Band 232, 2015, Titel: Kunstverweigerungskunst II, S. 158

Philipp Ruch. Zentrum für Politische Schönheit

„Die Hoffnung auf den Moralischen Fortschritt der Menschheit liegt in der Kunst.“

Ein Gespräch mit Kirsten Claudia Voigt

Aus der Geschichte zu lernen heißt, Erkenntnisse zur Grundlage eines verantwortungsvollen Handelns und aktiven Engagements zu machen. Indifferenz und Tatenlosigkeit im Blick auf die Flüchtlingsproblematik bedeuten für Philipp Ruch, den Gründer des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), Feigheit und Schuld. Ruch diagnostiziert in unserer Gesellschaft die Aristotelische „mikropsychia“, eine fatal-ignorante Selbstbezogenheit, spricht von „aggressivem Humanismus“, wenn er die Position des ZPS beschreibt und plädiert für eine Kunst, die schmerzt, provoziert und Widerstand leistet. Mit demonstrativen Aktionen wie der Sammlung von Schuhen für ein Mahnmal (Die Säulen der Schande) zum Gedenken an die Massaker von Srebrenica und das Versagen der Vereinten Nationen, mit einer Aktion für die Rettung von Kindern aus Syrien (Kindertransporthilfe des Bundes), mit einem Projekt zur Installierung von Rettungsplattformen für afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer (Seerosen für Afrika) versucht das ZPS Tatsachen zu schaffen oder zumindest aufrüttelnde Informationen und Impulse publik zu machen: „Das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Medium der neuen Art“, schrieb Spiegel-Online: „Sie schaffen sich die Nachrichten, die sie gern hätten, gleich selbst!“ Das ZPS nennt seine Aktivitäten eine „parallele deutsche Außenpolitik“.  

Kirsten Claudia Voigt: Herr Ruch, Sie haben politische Philosophie studiert und über „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ promoviert. Sie waren Fellow der Kolleg-Forschergruppe „Bildakt und Verkörperung“ der Humboldt-Universität Berlin, und zu Ihren Lehrern gehören Herfried Münkler, Hartmut Böhme, Volker Gerhardt, John Michael Krois und Horst Bredekamp. Kann man Ihre aktivistische künstlerische Praxis als „Verkörperung“ Ihrer ethischen Überzeugungen bezeichnen?  

Philipp Ruch: Das müssen Kunsthistoriker in der Zukunft entscheiden. Ich persönlich unterscheide strengstens zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit. Im Gegensatz zum Modephänomen „künstlerischer Forschung“ habe ich nur ein einziges Mal ein geglücktes Beispiel wissenschaftlicher und künstlerischer Synthese am Theater gesehen.  

Welches Projekt war das?  

„Hans Schleif“ am Deutschen Theater. Der Schauspieler Matthias Neukirch sucht nach Spuren von Schuld, die sein berühmter Großvater hinterlassen hat. Hans Schleif war an den Ausgrabungen von Olympia beteiligt. Neukirch legt sich dabei in der Rolle des Künstlers all jene Fragen vor, die er braucht, um als Schauspieler seinen Großvater letztlich spielen zu können. Das sind teilweise Fragen, die für die Geschichtswissenschaft nicht primär interessant gewesen wären und auf die er dann mit dem Regisseur Julian Klein in den Archiven nach Antworten fahndet. Eines der besten Stücke, das in der Spielzeit 2014/2015 in Berlin zu sehen ist. Ein kleines Meisterwerk, das auch die Archäologie, die es inzwischen munter rezipiert, in Erstaunen versetzt hat.  

Sie haben 2009 zehn Thesen am Reichstag angeschlagen – These eins: „In jedem Menschen steckt eine tiefreichende Sehnsucht nach dem Schönen.“ Seither kämpfen Sie mit dem Zentrum für Politische Schönheit für mehr politische Schönheit in Deutschland. Dass in jedem Menschen Sehnsucht steckt – wonach auch immer –, scheint beobachtbar. Teil zwei der ersten These allerdings bringt einen ganzen Diskurs ins Rollen: Dürfen wir von Ihnen auf eine Definition des „Schönen“ hoffen?  

