Band 246, 2017, Titel: Public Image, S. 152

Jonathan Meese

Populismus ist Geschmacksterrorismus

von Oliver Zybok

Kaum ein Künstler der Gegenwart polarisiert die Öffentlichkeit in einem derartigen Ausmaß wie Jonathan Meese. Seine vielfältigen künstlerischen Auseinandersetzungen – von der Malerei, Skulptur, Grafik und Fotografie über den Film, die Oper, Installation und Performance, bis hin zu Gedichten und Texten – werden kontrovers diskutiert. Aber warum? Meese hinterfragt das derzeitige gesellschaftliche System und möchte es durch eine „Diktatur der Kunst“ ersetzen. Das politische Establishment reagiert, und versucht öffentliche Auftritte des Künstlers zu vermeiden. So wurde er als Regisseur des Parisfal für die Bayreuther Festspiele ausgeladen. „Kultur ist Menschenjagd“, so Meese. „Ich bin das Gejagteste. Mich befällt die Hetzjagd. Mich erfasst der Befindlichkeitsterrorismus der Projektionisten. Mit mir gibt es Nichts theoretisch zu besprechen, ich bin die totale Neutralität. In mir existiert keine Ironie, kein Zynismus, kein Sarkasmus. Wir lassen uns diktieren, was Freiheit ist. Wir sollen kaltgestellt werden, uns soll der Atem genommen werden.“  

Oliver Zybok: Zum Einstieg möchte ich eine ganz allgemeine Frage stellen. Sie zielt auf ein gesellschaftliches Kunstverständnis ab. Was glaubst du, hat die breite Öffentlichkeit für ein Bild bzw. für Bilder von Kunst vor Augen, wenn man sie schon nur alleine mit ihrem Begriff konfrontiert? Wenn ich von Öffentlichkeit spreche, meine ich nicht Kunstinteressierte, nicht das Bildungsbürgertum, sondern vielmehr Menschen, die kaum Berührungspunkte zur Kunst besitzen.  

Jonathan Meese: Ich kümmere mich eigentlich nicht darum, was Menschen über meine Arbeiten denken, sondern ich mache sie einfach. Für die meisten Menschen gibt es die Verbindung Kunst und Geld – Kunst, das ist etwas Teures, und erst dann ist es Kunst. Für viele ist sie Dekoration für Religion, Politik, Ideologie oder Reichtum. Gleichzeitig haftet ihr auch etwas Abwegiges an, nach dem Motto, da ist der verrückte Künstler – aber zu verrückt darf er auch nicht sein. Und einige sprechen hinsichtlich der Kunst von „Schönheit“, sie muss über’s Sofa passen usw. Andere wiederum betrachten sie als Spekulationsobjekt. Alles, was ich jetzt gerade aufgezählt habe, hat mit Kunst nichts gemein. Gleichzeitig wird der Öffentlichkeit eingeredet, Kunst sei etwas Abgehobenes, das mit ihnen gar nichts zu tun hätte. Ich möchte eigentlich die ganze Zeit erzählen, dass Kunst wie Atmung ist, etwas völlig Normales, das alltäglich bei den Leuten auf dem Butterbrot landet. Alles, was man heute als Kunst betrachtet, wird durch die Wertfrage elitär behandelt oder heilig gesprochen – Geld, und damit der Kunstmarkt, spielt eine nebensächliche Rolle. Was sich in einem jedem von uns abspielt, in einem Leben passiert, das ist bereits Kunst. Wenn du mit deinen Kindern spielst, wenn du ein Glas Bier trinkst, ist das ein Akt der Kunst, aber nur, wenn keine ideologischen Dogmen zugrunde liegen.  

Was ist für dich eine Ideologie?  

