Band 248, 2017, Titel: documenta 14 Gespräche, S. 222

Katerina Koskina

Die sanfte Landung eines Athener Museums in Kassel

ANTIDORON - Die EMST-Collection im Fridericianum  

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks mit der Kuratorin der Ausstellung und Direktorin des EMST, Kassel

„Von Athen lernen“ heißt die Documenta. Ein Ort, in dem sich dem Besucher Tendenzen und Perspektiven in der zeitgenössischen Kunst Griechenlands erschließen, ist das Fridericianum. Dort ist das Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, kurz EMST mit einem Überblick auf seine Sammlung zu Gast. Zu sehen sind vorwiegend Werke griechischer, aber auch internationaler Künstler. Kuratiert wurde diese Schau von der Direktorin Katerina Koskina. Im Dialog mit ihren Mitarbeitern/innen hat sie eine Ausstellung entwickelt, „die dem Gebäude in seiner gesamten vertikalen Ausdehnung eine libidinöse Ökonomie einimpft“. Beim Durchlaufen der Stockwerke erlebt man so etwas wie die Paarung von Bank und Museum, die sich beide als Mehrwert akkumulierende Maschinen erweisen. Die Gender-Frage wird ebenso berührt wie die Themen „Liebe“ und „Arbeit“, aber nicht nur die der Menschen, sondern auch die der Sonne. Bei dieser Präsentation geht es nicht nur um die Sichtung der Kunstschätze des Museums, sondern auch darum, der Weltöffentlichkeit ein Museum ans Herz zu legen, das sich bis heute in einer instabilen Situation befindet. Zudem darum, was Gastfreundlichkeit bedeutet. Das EMST ist die einzige Institution, die der Documenta in Athen nicht nur Räume zur Verfügung gestellt hat, sondern auch großen Wert auf wahren Austausch legt.  

Heinz-Norbert Jocks: Dass ein Teil der Sammlung des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst, kurz EMST in dem Fridericianum gezeigt wird, hat wohl nicht nur damit zu tun, dass die Documenta einen Einblick in diese gewähren möchte. Die Situation des Museums in Athen ist keine stabile. Und zwar nicht nur wegen der schlechten Finanzlage, sondern auch deshalb, weil sich der Staat nicht klar zur zeitgenössischen Kunst bekennt. Von daher scheint es mir, als sollte der Auftritt der Sammlung in Kassel dem Haus in Athen den Rücken stärken. Es geht nicht nur um ein übliches Gastspiel musealer Schätze, sondern auch um eine Stabilisierung des Museums.  

Katerina Koskina: Ja, so ist es. Ehe ich dazu etwas sage, erlaube ich mir einen kleinen Umweg. Dass die Documenta in Athen in das Gebäude des EMST wollte, hat damit zu tun, dass hier nun machbar ist, was sonst nirgendwo in Athen möglich ist. Aber ein Problem bestand darin, dass das Museum noch gar nicht in Betrieb war. Es war quasi ein Provisorium und noch gar beschlossen, dass es hier auf Dauer bleiben kann. Deshalb war es unser Ziel, Herr vor Ort zu werden. Dafür musste uns das Gebäude zuerkannt werden, doch dazu kam es erst vor einigen Monaten. Zuvor hatten wir sicherzustellen, dass das Gebäude überhaupt funktioniert. Denn seit eineinhalb Jahren war hier nichts gelaufen.  

Wann kam Adam Szymczyk auf Sie zu?  

Adam und Annette Kulenkampff kamen 2014, und zwar noch vor meiner Ernennung, also zur Zeit meines Vorgängers. Dieser ging davon aus, dass das Haus bis 2017 funktionstüchtig sein würde. Es gab ein erstes Übereinkommen zwischen EMST und Documenta, wie es auch zwischen dieser und den anderen, insgesamt 40 Athener Institutionen bestand. Die Ur-Idee war, der Documenta das Untergeschoß für eine begrenzte Zeit zur Verfügung zu stellen. Dieses ist ein sehr großer, vielleicht der schönste Saal mit hohen Decken. Außerdem noch das Erdgeschoss. Der Rest des Hauses, von der zweiten bis zur vierten Etage, sollte unberührt bleiben, damit das Museum den eigenen Betrieb aufrechterhalten kann. Mein Vorgänger wollte, dass sich das Museum vom Untergeschoss bis hin zur Terrasse über mehrere Jahre hinweg ausschließlich nur auf die Präsentation der permanenten Sammlung konzentriert und auf Wechselausstellungen verzichtet. Adams Wunsch war es, das Unter- und Erdgeschoss, also die Räume der Wechselausstellungen nutzen zu dürfen.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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* 1970, Trybunalski, Polen

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