Band 248, 2017, Titel: documenta 14 Gespräche, S. 112

Lydía Koniórdou

Zwischen dem Antiken und dem Zeitgenössischen

Ein Gespräch mit der Kulturministerin Griechenlands von Heinz-Norbert Jocks

Lydía Koniórdou, 1953 geboren, eine der angesehensten Schauspielerinnen ihres Landes, ist seit einigen Monaten Kulturministerin Griechenlands. In ihrem Amtszimmer, in dem sich einst Melina Mercourri für die Kultur engagierte, unterhielt sich Heinz-Norbert Jocks mit ihr über die Dringlichkeit der Kulturförderung und die Bedeutung der documenta für die Außenwirkung der griechischen Kultur.  

Heinz-Norbert Jocks: Ich würde gerne mit Ihnen über die aktuelle Situation der Kultur in Griechenland reden, ebenso über die Bedeutung der documenta aus Ihrer Perspektive als Kultusministerin? Was empfanden Sie, als Sie hörten, dass die Deutschen nach Athen kommen und die documenta eine Brücke zwischen Kassel und Athen schlagen möchte?  

Lydía Koniórdou: Ich hatte nie das Gefühl, dass die Deutschen kommen. Die documenta in Kassel ist eine wunderbare Tradition, an der diesmal auch Athen teilhat. Dabei kommen die Künstler nicht nur aus Deutschland, sondern aus der ganzen Welt. Was hier zu sehen ist, ist nicht auf die deutsche Kultur beschränkt. Es ist eine von Deutschland ausgehende, den ganzen Globus anziehende Initiative. Darüber, dass die documenta bei uns zu Gast ist, sind wir sehr froh. Heute Morgen sah ich im National Museum of Contemporary Art die Kunst des Mata Aho Collective aus Neuseeland und gestern einen Rapper aus Island in einer Installation des Norwegers Joar Nango. Sie sehen, die documenta ist ein internationales Ereignis. Das zu erleben, ist eine Freude, und all die Künstler hier zu haben, ein Privileg. Dadurch, dass ich seit so vielen Jahren der Kunst und dem Theater diene, weiß ich, dass diese Stadt seit jeher extrem offen und neugierig auf alles ist, was außerhalb unserer Grenzen passiert. Und wir lassen uns durch die unterschiedlichen Kulturen in unserer Arbeit beeinflussen. Das zu verinnerlichen, womit wir in Berührung kommen, macht zu einem erheblichen Teil aus, was es bedeutet, „Grieche zu sein“. Wir sind ein extrem aufgeschlossenes Volk. So, wie wir an der Kreuzung zwischen Osten und Westen, Norden und Süden leben, saugen wir wie ein Schwamm andere Kulturen auf und lassen deren Einfluss in andere Ideen einfließen, um sie dann in der Welt zu verbreiten. Das gehört ebenso zur griechischen Kultur wie der Dialog und das Tolerieren anderer Meinungen und Haltungen. Wie Sie wissen, sind Griechenland und Athen die Geburtsstätte des Dialogs, der auf einer institutionellen Ebene verankert wurde. So wurde die Demokratie geboren. Neben dem Gericht, das die Rechte eines Jeden sichert, wurde auch das Theater ins Leben gerufen. Die Demokratie, das Gericht und das Theater sind quasi die institutionellen Säulen unserer Gesellschaft. Mit Hilfe von Argumenten kann ich sowohl Ideen als auch andere Dinge zum Wohl der Stadt vorschlagen. Ebenso ist es mir möglich, die eigenen Belange und Rechte für mein persönliches Wohlergehen vor Gericht zu verteidigen, statt meinen Gegner umzubringen. Was für mich gut und richtig ist, kann ich dadurch herausfinden, dass ich Argumente abwäge. Außerdem können wir in Verbindung zur Vergangenheit treten, indem wir, wie es im Theater geschieht, unsere Geschichten wiedererzählen. Das ist wichtig für die Zukunft und das Bewusstsein der Bürger.  

Dass Sie das Theater als Beispiel für den Dialog nennen, hat wohl auch damit zu tun, dass Sie nicht nur Kulturministerin, sondern auch ausgebildete Schauspielerin sind.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Lydía Koniórdou

* , Griechenland

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D – Kassel

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