Band 205, 2010, Titel: Vom Ende der Demokratie, S. 86

Almut Linde

Nur das autonome Kunstwerk ist politisch.

Betrachtungen zu Ästhetik und Propaganda

1. Rhetorik

Schon die Rhetoriker der griechischen Antike wussten um die Macht der richtig eingesetzten Worte. Im selben Umfeld, in dem sich das politische System der Demokratie entwickelt, setzt auch die Perfektionierung der Kunst der Rede ein. Ästhetik der Rede und des Wahlkampfs hat ihren Ursprung in der Notwendigkeit der geschickten Beeinflussung der Massen. Mehrheiten müssen gebildet werden, um politische und rechtliche Entscheidungen zu befördern. Das Recht zur Wahl beinhaltet die Notwendigkeit der Überzeugungs- und Meinungsbildung. Das Volk muss in die Lage versetzt werden, Entscheidungen zu treffen. Dass Überzeugungsbildung nicht durch bloß ausgesprochene Wahrheit, sondern durch die Kunst, also eine Ästhetik der Sprache als geschickten Einsatzes der Worte geschieht, ist eine folgenschwere Erkenntnis der griechischen Antike.  

2. Propaganda

Der Begriff Propaganda erscheint 1622 in der von Papst Gregor XV. (1554–1623) veröffentlichten Bulle zur Verbreitung des katholischen Glaubens und der Missionierung der Neuen Welt. Propaganda, ist politische Aktivität mit dem Ziel der Machterhaltung und -verbreitung. Propaganda als manipulative Darstellung einseitig ausgewählter Inhalte, verbunden mit Zielen der politischen Einflussnahme ist insbesondere durch den in die extreme getriebenen Missbrauch im Stalinismus und Nationalsozialismus negativ behaftet. Im Dritten Reich verbindet der Propagandaminister Joseph Goebbels amerikanische Werbung mit Sowjetagitation. Er lässt sich inspirieren von kapitalistischer Werbung, Disneyfilmen, kommunistischen Aufmärschen und Sowietpropaganda. Ein Beispiel dafür, wie die tatsächlichen in der Propaganda angewendeten Werte von den vorgegebenen Werten abweichen, verkörpert das 1932 veröffentlichte Wahlplakat der NSDAP. In diesem werden die moderne Sprache der amerikanischen Produktwerbung und avantgardistische Typografie zur Wahlpropaganda eingesetzt. Das Plakat wirbt für einen einzigen Kandidaten, es gibt keine weitere Botschaft. Nur der Kopf des zukünftigen Diktators prangt ausgestellt wie ein Markenprodukt vor schwarzem Hintergrund kombiniert mit einem einzigen Wort: „ Hitler“. Die verwendete serifenlose Bauhausschrift Grotesk ist ein Vorläufer der Neutralitätsikone und bis heute einer der meist verwendeten Schrifttypen Helvetica, deren Ästhetik eher die Werte der abstrakten Kunst und der Minimal Art wiederspiegelt.  

Dieses Wahlplakat widerspricht ästhetisch gesehen der Doktrin des Nationalsozialismus. Es bedient sich der von den Nationalsozialisten verhassten Ideologien von Bauhaus, Sozialismus und amerikanischer Werbeästhetik. Selbst das Plakat zur Ausstellung der „Entarteten Kunst“ (1937) bezieht sich auf die als entartet diffamierte Ästhetik, indem deutliche Formmerkmale von El Lissitzkys (1880–1941) Plakat für die Westfront von 1920 „Mit dem roten Keil schlage ich die Weißen“ kopiert werden. Die Trennung zwischen Ideologie und Ästhetik ist offensichtlich. Der Unterschied zwischen Kunst und Propaganda ist nicht die äußere Erscheinung oder die Ästhetik, sondern die dahinter verborgenen Interessen. Während die Kunst frei ist, ist Propaganda stets gebunden. In der Kunst wird Ästhetik nicht auf die Erscheinung beschränkt, sondern impliziert die Kräfte, die hinter der Erscheinung stehen. In der Propaganda sollen die Kräfte, die hinter der Erscheinung stehen, kaschiert werden.  

