Band 233, 2015, 56. Biennale Venedig – All the World's Futures: Gespräche mit Kuratoren, S. 290

Richard Riley

Das subversive Lachen der Sarah Lucas

Ein Gespräch mit dem Kurator des britischen Pavillons

Sarah Lucas, 1962 in Holloway, London geboren, besuchte von 1982 bis 1983 das Working Men's College in London und von1983 bis 1984 das London College of Printmaking. Von 1984 bis 1987 studierte sie am Goldsmiths College Holloway und ist bekannt für ihre Objekte, Installationen, Collagen und Fotografie. Zu den sogenannten Young British Artists gehörend, nahm sie an berühmten Ausstellungen wie „Freeze“ (1988), „Brilliant!“ (1995), „Sensation“ (1997) und „Intelligence - New British Art 2000“ in der Tate Britain teil. In ihren Arbeiten thematisiert sie die Beziehung von männlicher Lust und weiblichem Rollenverständnis, spielt mit sexuellen Wortspielen und körperlichen Fragmenten. Ob brutal und elegisch, unanständig und lyrisch, behandelt sie die großen Themen wie Sex, Tod und Erniedrigung. Im Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks erklärt Richard Riley, der Leiter der Ausstellungen der Bildenden Künste am British Council und gleichzeitig der Kurator des Britischen Pavillons die Sonderposition von Sarah Lucas in der englischen Kunstwelt.  

***  

Heinz-Norbert Jocks: Wer entscheidet für den Britischen Pavillon aus? Bei den Franzosen wählt eine Jury den Künstler und der wiederum seinen Kurator aus. Wie funktioniert das bei Ihnen?  

Richard Riley: Der englische Pavillon wird vom Britischen Council geführt. Er ist als die erste kulturelle Organisation für internationale Ausstellungen in Übersee seit 1938 für alle englischen Ausstellungen zuständig. Die Auswahl wird von einem Komitee getroffen, das, für jede Biennale neu zusammengestellt, sich aus Profis aus dem Vereinigten Königreich zusammensetzt. Gelegentlich sind darunter auch internationale Gäste, aber meistens handelt es sich um Professionelle nicht nur aus London, sondern auch aus anderen englischen Regionen wie Schottland, Wales und Nordirland. Für gewöhnlich trifft sich das Komitee zum Jahresbeginn vor der Eröffnung der jeweiligen Biennale unter der Beteiligung des Direktors der verschiedenen Kunstbereiche des Britisch Council. Nach der Verständigung auf drei oder vier Namen kommt es zu einer meist friedlichen wie konstruktiven Diskussion, um den Künstler zu finden, der das Vereinigte Königreich auf der Biennale in Venedig vertreten soll. Was den Kurator betrifft, so folgen wir seit den letzten zwanzig Jahren der Vorstellung, dass es primär um die Sichtweise des Künstlers und nicht um die des Kurators geht. Das British Council kümmert sich dabei um das Management der Ausstellung sowie um das Kuratorische. Dabei arbeiten wir eng mit den Künstlern zusammen, so auch im Fall von Sarah Lucas, die einen starken Sinn dafür hat, ihr eigener Kurator zu sein. So arbeitet sie seit jeher. Unsere Aufgabe besteht darin, der Künstlerin oder dem Künstler die besten aller Möglichkeiten zu bieten, damit sie/er ihre/seine Vision verwirklichen kann. Wir stellen ihnen alles zur Verfügung, was sie benötigen, um die Arbeiten hierher zu schaffen und dafür zu sorgen, dass die Galerie die richtige zur gemeinsamen Erstellung eines Kataloges ist. Wir versuchen, im Hintergrund zu bleiben, anstatt zu stark kuratorisch einzugreifen. Natürlich lassen sich Konflikte mit Künstlern nie à priori vermeiden. Insbesondere dann nicht, wenn es sich um einen Künstler der mittleren Generation mit klar umrissenen Vorstellungen handelt. Wenn einer den Wunsch vorbringt, mit einem bestimmten Kurator zu kooperieren, so stellen wir uns darauf ein. Wie gesagt, zuallererst geht es uns um die Vision des Künstlers, und es liegt uns daran, dass er, uns vertrauend, mit seiner Ausstellung in Venedig glücklich ist, denn der auf jeden Künstler lastende Druck ist gewaltig, insbesondere in den großen nationalen Pavillons wie dem britischen, dem französischen, dem deutschen und amerikanischen. Wer sich dort der Öffentlichkeit stellt, zieht eine große Aufmerksamkeit auf sich, nicht nur aus dem eigenen Land, sondern auf dem internationalen Parkett und setzt sich dem internationalen Kunstmarkt aus. Hier zu versagen, kann der Karriere eines Künstlers enorm schaden, weil er hier vor allen Augen scheitert. Von daher stellt Venedig den Künstler vor einer ungeheuren Herausforderung, sie bietet ihm eine einmalige Chance. Tendenziell werden für den Auftritt im britischen Pavillon Künstler der mittleren Generation ausgesucht, also nicht jünger als 45 und in der Regel nicht älter als 55 Jahre. Es gab auch Ausnahmen wie 2005 mit der Wahl von Gilbert & George. Der Grund dafür war in erster Linie, dass die beiden mit einer langen, bis in die 70er, Ende der 60er Jahre zurückreichenden Karriere schon eher hätten ernannt werden können, aber es aus welchen Gründen nicht wurden. Da sie im Jahre 2000 nach wie vor als zeitgenössische Künstler herausragten, insofern sie mithilfe von Computern einen neuen Werkansatz entwickelt hatten, schien der Zeitpunkt für ihre Wahl zu stimmen. So repräsentierten Gilbert & George schließlich im Jahre 2005 als Sechzigjährige Großbritannien, während Richard Hamilton mit großem internationalem Ruf in den frühen 90er Jahren ausgestellt worden war. Wie gesagt, das war eine Ausnahme. Die Mehrheit der Künstler entstammt der mittleren Generation.  