Ein Buch befindet sich in Vorbereitung, das den Begriff Schönheit gegen die Übermacht der Naturwissenschaften in Stellung bringt. Der Begriff ist denkbar geeignet, all das zu versammeln, was die Naturwissenschaft im Menschen nicht erkennen kann oder will. Die naturwissenschaftlichen Erkenntniskräfte versagen in Bezug auf den elementarsten Teil des Menschen. Sie reden von Chemikalien oder Hormonen, aber sind nicht in der Lage zu erkennen, dass Menschen in jedem Moment ihres Handelns ein Gefühl dafür „quält“, ob das, was sie gerade tun, schön ist oder nicht. Das Zentrum für Politische Schönheit pflegt eine ganze Datenbank mit geschichtlichen „Funden“. Da katalogisieren wir regelrecht Akte politischer Schönheit. Im Moment sehen wir kein übermächtiges Bedürfnis seitens der Verlage oder Zeitungshäuser, mehr davon zu erfahren, was politisch schön wäre. Das Thema interessiert vor allem die Theaterhäuser.  

„Wir landen auf dem Mond, hinken aber moralisch sogar Höhlenbewohnern hinterher.“  

Auch in Ihrem Video-Film „Schuld – Die Barbarei Europas“, der 2012 den Web-Video-Preis gewann, spielt die Philosophie eine wesentliche Rolle. Thema ist die Spekulation von Großbanken mit Nahrungsmitteln. Sie lassen hier eine Bankerin, die einen von Ihnen geschriebenen Text spricht, über ihre Arbeit Auskunft geben. Sie berichtet von ihren ‚Erfolgen‘ der Gewinnmaximierung bei Spekulationen an Agrarrohstoff-Terminbörsen, die mit ursächlich für gigantische Hungerkatastrophen und damit für den Tod von Millionen Menschen sind. In der sehr poetischen Schlusssequenz, denkt diese Frau, die im Begriff ist, ihr Leben zu ändern, beim Blick aus einem Hotelfenster hoch über Berlin über den Zustand der Welt und die menschliche Gesinnung nach. Die – von Aristoteles so genannte – „mikropsychia“, die „Kleingesinntheit“, diagnostiziert sie als Hauptcharakterzug des modernen Individuums: „Alle auf sich bezogen und beschränkt. Das ist wie eine Krankheit. Selbstbezogenheit: Das ist eine Krankheit, und die verhindert, dass wir die Armen sehen. […] Platon hat gesagt: ‚Im Kleinen zeigt sich der große Staat‘. Und jetzt schauen Sie sich all diese Menschen an. Der läuft hier nämlich überall rum, dieser ‚große‘ Staat. In 80 Millionen fein säuberlich abgeschotteten Einzelteilen.“ Welche Rolle spielen „Politische Emotionen“, für die aktuell auch die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum in ihrem gleichnamigen Buch plädiert, für Ihre Arbeit und die mögliche Überwindung dieser „mikropsychia“?  

