Band 246, 2017, Titel: Public Image, S. 44

Public Image

Unbedingte Aufmerksamkeit

herausgegeben von Oliver Zybok

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Veränderungen der Massenmedien das Verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre in dramatischer Weise verschoben und die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Verhalten immer undeutlicher werden lassen. Indem die Medien so umfangreich über persönliche Angelegenheiten berichten, bewirken sie einen Verlust von Privatheit. Dies betrifft zum einen diejenigen, die ohnehin ein hohes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit genießen, also Prominente, die private Ereignisse wie Hochzeit, Schwangerschaft oder Krankheit öffentlich preisgeben, zum anderen aber auch den normalen Bürger, der unter anderem über Facebook oder Instagram freizügig private Bilder der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, vor allem um illusionistische Idealbilder zu präsentieren. Es stellt sich die Frage, welche Funktionen Bilder heute in der Öffentlichkeit haben? Wie bestimmen sie den Alltag? Und welche Erwartungen werden in diesem Kontext an Künstler herangetragen? Welche Kongruenzen oder Differenzen entstehen zwischen der Person und dem öffentlichen Bild? Der Band Public Image beschäftigt sich ganz allgemein mit den Erwartungen, Enttäuschungen und Potenzialen zwischen privatem und öffentlichem Bild und zeigt neue Perspektiven der Verbindung von Kunst und Leben in der heutigen mediendominierten Zeit auf.  

Oliver Zybok schreibt in seinem einleitenden Beitrag über Bilder in der Öffentlichkeit und den Umgang mit ihnen. Anhand historischer Parallelen versucht er zu verdeutlichen, dass die Gesellschaft sich heute erneut in einer Übergangsperiode befindet. Dabei untersucht er die Geschichte der Bilder als mediale Ikonen und beschreibt den individuellen Wunsch nach unbedingter Aufmerksamkeit über die Verbreitung von Bildern. Es stellt sich heraus, dass ein Verstehen der Bilder nur durch die Aneignung eines Wissens um die weltgeschichtlichen Zusammenhänge möglich ist. Es ist ein historisches Analyseverständnis gefordert, das den hermeneutischen, unverklärten Blick auf die Bilder freigibt. Ausgehend von der Silvesternacht 2015/16 in Köln schreibt Mark Terkessidis in seinem Aufsatz, wie sich bestimmte Bilder über Migranten durch mediale Verbreitung verfestigen und dabei Vorstellungen suggerieren, die in keiner Weise mit der Faktenlage übereinstimmen. Er konstatiert rassistische und restaurative Narrative in Politik und Medien, zugleich aber auch eine Kriminalität, die polizeilich bekämpft werden muss. Jede Strategie in diesem Kontext bedarf der Vermessung dieses Feldes, um wirksame Maßnahmen zu entwickeln, die dann immer wieder einem reflexiven Korrektiv unterliegen müssen.  

Almut Linde beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Frage, was Image und was Realität ist. Was unterscheidet das Image von der Realität, und warum ist es so realitätsfremd und destruktiv für das Bewusstsein und Handeln des Menschen? Es geht ihr in diesem Zusammenhang um die Relationen von Public Image (öffentlichem Bild) und Self-Image (Selbstbild). Dabei spiegelt der Begriff des »Selfies« den Drang wider, ein Selbstbildnis nach außen zu tragen, das bekanntlich keine tatsächliche Information über das Befinden der postenden Person offenlegt, sondern Ausdruck des Wunsches ist, ein bestimmtes, illusionistisches Bild von sich in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Rosa Windt setzt sich mit Kunst im öffentlichen Raum als Mythos auseinander und zeichnet eine kurze Geschichte vom Herrschaftsdenkmal bis zur marktstrategisch orientierten Gestaltung auf. Ihre Beispiele konzentrieren sich vor allem auf die Stadt Hamburg, in der seit den 1960er-Jahren Kunst im öffentlichen Raum eine überproportional große Rolle spielt. Sie verdeutlicht, dass die hierbei gezielte Inszenierung von Subkultur zur Profilierung der Hansestadt als Marke beiträgt.  

Jutta Zaremba schreibt in ihrem Beitrag über die szenische Inszenierungspraxis Cosplay (Kostümspiel) im Internet, bei der Jugendliche und junge Erwachsene Kostümierungen und das Posieren im Stil ihrer bevorzugten popkulturellen Medienfiguren aus Comics, Games und Filmen betreiben. Cosplay-Auftritte sind mittlerweile fester Bestandteil bei Veranstaltungen wie der Kölner Computerspielmesse Gamescom oder der Frankfurter Buchmesse. Hierbei zeigen sich vielfältige Dynamiken, die zwischen Persönlichkeit, Identität und Kunst verortet sind. Den Abschluss des Bandes bilden Gespräche mit den Künstlern Valentin Carron, Jonathan Meese und Peter Piller sowie ein Interview mit dem Musiker Bela B, die im Kontext ihrer jeweiligen Arbeit einen Einblick in den Umgang mit Bildern in der Öffentlichkeit bieten.  

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Autor
Oliver Zybok

* 1972, Wuppertal, Deutschland

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