Band 250, 2017, Titel: Ressource Kreativität, S. 42

Ressource Kreativität

150 Anstiftungen zum Querdenken

herausgegeben von Paolo Bianchi

Die Menschheit steht heute am Beginn eines einschneidenden Zeitalters: die vierte industrielle Revolution wird die Differenz von Mensch und Maschine epochal verringern. Trotz alledem: Das Potenzial der kreativen menschlichen Intelligenz bleibt für die künstliche Intelligenz unverzichtbar. Die Beiträge der Autoren dieses Heftes finden ihre Wirkung jenseits von technikaffinem Leistungszwang und gehypter Kreativitätshysterie. Sie liefern unisono Anstiftungen zum Querdenken für eine eigensinnige Welt. Sie stellen das Phänomen Kreativität auf den Prüfstand einer mehrheitlich kulturphilosophischen Reflexion. Dabei wird nicht nur vom Rätsel der Kreativität gesprochen, sondern auch von dessen Auflösung.  

Im Rück- und Rundblick von Jürgen Raap geht es um die Begriffsgeschichte und den Begriffswandel von Kreativität. Dies geschieht anhand ausgewählter Themenbände und Beiträge im KUNSTFORUM von den Anfängen bis heute. Erhellend zu lesen, dass sich bereits 1978 ein Kunstkritiker darüber beklagte, dass die Welt zu einem „Tollhaus der Kreativität“ verkommen sei. Wenn Kreation und Kreativität mit der Bedeutung von erschaffen, erzeugen und gestalten konnotiert sind, dann waren diese schöpferischen Aktivitäten ausschließlich Gott vorbehalten. Bei ihrer Zuweisung auf den Menschen entstand in Analogie zum „Deus creator“ der Begriff „Homo creator“. Diesem „creare“ und wie der Mensch durch die Erkenntnis seiner wahren Bedürfnisse zu einem glücklichen und schöpferischen Leben findet, gehen in einem anschaulichen Video-Drehbuchtext Heiner Borggrefe (Museumsmann), Rolf Schönlau (Schriftsteller) und Peter Tischler (Künstler) auf den Grund.  

Dass es grundsätzlich wertvoll ist, die Kreativität als Ressource zu aktivieren, und wie das am besten geschehen kann, zeigt der Essay von Paolo Bianchi, indem jedoch auch die dunkle Seite des Kreativen nicht verschwiegen bleibt – betrieben durch Despoten und Populisten. Darauf reagiert Burghart Schmidt, der in seiner philosophischen Reflexion von der Vorstellung einer starken Phantasie abrückt, um durch eine geschärfte Argumentation das Starke an der schwachen Phantasie als Ultima Ratio in den Blick zu nehmen. In seiner kulturkritischen Betrachtung über die Höhen und Tiefen des Kreativitätsbegriffs spannt Ulf Wuggenig einen weiten Bogen: von den 1950er Jahren über das Schlüsseljahr 1968 bis hin zur aktuellen Entwicklung. Mit der Conclusio: Der Kreativitätsbegriff muss gereinigt werden. Im Video „Bloom!“ von Stefan Hurtig wird deutlich, wie der Medienkünstler die Kreativität als Sinn oder Ersatz des Lebens befragt.  

Thomas Macho deckt auf, was der Preis des Schöpferischen beinhaltet: dass das Neue immer durch die Zerstörung des Alten in der Welt seinen Platz findet. Ihm selbst bleibt es übrigens versagt, an eine Dialektik von Kreativität und Zerstörung zu glauben, da die letzten 150 Jahre von einem gewaltigen Akzelerationsprozess kreativer Vernichtung geprägt waren. Von Waffenerfindungen der schrecklichsten Art, von genozidaler Politik bis hin zu dramatischer Umweltzerstörung. Siegfried J. Schmidt bringt es auf den Punkt: Wenn Kreativität Kreativität produziert, dann führt das dazu, dass sich ihre Innovativität nach einer gewissen Zeit aufhebt.  

Karlheinz Pichler berichtet darüber, wie es bei Sabine Marte einfach „Wumm!“ macht, sobald sie mit dem Zeichnen beginnt. Und Dieter Mersch beschreibt in seiner Vorlesung, dass es durch solch kreative Wummeffekte zu einem Sprung auf eine neue Reflexionsebene kommt. Ein Kuratorenbericht fasst die Übungen und Erlebnismomente im Zürcher Kreativdepot zusammen. Die Besucher erfuhren, so trivial wie wahr, durch kreatives Tätigsein große Freude und Genugtuung. An orangenen Fahnen hingen fünf Thesen zum Thema Kreativität und Paradoxie. In einer Videoprojektion sprach Peter Kruse davon, dass die Vernetzung von Kreieren, Wissen und Vermitteln kreative Intelligenz erzeuge. Genau dem fällt hier und jetzt die höchste Priorität zu.  

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Autor
Paolo Bianchi

* 1960, Baden, Schweiz

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