Aristotelisch gesprochen ist die mikropsychia ein Kapazitätsdefizit und liegt kaum auf der Ebene der Gefühle. Gedanken, Vorstellungen und Überzeugungen entspringen häufig nicht Gefühlen, sondern umgekehrt: Gefühle entspringen Gedanken. In diesem Sinne halte ich es für unwahrscheinlich, dass sich das Problem durch Emotionen auflöst. Die Menschen haben einfach zu viel mit sich zu tun, und die modernen Segnungen der Technik verstärken diese Neigung. – Ich bin kein Aristoteliker, deshalb ist mikropsychia für mich eine „Neigung“. – Zukünftige Historiker werden dem Menschen unserer Epoche eine geradezu steinzeitliche Selbstbezogenheit attestieren, die im Lichte der Probleme der Welt und im Lichte seiner Handlungsmöglichkeiten moralisch verwerflich war. Wir landen auf dem Mond, hinken aber moralisch sogar Höhlenbewohnern hinterher. Das Dilemma ist, dass wir uns einbilden, frühere Zeiten mit der Erfindung des Telefons zu übertrumpfen. Aber die wenigsten Menschen aus der Steinzeit hätten Gäste derart schroff abgewiesen, wie Europa das derzeit in den größten Flüchtlingskrisen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs tut. Das Zielobjekt könnte tatsächlich dieser merkwürdige Stolz sein, dieses grundlegende Gefühl einer Überlegenheit gegenüber anderen Epochen. Jede Zeit denkt seit mindestens 100 Jahren von sich selbst, dass sie die Avantgarde der Menschheit verkörpert.  

„Wir sind im Zeitalter der Krise der Vorstellungskraft“  

Sie collagieren in diesem Video – wie auch in vielen anderen Projekten – Fakten und Fiktives, Information und Reflexion. Sie arbeiten mit O-Tönen etwa von Pressesprechern, um realen Zynismus kenntlich zu machen, und mit Darstellern, die Ihre Texte sprechen. Sie operieren mit komischen, satirischen Elementen, etwa in realen Gesprächssituationen, mit Überzeichnungen, Überhöhungen und mit großem Pathos, mit lapidaren und leidenschaftlichen Formulierungen, mit Original und Fälschung – etwa falschen Pressemeldungen, Anzeigen und Kampagnen. Intendieren Sie beim Rezipienten damit die Bereitschaft zum fortgesetzten Switch, zur Flexibilität, Geistesgegenwart und Wachsamkeit in der Rezeptionshaltung?  

Wir fordern und strapazieren, was Günther Anders die „moralische Phantasie“ des Menschen genannt hat. Ich bin nach Jahren wissenschaftlicher Studien zu den neuen Völkermorden davon überzeugt, dass wir nicht in einer Krise der Information oder Krise der Bilder leben, sondern viel grundlegender: im Zeitalter der Krise der Vorstellungskraft. Die Gegenwart verbietet sich die Benutzung der Fantasie, schränkt sie ein oder verdammt sie gar. Die Phantasie gehört zum Territorium der Kunst. Wir kommen aus diesem Zustand tatsächlich nicht mit irgendwelchen physikalischen Experimenten, sondern mit der Macht der Kunst heraus. Die Hoffnung auf den moralischen Fortschritt der Menschheit liegt in der Kunst.  

Diese Einsicht ist bis heute mehr oder weniger unentdeckt geblieben, obwohl sie immer schon vor uns lag. Wie oft haben wir gehört, dass sich das keiner „vorstellen“ kann, was in den Konzentrations- und Vernichtungslagern geschehen sei? Es gibt eine Berufssparte, die sich das nur zu gut vorstellen kann, die eben nicht gerade mit Fantasielosigkeit gesegnet ist. Ich bin seit der Kindertransporthilfe des Bundes sehr optimistisch: die Handwerker der Fantasie können der deutschen Öffentlichkeit begreiflich machen, welcher Zivilisationsbruch in Aleppo täglich geschieht.  

Bewegen wir uns im Feld des Politischen nicht unablässig im Feld der Täuschungen, Teilinformationen und Fälschungen, der Manipulationen und müsste die Kunst dann nicht auf diese Täuschungsmanöver verzichten?  