Wenn ich etwas, das nicht notwendig ist, zum Gesetz erhebe, wird eine Ideologie formuliert. Wenn ich zum Beispiel sage, alle Menschen müssen Lamborghinis fahren, und diese Forderung gesetzlich, quasi per Dekret manifestiere, dann ist dieser Akt ideologisch bedingt. Als Politiker unterliege ich per se einer Ideologie, als Priester, Bischof oder Papst ebenso. Ich kann auch ein Künstler aus ideologischen Gründen sein, aber dann bin ich eigentlich kein Künstler, sondern ein Kulturfunktionär. Bei vielen Berufen kann der Mensch entscheiden, ob er bei dessen Ausübung einer Ideologie unterliegt, oder eben nicht. Wenn ich aber ideologisch handle, bin ich ein Verräter meines Berufsstandes. In einen Beruf gehört keine Ideologie, sie ist nicht zukunftsgerichtet, sie ist kunstlos. Ideologisch handeln bedeutet, etwas zum Gesetz zu erheben, was nur meinen Geschmack darstellt. Wenn ich sage, ich esse gerne Kartoffelbrei, dann ist das in Ordnung. Aber sobald ich kein Verständnis für denjenigen aufbringe, der keinen Kartoffelbrei mag, reagiere ich aus ideologischen Gesichtspunkten, und das ist falsch.  

Ich möchte eigentlich die ganze Zeit erzählen, dass Kunst wie Atmung ist, etwas völlig Normales, das alltäglich bei den Leuten auf dem Butterbrot landet.


Um den fragwürdigen Definitionen von Kunst entgegenzuwirken, forderst du eine „Diktatur der Kunst“. Zahlreiche Kritiker haben ein Problem mit dieser Bezeichnung, sie wäre Ausdruck von etwas Totalitärem. Ist die Diktatur der Kunst heute in der Krise der Demokratie mehr denn je von Nöten?
 

Ich merke, dass die Menschen mir mehr zuhören als früher, es nicht mehr ohne Weiteres als Unsinn abtun, was ich sage. Denn eines ist heutzutage offensichtlich: Politik und Religion sind gescheitert – grundsätzlich. Die Leute stellen fest, es muss sich etwas verändern, kommen aber nicht mit meiner Überzeugung klar, dass Kunst die Lösung ist. Sie haben ein Problem mit dem Wort „Diktatur“, obwohl die Sonne ein Diktator ist, oder der Schlaf und die Liebe, das sind ja diktatorische Einheiten. Die Sonne zum Beispiel ist ein Monopolist. Ohne Sonne kann ich nicht leben, die ist da und ich muss mich ihr hingeben, ich kann nicht auf Ikarus machen, was viele Menschen tun. Für mich sind alle Politiker Ikarusse, die Menschen auf eine Reise mitnehmen, die im Verderben endet – Politik löst keine Probleme mehr, sie schafft nur noch welche. Und wir sind an einem Punkt angekommen, gerade 2017, an dem wir es merken. Politik und Religion haben sich selbst ad absurdum geführt, es muss jetzt etwas Neues kommen. Ich sage schon seit zwanzig Jahren: Wir müssen eine neue Regierungsform anpeilen, und das kann nur eine versachlichte Führung sein, die ich aber nicht wähle, es gibt sie einfach, zum Beispiel die Diktatur der Liebe oder die der Zukunft. Das alles kann ich nicht wählen, sie sind da. Ich kann nicht mehr Menschen an die Macht wählen, denn die können mich nicht repräsentieren. Unser derzeitiges gesellschaftliches System funktioniert nicht mehr.  

Für mich sind alle Politiker Ikarusse, die Menschen auf eine Reise mitnehmen, die im Verderben endet – Politik löst keine Probleme mehr, sie schafft nur noch welche.


Dein Ansatz erinnert ein wenig an Bruno Latours Forderung eines „Parlaments der Dinge“. Anstatt des bisherigen Zweikammerkollektivs von Gesellschaft und Natur bestimmt er ein neues Kollektiv, das sich aus Menschen und nicht-menschlichen Wesen zusammensetzt. Er fordert die ständige Kommunikation der Menschen, aber auch der Dinge und der Tiere als gemeinsam Handelnde und von ihrem Handeln Betroffene. Wenn du nun aber von einer Diktatur sprichst, hat die Menschheitsgeschichte mit wenigen Ausnahmen in der Antike gezeigt, dass sie nicht im Sinne der Menschen funktioniert.
 

