Band 111, 1991, Titel: Das Museum als kulturelle Zeitmaschine, S. 203

Das Museum als Kulturelle Zeitmaschine

Stellenwert und Wirklichkeit des Museums Heute

Eine Veranstaltung des Österreichischen Museums für Angewandte Kunst, Wien

Vom 12. - 14. Oktober 1990

Herausgegeben von Regina Haslinger für das Österreichische Museum für Angewandte Kunst

Vorwort

Was bedeutet das Museum, das, wie im Titel, auf eine "Zeitmaschine" bezogen wird? Waren die Museen, vor allem ihr Inhalt, einst zeit- und zwecklos, wie eine wertvolle Uhr, deren Funktion als mechanische Zeitmessung in dem Moment aufgehoben war, als sie zum musealen Gegenstand überwechselte, so läßt sich das Museum heute als eine wieder in Betrieb genommene Uhr beschreiben. Die dem Museum eigentlich wesensfremde Zeitlichkeit wird erst deutlich, wenn man Musealisierung und Anwendung als zwei bestimmte Funktionsweisen betrachtet. Die Musealisierung ist nichts anderes als die Entzeitlichung, in Folge deren bestimmte Gegenstände ihrem ursprünglichen Kontext entzogen werden, und die Anwendung bezieht sich auf die ausstellungsmäßige Präsentation der Kunstgegenstände. In diesem Sinne waren Museen immer in erster Linie Objektasyle und Bildungsstätten; sie machten die Kunst erst unzugänglich, indem sie sie sammelten, dann aber wieder zugänglich, indem sie sie zeigten. Die Bedeutung, die das moderne bzw. das zeitgenössische Museum dazugewonnen hat, ist die zeitliche Dynamik, mit der die Kunstwerke in immer wechselnde und neu Zusammenhänge gebracht werden und die das alte, auf Dauer angelegte Museum abgelöst hat. Damit ist die Aufgabenstellung des Museums, so wie es sich heute präsentiert, schon angedeutet. Das Museum, das im Publikum das Gefühl der Einbezogenheit in Kunstereignisse weckt, ist ein Ort des Dabeiseins mehr als eine Stätte der Aufbewahrung und auch mehr als eine Stätte der Bildung. Das Museum bietet den geeigneten Rahmen für die Kunstfrequentation: Es setzt an die Stelle der Einmaligkeit des Kunstwerkes, wie sie für das traditionelle Museum charakteristisch war, eine andere Einmaligkeit - nämlich die wesentliche Befristetheit von Ausstellungen.  

Das Museum, das keine isolierte, der geschichtlichen Vergangenheit geweihte Institution mehr ist, kann aber in seiner Gesamtheit nur begriffen werden, wenn man die vielschichtigen kulturellen und gesellschaftlichen Phänomene gemeinsam mit den ökonomischen und politischen Faktoren, die in die Museums- und Ausstellungspraxis mit einfließen, untersucht. Um herauszufinden, was das Museum als Anziehungspunkt für das aufs aktuelle Kunstgeschehen begierige Freizeitpublikum genauso wie als Gegenstand politischer und kommerzieller Spekulation und Manipulation bewirkt und bewirken kann, muß man die wesentlichen Entwicklungen und Tendenzen innerhalb des letzten Jahrzehnts beachten. Die gegenwärtige Situation ist sowohl durch einen enormen Zuwachs an Museumsbauten und -gründungen als auch durch entscheidende Änderungen im Bereich der Museumspolitik, die zu neuen Strukturen, Gesetzen und Inhalten geführt haben, gekennzeichnet. Diese Expansion, mit der auch die Bedeutung der Museen für die Öffentlichkeit gestiegen ist, hat ferner bewirkt, daß das Museum heute als das positive Instrument der Publikumserschließung gesehen wird. Um so mehr ist die ökonomisch längst nicht gefestigte Museums- und Ausstellungspraxis von der staatlichen und privatwirtschaftlichen Förderungspolitik betroffen.  