Ich bin überzeugt, dass das Etikett „Fake“ unseren Projekten Unrecht täte. Das sind keine Täuschungen. Der „Fake“ für die deutsche Bevölkerung – um im Beispiel zu bleiben – ist die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Wir haben nicht viel mehr getan, als die Wirklichkeit zu korrigieren. Aber nicht mit Täuschungsmanövern. Die Menschen wollen unbedingt helfen und syrische Kinder aufnehmen. Wir sollten ein Barometer auf unserer Webseite veröffentlichen, das den Wasserstand der deutschen Hilfsbereitschaft anzeigt. Nach der Kindertransporthilfe stand der Zeiger auf Sintflut. Aber das Projekt ist deshalb noch kein Täuschungsmanöver, sondern es ist und bleibt eine Rettungsmission. Es „faked“ keine Rettung von syrischen Kindern, sondern es macht ziemlich offensichtlich, dass die Rettung syrischer Kinder der Bundesregierung jederzeit möglich wäre. Sie hat es nur nicht vor, auch nur 1% aller betroffenen Kinder (5,5 Millionen) einreisen zu lassen. Das ist ein gigantischer Verrat unserer humanistischen Ideale, die wir alle so gerne hoch halten. Ich bin ohnehin nicht sicher, ob auf dem Boden des Humanismus immer so klar ist, was wirklich und was unwirklich ist. Sehen Sie, der Bundespräsident boykottiert die Olympischen Spiele in Russland, aber Flüchtlinge schieben wir weiterhin rigoros ab?  

Die historische Perspektive – sowohl die des Erinnerns als auch jene des vorgestellten Rückblicks aus der Zukunft – scheint für Ihre Projekte von Belang. Die Bankerin in „Schuld – Die Barbarei Europas“ resümiert: „Irgendwann werden wir alle lächerlich sein. Irgendwann werden Historiker an unserer Zeit nichts Großzügiges oder Wohltätiges sehen, sondern nur die nackte Barbarei unserer Privatheit.“ Haben wir es bei dieser „mikropsychia“ mit einer anthropologischen Konstante zu tun oder sehen Sie Individuen anderer historischer Epochen als weniger selbstbezogen und damit schuldbeladen als die unsrige?  

Ich bin sogar der Überzeugung, dass dies eine historische Ausnahmesituation darstellt. Die Faktoren zu identifizieren, die uns da hineingebracht haben, ist nicht einmal besonders schwierig. Versuchen Sie einmal festzustellen, wer sich in der akademischen Psychologie mit Phänomenen wie Wohlgesinntheit, Großzügigkeit oder Wohltätigkeit auseinandersetzt. Das ist eine Handvoll Leute, die abgeschnitten vom normalen Betrieb forschen. Die Universitäten hatten sich einst als Auftrag gegeben, die Höhen der Menschheit zu erforschen. Aber heute schauen sie doch nur in die Tiefe.  

„Gute Politik ist eine Kunst“  

Mit dem landläufigem Zynismus formuliert ist Politik der Begriff für ein „schmutziges Geschäft“. Der Name Ihres Aktionskollektivs umfasst in Opposition dazu eine idealistische und ironische Begriffskombination: Das Zentrum für Politische Schönheit plädiert für die Fundierung der Politik in einer Ethik der Verantwortung. Ist der Effekt erzielter „Schönheit“ lediglich eine rhetorische Finte oder sehen Sie tatsächlich eine Relation zwischen Schönheit, ethischen Kategorien und politischer Praxis? Könnten Sie das Denkmodell hinter dieser pointierten Formulierung skizzieren? Wie sind Schönheit und Ethik in ihm korreliert?  

