Band 248, 2017, Ausstellungen: Karlsruhe, S. 574

Markus Lüpertz

Kunst die im Wege steht
ZKM Karlsruhe 29.04. – 20.08.2017
von Hans-Dieter Fronz

Markus Lüpertz wartet schon. Pünktlichkeit, heißt es, ist die Höflichkeit der Könige; wie es scheint, ist sie auch eine Tugend der Fürsten. Denn wie der Künstler da so sitzt – ein soignierter Mittsiebziger von schlichter Eleganz, den aufgerichteten Gehstock mit dem überdimensionalen silberfarbenen Totenkopfknauf einem Szepter gleich in der Rechten – , will das Wort vom Malerfürsten nicht ganz weit hergeholt erscheinen. Lüpertz mag die Vokabel nicht, die in keiner Rezension fehlen darf und die zumindest hinsichtlich der Preise seiner Werke auf dem Kunstmarkt ins Schwarze trifft.  

Aristokratisch immerhin wird man seine Erscheinung nennen dürfen. Oder liegen wir ganz falsch und weist sein Äußeres in eine völlig andere Richtung? Sein goldener Ohrring, in der Tat, gibt Lüpertz den Touch eines Dandys. Als solchen jedenfalls bezeichnet den Künstler bei der Pressekonferenz zu der Ausstellung „Markus Lüpertz – Kunst die im Wege steht“ im ZKM Karlsruhe dessen Direktor Peter Weibel. Den Dandyismus erklärt Weibel zum Wesenskern der Moderne. Und spricht mit Blick auf die Schau von einem „Fest der Malerei“. Weibel stilisiert den Künstler zum Kämpfer für die Legitimität von Malerei in malereifeindlicher Zeit, ein wenig auch zum Retter der Moderne. Mit Nachdruck aber zum Streiter für die Rechte des Individuums. Und ganz am Ende sogar zu einem existentiellen Maler.  

Der so Geehrte fühlt sich an „feindlicher“ Stätte (Lüpertz) am richtigen Ort. Denn eigentlich, so Lüpertz, gibt es zwischen der Malerei und den neuen Medien, wie sie im ZKM zu Hause sind, keinen Konflikt – nicht einmal einen prinzipiellen Unterschied. Die neuen Medien, doziert er vor der versammelten Presseschar, bedienten sich lediglich eines anderen Vokabulars als die Malerei mit ihrer mehrtausendjährigen Geschichte. Auch fühlt er sich von Weibel, für den seine Skulpturen auf einer Ebene mit den Bildern rangieren, durchaus angemessen gewürdigt. Und zieht eine direkte Linie von seinen Bildwerken zu den plastischen Arbeiten von Maler-Sculpteuren wie Degas, Matisse und Picasso. Bescheidenheit ist eben nicht seine Tugend.  

Dafür ist Lüpertz ein glänzender Causeur in Kunstdingen. Geistreich verteidigt er die Autonomie der Kunst gegen die Ansprüche von Pädagogik und Politik. Und grenzt die Institution Kunstakademie, der langjährige Rektor der Düsseldorfer Akademie muss es wissen, als „Geniebude“ unterhaltsam gegen die pädagogische Anstalt ab, die andere in ihr sehen wollen. Oder er erzählt vom Daumenkino der Bilder, das er als junger Maler in Serien von Gemälden mit fast identischem Motiv realisieren wollte. In der Ausstellung liefert hierfür die 20-teilige Bildinstallation „Gegen Abend besetzen Störche Lüpolis“ von 1977 Anschauungsmaterial.  