Auch wenn sich die Museen als relativ unpolitische Einrichtungen sehen, entspricht ihr Umgang mit der Kunst in einer wie abgeleiteten und unmerklichen Form auch immer den Regeln der Anwendungsbezogenheit. Diese Form der Anwendung bestimmt sich durch ein Ensemble mehrerer Entscheidungen, vor allem auch jener, die von außen an sie, an die Museen herangetragen werden. Das heißt, auf der Basis ihrer Rezeptionsgeschichte wird die Kunst schon lange nicht mehr nur durch den Mund ihrer befugten Interpreten und Präsentatoren wahrgenommen. Bedingt durch die Zweckgemeinschaft mit der oder mehreren Institutionen, oder vielmehr mit den Sachverwaltern und Exegeten wird die Kunst eingespannt in ein Netz, das außer seiner Aufgabe der Information auf die spezifische Koexistenz zwischen Kunst und Kunstvermittler und weiter auf die verschiedenen Formen der Markt- und Machtverhältnisse verweist.  

Die Entwicklungen in Amerika haben zum Beispiel gezeigt, wie die Museen inklusive der kleineren "non-profit foundations" durch die politische Bedeutung, die der "National Endowment for the Arts" (NEA) zukommt, einer zusehends größer werdenden Einflußnahme von seiten der Politiker ausgesetzt sind. Ausgehend von der Robert-Mapplethorpe-Ausstellung und der von der Artists Space Gallery organisierten Ausstellung "Witnesses: Against Our Vanishing", ist in den USA eine Kontroverse über die staatlichen Förderungsmaßnahmen entbrannt. Der Staat, der - vom politischen und moralischen Standpunkt aus agierend - den Inhalt dieser Ausstellungen als "obszön" befunden hat, zog nicht nur kurzfristig die Gelder zurück, sondern ergriff gleich darauf eine kulturpolitische Maßnahme. Ausstellungsvorhaben, die "anstoßerregend" sind, drastisch zu kürzen. Aufgrund der Verflechtung von Politik und Wirtschaft ist aber die Bedeutung der NEA in Amerika bereits so groß, daß weitere Geldmittel aus der Privatwirtschaft oft nur über den Weg der staatlichen Förderung, deren Wert nicht so sehr im Materiellen als viel mehr im Symbolischen liegt, zu erlangen sind.  

Vor dem Hintergrund dieser ökonomischen, politischen und ideologischen Machtverhältnisse, die auch auf die kulturelle Öffentlichkeit, insbesondere auf die Museumspolitik, einwirken, geht man nun in Österreich ein Bündnis ein, das die verantwortlichen Kulturpolitiker freudenschwingend als neue "Kooperation zwischen Kunst und Geld, ganz zum Nutzen der ersteren" propagieren. Diese Kooperation basiert auf einer Imagekampagne, finanziert von einer österreichischen Bank für die österreichischen Bundesmuseen. Auf der Rückseite der vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung herausgegebenen Werbebroschüre steht: "Meine Kultur. Meine Bank." Die Bank, die die Herausgabe dieses kleinen Museumsführers finanziert hat, erhält als Gegenleistung freien Eintritt in alle Bundesmuseen für ihre Kunden und die Besitzer einer Eurocard, und das für die Dauer von zwei Jahren. Verwechselte einst das Wien des vergangenen Jahrhunderts "Museumshaftigkeit mit Kultur und wurde zum Museum seiner selbst" (Hermann Broch)*, so könnte man - in Abwandlung dieses Zitats - sagen, daß es heute in Erfüllung seines neuen weltpolitischen Ranges - mit Blick auf das Weltausstellungsjahr 1995 (nur so erklärt sich der plötzliche Kultureifer dieser Stadt) - neuen Glanz mit alter Würde verwechselt. Auch wenn mit dieser Forderung nicht in irgendeinen erkennbaren Inhalt eines oder mehrerer Museen eingegriffen wird, so zeigt sich, von der anderen Seite her betrachtet, wie die Kunst zum Bündnispartner der Geschäftspolitik gemacht wird. Auf der ersten Seite der Broschüre steht in zwei Zeilen geschrieben: "Entweder Kopie. Oder Original". Über der "Kopie" ist das Symbol für die Malerei: Farbenpalette, Pinsel und Leinwand, unter dem "Original" ist eine Kreditkarte abgebildet. Dabei wird der durch den Ursprung autorisierte Kunstcharakter vertauscht mit der Selbstbehauptung der Wirtschaft.  