Es war ein großer Fehler der Philosophie des 20. Jahrhunderts, Ästhetik und Ethik zu trennen. Für mich besaß dieser Vorschlag nie Plausibilität: jemand, der ethisch handelt, war für mich immer schön. Schön auf eine leicht begreifbare Weise: moralisch schön. Das sind die Phänomene, die auch die akademische Philosophie des 20. Jahrhunderts hätte erforschen können, wenn sie den Mut dazu gefunden hätte. Stellen wir uns vor, wir stehen neben einem Scharfschützen, der wahllos Menschen auf der Straße niederschießt. Und jetzt stellen wir uns vor, dass wir es uns auf dem Sofa neben ihm gemütlich machen und die technische Qualität des Fernsehers bewundern. So ungefähr reagiert der Westen auf Assad. Was macht es aus einer Bevölkerung, die etwas tun kann, aber wegsieht? Was macht das Wegsehen aus uns? Warum bewundern wir heute den Mut von Sophie Scholl? Das Katastrophale scheint mir zu sein, dass wir heute nicht einmal den Mut einer Sophie Scholl bräuchten, um der eingekesselten und bombardierten Bevölkerung Aleppos zu helfen. Unser „Mut“ wäre verglichen mit Scholls Mut wohlfeil. Die Schönheit einer Sophie Scholl ist keine Finte, sie zielt ins Zentrum dessen, was Taten aus einem Menschen machen. Politik mag ein schmutziges Geschäft sein. Aber gute Politik ist eine Kunst, nicht irgendeine, sondern die Krone aller künstlerischen Erkenntniskräfte gewissermaßen.  

Welche Rolle spielt Wissenschaft für Ihre künstlerische Arbeit?  

Recherche ist unheimlich wichtig, genauso wie ein sicherer moralischer Instinkt und die Fähigkeit, die Überlegungen längst Verstorbener zu bergen. All das fließt in meine künstlerische Arbeit und wäre ohne wissenschaftliche Instruktionen undenkbar. Das wird es auch sein, was das Zentrum für Politische Schönheit von früheren Versuchen politischer Aktionskunst unterscheidet. Wenn Sie die politischen „Überzeugungen“ von Beuys oder Schlingensief mit unseren Werken vergleichen, werden Sie feststellen, dass die Preisgabe der Wissenschaften nur um den Preis des politischen Vermächtnisses zu haben ist. Weder bei Beuys noch bei Schlingensief finden Sie so etwas wie eine „politische Philosophie“. Was die beiden uns in dieser Sache hinterlassen haben, ist eine Ansammlung dürftiger Naivitäten.  

Verweigern Sie sich einem klassischen Kunstbegriff?  

In guten Stunden amüsiert er mich, in schlechten tröstet die Fixierung auf einen weißen oder theatralen Raum. Welche Kräfte diese Abschottung freisetzt, ist unglaublich. Wir sind ja selbst sehr klassisch in dem Sinne, dass die wesentliche Wirkung unserer Projekte aus der Auseinandersetzung zwischen Betrachter und Werk hervorgeht. Das Fehlen der Abschottung bewirkt einerseits, dass einem bedauerlicherweise selten Fragen gestellt werden nach der diagnostischen Kraft des Schuld-Films etwa, wie Sie das getan haben vorhin, andererseits beißt sich die Kunst dadurch in der Wirklichkeit fest und tut ihr weh.  

Die ernsthafte Wirkabsicht und Wirkeffizienz Ihrer Arbeit sind offenkundig. War es für Sie je eine Option, aus der akademischen Praxis statt in die künstlerische, in eine politische oder institutionelle zu wechseln? Rührt Ihre Präferenz für die Kunst aus deren Freiheitscharakter?  

Sie rührt einzig und allein daraus, dass sie Fantasie zulässt, erwartet, ja, regelrecht voraussetzt. Das zeigt den Irrsinn gegenwärtiger Politikkonzeptionen. Nirgends wäre Fantasie hilfreicher und nötiger. Die Wahlplakate, die die deutschen Parteien zu den Wahlen anbringen, hätten nie gedruckt werden dürfen. Sie haben keinen Effekt. Sie machen nicht nachdenklich. Sie versprechen und stehen für nichts. Sie sind eigentlich ein Spiegel der Seelen der meisten Politiker Deutschlands: gereinigt von allem. Die bedrohliche Maße annehmende Beteiligungslosigkeit an diesen Wahlen und die Leidenschaftslosigkeit sind die Quittung dafür. Das ist nicht gerade der Sinn dessen, was Intellektuelle sich vor 50 Jahren unter „Demokratie“ vorgestellt haben.  