Sie funktioniert, wenn man Menschen eben gar nicht an die Macht lässt, sondern Sachlagen. Die Sonne ist eine solche Sachlage. In der Tierwelt werden keine Führer gewählt, Rangfolgen entstehen, und wechseln je nach Situation. Dieser Ansatz ist für mich wichtig. Ich möchte einen Leader haben, aber nicht einen der links- oder rechtspolitisch ist, auch nicht einen protestantischen, hinduistischen oder buddhistischen, sondern jemanden, der sachlich umsetzt, was notwendig ist. Dieser Jemand wird nicht gewählt, sondern erhält seine Funktion durch die vorgegebene Sachlichkeit. Wir haben aus Gewohnheit über Jahrtausende immer Führungen gewählt und uns damit zu Mitläufern gemacht. Dadurch, dass wir durch eine Wahl einem anderen Menschen eine repräsentative ideologische Macht schenken, machen wir uns selbst verantwortungsfrei. Ich plädiere für den total verantwortlichen Menschen, der das tut, was notwendig ist. Politiker sind Figuren, die züchten Opfer und Täter zugleich und je nach Stimmungslage bist du einmal Opfer, dann Täter. Für einen Linkspolitischen ist das Rechtspolitische der Fehler, für einen Rechtspolitischen ist das Linkspolitische der Fehler, aber beides ist gleich falsch.  

Und bei der Kennzeichnung des Falschen nimmt die Kunst eine Vorreiterrolle ein?  

Kunst nimmt immer die Vorreiterrolle ein, weil sie die Zukunft ist. Kunst ist das, was überlebt, das wird irgendwann jeder verstehen. Man wundert sich, warum ist aus dem alten Griechenland, dem alten Rom oder dem alten Ägypten nur die Kunst übrig geblieben? Weder die Religion noch die Politik dieser Völker haben überlebt, weil sie zu schwach waren.  

Du formulierst Manifeste, die in ihrer traditionellen Art schon etwas Doktrinäres an sich haben. Wie entgehst du einem Totalitarismus?  

Kunst ist letztendlich total. Es gibt nicht irgendetwas, das 0,1 Prozent Kunst ist und 99,9 Prozent etwas Anderes. Entweder etwas ist zu einhundert Prozent Kunst, oder eben nicht, entweder ist etwas Design oder Kunst, Politik oder Kunst usw. Es gibt da keine gemeinsamen Schnittstellen, irgendwann wird sich etwas ganz Konkretes herauskristallisieren. Eine Verwässerung von Dingen ist in der Kunst nicht möglich. Die Kunst überlebt, andere Bereiche nicht.  

Kunst ist das, was überlebt, das wird irgendwann jeder verstehen.


Was sind die anderen Bereiche?
 

Zeitgeist und Tagespolitik zum Beispiel werden niemals kunstfähig sein. Sie vergehen, bevor man sich überhaupt mit ihnen befasst hat. Kunst ist immer mindestens einen Wimpernschlag vor der Zeit, bestenfalls hunderte oder tausende von Jahren. Leonardo da Vinci war seiner Zeit weit voraus, Richard Wagner ebenso. Er hat irgendwann verstanden, dass die Kunst siegt, sie stärker ist als Politik, als jede Revolution, Rebellion und Religion. Von Wagner ist die Kunst übrig geblieben, er ist der Übermensch, das Kind! Das Kind ist der Übermensch!  

Von Wagner ist die Kunst übrig geblieben, er ist der Übermensch, das Kind! Das Kind ist der Übermensch!


Wie befreit man sich von solchen Begriffen wie „Übermensch“? Er ist eher negativ behaftet.
 

Aber genau deshalb muss man den Begriff „Übermensch“ immer wieder verwenden, in Verbindung setzten mit geilen Sachen, wie Kindern oder der Liebe. Was ist der Übermensch? Das Überpotenzial! Wir nutzen unsere Potenziale gar nicht. In der Kunst können wir die schrecklichsten Sachen abarbeiten. Wir brauchen gar keine Realpolitik, wir benötigen die Gegenwelt, wir brauchen Horror-Filme, damit wir das in der Realität nicht erleben müssen. Wir dürfen Zensur überhaupt niemals zulassen! Böse Bücher, böse Gesten, böse Wörter gibt es nicht. Gerade diese angeblich „bösen“ Dinge müssen wir so oft benutzen, dass sie sich entideologisieren. Deshalb habe ich den Meese-Gruß eingeführt, der jetzt auch juristisch als solcher durchgeht und im Hinblick auf meine Aktionen nicht mehr mit dem Hitler-Gruß verwechselt werden kann. Das erspart mir in Zukunft juristische Auseinandersetzungen, die mich in der Vergangenheit doch immer mehr beschäftigt haben, als mir lieb war. Bei dem Kunstgruß handelt es sich um eine Geste, eine Projektion, die man auch wieder entprojizieren kann. Man muss den Dingen ihre ursprüngliche Bedeutung nehmen, ihnen neue beimessen, man darf sie umwerten, muss dies sogar unbedingt tun. Wir können diese Dinge nicht ignorieren, müssen sie stets hinterfragen und unterlaufen.  

