Band 243, 2016, Gespräche mit Künstlern, S. 164

William Kentridge

DOPPEL-DADA

Betrachtungen des ewig Gestrigen im Jetzt

Ein Gesprach von Heinz-Norbert Jocks

William Kentridge, 1955 in Johannesburg geboren, bildender Künstler, Filmemacher, Performancekünstler, Regisseur und ein so großer wie passionierter Erzähler, gehört zu den renommiertesten zeitgenössischen, interdisziplinär arbeitenden Künstlern. Er, aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammend, wurde früh mit der leidvollen Geschichte seines Landes und seines Kontinents vertraut. Mit dem transatlantischen Sklavenhandel ebenso wie mit den Gräueltaten im Kongo, der Unterwerfung und Plünderung Afrikas durch die europäischen Kolonialmächte. Sein Vater Sydney gehörte zum Team weißer Anwälte, die in den 1950er und 1960er Jahren die schwarzen Widerstandskämpfer um Nelson Mandela verteidigten. William studiert an der University of Witwatersrand in Johannesburg Politik und Afrikanistik, wendete sich zunächst als Schauspieler und Dramaturg dem Theater zu. Den letzten Schliff als bildender Künstler erhielt er beim legendären Bill Ainsley. Dessen Kunststiftung nahm schon während der Apartheid-Ära Bewerber aller Hautfarben auf. Anschließend studierte Kentridge an der Theaterschule Jacques Lecoq in Paris, sein einziger längerer Auslandsaufenthalt.  

Das Spektrum seines künstlerischen Schaffens reicht von Zeichnungen über die berühmten Méliès- und Soho-Animationsfilme, die Raum-Installationen wie dem documenta-Projekt The Refusal of Time bis hin zu Großprojektionen wie der mehrere Meter langen Filmarbeit More Sweetly Play the Dance, die Kentridge für die von Peter Weibel kuratierte lichtsicht Projektions-Biennale in Bad Rothenfelde erstellt hat. Wer das Werk von Kentridge in diesem Jahr dort nicht sehen konnte, hat bis zum 8. Januar 2017 die Gelegenheit dazu im Karlsruher ZKM. In Bild und Ton setzt er sich hier, wie in älteren Arbeiten, mit der Post-Apartheid Südafrikas auseinander. Dabei agieren nicht nur die gezeichneten Figuren. Auch echte Musiker, Schauspieler und Tänzer beleben die vorwiegend gezeichnete Szenerie in Form einer Prozession imposanter Figuren. Dabei erinnert der Auftritt der Skelette an mittelalterliche Totentänze und die Prozession an politische Demonstrationen.  

Beinah all seine historischen Exkursionen, am Kap beginnend, führen dorthin wieder zurück. Wie eine Matrix legt er die verdrängte oder geleugnete Geschichte über die Gegenwart. In seiner 1997 uraufgeführten Tragikomödie Ubu and the Truth Commission lässt er König Ubu, Alfred Jarrys Despoten, in der Wahrheitskommission zur Aufklärung der Verbrechen der Apartheid auftreten. Dieses Schauspiel handelt von der Vergeblichkeit kollektiver Selbstvergewisserung, wird doch die Gerechtigkeit am Ende auf dem Altar der Wahrheit geopfert. Die Mörder waschen sich durch Geständnisse rein und entkommen ungestraft. Und so leben Opfer und Täter, weiße Herren und schwarze Knechte, so unversöhnt und ungleich wie je zuvor, nebeneinander her. Für Kentridge hat es in diesem Land zwar einen fundamentalen Wandel gegeben. Ihm erscheint es jedoch gelegentlich so, als sei alles unverändert geblieben. „Das neue Südafrika wirkt wie eine Übermalung des alten Südafrika“, so Kentridge.  

Seine die Allmacht der Vergangenheit decodierenden Animationsfilme enthüllen gleichzeitig die Technik ihrer Entstehung. Kentridge entwirft mit Kohlestift und Pastellfarben ein von ihm gefilmtes Urbild. Das Original wird ausradiert, überzeichnet, erneut gefilmt und nochmals ausradiert. Er zeichne „Gedächtnisspuren“ nach. So hat er es einmal formuliert und seine Technik als „steinzeitliches Filmemachen“ bezeichnet.  

Als Kind war er in die großen Landschaftsmaler vernarrt. In einem von seinem Großvater geschenkten Bildband sah er Gemälde von Constable, Rousseau oder Watteau. Für Kentridge korreliert „die Art und Weise, wie sich die Geschichte in der Landschaft verbirgt, mit der Funktionsweise unserer Erinnerung. Das scheinbar unauslöschlich in unser ­Gedächtnis Eingeschriebene verblasst allmählich und wird trügerisch. Dieser Prozess spiegelt sich in der Landschaft, die die auf ihr geschehenen Ereignisse nicht festhalten kann.“  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
William Kentridge

* 1955, Johannesburg, Südafrika

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Weitere Personen
Walter Benjamin

* 1892, Berlin, Deutschland; † 1940 in Port Bou, Spanien

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* 1893, Shaoshan, Volksrep. China; † 1976 in Peking, Volksrep. China

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