Band 240, 2016, Ausstellungen: Wien, S. 290

Petra Noll

The Promise of Total Automation

Kunsthalle Wien, Museumsquartier, 11.3. – 29.5.2016

Cyber-Physical Systems (CPS) sind auf dem Vormarsch: Durch die Verbindung mit selbstlernender Software arbeiten elektronische Geräte, die für das Internet ursprünglich nicht vorgesehen waren, immer autonomer. Sie sind mit der Außenwelt verbunden, kommunizieren auch untereinander und definieren das Verhältnis von Mensch und Maschine radikal neu. Mit einem Blick zurück auf künstlerische Arbeiten der 1960er-Jahre und auf in ihrer Zeit innovative technische Geräte befasst sich die von Anne Faucheret kuratierte Ausstellung mit knapp 40 internationalen KünstlerInnen hauptsächlich mit der Frage, wie sich zunehmende künstliche Intelligenz und fortschreitende Automatisierung – über ökonomische und physische Aspekte hinaus – auf soziale und kulturelle Ordnungen auswirken. Arbeiten, die auf Vorstellungen von erweiterten Möglichkeiten des Denkens, Handelns und Fühlens sowie neuen Subjektformen durch das „Zusammenleben“ mit intelligenten Maschinen basieren, stehen Werke gegenüber, die die Gefahr von Kommunikations- und Persönlichkeitsverlust thematisieren. In der Kunsthalle prallen Maschinengeräusche ungebremst aufeinander und vermischen sich zu einem Zustand latenter Unruhe, einem aktuell für unsere Zeit typischen, meist nur unterbewusst wahrgenommenen (Hinter-)Grundrauschen.  

Die KünstlerInnen der Ausstellung reagieren mit ihren Arbeiten auf die Tatsache, dass unsere Gesellschaft ein Konstrukt ist aus voneinander abhängenden Technologien, Subjekten und Objekten.  

In dem Video „What Shall We Do Next (Séquence #2)“, lässt Julien Prévieux TänzerInnen in einer stilisierten mechanischen Performance à la Schlemmer die Bewegungen, die zum Bedienen aktueller oder zukünftiger digitaler Hardware nötig sind – Tendenz: weg vom Knopfdruck, hin zum Tasten – ausführen. Die Frage nach den Auswirkungen von Technologie auf unser soziales und körperliches Verhalten erhält hier besondere Brisanz durch die von Geräteherstellern vorgenommene Patentierung von Gesten. Das dialogische Potential zwischen Mensch und Maschine untersucht Daria Martin auf berührende Weise in ihrem Film „Soft Materials“, in dem humanoide, lernfähige Roboter menschliche Körper durch Betasten erforschen, wobei sie auf deren Bewegungen zu reagieren scheinen.  

In ihrer Video-Installation „The Common Sense“ konstruiert Melanie Gilligan hingegen ein dystopisches Science Fiction-Szenario, in dem sich Menschen mit Hilfe von Geräten („Patches“) in die Emotionen anderer einklinken können. In ihrer Geschichte gibt es diese schon seit zehn Jahren und sie haben Individuen und deren Beziehungen bereits massiv verändert. Kritisch ist auch James Bennings Video „Stemple Pass“, in dem zwei Stunden lang die Wälder von Montana im jahreszeitlichen Wechsel mit einer rekonstruierten Hütte – Zufluchtsort des als Unabomber bekannten Ted Kaczynski – gezeigt werden. Der Mathematiker, naturnahe Anarchist und Briefbomben-Terrorist verfasste hier Manifeste gegen eine die Gesellschaft manipulierende Technologie. Eine Auseinandersetzung mit moralischen Werten, nicht nur in Bezug auf die Technik. Die negativen Auswirkungen disziplinierender und kontrollierender Technologie auf den Körper setzt Harry Dodge in surreale, menschenähnliche Objekt-Kreaturen um. Kritik an einer auf Effizienz ausgerichteten Produktionsmaschinerie übt Magli Reus mit ihren ästhetischen Objekten („Leaves“), die wie leistungsstarke technische Geräte aussehen, aber ohne ersichtliche Funktion sind. In diesem Zusammenhang steht auch Judith Fegerls Installation „Amnion“. Eine produktionstechnisch uneffizient arbeitende Rundstrickmaschine stellt ebenso „unnütze“ schlauchartige Wollgebilde her, die dennoch aus dem maschinellen Prozess als scheinbar eigenständige Wesen hervorgehen. Die „Unsinnigkeit“ als Freiheit lotet auch Thomas Bayrle mit seiner humorvollen Arbeit „Kleiner koreanischer Wiper“ aus. An einen Motor angeschlossene, von ihrer Funktion befreite Scheibenwischerblätter werden von Sound bewegt – ein Objekt zwischen Faszination für funktionale Ästhetik und Kritik an unserer Leistungsgesellschaft. Wunderlich und poetisch zugleich gibt sich das Objekt „Finished Sentence“ von Mark Manders, eine Art Phonograph, der scheinbar Teebeutel zum Klingen zu bringen vermag.  

Im Zuge der Automatisierung ist es für einige KünstlerInnen der Ausstelllung interessant, die emotionale Beziehung von Mensch und Alltagsgegenstand zu untersuchen, wie z.B. für Cecile B. Evans („How Happy a Thing Can Be“). Alltagsdinge wie Schere, Kamm und Schraubenzieher werden als ausgedruckte 3D-Skulpturen sowie als in einem 2-Kanal-Video wie Menschen agierende Wesen zu Subjekten mit eigenem Charakter.  

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Weitere Personen
Thomas Bayrle

* 1937, Berlin, Deutschland

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James Benning

* 1942 , Milwaukee, Verein. Staaten

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Harry Dodge

* 1966, Moline, Verein. Staaten

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Judith Fegerl

* 1977, Wien, Österreich

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Melanie Gilligan

* 1979, Toronto , Kanada

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Mark Manders

* 1968, Volkel, Niederlande

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Petra Noll

* 1955 , Gelsenkirchen, Deutschland

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Julien Prévieux

* 1974, Grenoble, Frankreich

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Magali Reus

* 1981, Den Haag, Niederlande

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