Band 201, 2010, Titel: Wirtschaft und Kunst, S. 66

Doris Rothauer

Ein Dach am Kopf

Oder: Wie man mit Kreativität nicht nur Häuser, sondern ganze Welten baut

2009 ist das Europäische Jahr der Kreativität und Innovation, die EU hat sich „die Förderung der Kreativität für alle” auf ihre Fahnen geschrieben1. Lange Zeit Domäne der Kunst, mutiert die Kreativität zum Hoffnungsträger der Politik.  

Kaum ein Wort wird derzeit so gehypt und ist gleichzeitig so unbeliebt und verpönt bei jenen, die dafür stehen: die Kulturschaffenden. „Sollte es jemandem einfallen, ein Haus für missbrauchte Worte einzurichten, dann stünde der Wortfamilie rund um die Kreativität eine ganze Etage zu“, meint Gabriele Fischer, Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins brand eins.2 Hinter diesem Phänomen steht eine Entwicklungsgeschichte, an deren vorläufigem Ende nichts mehr oder weniger als ein Gesellschaftswandel steht. Ein Wandel, der die Überführung von der kapitalistischen Industriegesellschaft in die postkapitalistische Wissensgesellschaft begleitet. Ein Wandel, den führende Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler für so fundamental wie seinerzeit den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft halten. Ein Wandel, der sich auf alle Lebensbereiche und Systeme auswirkt. Und ein Wandel, der sich auch am veränderten Konzept und Gebrauch der Kreativität beschreiben lässt. Kunst, Design, Mode, Architektur, Film und Medien werden zu Wachstumsbranchen erklärt, Künstler und Kunstschaffende zu Vorbildern für die Umgestaltung der Arbeitsgesellschaft. Unternehmerische Kreativität entscheidet zunehmend über Zukunftsfähigkeit und Marktchancen im globalen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit.  

Kürzlich wurde der erste Creative Economy World Report 2008 der UNCTAD anlässlich eines weltweiten konstanten Wachstums der Kreativwirtschaft veröffentlicht: Demnach hat sich der Weltmarkt für Güter und Dienstleistungen der Creative Industries zwischen 1996 und 2005 fast verdoppelt; das „kreative“ Volumen entspricht derzeit rund 3,4 Prozent des Welthandels insgesamt.3  

Kaum eine Stadt oder Region, die nicht schon eine eigene Studie über die lokale Kreativwirtschaft publiziert hat. Die Zahlen zeigen: der Anteil der Kreativen an der arbeitenden Bevölkerung ist in etwa gleich verteilt, vor allem im europäischen Feld, und rangiert zwischen 10 und 15%; das durchschnittliche Wachstum der Branche(n) liegt zwischen 5 und 10%, und damit über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Im deutschsprachigen Raum etwa zählt man rund 18.000 Kreativunternehmen in Wien, 18.500 in Berlin, 16.500 in Köln, 8.000 in Zürich.4  

Creative City

So wie die alten Produktionsfaktoren der Industriegesellschaft durch neue der Wissensgesellschaft ersetzt werden, orientiert sich auch die Standortfrage an neuen Kriterien. Nicht mehr das Auslagern in Billiglohnländer oder Ansiedeln in Gebieten mit gut erschlossener Infrastruktur ist gefragt, sondern jene Standorte, wo die hochqualifizierten, kreativen Köpfe zu finden sind. Und das ist dort, wo das entsprechende kreative Umfeld geboten wird: ein vielfältiges Programm an Kunst und ein multikulturelles offenes Klima. „We will not move for a job, we move for a place“, so drückte es der Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida anlässlich des World Creative Forum in London 2003 aus. Sein Modell der Creative City baut auf den drei T-Faktoren auf, die ausschlaggebend für den Standortvorteil sind: Talent, Technology, Tolerance. Sein kontroversiell diskutierter „Creativity Index“ bewertet die drei Ts nicht nur an der Anzahl der Hightech-Experten oder der Künstler in einer Region, sondern etwa auch an der Anzahl von Homosexuellen („Gay Index“).5  

Die Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants hat zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zehn deutsche Städte anhand der drei Ts untersucht, die exemplarisch für kreative Regionen stehen. Die Siegerstadt ist München, gefolgt von Stuttgart, Hamburg, Frankfurt, Berlin, Köln, Düsseldorf, Mannheim, Nürnberg und Leipzig (in abfallender Reihenfolge). 6  

Um eine weltweite Vernetzung von Creative Cities bemüht sich das 2004 ins Leben gerufene „Creative Cities Network“ der UNESCO, das allerdings mit anderen Kategorien arbeitet: Assuan und Santa Fé als Städte der Volkskunst; Berlin, Buenos Aires, Montreal, Kobe, Nagoya und Shenzhen als Städte des Designs; Popayan in Kolumbien als Stadt der Gastronomie; Edinburgh und Melbourne als Städte der Literatur; Bologna, Glasgow und Sevilla als Städte der Musik sowie Lyon als Stadt der Medienkunst.  

