Band 247, 2017, Titel: 57: Biennale Venedig: Gespräche, S. 242

Anne Imhof

Der Anfang und das Ende des Anderen
von Heinz-Norbert Jocks

Heinz-Norbert Jocks: Mir wäre lieb, du würdest mit einer möglichst genauen Beschreibung der von dir eigens für Venedig konzipierten Arbeit „Faust“ beginnen.  

Anne Imhof: Wir haben einen doppelten Glasboden in den Pavillon eingefügt, auf dem die Besucher durch den Raum gehen. Das Gebäude besteht aus einem Mittelschiff mit vier Seitenräumen, alle mit einem Marmorboden versehen. Zwei von ihnen senken sich jetzt ab und werden so zu Bassins. Es wurden Leitungen verlegt, um sie mit Wasser füllen zu können. Sie werden geflutet, so dass sie überlaufen und das Wasser über die Stufen nach draußen fließt. Der eigentliche Haupteingang ist versperrt, man betritt die Ausstellung durch die Seitenräume. Der Portikus wird von Glaswänden eingeschlossen, wodurch zwei Außenräume entstanden sind, in denen sich Hunde aufhalten. Über die Dauer des Tages wechseln diese sich ab. In den Seitenräumen sowie draußen hängen Siebdrucke, Metallplatten und Ölmalereien, sowohl grau monochrome als auch ein figuratives auf schwarzem Hintergrund. Es zeigt einen Rückenakt.  

Ein wichtiger Bestandteil der mehrteiligen Arbeit ist der Auftritt der Performer.  

Ja, dabei handelt es sich um Leute aus den verschiedensten Bereichen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite. Zum Beispiel mit Franziska Aigner, die als Philosophin gerade ihre Promotion in London am King’s College abschließt. Billy Bultheel dagegen ist Komponist und Künstler. Frances Chiaverini, Emma Daniel, Josh Johnson und Mickey Mahar sind professionelle und großartige Tänzer. Viele waren bereits an früheren Stücken beteiligt. Es gibt außerdem ein paar neue Leute, die jetzt zum ersten Mal dabei sind. Mit einigen, mit denen ich eng befreundet bin, arbeite ich seit nunmehr über fünf Jahren.  

Wie läuft die Arbeit? Gibst du eine Idee vor, die zur Improvisation ermuntern soll?  

Die Abläufe im Stück und das Vorgehen der Akteure gleichen sich nie. Die Wege, die wir einschlagen, um zu erreichen, was am Ende zu sehen sein wird, verlaufen jedes Mal unterschiedlich. Oft sind es Dinge, die sich in meinem unmittelbaren Umfeld abspielen, die einen Ausgangspunkt bilden. Mich inspiriert, was mich umgibt, und das landet auf der Leinwand oder findet Eingang in die Stücke. Das Zusammensein mit den Personen, mit denen ich zusammenarbeite, begrenzt sich nicht nur auf die Zeit im Studio. Wir verbringen viel Zeit außerhalb der Arbeit zusammen. Oft nehme ich bei der Entwicklung der Arbeiten Zeichnungen zur Hilfe. So auch bei „Faust“.  

Warum nennst du sie so?  

Bei „Angst“, einer Oper, die ich vergangenes Jahr in drei Teilen in Basel, Berlin und Montreal gezeigt habe, beruhte die Entwicklung des Stücks maßgeblich auf dem titelgebenden Begriff. Der Name der neuen Arbeit kam diesmal später, als Dinge bereits entstanden waren. Ihr liegt ein gewisser Widerstandsgedanke zugrunde, und es gibt Bezüge zu damit korrespondierenden Symboliken. Die zur Faust geballte Hand ergab sich während der Vorbereitungen als eine von mehreren zentralen Gesten und Motiven im Stück.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Anne Imhof

* 1978, Gießen, Deutschland

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Biennalen
Biennale di Venezia

I – Italien

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