3. Public Relations

Einige Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten erscheint Propaganda in der kapitalistischen, demokratischen Gesellschaft Amerikas als legitime Organisation des freien Wettbewerbs und der politischen Gestaltung. Es ist die Geburtsstunde der Public Relations. Dieser Begriff kann dessen ungeachtet nicht darüber hinwegtäuschen, dass Einflussnahme mit dem Ziel der Manipulation des Betrachters gegen seinen Willen, ohne seine Zustimmung und ohne dass eine bewusste Auseinandersetzung stattfinden kann, Propaganda ist. Propagandisten bezeichnen die Organisation und Fokussierung der öffentlichen Meinung als ein notwendiges Instrument politischen Handelns. Mit aus heutiger Sicht erstaunlicher Offenheit enthüllt Edward Bernays (1891–1995), einer der Begründer der Public Relations, im Jahre 1928 die Machtverhältnisse einer demokratischen Marktwirtschaft: „Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land. Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben.“1  

Propaganda erscheint nicht nur als legitimes Organisationsprinzip von Demokratie, sondern auch als eine notwendige Konsequenz des freien Wettbewerbs: „Theoretisch entscheidet sich beim Kauf jeder für die beste und billigste Ware, die ihm angeboten wird, in der Praxis jedoch käme unser Wirtschaftsleben vollständig zum Erliegen, wenn wir alle Preise vergleichen würden […] Um ein derartiges Chaos zu vermeiden, besteht eine stille gesellschaftliche Übereinkunft darüber, dass unser Blick durch den Einsatz von Propaganda lediglich auf eine reduzierte Auswahl an Gedanken und Gegenständen fällt.“2  

Die Steuerung der öffentlichen Meinung ist ein wesentliches Element der Gesellschaftsstruktur. Nicht nur die Politik, alle gesellschaftlichen Bereiche wie Bildungs-, Industrie-, Finanz- Umweltschutz- oder Wohltätigkeitsorganisationen nutzen Propaganda zur Bekanntmachung und Durchsetzung ihrer Ziele. Nicht nur Wahlveranstaltungen, auch Baumbesetzungen, Terroranschläge, Friedensdemonstrationen, Graffitis sind Formen politischer Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. „Propaganda existiert überall um uns herum, und sie ändert das Bild, das wir uns von der Welt machen.“3  

4. Werbung

Werbung ist die akzeptierte Form der Propaganda in der Demokratie. Sie wird als notwendige Methode zur Erhaltung der Wirtschaft angesehen. Überwiegt zu Beginn der Reklame noch die Darstellung der Qualität der Produkte, so ist Werbung immer mehr zur geschickten, schwer identifizierbaren Manipulation geworden. Werbung hat einen Wandel von Produktwerbung über Imagewerbung und Life-Style bis hin zur Infiltration und Beeinflussung von sozialen Netzwerken durchlaufen.4 Das beworbene Produkt tritt in den Hintergrund zugunsten von Ereignissen, die in der privaten Gefühlswelt des Konsumenten verortet sind. Virales Marketing nutzt Internetforen, Blogs und soziale Netzwerke in einer Weise, in der Werbung nicht mehr als solche erkennbar sein soll. Anders als herkömmliche Mundpropaganda, die spontan und freiwillig erfolgt, streut virale Kommunikation gezielt und kontrolliert Informationen zur Durchsetzung eigener Interessen. Astroturfing imitiert echte Graswurzelbewegungen mit dem Ziel, einen künstlich erzeugten Eindruck einer spontanen und unkommerziellen Bewegung zu simulieren.5  

Diesen neuen Formen der Propaganda ist nicht nur gemeinsam, dass sie nicht mehr als solche identifiziert werden, sondern auch dass sie einen Teil der Kontrolle an autonome soziale Prozesse der Kommunikation abgeben und Mehrdeutigkeit zulassen. Es ist kaum noch möglich, von der einen klaren „Botschaft“ zu sprechen. Konnte sich in den siebziger Jahren noch die Visuelle Kommunikation6 auf die Analyse von Werbung mit dem Ziel der Aufklärung über die manipulativ eingesetzten formalen Mittel stürzen, so stehen wir heute der fortschreitend unterschwellig agierenden perfiden Ästhetik der Werbung und der zunehmenden Komplexität von Meldungen, Bildern, Events und ihrer ästhetischen Erscheinungsformen quasi reflexionslos gegenüber.  

