Band 243, 2016, Titel: Postdigital 2, S. 112

Kenneth Goldsmith

Easy is the New Difficult

Anstatt eines Gesprächs mit dem Künstler

Easy is the new difficult – Einfach ist das neue Schwierig. Es ist schwierig, schwierig zu sein, aber noch schwieriger ist es, sich etwas einfach zu machen. Einfach ist nicht einfach. Das Einfache erfordert genauso viel Anstrengung wie das Schwierige. Ich wünsche mir eine einfache Kunst, eine Kunst des reinen Vergnügens, eine Kunst, die von jedem, der sie betrachtet, verstanden wird, eine Kunst, die einen nicht ratlos zurücklässt, eine Kunst, die alles bis ins Letzte schlüssig erklärt, das Tüpfelchen auf jedem i und der Strich durch jedes t ist, eine Kunst, die nichts dem Zufall überlässt, die sicherstellt, dass sie genau so erlebt wird, wie es sich der Künstler vorgestellt hat. Ich wünsche mir eine Kunst, die keine quälenden Fragen in den Raum stellt, unsagbar simpel in ihren Zielsetzungen ist und alle davon ohne jeden Umweg erreicht. Ich wünsche mir eine Kunst, bei der die philosophischen Fragen, die das Werk andeutet, im Erleben des Werks selbst beantwortet werden. Ich wünsche mir eine Kunst, die meine Mutter versteht.  

Sisyphus müht sich mit brachialem körperlichem Einsatz hinauf auf den Berg, aber wenn es wieder abwärts geht, bleibt Zeit für Kontemplation. So sind Sisyphus’ Anstrengungen von unterschiedlicher Natur, zwischen leicht und schwer, zwischen Körper und Geist. Camus meint, dass die Ruhepause am Abwärtsweg die Verklärung und das Heilsversprechen in Sisyphus’ Qualen darstellte, ein wiederkehrender Moment, in dem er sich philosophisch mit seiner ewigen Verdammnis aussöhnen konnte, bevor es ein weiteres Mal bergauf ging. Mit der Aussöhnung kommt der Frieden; danach erscheint schwierig weniger schwierig – einfach und schwierig fallen in eins zusammen. „Glück und Absurdität entstammen ein und derselben Erde. Sie sind untrennbar miteinander verbunden“, schreibt Camus, wobei wir nur die Worte einfach und schwierig einwechseln müssen.  

Sisyphus’ sprichwörtlich gewordene Mühsal ist quantifizierbar; seine Ruhepause weniger. Leichtigkeit ist hier unterlegen, weil sie zu verinnerlicht ist; nur Wenige schwitzen, während sie denken. Die Darstellung des Denkens ist schwierig. Die Darstellung von Schwierigkeit ist einfach und sorgt für drastische Bilder: Muskeln, Schweiß, Erschöpfung, Anstrengung und Verdammnis sind leicht wiederzugeben. Ich denke dabei an die Skulptur des Atlas, wie er am Rockefeller Center seine Weltkugel trägt, im Gegensatz zur Rodins „Der Denker“, eine der wenigen Plastiken, die speziell der Welt der Gedanken gewidmet ist. Atlas ist eine emphatische Figur: wenn wir ihn betrachten, werden wir daran erinnert, wie leicht im Vergleich unsere eigene Last ist. Wie Sisyphus trägt Atlas ein Zeichen von Frevel und Strafe; wir wären gut beraten, uns so zu verhalten, dass wir nicht in eine solche Situation geraten. Sowohl als Narrativ als auch als Abbild stellt Atlas eine Verbindung zu uns her und bereitet so den Weg für eine empathische, wechselseitig wirkende und soziale Kunst. Atlas’ Zustand artikuliert sich in einem Narrativ; es gibt einen Grund, warum er die Last tragen muss, und es gibt eine potentielle Befreiung davon. Wir wissen zum Beispiel, dass Atlas versucht hat, Herakles dazu zu verleiten, einen Moment lang seine Last zu übernehmen, um Äpfel pflücken gehen zu können. Herakles fügte sich kurz, begriff aber gleich die List und warf den Erdball zurück zu Atlas, der ihn bis zum heutigen Tag tragen muss. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende: er hält noch stets Ausschau nach jemanden, der ihm die Bürde abnehmen könnte. Das Schwierige entwickelt sich stets weiter; es gibt immer ein nächstes Kapitel zu schreiben.  

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Kenneth Goldsmith

* 1961, Verein. Staaten

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