Sie agieren performativ, aktionsbetont, setzen aber Objekte ein – wie etwa die Bomben, mit denen die UN die Ermordung von mehr als 8000 Männern in Srebrenica hätte verhindern können. Sie arbeiten an der Errichtung eines Mahnmals der Schande, das aus mehr als 16.000 Schuhen der Opfer der Massaker von Srebrenica errichtet werden soll. Die Mütter von Srebrenica haben Ihr Projekt unterstützt. Wie weit ist die Verwirklichung gediehen?  

Wir gruppieren gerade ein Team für das Fundraising. Trotz erheblicher internationaler Berichterstattung ist es uns vor vier Jahren nicht gelungen, die notwendigen finanziellen Ressourcen für das Projekt zu mobilisieren. Die Säule der Schande muss privat finanziert werden und daran arbeiten wir. Die Baupläne liegen auf dem Tisch. Die Welt ist es den Überlebenden von Srebrenica schuldig, dass das Mahnmal gegen die Vereinten Nationen bis zum Ende des Jahrzehnts steht.  

In welchem Verhältnis sehen Sie Ihre Arbeit zu einer Traditionslinie von Friedrich Schiller über Friedrich Nietzsche zu Joseph Beuys?  

Uns da brav einzureihen und noch Diogenes davorzusetzen, überlassen wir geduldig der Kunstgeschichte. Damit haben wir es im Moment nicht besonders eilig. Wichtiger ist, dass die Menschen merken, dass mit dem Zentrum für Politische Schönheit eine neue Phase angebrochen ist und dass man seinen Kindern später erzählen kann, das auch voll und ganz mitbekommen zu haben.  

Es gibt Künstlerinitiativen wie etwa die Wiener „Wochenklausur“, die konkret an Details, an sozialen Problemfeldern ansetzen und praktikable Lösungsstrategien verwirklichen, die unter Umständen über Jahrzehnte hinweg tragfähig sind und weiterexistieren. Sie setzen mit den Projekten des Zentrums für Politische Schönheit zumeist offenbar bewusst in Dimensionen an, die pragmatisch betrachtet wenig Aussicht haben, realisiert zu werden. Ich denke hier zum Beispiel an die „Seerosen für Afrika“ – einen Entwurf, der die Errichtung von Plattformen im Mittelmeer für mehr als 5,6 Millionen Euro vorsieht, auf die sich die Flüchtlinge aus Nordafrika retten könnten. Wollen Sie im Feld des Konzeptuellen, des Entwurfs, des Gedankenexperimentes bleiben?  

Wir haben damals nichts unversucht gelassen, die Seerosen zu finanzieren. Wir haben die Bundeskanzlerin bei eBay als „gebraucht“ eingestellt. Wir haben mit dem Kanzleramt Verhandlungen geführt, dass Merkel sich freikaufen kann. Wir haben das Projekt im EU-Strukturfonds für Außengrenzen beworben. Es wurde in den letzten fünf Jahren weitergestorben. So lange die Menschen keinen Boden unter den Füßen haben, werden die Seerosen benötigt.  

„Kunst und Dichtung sind nach Auschwitz nicht nur möglich, sondern vor allem: notwendig“  

Sie agieren häufig im Herzen Berlins, vor den Pforten des Reichstags und des Bundeskanzleramts. Wesentlicher Teil ihrer Aktivitäten sind aber auch das Internet und die Medien. Ein Projekt wie „Kindertransporthilfe des Bundes“, das Sie der Familienministerin Manuela Schwesig ‚andichteten‘, hatte den Sinn, für eine andere Asylpolitik, die Aufnahme syrischer Kinder in Deutschland, zu agitieren. Als weiteres Sujet sehe ich in dieser Aktion aber auch einen Kommentar zur mitunter kitschigen Personalisierung von politischen Erfolgen oder Leistungen. Auf Ihrer Homepage zur Fake-Kampagne untertiteln sie diese mit dem Satz „Eine deutsche Ministerin vollbringt einen Akt politischer Schönheit und wird zur Heldin von gleich zwei Nationen“ – eine Persiflage auf Eitelkeiten und Personenkult?  