Nicht nur das willkürliche Kodieren der Formen mit variablem Inhalt, sondern die hinter dieser formalen Ästhetik stehenden Interessen einzelner Konzerne – Gewinnmaximierung, Macht der Marktführerschaft, Kontrolle über entscheidende Plattformen, gezielte Desinformation bis hin zur politischen Einflussnahme – führen zu einem Verlust des Ganzheitsbildes der Gesellschaft. In der Werbung geht es grundsätzlich um etwas anderes, als um das, was vorgegeben ist. Mit anderen Worten: Form, Inhalt und Ziel sind komplett auseinandergebrochen. Durch die Überdominanz von Werbung in allen Lebensbereichen gewöhnt sich die Wahrnehmung an diese fragmentierte Form der Inhaltstransmission. Umgeben von falschen Botschaften und willkürlichen Form-Inhaltsverknüpfungen trainiert das menschliche Bewusstsein täglich falsch, dass Form und Inhalt keinen Zusammenhang besitzen und beliebig austauschbar sind. Dieser Prozess ist deshalb so gravierend, da er alle sozialen Bereiche und gesellschaftlichen Systeme umfasst. Politik, Bildung, Religion haben von der Werbung gelernt und bedienen sich gleichfalls ästhetischer Mittel der Propaganda eigener versteckter Interessen.  

5. Wahlkampf

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf der Demokraten 2008 zeichnet sich, wie modernes Marketing, durch eine intensive und geschickte Nutzung des Internets aus. Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter werden effektiv eingesetzt. Barack Obamas Wahlkampfslogan „Yes we can“ ist die zu Sprache gewordene, erhobene Faust, die sagt: „Wir schreiten voran, wir können“. Die erhobene Faust zeigt keinen konkreten Inhalt, keine konkrete Wahlbotschaft, sie ist wie auch in der Sowietpropaganda reine Agitation. Mit emotional aufgeladenen, leicht verständlichen Zeichen wird Wahlkampf geführt. „Wo Zeichen sind, ist auch Ideologie. Alles Ideologische hat Zeichencharakter.“7  

Eine weitere Alternative zum gängigen Wahlkampf führt 1998 die SPD mit der parteiexternen Wahlkampforganisation „Kampa 98“ ein. Neue, aus der Werbung entliehene Marketingstrategien verändern die Ästhetik der Wahlplakate. Auch 2002 wird gezielt mit mehrdeutigen Aussagen geworben. Andreas Gurskys (geb. 1955) Wahlplakat von 2002 für die Koalition aus Bündnis 90 die Grünen und SPD bildet einen Gegenpol zum gängigen Personenwahlkampf, in dem das Portrait des Kandidaten zusammen mit dem Parteienlogo – der Marke – präsentiert wird. In der für das Wahlplakat verwendeten Fotografie wirken horizontale Linien eines Ausschnittes des begradigten Rheinufers als abstraktes Bild, in das keinerlei inhaltliche Vor- oder Zugaben außer den beiden Parteienlogos fließen. Gänzlich gegen jede bekannte Form der Wahlpropaganda bleibt die konkrete Aussage dieser Gegenüberstellung von Natur und Kultur offen. Womit letztendlich geworben wird, ist nicht die Unterwerfung der im Plakat zu Geltung gebrachten Ästhetik an inhaltliche Botschaften, sondern die Beteiligung des berühmten deutschen Künstlers an der Wahlkampagne. Entsprechend findet sich eine kleine weiße Textzeile im unteren linken Plakatbereich: „Kulturschaffende unterstützen Gerhard Schröder“. Abstraktion und damit verbundene Mehrdeutigkeit werden hier gezielt eingesetzt, um den Eindruck der Offenheit zu vermitteln.  

6. Gesellschaft

Eine Folge des Eindringens von nicht durchschauter Propaganda in das Alltagsleben ist ein Zustand genereller Konfusion. Es wird nicht mehr auf die eigene Fähigkeit der Beobachtung vertraut. Stattdessen versucht das Bewusstsein auf Form applizierte Inhalte zu identifizieren, ohne deren manipulativen Inhalt und Ziel zu erkennen. Es entsteht eine neue Art von Unmündigkeit, die möglicherweise eine noch größere Katastrophe des Kapitalismus darstellt als die der Gewinnmaximierung und Ausbeutung. Ginge es um die Werte selbst, könnte jeder Konsument oder Wähler selbst entscheiden. Neue Kommunikationstechnologien haben traditionelle Wertvorstellungen ausgehöhlt. Wertschöpfung findet nicht mehr nur im Raum des materiellen, sondern auch in unseren Köpfen statt.  