Kreativität als Mythos

Die Urdomäne der Kreativität ist die Kunst. Von der Antike bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts wurde sie fast ausschließlich dem künstlerischen Schaffen zugeordnet. Ein Streifzug durch die Kunstgeschichte belegt, dass Kreativität immer schon eng mit dem Genie-Begriff verbunden war. Ein Begriff, der nicht nur den historischen Künstlermythos begründet, sondern bis heute zur Diskussion steht, wenn es um das Künstlerbild in der Gesellschaft geht.  

In der griechischen Antike waren es die Dichter, die das Künstlerbild repräsentierten. In der Person des Dichters war Kunst und Religion zu einer göttlichen Berufung vereint. Künstler zu sein, war ein Geschenk der Götter, die durch das Werkzeug des Künstlers bzw. Dichters wirken konnten. Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker waren den Sklaven gleichgestellt. Und auch im Mittelalter steht der Dichter-Prophet im Mittelpunkt der Weihe der Kunst. Die bildenden Künstler bleiben durch die seit dem 12. Jahrhundert bestehenden Malzünfte im Handwerk verwurzelt, aus dem sie sich erst im 15. Jahrhundert lösen können.  

Der Genie-Kult und seine Entmystifizierung

Die Spätrenaissance nahm den göttlichen Künstler-Typus wieder auf und kultivierte ihn im Genie, nicht zuletzt weil der Mythos der göttlichen Inspiration half, das Ansehen in der Öffentlichkeit zu heben. Der Genie-Begriff der Renaissance, der bis ins 20. Jahrhundert wirkte, war jedoch im Gegensatz zur Antike mit dem Wahnsinn als Wahn-Ausdruck eines hervorragenden Geistes verknüpft. Eine Auffassung, die im 19. Jahrhundert in der Genie-und-Irrsinn-Theorie gipfelte. Der antike Genius meinte demgegenüber das Wesen einer Lebenskraft, die Krankheit, Zerfall und Tod überdauert und Schutz und Entfaltung neuen Lebens sichert. Die Wortwurzel „gen“ steht für lateinisch „ingenium“ und heißt „zeugen“.  

Mit der Entstehung des rationalistischen Weltbildes Anfang des 17. Jahrhunderts kündigen sich neue Ideale an, die nach Einfachheit, Regelmäßigkeit, Gesetzmäßigkeit trachten. Die Phantasie wurde als eine dem Verstand entgegengesetzte Kraft, als etwas Triebhaftes, als gefährlich und dem Irrsinn nahestehend betrachtet. Ein wegbereitender Schritt hin zur Genie-und-Irrsinn-Lehre des 19. Jahrhunderts, die außergewöhnlichen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allen voran Künstlern eine krankhaft psycho-physische Konstitution unterstellte. Dem Phänomen des Genies schrieben Wissenschaft und Medizin organische Ursachen zu, um es so biologisch zu entmystifizieren. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wich das pathographische Interesse am Genie dem Entdecken und Fördern von Hochtalentierten auf breiterer Ebene. Der elitäre Begriff des Genies wurde ersetzt durch den Breitenbegriff des Talents, zunächst in Verbindung mit der Intelligenzforschung, ab Mitte des 20. Jahrhunderts in Form der modernen Kreativitätsforschung.  

Als wichtigster Vordenker der modernen Kreativitätsforschung gilt der amerikanische Psychologe Joy Paul Guilford (1897-1988) mit seinem Konzept des „divergent thinking“, erstmals vorgetragen 1950. Im Gegensatz zum konvergenten Denken, welches der Logik folgt, für Probleme eine einzig mögliche Lösung zu finden, zielt divergentes Denken auf mehrere Lösungsmöglichkeiten ab. Für die Amerikaner hatte diese Erkenntnis eine besondere Bedeutung: Die US Air Force suchte bei der Rekrutierung von Piloten nach Bewerbern, die in Notsituationen nicht schematisch vorgingen, sondern in der Lage waren unorthodoxe Wege zu finden.  