Ich würde allen Ministerinnen und Ministern unterstellen, dass sie Ambitionen auf eine Kanzlerkandidatur haben. Es ist eine Art Wanderschild für Manuela Schwesig, wie sie dort hinkommt, wo sie hin will. Den parteiinternen Machtkampf mit Sigmar Gabriel wird sie nur gewinnen, wenn sie Akte politischer Schönheit vollbringt.  

Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass Sie das Problem des Genozids für das zentrale des 21. Jahrhunderts halten. Was veranlasst Sie zu dieser düsteren Prognose?  

Nennen Sie mir einen einzigen Grund, weshalb Völkermord nicht das bestimmende Thema des 21. Jahrhunderts sein sollte, nachdem es das beherrschende Thema des 20. Jahrhunderts war.  

Wir könnten etwas aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts gelernt haben. Sie sind doch Optimist.  

Nein. In dieser Frage bin ich durch und durch Realist. Ich habe auch im Bundeskanzleramt angerufen und gefragt, wer im Land der Holocaust-Täter für Fragen der Genozidprävention verantwortlich ist. Es wird Sie nicht verwundern, aber der größte Mitgliedsstaat der EU hat keine Stabsstellen dafür. Die Bundesregierung sieht sich nicht in der Pflicht, derartige Fragen zu behandeln. Deshalb wird die deutsche Politik vom nächsten großen Völkermord in Afrika auch wieder so völlig „überrascht“ werden. Armin Laschet saß kürzlich in einer größeren Fernsehsendung und meinte: „Das konnte doch 2008 keiner ahnen, dass es auf der Welt noch einmal zu solchen Kriegen kommen könnte.“ Da hätte er nur bei uns 2008 vorbeischauen müssen. Wir ahnen noch viel Schlimmeres voraus. Wenn wir nicht bald mit massiven Vorbereitungen beginnen, werden wir gegen die großen Katastrophen des 21. Jahrhunderts in Asien und Afrika nichts ausrichten können.  

Ethisches Fundament Ihrer Aktionen ist die historische Erinnerungsarbeit im Bezug auf den Holocaust und die daraus erwachsende Verpflichtung zum interventionistischen, humanitären Engagement. Ist diese Art des „Artivismus“ für Sie eine Antwort auf die Frage, wie politische Kunst nach Auschwitz möglich ist?  

Das betrachte ich als politische Lehre aus Auschwitz. Auschwitz wurde von Soldaten befreit, nicht vom Roten Kreuz oder von Amnesty International. Sehen Sie, im Moment ertrinken Zehntausende Flüchtlinge im Mittelmeer. Und was tut die größte Menschenrechtsorganisation Deutschlands? Sie faltet Schiffchen und schickt Pressemitteilungen herum, in denen steht: „Wir brauchen noch mehr!“ Fantasielosigkeit beherrscht gerade die NGOs. Kunst und Dichtung sind nach Auschwitz nicht nur möglich, sondern vor allem: notwendig.  