Heute übersteigt der Börsenwert einer Firma, die fremde, geistige Inhalte lediglich indexiert, wie Google, den Börsenwert von Herstellern materieller Güter um ein Vielfaches. Es wird mehr Gewinn mit Kontrolle von Informationsfluss, also geistigen Materials gemacht, als mit den tatsächlichen materiellen Gütern. So auch in der Lebensmittelindustrie, in der die größte Wertschöpfung nicht aus dem Verkauf der eigentlichen Lebensmittel, sondern in der Rekombination und Verarbeitung erzielt werden. Die Folgen für die Gesundheit der Menschen und die Volkswirtschaft sind fatal.8  

Die effizienteste Wertschöpfung in der heutigen Zeit geschieht nicht mehr durch materielle Werte, sondern durch das Ausnutzen einer Bewusstseinsdifferenz zwischen Hersteller und Konsument. Marketing wirkt Kunst und Bildung entgegen, indem versucht wird, die Errungenschaften der Aufklärung zurückzudrehen. Modernes Marketing ist die Abschaffung der Mündigkeit und die Erziehung zu einer indifferenten Haltung, der man leichter eine Werbebotschaft unterschieben kann.  

Die Konsequenz des Eindringens von Propaganda in alle Gesellschaftsbereiche ist eine unmündige, fragmentierte Gesellschaft, die nicht mehr zwischen Form und Inhalt, zwischen Gesagtem und Realität unterscheiden kann. So eine Gesellschaft ist ideal für Konzerne, die unmündige Konsumenten mit dem Ziel besser steuerbarer Kaufbereitschaft anstreben. Sie ist fatal für die Demokratie, die nur funktionieren kann, wenn mündige Individuen in der Lage sind, qualitative Entscheidungen für die Gemeinschaft zu treffen.  

Eine niedrige Wahlbeteiligung und Streuung der Wählerstimmen auf viele Parteien sind Ausdruck einer politischen Beliebigkeit und allgemeiner Konfusion. Wenn sich alle Parteien der gleichen Formen bedienen, sich die Ästhetik des Wahlkampfes angeglichen hat und Inhalte losgekoppelt und beliebig austauschbar geworden sind, wozu dann noch wählen? Wo soll Aufklärung stattfinden, wenn auch die Massenmedien den Gesetzen von Markt, Angebot und Nachfrage unterworfen sind?9  

7. Kunst

Der Ort, an dem die Waffen geschmiedet werden können, um mit der perfiden Mehrdeutigkeit und scheinbaren Offenheit heutiger Propaganda umzugehen, ist die Kunst. Besteht doch gerade die Autonomie der Kunst darin, die im Objekt enthaltenen Mehrdeutigkeiten beobachtbar zu machen und mit Offenheit umzugehen, ohne in Beliebigkeit zu versinken. Kunst beinhaltet in der Zweckfreiheit eine intrinsische Einheit von Inhalt und Erscheinung. Sie ist nicht beliebig, aber frei von manipulativen Zeichen. Das ist die „Freiheit in der Erscheinung“10, die nach Friedrich Schiller (1759–1805) in der Schönheit sichtbar wird. Folgerichtig verlangt Jonathan Meese (geb. 1970) eine „Diktatur der Kunst“. Wenn der Künstler „Neutralität“ und „Demut“ fordert, bezieht er sich auf Schillers Freiheit in der Erscheinung. Das ist das Autonomiegebot der Kunst. Meeses ausgestreckter rechter Arm zeigt nicht den Hitlergruß. Er zeigt, dass das Böse nicht in der Form, nicht in der Ästhetik liegt, sondern in den dahinter stehenden Interessen und Ideologien. In seinen Performances betreibt Meese einen Exorzismus der Ästhetik der Nazipropaganda.  

Im Gegensatz zu Propaganda zielt wahres politisches Handeln auf das Bewusstsein des Individuums. Diesen Umstand hatte auch schon die russische politisch engagierte Künstleravantgarde erkannt. Frühzeitig wird diese Form des politischen Engagements, die auf eine Erweiterung des Bewusstseins abzielt, von der diktatorischen Politik Stalins unterdrückt. Auf der anderen Seite der politischen Welt wird das im ähnlichen Sinne aufklärerische Engagement der amerikanischen Avantgarde des abstrakten Expressionismus im Kalten Krieg für politische Zwecke vereinnahmt.  