Mit dem „Sputnick-Schock“ 1957, als die Russen den ersten Satelliten ins Weltall schickten und damit die Amerikaner überraschten, investierten die USA in der Folge noch massiver in die Kreativitätsforschung, um den rasch erkannten Bedarf an kreativen Wissenschaftlern zur Rückeroberung der Vormachtstellung decken zu können.  

Aus dem wissenschaftlichen Interesse an Kreativität und Kreativitätsförderung war ein politisches Thema geworden.  

Kreativität als Lifestyle

Im Gegensatz zur klassischen Kreativitätsforschung geht man heute davon aus, dass es keine besonderen Faktoren gibt, die die Menschen in kreative und nichtkreative unterscheidet. Kreativität gehört im wirtschaftswissenschaftlichen Fachjargon ebenso wie Wissen zu den mentalen Ressourcen und zum intellektuellen Unternehmenskapital. Dass nicht alle Menschen ihre kreativen Fähigkeiten gleich einsetzen können, liegt an gesellschaftlich bedingten Hemmfaktoren wie Selbstverständlichkeit, Gewohnheit, Routine, Erziehung. Der gegenwärtig florierende Trainermarkt lebt davon, Kreativitätstechniken zu vermitteln, die helfen sollen, die diversen Hindernisse zur kreativen Entfaltung abzubauen. Und dies nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Alltag. Kreativitätsgurus wie der Mediziner Edward de Bono können Tagesgehälter als Trainer und Consultants von bis zu 35.000 Dollar kassieren.  

So ist Kreativität unter dem Einfluss unseres gegenwärtigen gesellschaftlichen Wertesystems zu einem Lifestyle geworden.  

Kreativität als Ethos

Wenn Kreativität der Schlüssel zu einer neuen Gesellschaft ist, dann muss Kunst und Kunstschaffen in dieser neuen Gesellschaft eine Schlüsselrolle spielen. Eine Schlüsselrolle, die es Künstlern und Kunstschaffenden aufgrund ihrer kreativen Kompetenz und ihres kreativen Ethos ermöglicht, den Gestaltungsprozess unseres Gesellschaftswandels maßgeblich in die Hand zu nehmen. In ökonomische und politische Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse miteingebunden zu werden. Neue Denk-, Sicht- und Handlungsweisen zu eröffnen und verbindlich weiterzugeben.  

Um diese Schlüsselrolle einzunehmen, bedarf es nicht nur einer symbolischen Macht, die sich auf symbolische Operationen und Diskurse beschränken muss, sondern realer politischer Einflussmöglichkeiten. Derzeit sind Künstler und Kunstschaffende zwar gesellschaftlich privilegiert, werden aber im Zusammenspiel mit der Wirtschaft und der Politik nicht als gleichwertige Partner gesehen.  

Kunst und Wirtschaft sind bisher zwei nicht kompatible Systeme gewesen, da ein zufriedenstellender Austausch von symbolischem Kapital gegen ökonomisches Kapital im kapitalistischen System nicht funktioniert hat. Das könnte sich in der Wissensgesellschaft ändern. Das verbindende Element von Kunst und Wirtschaft im Umbruch ist die Kreativität. Kunst kann neue Denk-, Sicht- und Handlungsweisen eröffnen, die die Wirtschaft aufnehmen und einfließen lassen sollte.  

Um die verbindende Kompetenz der Kreativität auszunutzen, bedarf es veränderter Rollenbilder. Wenn sich das Selbstverständnis Kunstschaffender von seinen traditionellen Fesseln löst, dann muss auch das Berufsbild Kunstschaffender, wie es in der Fremdwahrnehmung besteht, mit dieser Entwicklung mitgehen. Das von der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik einzufordern, sollte eine neue Aufgabe des Kunstbetriebes sein.  

Anmerkungen 1 http://www.create2009.europa.eu/ 2 brand eins 5/2007, Achtung Sie betreten den kreativen Sektor. Schwerpunkt Ideenwirtschaft. 3 Creative Economy World Report, United Nations, 2008. 4 www.kreativwirtschaft-deutschland.de / www.creativeindustries.at / www.creativezurich.ch 5 Bibliografie Richard Florida: Who’s Your City?, 2008. The Flight of the Creative Class. The New Global Competition for Talent, 2005. HarperBusiness, HarperCollins. Cities and the Creative Class, 2005. Routledge. The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure and Everyday Life, 2002. Basic Books. 6 http://rangliste.faz.net/staedte/

Autor
Doris Rothauer

* 1961, Österrreich

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* 1956, Munderkingen, Deutschland

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* 1996, Wien, Österrreich

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* 1970, Knittelfeld, Österrreich

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