Band 2 / 3, 1973, Monografie, S. 108

LUDWIG RINN

Palermo

Palermo ist 1943 in Leipzig geboren und war von 1962 bis 1967 an der Düsseldorfer Akademie bei Bruno Goller und Joseph Beuys und dessen Meisterschüler. Der Name 'Blinky Palermo' stammt von einem Mafioso, der in relativ jungen Jahren aus dem Verkehr gezogen wurde. Der Name, den man trägt, hat seine Bedeutung. Palermo artikuliert sich da in seinem Interesse für Wirklichkeit, aber auch der Unmöglichkeit, sich anders als im direkten Zugriff konkret-sinnlich mit ihr auseinander zu setzen. 'Blinky Palermo' als die total unliterarische, handelnde Kunstfigur? Wie dem auch sei, jedenfalls ein Name assoziationsträchtiger Klangfarbe. Ein Wirklichkeitsfund, wie er entsprechend auch auf der Ebene der Arbeiten begegnet.  

Palermo ist Maler. Alle Entscheidungen lassen sich im Zusammenhang mit Form und Farbe begründen und kein Ergebnis steht außerhalb dieses Zusammenhangs. Das Neue an dieser Malerei ist: Die Arbeiten Palermos geben den geschlossenen, illusionistischen Bildraum auf, darin parallel der allgemeinen Entwicklung der modernen Kunst zum Objekthaften hin. Die Idee ist, Wirklichkeit in ästhetischer Begrifflichkeit dingfest zu machen. Insoweit läßt er sich immer wieder auf neue Ausdrucksmittel ein. Aber ob es sich um Objekte, Stoffbilder oder Wandmalereien handelt, so liegt ihm dabei alles Spektakuläre, Schockierende fern. Das sind m. E. keine demonstrativen Schritte außerhalb des bestehenden Kunstkontextes. Er ist an der konkreten, unmittelbar sinnlich wahrnehmbaren malerischen Erscheinung interessiert.  

Daraus ergeben sich Schwierigkeiten, von den Arbeiten Palermos hier einen Begriff zu geben. Für sie gilt im besonderen Maß, daß sie gesehen werden wollen und sich nur sehr ungefähr durch Worte vermitteln lassen. Sie sind völlig unliterarisch, über Inhalte neben der Malerei oder über sie hinausschießende Konzepte läßt sich nicht berichten. Das den Arbeiten zugrunde liegende Konzept geht voll in der Malerei auf, da es sich mit ihr deckt. Ein Aspekt wäre im Umkreis von Minimal, diesen Begriff in einem weiteren, auch Malerei umfassenden Sinn verstanden, zu fassen. Es handelt sich um Basis-Basisarbeiten, die ihre Mittel zum Thema haben, sie vor allem in ihrer räumlichen Wirkung untersuchen. Hier wäre ein Ansatz, Systematik und Methode der Arbeiten zu referieren. Sie stehen, um welchen Werkkomplex es sich auch handelt, sowohl ihrer Problemstellung nach wie in den angebotenen Lösungen in einer kontinuierlichen, sehr konsequenten Abfolge. Dieser Gesichtspunkt ließe allerdings das entscheidende Moment unberücksichtigt: Jede Arbeit steht zunächst einmal für sich selbst. Palermo führt keine Programme vor. Form und Farbe, so grundsätzlich im Verlauf der Arbeit ihr Verhältnis gesehen wird, suchen ihre Entsprechung immer wieder im einzelnen, vereinzelten Werkstück. Das leuchtet für die Wandmalereien von vorneherein ein: Sie müssen den konkreten, jeweils unterschiedlichen Raum- und Lichtverhältnissen antworten. Das trifft aber auch für die beweglichen Objekte zu. Fragen der Farbwahl, Oberfläche usw. stehen im Mittelpunkt. Die Entscheidungen hier können nicht global abgehandelt, sondern nur von Fall zu Fall nacherzählt werden, ein mühsames, nur partiell durchführbares Unterfangen. Palermo selbst entzieht sich jeder allgemeinen Kommentierung. Er befürchtet die Festlegung auf einen bestimmten Stil, der ihn hindern könnte, neue Ausdrucksmöglichkeiten wahrzunehmen. Ab und zu findet er einen Text von dritter Hand, der seinen Absichten parallel läuft, und gibt ihn in den Katalogen zu seinen Ausstellungen wieder. Im Grund mag er sich nur konkret zu der einzelnen Arbeit äußern. Das wäre eigentlich auch hier das einzig adäquate Vorgehen. Wenn es sich aus naheliegenden Gründen nicht verwirklichen läßt und so mehr oder weniger nur eine zusammenfassende Überschau möglich ist, stehen die allgemeinen Feststellungen aber unter dem Vorbehalt ihrer jeweiligen Überprüfung an der einzelnen Arbeit.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 251 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Blinky Palermo

* 1943, Leipzig, Deutschland; † 1977 in Kurumba, Malediven

weitere Artikel zu ...

Weitere Personen
Joseph Beuys

* 1921, Krefeld, Deutschland; † 1986 in Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Johannes Cladders

* 1924, Krefeld, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Franz Dahlem

* 1938, Pützchen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Konrad Fischer

* 1939, Düsseldorf, Deutschland; † 1996 in Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Heiner Friedrich

* 1938 , Stettin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Laszlo Glozer

weitere Artikel zu ...

Bruno Goller

* 1901, Gummersbach, Deutschland; † 1998 in Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...