Eine künstlerische Revolution ist zunächst einmal etwas anderes als eine politische Revolution, die ein definiertes politisches Interesse verfolgt. Für einen kurzen Moment in der Zeitgeschichte treffen indes künstlerische und politische Avantgarde zusammen. Zwischen 1913 und 1915 keimen revolutionäre künstlerische Konzeptionen im Konstruktivismus auf, bei Wladimir Tatlins (1885–1953) Expansion der Collage in den Raum oder in Kasimir Malewitschs (1878–1935) Suprematismus. In den ersten Jahren der Sowjetunion ab 1917 revolutionieren Künstler Kunst, Architektur, Typografie, Film und beteiligen sich idealistisch an der Propagierung des neuen Menschenbildes. Insbesondere die Fotomontage stellt sich in den Dienst der Propaganda. El Lissitzky versteht die geometrischen Kompositionen seiner PROUN-Bilder nicht als technische Konstruktion, sondern als eine intuitive Raumgestaltung, als eine abstrakte Organisation von Bewegungen, die der Betrachter in der Wahrnehmung nachvollzieht. Die abstrakte Organisation von Linien und Flächen dient als ein Modell für reale Bewegung und räumliche Beziehungen. Mit Stalins Machtübernahme muss die abstrakte künstlerische Avantgarde in Russland enden. Die Diktatur fordert eine Rückkehr zur Gegenständlichkeit, um Bildaussagen einer direkten Kontrollierbarkeit zu überführen. Botschaften eines ungegenständlichen Plakates beinhalten stets auch ein Potential des Subversiven. Kunst, die Avantgarde ist, kann nie eindeutig sein, sondern impliziert individuelle Auslegung. Sonst wäre sie Sprache. Und genau das ist es, was der 1932 von der KPdSU ins Leben gerufene Sozialistische Realismus propagiert. Abstrakte Kunst eignet sich nicht für politische Propaganda, da sie mehrdeutig ist und das Volk sie nicht versteht. Zum Ausbau und Erhaltung der Macht wird eine Rückkehr zur „verständlichen“ Gegenständlichkeit als direkte Illustration politischer Inhalte gefordert. Es erfolgt eine komplette Funktionalisierung der Kunst zu staatlich kontrollierten Propagandazwecken. Den Künstlern bleibt nur Exil oder Anpassung. Malewitsch, der Maler der 1915 mit dem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“ die Ikone der Gegenstandslosigkeit geschaffen hat, versucht die geometrische Abstraktion in den „Kopf eines Bauern“ (1928–1932) zu pressen. Auch Santiago Sierras (geb.1966) herunterhängender „Arm eines Arbeiters, der von einer Behausung aus durch die Decke eines Kunstraumes reicht“ (2004), nutzt das gegenständliche Erscheinen von Körperteilen eines Arbeiters zur Markierung politischer Bedeutung. In den 1980er Jahren persifliert Martin Kippenberger (1953–1997) eine vorgegebene politische Haltung, indem er mit Bezug auf die Propaganda des sozialistischen Realismus eine „Sympathische Kommunistin“ (1983) malt.  

Der sozialistische Realismus verdammt die autonome Kunstbewegung der Abstraktion als formalistisch und bürgerlich. Als einzig legitime Form wird staatlich geförderte gegenständliche Kunst propagiert. Demgegenüber fördert die amerikanische Politik die abstrakte Kunst wegen ihrer vermeintlichen politischen Neutralität. Beide politischen Strömungen, der sozialistische Realismus auf der einen und die antikommunistische amerikanische Politik auf der anderen Seite, instrumentalisieren Abbildung und Abstraktion für die eigene Propaganda.  

1959 zeigt die documenta II als Gegenreaktion auf den sozialistischen Realismus und die Nachwirkungen nationalsozialistischer Kunstpolitik eine umfangreiche Übersicht ungegenständlicher, abstrakter Kunst. Die amerikanischen abstrakten Expressionisten der New York School, Barnett Newman (1905–1970), Mark Rothko (1903–1970), Jackson Pollock (1912–1956), Clyfford Still (1904–1980) und Robert Rauschenberg (1925–2008) sind mit einer großen Anzahl von Werken vertreten.11 Kritik erntet die Ausstellung, in dem die Abstraktion ungegenständlicher Kunst als realitätsfeindliche Flucht aus gesellschaftlichen Verhältnissen bezeichnet wird. Eine inzwischen hinlänglich dokumentierte Tatsache ist, dass die amerikanische abstrakte Kunst von der Politik gefördert wird, gerade weil sie als unpolitisch verstanden wird.12 Der Gegenpart dazu ist das Unterdrücken der abstrakten Kunst in der Sowjetunion mit der Argumentation Abstraktion sei unpolitisch und für Propagandazwecke unbrauchbar. Im sozialistischen Realismus wird nach Gegenständlichkeit gestrebt, weil Kunst politisiert werden soll. In den Vereinigten Staaten wird aus dem gleichen Grund Abstraktion gefördert, um Kunst von der politischen Aussage zu entkoppeln und für den politischen Zweck der Propagierung eines neuen, großen und freien Amerika zu missbrauchen.  