Die Gefahr liegt darin, daß das Museum dort, wo es sich unter dem Motto "Kunst für alle" darstellt und sich sozial, kulturpolitisch und wirtschaftlich verpflichtet fühlt, zu einem Selbstbedienungsladen und das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit von anderen Triebfedern als denen der Kunstvermittlung bestimmt wird. Denn wohin führt die von den Kulturpolitikern ergriffene populistische Maßnahme? Zu mehr Besucherzahlen? Im schlimmsten Fall zu einer Gleichstellung von kulturellen Ressourcen und kommerziellen Vorstellungen. Diese Frage deutet des weiteren darauf hin, daß die tendenziell demokratischen kulturpolitischen Maßnahmen eng mit marktpolitischen Bedürfnissen zusammenhängen, und daß die notwendige intensive und inhaltliche Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur mehr und mehr einer Diskussion über Wachstum und Fortschritt angepaßt wird.  

Abschließend ist festzuhalten, daß das Museum aufgrund der Aktivitäten und dessen, was es heute ist: ein Ausstellungsort, ein Ort der Begegnung, in dem Konferenzen, Vorträge, Filmvorführungen gezeigt werden, sowie ein Verlag, der seine eigenen Kataloge oder Bücher herausgibt, gleichzeitig seinen Einfluß auf die Gesellschaft, auf das Leben der Stadt geltend macht. Dieses "offene Museum", dessen Aktivitäten also nicht nur auf den künstlerischen Bestand seiner Sammlungen beschränkt bleiben, zeichnet sich durch wachsende Mobilität und Flexibilität aus. Daraus ergibt sich, daß das Museum nicht so sehr als Ort der Konservierung, als vielmehr im Sinne von Sichselbsterweiterung, das heißt progressiv, angelegt ist: ein Museum, das sich als offenes Ensemble mehrerer nebeneinanderlaufender Prozesse, die den unaufhörlichen Wandel künstlerischer, kultureller und kulturpolitischer Werte reflektieren, versteht. Und daraus folgernd ergibt sich die Frage, wieweit sich hier das Museum dem Fortschrittspathos des Marktes, der bekanntlich seine Waren immer als die neuesten anbietet, anpaßt und daher dem zeitgenössischen Kult, also den transitorischen Werten, mehr Wirklichkeit als der Kultur und dem geschichtlichen Kontext gibt.  

Zur Veranstaltung:  

Die vorliegende Dokumentation der in sechs Themen gegliederten Podiumsgespräche kann hier nur skizzenweise und wesentlich gekürzt die Vielfalt der vorgetragenen Thesen, Meinungen und Positionen wiedergeben. Da bei dieser Veranstaltung auf Frontalvorträge verzichtet wurde, hat keines der Gespräche, wie jede Dialogform, das Thema in irgendeiner systematischen Weise erschöpft. In dem Maße aber, wie die sehr unterschiedlichen und interdisziplinären Diskussionsbeiträge zu noch mehr Fragen angeregt haben, ist zugleich deutlich geworden, daß die "Wirkungen" des Museums heute unverwechselbar verknüpft sind mit Einrichtungen von Möglichkeiten und Orten, an denen sich Kunst und Öffentlichkeit einander aussetzen. Regina Haslinger  

An dieser Stelle möchte ich daher allen, die an dieser Veranstaltung drei Tage und Nächte lang intensivst mitgewirkt und auch allen, die sie ermöglicht haben - wie das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, die Wiener Städtische Versicherungsanstalt, die Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft, das Hotel Hilton International und Pro Helvetia - danken.  

ANMERKUNGEN * Hermann Broch, "Hofmannsthal und seine Zeit", in: Schriften zur Literatur, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 148.