So auch Sarah Lucas in diesem Jahr.  

Ja, und auch sie hätte nach Ansicht einiger Experten schon früher in den vorangegangenen Jahren gezeigt werden können. Wie beispielsweise Rachel Whitered, die 1997 präsentiert wurden, gehört Lucas der mittleren Generation an. In ihren Augen ist der jetzige Zeitpunkt für ihren Auftritt im Britischen Pavillon genau der richtige. Das für diese Biennale verantwortliche Komitee ist sich der durch eine ganze Reihe von Ausstellungen in den letzten vier Jahren beglaubigten Bedeutung dieser Künstlerin voll bewusst. Gerade hatte sie neben einer Retrospektive in der Whitechapel Gallery in London auch eine wichtige Ausstellung im Tramway, einem ehemaligen Eisenbahndepot in Glasgow, zudem eine kleinere, recht sorgfältig ausgewählte Ausstellung im Henry Moore Institut in Leeds sowie eine ganze Reihe bedeutender internationaler Ausstellungen. Es waren wohl die drei Ausstellungen im Vereinigten Königreich, die ihren Rang endgültig augenfällig machten. Nicht nur als zeitgenössische Künstlerin hat sie sich hervorgetan, sondern auch als Kuratorin diverser, „Situations“ genannter Ausstellungen in Londons junger Kunstszene. Das machte sie, um, wie sie sagt, ihre Muskeln spielen zu lassen. Als weltweit anerkannte Künstlerin mit starker Stellung im Vereinigten Königreich übt sie großen Einfluss auf die jüngere Künstlergeneration aus. In jungen Jahren, zu Beginn ihrer Karriere, also Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, bezog sie Stellung zu Gender-Thematik und zur Frage der Sexualität. Sie machte mit feministischen Arbeiten und provokanten Inhalten, mit raffen Humor und ihrer Respektlosigkeit von sich Reden. Ihre Arbeit, figurativ, skulptural, dabei mit einem Zug ins Surrealistische versehen, zeugt aufgrund der Verwendung von einfachen Grundmaterialien von einer gewissen Nähe zur italienische Arte Povera. Alles in allem verfügt Lucas über die ungeheure Fähigkeit, aus etwas Geringem großartig Erinnerungswertes zu schaffen. Einige ihrer bedeutenden Skulpturen aus den 90ern und von 2000 sind aus Nylonstrümpfen fabriziert, die sie mit Füllwatte, Baumwolle und anderen weichen Materialien ausstopfte. Daraus formte sie androgyne Figurationen mit männlichen wie weiblichen Attributen. Am ehesten lässt sich, was sie imaginiert, mit der Kunst eines Hans Bellmer oder einer Louise Bourgeois vergleichen. Dem muss man hinzufügen, dass sich Lucas der Signifikanz anderer Künstler bewusst ist. Es gibt eine unter dem Namen „The bunnys“ bekannte, an Hausstühle erinnernde Serie mit gespaltenen Beinen, befestigt mit einer Schraubzwinge, wie sie von Holzarbeitern benutzt wird, um geleimte Leisten zusammenzuhalten. Wie Sie sehen, haben wir es hier mit einfachen, aber starken Materialien und Arbeiten zu tun, die sich im Gedächtnis einprägen. Wenn man zurückschaut, wird evident, dass sie sich wiederholt, bis zum Jahr 2000, der gleichen Materialien bediente. So auch in der als „nuds“ bekanntgewordenen Skulpturenreihe. Ein Wort wie „nud“, von ihr als Titel gewählt, verweist darauf, dass sie Spaß am Straßen-Slang hat. Wie Sie sicherlich wissen, ist „nud“ eine humorvolle Bezeichnung aus dem Slang für „nude“. Ihre „Nackten“ formte sie aus den von ihr ausrangierten Bunny-Skulpturen. Als sie diese fast 10 Jahre später wiederfand, nutzte sie die Form, um daraus etwas völlig anderes zu kreieren, das formaler angelegt ist. Dessen Erscheinung hatte keine menschliche, sondern eine biomorphe Form, die weder etwas direkt Männliches noch etwas direkt Weibliches, gelegentlich aber etwas Phallisches aufwies. Ja, es konnte sowohl für das eine als auch für das andere stehen. Alles in allem regierte sie damit auf die klassischen Skulpturen eines Henri Moore sowie auf die britische klassische Moderne. In den letzten sechs, sieben Jahren dienten ihr die „nuds“ als unerschöpfliche Inspirationsquelle, sie zog und dehnte das Material auf unterschiedliche Art und Weise, und so wuchsen die Skulpturen in ihrer Größe und gewannen an Komplexität. Schließlich bildeten sie die zwei Schlüsselwerke, mit denen der britische Pavillon jetzt seine Ausstellung eröffnete. Lucas hat Abstand von dem Gebrauch weicher Materialien genommen und arbeitet nun mit härteren, langlebigeren Substanzen wie Kunstharz oder Bronze.  