Aber läuft man dann nicht Gefahr, dass völlige Anarchie herrscht, und dass die Menschen, die Böses im Sinn haben, in einer totalen Freiheit auch das Böse realisieren wollen und es immer Kämpfe gibt?  

Ich halte die Kämpfe für notwendig und hoffe, dass keine Opfer produziert werden. Wenn man diese Kämpfe auf der Kunstebene austrägt, gibt es sie nicht, denn Kunst produziert keine Opfer. In der Kunst ist man weder Täter noch Opfer, man ist Spielkind und verwendet alles – alles ist Material. Unsere Gegenwart ist brisant. Was wir heute erleben, ist bereits Anarchie, und diese Tatsache wird durch den Begriff „Demokratie“ gedeckelt, der so ausgeleiert ist, dass es sich unter diesem Teppich sogar ein Trump, ein Putin, ein Erdoğan und die AfD bequem machen können. Jeder benutzt dieses Wort. Dabei entpuppt es sich immer mehr als ein Konstrukt, das nicht mehr greift, nicht mehr stimmt. Wir können nichts und niemanden mehr vertrauen, weil alle Mitläufer geworden sind. Wie man auch wählt, man wählt das Falsche. Jeder Einzelne muss bei sich selbst anfangen: Ich darf mich nicht mehr ideologisch repräsentieren lassen, ich muss versuchen, ideologischen Berufungen, wie denen eines Politikers oder eines Priester aus dem Weg zu gehen.  

Es ist augenscheinlich, dass in den letzten zwanzig Jahren ein vermehrtes Interesse an Kunst besteht. Es gibt mehr Künstler, mehr Galerien, mehr Sammler, mehr Museumsbesucher, mehr Menschen gehen ins Theater usw. Würdest du diese Tendenz an allgemeine Orientierungsdefizite festmachen  

Künstler zu sein, ist ein Modeberuf geworden. Die Leute denken: In der Kunst kann man ganz schnell und einfach Geld verdienen, indem man auf Partys rumsteht, indem man die vermeintlich wichtigen Leute kennenlernt. Nein, so läuft das nicht! Das Wichtigste ist, sich im Atelier den Arsch aufzureißen, hart zu arbeiten. Es gibt zudem viele Kunstinteressierte und Sammler, die nur in ihrem Geschmack bestätigt werden wollen. Das ist natürlich ein Fehler, denn Kunst repräsentiert nicht einen Geschmack, sondern sie ist Zukunft. Ich muss in meiner Wahrnehmung gestört werden, ich muss etwas sehen und sammeln, was mich stört, was mich nervt, was mich angreift. Nur dann handelt es sich um Kunst, und nicht lediglich um Kulturbewahrung. Kultur ist der Blick nach hinten, Kunst ist der Blick nach vorne, deshalb sage ich immer: Stramm stehen, nicht buckeln, nicht ducken, sondern rausbrüllen – raus damit, mal schauen, was passiert, und wenn es ärgert, umso besser. Es geht nicht um bloße Provokation, aber man muss die Leute packen, indem man sie verunsichert und sich dabei selbst herausfordert. Ich kann immer nur an die Sammler plädieren, kauft das, was euch verunsichert, nicht das, was euch bestätigt, betreibt keine Nabelbeschauung. Wagner hat gestört, er hat über seine Verhältnisse gelebt und nur für die Kunst gebrannt. Er hat für die Kunst gelebt.  

Stramm stehen, nicht buckeln, nicht ducken, sondern rausbrüllen – raus damit, mal schauen, was passiert, und wenn es ärgert, umso besser.


Neben Verbrechern in der Menschheitsgeschichte wie Caligula oder Hitler, faszinieren dich ambivalente Figuren der Historie wie Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Richard Wagner etc. So hast du an Heideggers Geburtstag 2008 eine Art Prozession zu dessen Hütte in Todtnauberg durchgeführt, in diesem Jahr bei den Wiener Festwochen inszenierst du Wagners Parsifal. Kannst du ganz allgemein den Stellenwert benennen, den diese Persönlichkeiten in der Kunst deiner Ansicht nach besitzen?
 