Mit Gemälden und Skulpturen, mannshohen Terrakotta-Reliefs sowie Druckstöcken und Bronzegüssen der Serie „Männer ohne Frauen (Parsifal)“ spannt die Schau in den Lichthöfen 8 und 9 einen Bogen vom Frühwerk zu aktuellen Arbeiten. Die Lüpertz-Retrospektiven häufen sich in den letzten Jahren. 2009 die große Werkschau in der Bundeskunsthalle in Bonn, gefolgt von Amsterdam, Wien und Madrid; 2015 eine sehr umfangreiche Retrospektive im Musée d’art moderne de la ville de Paris. Und jetzt also – gleichzeitig mit der exzellenten Präsentation der Phillips Collection in Washington D. C. – auch in Karlsruhe.  

Beim Presserundgang nennt sich Lüpertz provokativ einen abstrakten Maler, der eben darum Gegenstände in seinen Bildern liebe. In „Das Ende des Orpheus“ (1984), ein Gemälde hart am Rande der Abstraktion, erläutert sich die Äußerung anschaulich; nicht minder in „Komposition mit Grün“ und „Komposition mit Orange“ (beide 1998). In zwei ganz gleich geartete abstrakte Kompositionen setzt Lüpertz dann jeweils noch einen Raben – seine Antwort vielleicht auf Baselitz’ Adler. Der 33-teilige „Dädalus-Zyklus“ von 2002 mit Vogelfedern schließt auch so unverdächtige Spezies wie Taube und Rotkehlchen ein.  

Seine Malerei will Lüpertz, wie er bei dem Rundgang deutlich macht, nicht illustrativ, sondern atmosphärisch verstanden wissen; eine Aussage, die sich angesichts der „4 Bilder gegen den Krieg“, die er 1992, in der Zeit des Balkankriegs malte, plausibel vermittelt. In der archaisierenden und frappierend lakonischen Bildsprache, in der Verweigerung einer diskursiv fassbaren Bildaussage auch gehört die Arbeit zu den stärksten Werken der Schau. Eins der vier Bilder, „Fronttheater“, hat mit seiner schauerlich-burlesken, vieldeutigen Szenerie etwas von einem verdüsterten Beckmann; die lapidare Leib-Dinglichkeit in „Massaker“ gemahnt mehr an Francis Bacon. Wie in den „5 Bildern über den Faschismus“ (1980) widerstand Lüpertz hier seinem insbesondere in der Plastik ausgelebten Drang ins Giganteske. Den durfte er in dem riesigen Wandgemälde für das Krematorium Ruhleben 1977 in Berlin, von dem die Ausstellung eine 8 mal 14 Meter große Vorzeichnung bietet, ungebremst ausleben.  

Die allermeisten Exponate stammen aus der Sammlung Ströher und waren bereits 2016 bei der ersten Station der Retrospektive im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg zu sehen. Dort fehlte die raumgreifendste Karlsruher Arbeit: eine Installation mit einer in Bruchstücke zerlegten Replik seines „Mercurius“ vor der Bonner Telekom-Niederlassung. Merkur, der elf Meter hohe Telekom-Götterbote von Bonn – in Karlsruhe bringt er als eine Art zerstückelter Dionysos Lüpertz’ dithyrambische Malerei des Frühwerks in einem Bild der Zerstörung verwandelt wieder. Bruchstücke des kolossalen Werks bespielen als Steingüsse auf groben, aufgebockten Holzpaletten den halben Lichthof 9. „Bitte nicht betreten“ ist auf einem Schild am Rande des Teppichs zu lesen, der dem Trümmerfeld unterlegt ist.  

Eine eindrucksvolle und ausdrucksstarke Installation, gewiss; vielleicht überhaupt die beste Arbeit der Schau. Aber auch ein sperriges, unbequemes Werk? Kunst, die im Wege steht, wie der Titel der Schau formuliert? – Eher nicht. Dafür ist Markus Lüpertz längst zu erfolgreich, wird seine Kunst zu teuer gehandelt und von allen Seiten begehrt.  

Autor
Hans-Dieter Fronz

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Markus Lüpertz

* 1941, Liberec, Tschechische Rep.

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Peter Weibel

* 1944, Odessa, Ukraine

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