8. Nur das autonome Kunstwerk ist politisch

Wird der abstrakten Kunst der Vorwurf der Realitätsferne gemacht, so ist damit stets eine vermeintliche Ferne von politischer, sozialer und gesellschaftlicher Realität gemeint. Dabei wird übersehen, dass gesellschaftliche Realität einer höheren Realität unterliegt. Nur hier ist Veränderung möglich. Einen der radikalsten Einbezüge dieser übergeordneten Realität in die Kunst leistet Pollock. Er transzendiert die Idee einer umfassenden Kontrolle durch den Menschen innerhalb der Malerei. Der Maler bringt Handeln und Form in Einklang, indem er seine Bewegung und die physikalischen Eigenschaften von Lackfarbe auf der Leinwand vereint. Die politische Dimension liegt in dem Ganzheitsanspruch, indem der Künstler Verantwortung für sein Handeln übernimmt und das Handeln im Kunstobjekt enthalten ist. Was Pollock beispielhaft in der Malerei erreicht hat, muss der Mensch in seinem alltäglichen Handeln in der Welt erreichen.  

Nach Pollocks Tod reduziert Allan Kaprow (1927–2006) in „The Legacy of Jackson Pollock“ das Kunstwerk zum bloßen Protokoll der künstlerischen Aktion und trennt in der Folge Handeln und autonomes Kunstwerk. Die Folge ist eine bis heute fortschreitende Entwicklung, in der das politisch definierte Handeln des Künstlers in Opposition zum autonomen, formalästhetischen Kunstwerk verstanden wird. Ironischerweise erfolgt die künstlerische Trennung von Aktion (verstanden als politisches, soziales Handeln) und Form (verstanden als autonomes Kunstwerk im White Cube) parallel mit der von der amerikanischen Politik vorangetriebenen Entpolitisierung des abstrakten Expressionismus. Handeln mit dem Ziel direkter gesellschaftlicher Veränderung ist Propaganda und führt zur Trennung von Form und Inhalt, da die Form einem externen politischen Ziel unterworfen wird.  

Von politischer Kunst zu sprechen, beinhaltet jedoch auch einen internen Widerspruch. Kunst muss, um Kunst zu sein, absichtsfrei sein. Sobald sich Kunst in den Dienst politischer Propaganda stellt, hört sie auf interessenlos zu sein. Dennoch ist Kunst politisch und nicht Propaganda, da sie sich um die Basis menschlichen Handelns kümmert. Die Basis, die hinter dem sichtbaren Geschehen, hinter der Ästhetik liegt, ist der gleiche Ort, an dem Politik stattfindet. Individuelles Handeln ist politisches Handeln.13 Bildung des Bewusstseins des Individuums ist die direkteste politische Einflussnahme, die Kunst leisten kann. Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie keine Propaganda ist. Daher muss Kunst die politisch ist, autonom sein. Kunst ist weder Unterhaltung noch Luxusobjekt. Weil Kunst interessenfrei ist, ist Kunst zugleich die politischste und die freiste Bewusstseinsbildung.  