Nietzsche und Heidegger sind Giganten der Sprache, Umdeuter, Umwerter. Beide besitzen eine sehr spezielle, ambivalente Biografie. Sie sind Hermetiker, komische sture Böcke, so merkwürdige Leute, an denen ich mich abarbeiten kann. Ich bin kein Moralist, daher kann ich mich auch an Hitler wahnsinnig gut abarbeiten, den kann ich sehr gut zeichnen, der hat so ein ganz präzises Gesicht. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich seine Taten gutheiße. Auch Wagner sah einfach wahnsinnig geil aus, der ist einfach zu porträtieren. Es gibt Menschen, die kann ich nicht malen, weil ihr physiognomischer Ausdruck nicht stark genug ist. Hitler hat von Anfang an verstanden, dass Kunst stärker ist als alles, was er je machen würde, deshalb hat er sich auf die Oper fixiert und Wagner so hochleben lassen. Caligula, Nero und Ludwig XIV. wussten auch, dass die Kunst über der Politik steht. Doch sie sind alle gescheitert, weil sie realpolitisch waren. Wenn sie bei der Kunst geblieben wären, wie Wagner, hätten sie nichts Schlimmes anrichten können.  

Mich hat 2001 deine Dauerinstallation in der Sammlung Falckenberg in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg tief bewegt. Wie bei vielen anderen installativen Werken von Dir, verfolgen einen die Bilder nachhaltig. In dieser Installation hast du auch einen Teil des Nachlasses vom Vater des Sammlers einbezogen. Zum einen bemerkt man hier schon eine gewisse Individualität und trotzdem vermittelt sie etwas Allgemeingültiges. Dieser Anspruch der Allgemeingültigkeit zieht sich, wenn auch immer anders geartet, stets durch deine Installationen. Würdest du dem zustimmen?  

Absolut! Mein Ich ist völlig bedeutungslos, ich darf nicht mein Spiegelbild präsentieren, sondern stelle eine Maske dar. Ich muss etwas Allgemeingültiges sagen, denn sonst ist es nur mein persönlicher Geschmack, und dieser ist nicht relevant für die Kunst. Mir müssen die Bilder nicht gefallen, sondern sie müssen notwendig sein und gemacht werden. Es geht nicht darum, was ich will, sondern um etwas Überzeitliches, Übergeschlechtliches, Übermenschliches. Deshalb produziere ich auch so viel, weil ich mich sozusagen nicht in einer Technik statusquotieren will, ich möchte nicht stehen bleiben, sondern immer weiter, weiter und weiter: dick malen, dünn malen, mit Acryl, ohne Acryl, collagieren, Opern realisieren, Filme drehen, Performances durchführen, Skulpturen und Installationen umsetzen, Texte und Gedichte schreiben, schreien, brüllen, winseln, lachen, weinen, halt alles machen. Daher muss ich auch mehr Zuhause sein, im Atelier, damit ich diese Übermacht überhaupt aushalte. Ich kann nicht noch überall hinreisen, das verwässert mich. Wir leben in einer sehr verwässerten Zeit. Die Filmbranche in Deutschland zum Beispiel ist völlig verwässert, es gibt keine Typen mehr, wie Rainer Werner Fassbinder oder Klaus Kinski. Wie müssen uns die Frage stellen, warum es diese Granatentypen, diese Hermetiker, komplett wahnsinnigen Leute nicht mehr gibt. Die werden weggedrückt in diesem durchdemokratisierten Unterhaltungsprogramm, in dem wir abdriften. Alle müssen und alles muss gefallen. Aber Kunst ist eben gerade das, was nicht gefallen soll: Die Impressionisten wurden gehasst, Pablo Picasso von Anfang an angefeindet, Andy Wahrhol abgelehnt. Heute muss alles gleich passen: Ein junger Künstler macht eine Ausstellung und sein Werk soll gefallen. Wenn ich aber nicht mehr mit einem komischen Gefühl aus einer Ausstellung komme, stimmt etwas nicht. Ich gehöre noch zu den wenigen Künstlern, dem man Scharlatanerie vorwirft – das ist ein Kompliment, denn es bedeutet, dass man mich nicht in eine Kategorie packen kann. Gleichzeitig fragt man sich, warum produziert der Meese so viel, warum bedient der nicht die Vorstellung „mache wenig, dann ist es heilig“. Ich bin gegen das Spekulative, deshalb bin ich auch gegen Gott. Er ist für mich reine Spekulation, genau wie eine politische Macht. Ich bin für den Instinkt und nicht für die Kreativität. Mit dem Instinkt reagiert man schneller als mit Kreativität. Ein Tier ist nicht kreativ sondern instinktiv, es reagiert auf Situationen ganz schnell. Ich agiere genauso. Kunst muss schnell passieren, dass sie mich selbst überrumpelt und überfordert. Wir überfordern uns nicht mehr und sind zu strategisch geworden. Ich kann nicht wenig Bilder produzieren, um den Markt zu retten, ich kann nur durch Radikalität überzeugen. Viele wollen die Kunst immer erhöhen, ich bin für die Entheiligung. Wenn ich im vergangenen Jahr den Parsifal in Bayreuth inszeniert hätte, wäre auch Wagner vom mir entheiligt worden. Bayreuth ist kein religiös verbrämter Ort. Wagner wollte die Religionen ersetzten, nicht eine Ersatzreligion schaffen. Du musst alles durcheinander wirbeln und anzweifeln. Genau das ist die Aufgabe des Künstlers, er darf sich dabei auch selbst nicht zu ernst nehmen. Ich mache die ganze Zeit Grimassen, mich selbst zum Affen, ich sage falsche Dinge, richtige Sachen, ich übertreibe maßlos, aber das ist doch Aufgabe der Kunst. Ein Vincent Van Gogh hat sich auch für die Reinkarnation von Malerei gehalten – ist doch super. Er war einsam und liebevoll, hat die Natur gemalt, aber nicht abgemalt, sondern etwas Neues geschaffen. Die Porträts von Van Gogh sind so was von außerirdisch, die sind geil – du siehst nicht Van Gogh, sondern einen Außerirdischen, einen Menschen der Zukunft.  

