm „Daughters of the Dust“, wurde Jafa 1991 mit dem „Best Cinematography“ Preis des Sundance Film Festivals ausgezeichnet. Als Kameramann arbeitete Jafa unter anderem mit Stanley Kubrick, Spike Lee und John Akomfrah, und für Künstler wie Jay-Z, Beyonce und Solange Knowles. Seine erste Einzelausstellung als Künstler fand 2016 bei Gavin Brown’s Enterprise in New York statt. Arthur Jafa ist Mitglied des Studio Kollektivs TNEG, arbeitet international als universitärer Dozent und hat diverse kritisch-theoretische Abhandlungen verfasst, so wie das 2015 erschienene Pamphlet „My Black Death“.

Einzelausstellungen
(Auswahl):
2017 LUMA Foundation, Arles, France; A Series of Utterly Improbable, Yet Extraordinary Renditions, Serpentine Gallery, London, UK; Love is The Message, The Message is Death,Museum of Contemporary Art, MoCA, Los Angeles;
2016 Museum of Contemporary Art, MoCA, Detroit;
Love is The Message, The Message is Death, Gavin Brown’s Enterprise, New York

Gruppenausstellungen
(Auswahl):
2017 The Body Politic: Video from the Met Collection, Met Breuer, New York; 2016 Made in L.A. 2016, Hammer Museum, Los Angeles; 2014 Ruffneck Constructivists, ICA, Philadelphia (curated by Kara Walker); 2002 Social Formal, Westfälischer Kunstverein, Münster, Germany

Auszeichnungen:

2015 Nominierung „Best Documentary, Black Star Film Festival“, Los Angeles; 1992 Cinematography Award, Sundance Film Festival, Sundance

Stipendien:

2002 Artist-in-Residence, ARTPACE, San Antonio

Bibliografie:

Arthur Jafa, On the Blackness of Blacknuss: My Black Death, Publication Studio Hudson City Hudson, NY, 2015

Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Weitere Personen
Pablo Picasso

* 1881, Málaga, Spanien; † 1973 in Mougins, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Jackson Pollock

* 1912, Cody, Verein. Staaten; † 1956 in Springs-East Hampton, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...