Band 84, 1986, Ausstellungen: Köln, S. 289

Friedemann Malsch

Takako Saito

Galerie Hundertmark, Köln 15.3. - 15.5.1986

Takako Saito gehört zu jenen Künstlerinnen, deren Namen in aller Munde ist, deren Arbeiten jedoch weithin unbekannt bleiben.  

Ihr Ruhm gründet sich auf die Zeit ihrer Teilnahme an der FLUXUS-Bewegung 1964-1974. Sie wurde vor allem mit ihren Variationen auf das Schachspiel bekannt, wie sie die große FLUXUS-Retrospektive vor vier Jahren in Wiesbaden noch einmal breit präsentierte: »Frog Music Chess Set«, ein Schachspiel mit Knackfröschen auf Kunstrasen; das Likör- und Weinschachspiel, bei denen die Figuren durch verschiedene Geschmackskomponenten der Alkoholika unterschieden werden konnten, u.a.m.  

Das poetisierende Aufbrechen der Ausgangssituation für die gedankliche Strenge des Schachspiels (ein extrem männliches Regelsystem) verallgemeinerte sie in anderen Arbeiten wie dem »Spiel ohne Regeln«, einer großen Magnetplatte an der Wand, auf der verschiedene Objekte des Haushaltslebens (Gurkenglasdeckel, Kronenkorken, Teedosen usw.) haften: der Betrachter/Besucher ist aufgefordert, sich frei spielerisch zu betätigen, seine eigenen Regeln zum Spiel zu finden.  

Das Prinzip der Regellosigkeit der Systeme, der Verhaltens-, Wahr-nehmungs- und Interaktionscodices zugunsten der Freilegung von Möglichkeiten der kreativen Entfaltung des einzelnen ist eines der weltanschaulichen Merkmale von FLUXUS. Daß sich Takako Saito noch heute dieser Maxime verpflichtet fühlt, verdeutlichte sie mit einer Aktion zur Eröffnung ihrer Ausstellung bei Hundertmark. Zusammen mit drei jungen Freunden agierte die 1929 geborene Japanerin völlig zwanglos unter den Besuchern. Als dann über Lautsprecher Geräuschmusik von rollenden Murmeln, Rasseln oder Trällern erklang, erstarrten die Akteure augenblicklich in ihrer Bewegung und blieben unbeweglich bis zum Ende der Musik. Danach wurden die Gespräche fortgeführt. Der Vorgang wiederholte sich zweimal, und zum Schluß fiel es schwer, Performer und Besucher voneinander zu scheiden, denn auch die Betrachter verharrten automatisch in ihren Bewegungen im Vorgang des Zuschauens. Der bewußten Verwischung der Schranken zwischen Künstler und Betrachter, seiner listigen Einbeziehung in den Gang der Ereignisse, steht in den präsentierten Arbeiten, die sämtlich im Winterhalbjahr '85/'86 entstanden sind, eine Welt der meditativen Selbstversunkenheit gegenüber.  

Nicht mehr die sich an der Struktur der Außenwelt reibenden, sie sanft umdeutenden Arbeiten der FLUXUS-Zeit sind hier zu sehen. Statt dessen wird man mit Realisationen konfrontiert, die wie autonome Zeichen der Person Saitos wirken, sich jedem Versuch klassifizierender Ikonografie widersetzend. Durchweg kleinteilige Arbeiten, verschließbare Holzkästen, Fotogramme, Zeichnungen, Papierschneidearbeiten sind sowohl als Unikate wie auch (wieder in FLUXUS-Tradition) als Multiples (in der von Saito selbst aufgebauten »Noodle Edition«) entstanden.  

Die Holzkästen enthalten kleine Phantasielandschaften, mit wenigen Objekten bestückt: in einem weiten Tal zwischen Hochplateaus liegt ein Quarz, der selbst winzige lineare Ritz-Markierungen trägt; daneben ein flacher, runder und dunkler Flußkiesel. Oft tauchen in das Holz eingelassene Stapel von Kaffeefiltern auf, die mit verschiedenen WASSERN (immer jeweils im Titel vermerkt) in zarten Rotund Blautönen getränkt sind: poetische Umformulierungen des allgemein wenig beachteten Gebrauchsgegenstandes.  

Die »Zeichnungen mit Musik« befinden sich in hochrechteckigen Holzkästen: zu sehen sind die Umrisse eines Kopfprofils, z.T. mit Hut, das mit Schriftzeichen verschiedener Sprachen gefüllt ist. Japanisch, Deutsch, Lautsprache, Unsinnssprache - die in dem Moment auch akustisch wahrnehmbar werden, wenn man den in den Holzkasten eingelassenen Kassettenrecorder einschaltet. Daß Saitos eigene Stimme zu hören ist, versteht sich von selbst.  

Bestechend ist die Präzision der handwerklichen Ausführung der Arbeiten, bis in die z.T. haarsträubend winzigen Details hinein. Aber es wäre grundfalsch, wollte man die Qualität der Arbeiten Saitos in diesem Bereich suchen. Hier zeigt sich die in dreißig Jahren der künstlerischen Praxis erworbene Meisterschaft. Darüber hinaus gelingt es Saito, indem sie die kulturellen Analogien in offene Strukturen kleidet, daß die Betrachtung jeder Arbeit zu einem offenbarenden Erleben gerät. Man blättere in den kleinen Tupfenbüchern oder schaue auf die bipolaren Formen der mehrschichtig sich unterlagernden Papierschneidearbeiten - dem poetischen Zauber der Verwandlung wird man nicht widerstehen können.  

Sicherlich entsprechen Saitos Arbeiten nicht den elementaren Bedürfnissen des Zeitgeistes. Da dieser Begriff jedoch zum Hilfsmittel für die Affirmation des Modischen verkommen ist (mindestens aber seine Verwendung), mag man vor der nicht zweckfreien, aber doch ungebundenen spielerischen Phantasie Saitos den Hut ziehen. Ihr wohltuender Kontrapunkt zur marktschreierischen Reklamementalität der jüngsten Tendenzen rückt die Verhältnisse ins rechte Licht.  

Weitere Personen
Takako Saito

* 1929, Sabae-Shi, Japan

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