Kommen wir noch einmal zur Scharlatanerie zurück. Was unterscheidet deine Vorstellungen von Kunst von dem erweiterten Kunstbegriff bei Joseph Beuys, wenn man so will deine Idee von Kunst und Leben von seiner?  

Beuys hat sich irgendwann zu wichtig genommen, und dachte er sei Politiker, und dass Politik stärker sei als Kunst. Er hat angeblich die Grünen in Deutschland mitbegründet und am Ende zuviel von Politik gefaselt – wenn auch in einem eher positiven Sinne. Wie gesagt: Kunst ist stärker als Politik, nicht umgekehrt. Beuys’ Problem war, dass er der Politik die Kunst unterjubeln wollte. Er ist gescheitert. Ich habe zum Scherz auch einmal Parteien gegründet, die MNSKP oder die SEPTEM. Diese Aktionen waren aber von tiefer Ironie geprägt. Man muss den Ast auf dem man sitzt, absägen können, das wiederum kann kein Politiker und auch kein Priester – ich kann das. Denn wenn es zur Machtergreifung der Kunst kommt, werde ich weg sein, meine Rolle als Künstler ist dann beendet, ich werde nicht mehr Künstler sein müssen. Ich bin nur solange Künstler, bis die Kunst an der Macht ist, danach bin ich überflüssig. Das ist meine Aufgabe, mich überflüssig zu machen. Ich bin nicht der Geilste, ich bin kein Guru – sondern der Guru ist die Kunst. Genauso geht es nicht um mein malerisches Können, sondern es geht um Malerei. Ich bin das Spielkind, ich spiele Maler, ich spiele Diktator, ich spiele das Böse, ich spiele Hitler, ich spiele Caligula, ich spiele eine Frau, den Wahnsinn, das ist alles gespielt. Aber ich bin kein Schauspieler.  

Denn wenn es zur Machtergreifung der Kunst kommt, werde ich weg sein, meine Rolle als Künstler ist dann beendet, ich werde nicht mehr Künstler sein müssen.


Die Menschen nehmen sich heute alle viel zu wichtig. Jeder will der Tollste, Beste, Größte etc. sein. Deswegen kann man auf der ganzen Welt diesen unglaublich boomenden Populismus beobachten – eine reinste Farce.
 