Anmerkungen 1) Edward Bernays, Propaganda. Die Kunst der Public Relations [1928], Freiburg 2007, S. 19. 2) Ebenda, S. 20. 3) Ebenda, S. 32. 4) Vgl. William Leiss/Stephen Kline/Sut Jhally, Social Communication in Advertising, Scarborough, Ontario 1990. 5) Der Begriff Astroturfing ist einer amerikanischen Kunstrasenmarke AstroTurf entliehen und bezieht sich ironisch auf den Terminus der Graswurzelbewegung. 6) Vgl. Hermann K. Ehmer (Hrsg.), Visuelle Kommunikation. Beiträge zur Kritik der Bewusstseinsindustrie, Köln 1971. 7) Valentin N. Vološinov, Marxismus und Sprachphilosophie. Grundlegende Probleme der soziologischen Methode in der Sprachwissenschaft, hrsg. von Samuel Weber, Frankfurt am Main 1975, S. 55. 8) Vgl. hierzu weiter Michael Pollan, The Omnivore’s Dilemma. A Natural History of Four Meals, London 2007. 9) Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkennt Gustave Le Bon (1841–1931), dass Pressefreiheit eine Illusion ist, wenn die Presse den Massengeschmack wiederspiegeln muss, da sie sonst ihre Leser verliert. Vgl. Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Stuttgart 1982, S. 85. 10) Friedrich Schiller, Kallias oder über die Schönheit, Stuttgart 1994, S. 18. 11) Anlass zur Kritik ist auch, dass der amerikanische Beitrag nicht von den Organisatoren der documenta, sondern von Porter McCray vom Museum of Modern Art New York ausgewählt worden ist. 12) Vgl. Eva Cockcroft, „Abstract Expressionism. Weapon of the Cold War“, in: Francis Frascina (Hrsg.), Pollock and After. The Critical Debate, New York/Cambridge/Philadelphia (et al.) 1985, S. 125–133. 13) Politisches Handeln impliziert auch die Verantwortung des Handelns als Konsument. Welche Produkte kaufe ich, wie wähle ich, zu welchen Besucherzahlen, Webseitenstatistiken und Einschaltquoten trage ich bei? Der Gang zur Supermarktkasse entspricht einem Gang zur Wahlurne (vgl. den 2009 veröffentlichten Dokumentarfilm „Food Inc.“ von Robert Kenner). Lässt sich das Individuum von Werbung oder Propaganda blenden, handelt es sich um eine politische Handlung. Dies impliziert eine Verantwortung, der sich das Individuum durch Nicht-Wissen nicht entziehen kann. Dieses Nicht-Wissen zu bekämpfen ist Imperativ

Biografische Daten

Almut Linde, geb. 1965 in Lübeck, 1985–1994 Hochschule für Bildende Künste Hamburg, Meisterschülerin (bei Bernhard Johannes Blume und Franz Erhard Walther), 1988–1989 Facultad de Bellas Artes, Uni. Complutense, Madrid, 2008 HAP Grieshaber-Preis, Bonn, Ausstellungen unter anderem Hamburger Kunsthalle, Nationalgalerie Prag, Matadero Madrid, Nunnery Gallery, London. Lindes Kunstpraxis „Dirty Minimal“ überwindet die folgenschwere Trennung in der Kunst von Aktion und Objekt, welche sich symptomatisch im Denken als ursächlich für die Probleme der Welt widerspiegelt.

Autor
Almut Linde

* 1965, Lübeck, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Andreas Gursky

* 1955, Leipzig, Deutschland

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Martin Kippenberger

* 1953, Dortmund, Deutschland; † 1997 in Wien, Österreich

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El Lissitzky

* 1890, Portschinok, Rußland; † 1941 in Moskau, Rußland

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Kasimir Malewitsch

* 1878, Kiew, Ukraine; † 1935 in Leningrad, Rußland

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Jonathan Meese

* 1970, Tokio, Japan

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Santiago Sierra

* 1966, Madrid, Spanien

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Weitere Personen
Edward Bernays

* 1891, Wien, Österreich; † 1995 in New York, Verein. Staaten

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Allan Kaprow

* 1927, Atlantic City, Verein. Staaten; † 2006 in San Diego, Verein. Staaten

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Barnett Newman

* 1905, New York, Verein. Staaten; † 1970 in New York, Verein. Staaten

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Barack Obama

* 1961, Honolulu, Verein. Staaten

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Jackson Pollock

* 1912, Cody, Verein. Staaten; † 1956 in Springs-East Hampton, Verein. Staaten

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Robert Rauschenberg

* 1925, Port Arthur, Verein. Staaten; † 2008 in Captiva/Florida, Verein. Staaten

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Mark Rothko

* 1903, Daugavpils, Lettland; † 1970 in New York, Verein. Staaten

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Friedrich Schiller

* 1759, Marbach am Neckar, Deutschland; † 1805 in Weimar, Deutschland

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Gerhard Schröder

* 1944, Mossenberg, Deutschland

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Wladimir Tatlin

* 1885, Moskau, Rußland; † 1953 in Nowodewitschi, Rußland

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