Biografische Daten

Philipp Ruch
Philipp Ruch ist künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit. Studium der politischen Philosophie. Promotion über „Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ (bei Prof. Herfried Münkler und Prof. Hartmut Böhme). Zahlreiche Ausstellungen und Inszenierungen: 7. Berlin Biennale, NGBK, ZKM, Steirischer Herbst, 6. Berliner Kunstsalon. 2009 dankte ihm der bosnische Außenminister für seine Erinnerungsarbeit Bergungsarbeiten auf Lethe. 2010 initiierte er das Mahnmalprojekt „Die Säulen der Schande“ für die Opfer des Genozids von Srebrenica.
Filme
2012 Sarkophag Oberndorf; 2012 KMW – Aus Tradition schuldig, nominiert für den Viral Video Award; 2012 100 Letters; 2012 1h41m; 2011 Himmel über Srebrenica Schuld. Die Barbarei Europas, Deutscher Webvideopreis; 2010 Die Überläufer; 2010 Die Symptome des Jahrhunderts; 2009 Die Zeitkapsel-Versuche; 2009 Sturmwarnungen; 2006 Die Einsamkeit des Angreifers, 7. Kurzfilmfestival Cellu l'art; 2005 Über das Verschwinden, 16. Internationales Filmfestival Emden, 33. Festival der Nationen Ebensee, Österreich, Nacht der 7 Traurigkeiten, Palast der Republik Berlin, FilmLichter, Internationales Kurzfilmfestival Detmold; 2004 Meine Erinnerung von Regen, 6. Kurzfilmfestival Cellu l'art: Besondere Erwähnung der Jury.
Projekte
Die Re-Formation der Geschichte, Thesen-Anschlag auf den Bundestag mit Pferden; Das Forum der verlorenen Hoffnungen, Künstler und Flüchtlinge pumpen das Kanzleramt mit Sehnsüchten voll, ein Stück politischer „Sehnsuchtsbildung“; Der Kontinent der Melancholie, Eine kritische Würdigung aller politisch Verstorbenen zur Europawahl; Die gebrauchte Kanzlerin, Die Bundeskanzlerin in der Kategorie „gebraucht“ bei eBay zur Finanzierung einer humanitären Rettungsmission; Himmel über Srebrenica, Eine politische Folie für die Kriege des 21. Jahrhunderts: wie der Genozid in Srebrenica hätte verhindert werden können; Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung Wir schleusen drei Flüchtlinge in einen Stiftungsrat, denn es gibt mehr als nur die Vergangenheit zu bewältigen; Bergungsarbeiten auf Lethe, Unbenutzte Bomben gegen den Fluss des menschlichen Vergessens, deponiert vor dem Deutschen Bundestag; Sarkophag Oberndorf, Deutschlands tödlichste Fabrik, hermetisch abgeriegelt unter 5 Millionen Tonnen Stahlbeton; Schuld – Die Barbarei Europas, Eine Bankerin attackiert die moderne Krankheit der geradezu steinzeitlichen Selbstbezogenheit – was die Deutsche Bank juristisch verhindern wollte; Seerosen für Afrika, 1.000 Rettungsplattformen, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten; Kindertransporthilfe des Bundes, Eine deutsche Ministerin vollbringt einen Akt politischer Schönheit und wird zur Heldin von gleich zwei Nationen; 25.000 Euro Belohnung, Patronenhülsen, Großplakate und die deutsche Öffentlichkeit gegen 38 Waffenhändler; Die Säulen der Schande, Ein Denkmal für die Schande des Westens und gegen die Vereinten Nationen – gebaut aus 16.744 bosnischen Schuhen.
Ausstellungen
2013/14 Hartware MedienKunstVerein (HMKV), New Industries Festival, Dortmund; 2013 „United Nations Revisited. Künstlerische Interventionen im politischen Raum“, Berlin; 2012 „Ladies of War“, 7. Berlin Biennale, KunstWerke Berlin; 2012 „Nachtwehen“, The Rise of Populism, Noordkaap Foundation; 2012 „Kanzlerin im Untergrund“, Steirischer Herbst; 2011 „Die Symptome des Jahrhunderts“, Maxim Gorki Theater Berlin; 2010 „16.744 Shoes“, Mahnmal für die Opfer von Srebrenica; 2010 „Seerosen für Afrika“, NGBK Berlin (‚Friedensschauplätze’); 2009 Krematorium II und Krematorium III, 6. Berliner Kunstsalon.

Wichtige Personen in diesem Artikel
Philipp Ruch

* 1981, Dresden, Deutschland

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