Populismus ist Geschmacksterrorismus. Es gibt Menschen, die ihr Ich so hoch hängen, dass sie denken, alle anderen müssten ihnen folgen. Dazu gehören Politiker und Religionsführer, diejenigen, die wir heute wählen können. Das sind Leute, die sich wählbar machen, Kunst dagegen kann man nicht wählen, ich mache mich unwählbar. Ich sage so unglaubliche Sachen, mich kann man nicht wählen.  

Genialität und Dummheit können aus der Perspektive des Unwissenden gleich aussehen, weil er es nicht nachvollziehen kann. Stört es dich, wenn Menschen das, was du sagst für exotischen Künstlerkram halten, da sie ihn nicht verstehen?  

Ich bin immer noch wahnsinnig aufgeregt wenn jemand etwas Unpräzises über mich schreibt. Dann schreie ich auch meine Mutter an. Sie nimmt immer die Position der Journalisten ein, die ungenau arbeiten. Meine Mutter hat ein gewisses Verständnis für sie, ich habe das nicht, weil ich doch ziemlich klar sage, was Sache ist. Man muss nur zuhören und es Ernst nehmen.  

Wir haben eben kurz darüber gesprochen: Du warst 2016 eigentlich als Parsifal-Regisseur für die Bayreuther Festspiele bestimmt, und wurdest dann ausgeladen, weil du angeblich das Budget überzogen hast. Nun bereitest du eine Inszenierung zu den Wiener Festwochen vor. Sind die Vorbereitungen für die Aufführung des Parsifal hier von der Vorgeschichte beeinflusst?  

Für mich war Bayreuth der Vorbote. Damals hatte ich ein völlig schlüssiges Konzept abgeliefert, das könnte man jetzt so auf die Bühne bringen. Aber die Idee ist nun in der Schublade. Sie wird irgendwann noch einmal relevant, wenn Bayreuth untergegangen oder die Führung ausgetauscht worden ist. Für mich ist völlig klar, dass dann eine Aufführung wieder Thema sein wird. Ich habe das Bayreuther Konzept für Wien als Basis genommen und transferiere Parsifal auf den Mond. Es steht in engem Zusammenhang mit der in den 1970er Jahren entstandenen Science-Fiction Serie Mondbasis Alpha 1 – es geht also um die fremde Welt, das Außerirdische, das Abgeschottete. Das Raumschiff Bayreuth landet in Wien und wird danach auch noch nach Berlin starten, um schließlich ins All geschossen zu werden. Im All kann es nicht altern, das ist wichtig. Bayreuth ist ja sehr schlecht gealtert und muss erst einmal wieder gerettet werden.  

Du musst als Künstler die Gegner aushalten, sie sogar befeuern, damit du dich radikalisieren kannst, du musst es quasi, du hast keine andere Wahl – das ist eine Evolution.  

Was bleibt noch zu sagen?  

Meine Mutter behauptet, wenn wir so weiter machen wie bisher, befinden wir uns in zwei bis fünf Jahren im Weltkrieg. Sie hat richtig Angst. Ich nehme ihre Aussage sehr ernst, denn sie hat einen Weltkrieg erlebt und erkennt die Vorboten eines solchen. Ich sage ihr: Nein, mach Dir keine Sorgen, wir werden das Ruder schon irgendwie wieder umreißen. Klar ist, es muss sich etwas ändern. Wir müssen grundsätzliche Fragestellungen angehen, alles anzweifeln und überprüfen, alles dann noch einmal umdrehen, und schließlich die Kehrseiten durchleuchten, immer wieder. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen und wir brauchen Geduld. Wir haben heute keine Geduld mehr, wir wollen immer alles schnell, und das geht eben nicht. Die meisten Probleme sind nicht mehr politisch oder militärisch zu lösen, sondern nur durch Kunst, Liebe oder eine ganz andere Herangehensweise. Wir müssen über diese anderen Herangehensweisen viel klarer und präziser nachdenken. Wir dürfen Ideen nicht rasch verwerfen, nicht immer alles als Spinnerei abtun, wenn wir es nicht sofort verstehen. Galileo Galilei wurde zunächst auch als Verrückter angesehen. Künstler sind diesem Stigma per se ausgesetzt, bis die Zeit sie überholt und sie als etwas Zukünftiges darstellt, das die Menschen verstehen. Du musst als Künstler die Gegner aushalten, sie sogar befeuern, damit du dich radikalisieren kannst, du musst es quasi, du hast keine andere Wahl – das ist eine Evolution.  