Könnten Sie an der Stelle Ihrer Ausführungen den Hinweis auf den Feminismus noch etwas vertiefen?  

Als junge Künstlerin führte sich Sarah Lucas in den 80er und 90er Jahren selbst in die Kunstwelt ein. Voller Wut über die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und die Verdinglichung der Frauen drehte sie den Spieß um und zielte auf die Gesellschaft mithilfe von sehr provokanten Selbstportraits wie „Human Toilet Revisited, 1998. Sie selbst vermeidet den Einsatz von normaler Weiblichkeit, was nicht heißt, dass sie keine große Weiblichkeit ausstrahlt. Relativ klein von Statur, stellt sie sich auf einem Foto in einer androgynen Position mit kurzen Haaren dar, dabei eine ziemlich maskuline Haltung einnehmend. Es gibt auch eine Reihe von Skulpturen, in der sie die weibliche Form mithilfe weiblicher Materialien zur Erscheinung bringt, darunter die sehr bekannte Arbeit „Bitch“. Der Titel ebenfalls ein Wort aus dem Slang, das den weiblichen Hund bezeichnet, um auf grobe Weise Frauen zu beschreiben. Diese Arbeit besteht aus einem Holztisch, über den ein weißes T-Shirt, darunter wie Brüste Melonen geklemmt sind, sowie eine weiße Unterhose gezogen ist, aus der ein geräucherter Fisch wie eine Vagina herausragt. Eine so krasse, in ihrer Aussage aggressive Arbeit zur Verdinglichung der Frau vergisst man nicht so leicht und kann von keinem anderen als von einer Künstlerin geschaffen werden. Die einen waren schockiert, die anderen belustigt. In ihrer Art ist sie so furchtlos wie kompromisslos.  

Sind die im Pavillon ausgestellten Arbeiten, darunter auf Tischen ausgelegte, weibliche Körperfragmente mit einer in der Vagina steckenden Zigarette, eigens für den Pavillon geschaffen?  

Ja, alles ist neu. Für die Biennale bleibt den Künstlern nicht viel Zeit. Es scheint eine lange Zeit zu sein, aber eigentlich ist das nicht der Fall, wenn man ganz neue, auf die räumliche Situation zugeschnittene Arbeiten schafft. Im Fall von Lucas verhielt es sich so, dass sie die Dimension der Skulpturen im Verhältnis zur Raumgröße dachte. Die zwei großen aus Kunstharz sind die größten, von ihr je gemachten. Was hier offensichtlich wird, ist meines Erachtens, dass sie sich auf einem vor ein paar Jahren eingeläuteten Weg zu einem neuen Arbeitsabschnitt befindet. Vielleicht stellt das Gezeigte aber auch ein Resümee der letzten sechs Jahre dar.  

Übersetzt aus dem Englischen von Heike Bathge.  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Sarah Lucas

* 1962, London, Grossbritanien

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Weitere Personen
Hans Bellmer

* 1902, Kattowitz, Polen; † 1975 in Paris, Frankreich

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Louise Bourgeois

* 1911, Paris, Frankreich; † 2010 in New York, Verein. Staaten

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Gilbert & George

* 1968, London, Grossbritanien

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Richard Hamilton

* 1922, London, Grossbritanien; † 2011 in London, Grossbritanien

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Henry Moore

* 1898, Castleford, Grossbritanien; † 1986 in Much Hadham, Grossbritanien

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Biennalen
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I – Italien

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