Biografische Daten

Jonathan Meese

Einzelausstellungen
(Auswahl)
2017 Kunsthistorisches Museum Wien; „E. T.“ vs. „DR. IDEOLOGY“ (JOHNNYFUZZY M. SINCLAIR), Tim Van Laere Gallery, Antwerpen; Dr. Merlin de Large (Marquis Zed de Baby-Excalibur), Carré Sainte-Anne, Montpellier 2016 DR. TRANS-FORM-ERZ, David Nolan Gallery, New York 2015 My Über Daddys, Nationalgalerie Prag; PARSIFAL de LARGE, Galerie Daniel Templon, Paris 2014 DR. PROST BRATWURSCHT – SHOOT YOUR DR. NO-SHOT, Modern Art, London; COUNTDOWN „K.U.N.S.T.“ (DIE GEILSTINVASION), Galerie Sies + Höke, Düsseldorf 2013 MALERMEESE. MEESEMALER, Museum der Moderne, Salzburg 2012 EVOLUTION de LARGE (ICH-TEA-OHHH-SAURYS), GL Strand Kunstforeningen, Kopenhagen 2011 TOTALZELBSTPORTRAIT, GEM. Museum voor actuele kunst, Den Haag; Inauguration of the sculpture „HUMPTY DUMPTY“, Alte Nationalgalerie Berlin 2010 Sculpture, Museum of Contemporary Art, North Miami; 3 × C = Circussys Ceramicussus Caligolossoz (Once upon a time in Fort Knoxoz), CAC Málaga 2009 Mishima is back, Tomio Koyama Gallery, Tokio

Gruppenausstellungen
(Auswahl)
2017 Luther und die Avantgarde, Ehemaliges Gefängnis Wittenberg; 2016 Retour au meilleur des mondes, FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand; Le Cabinet des Merveilles – 15 ans d’acquisitions des musées de Strasbourg, Musée d’Art moderne et contemporain de Strasbourg; Nollpunkt, Växjö Konsthall; 2015 Rabenmütter. Zwischen Kraft und Krise – Mütterbilder von 1900 bis heute, Lentos Kunstmuseum, Linz; DEMONSTRATING MINDS – Disagreements in Contemporary Art, Kiasma, Helsinki; All the World’s a Stage. Works from the Goetz Collection, Fundación Banco Santander, Madrid; Small faces. Large Sizes, Proje4L/Elgiz Museum of Contemporary Art, Istanbul; 2014 Revolutionen, Ludwig Museum, Budapest; Freundliche Übernahme – Künstler zeigen ihre Sammlung, MARTa Herford; 2013 Dritte Welle. Die Gruppe SPUR, der Pop und die Politik, Kunsthalle zu Kiel; Anti-Anti, University Gallery, Tel Aviv; 2012 Das Atelier – Werkstatt und Mythos, Staatsgalerie Stuttgart; Utopie Gesamtkunstwerk, Museum moderner Kunst, Wien; 2011 Freibeuter der Utopie, Museum Weserburg, Bremen; 2010 Contemplating the Void: Interventions in the Guggenheim Museum, Guggenheim Museum, New York; 2009 60 Jahre 60 Werke. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland von ’49–’09, Martin-Gropius-Bau, Berlin; The Another Mythology, National Center for Contemporary Arts, Moskau; 2008 Yokohama Triennale; Blasted Allegories. Werke aus der Sammlung Ringier, Kunstmuseum Luzern; Vertrautes Terrain. Aktuelle Kunst in & über Deutschland, ZKM, Karlsruhe; 2007 The Believers, MASS MoCA, North Adams; 2006 Full House – Gesichter einer Sammlung, Kunsthalle Mannheim; 2005 Barroco y Neobarroco: The Hell of the Beautiful, DA2. Domus Artium; 2002, Salamanca; Dionysiac, Centre Georges Pompidou, Paris
1970 geboren in Tokio

Autor
Oliver Zybok

* 1972, Wuppertal, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Jonathan Meese

* 1970, Tokio, Japan

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Weitere Personen
Richard Wagner

* 1813, Leipzig, Deutschland; † 1883 in Venedig, Italien

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