Band 246, 2017, documenta 14 in Athen: Von Athen lernen - Eine Zwischenbilanz, S. 174

Weg durch Athen

Unerschlossenes, politisches Potential

von Sabine B. Vogel

Angeleitet werden wir für den Gang mit einem Kurzführer, in dem sämtliche Orte mit Adressen versehen und auch Taxi-gerecht in griechischer Schrift notiert sind. Trotzdem bleiben diese Wege eine starke Herausforderung. Achtet man nicht akribisch auf die einzelnen Öffnungszeiten, steht man schnell vor verschlossenen Türen, das Archäologische Museum in der Hafenstadt Piräus – dieser größte griechische Hafen gehört seit letztem Jahr einer chinesischen Großreederei – schließt bereits um 15 Uhr. Unübersehbar dagegen war Ibrahim Mahamas „Intervention“ unter dem Titel „Check Point Prosfygika 1934–2034. 2016–2017“: Auf dem zentralen Syntagma Platz vor dem ehemaligen Königspalast nähten Mengen von Teilnehmern Säcke aus grober, brauner Jute zusammen. Oder Aboubakar Fofanas Beitrag: Er färbte das Fell von 54 Lämmern mit Indigo ein, um sie als Inkarnationen der 54 afrikanischen Länder in den Obstgärten der Landwirtschaftlichen Universität Athens grasen zu lassen. Prominent mitten auf dem Kotzia Platz hat Rasheed Araeen ein farbenfrohes Provisorium installiert. 60 Menschen können hier zwei Mal am Tag kostenlos essen, eine Kombination aus Armenspeisung, Happening und Get-Together, denn man wird aufgefordert, sich zu den anderen zu setzen. Andere Orte sind zwar leicht zu finden wie der Park Pedion Tou Areos, aber zu Pope.Ls Soundinstallation „Whispering Campaign“ muss man sich beharrlich durchfragen. Das gilt auch für die von Sokol Beqiri im Polytechnion gepflanzte Eiche, die mit Ästen einer Eiche aus Kassel veredelt ist. Im Garten des Byzantinisch und Christlichen Museums in der Villa Ilissia hat die jüngst verstorbene Fluxus-Legende Benjamin Patterson ein Konzert von Fröschen versteckt, dem er den poetisch-politischen Titel „When Elephants Fight, It Is The Frogs That Suffer“ gab. Leicht zu finden ist der Philopapposhügel nahe der Akropolis, aber der Weg zu dem wunderbaren Zelt aus Marmor von Rebecca Belmore ist nicht angezeigt. Die kanadische Künstlerin hat eine behelfsmäßige Unterkunft in einen Dauerzustand verwandelt – ein starkes Bild in Athen, wo jeder Fünfte Migrant ist.  

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Autor
Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

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Weitere Personen
Rasheed Araeen

* 1935, Karachi, Pakistan

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Rebecca Belmore

* 1960, Ontario, Kanada

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Sokol Bequiri

* 1964, Albanien

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Aboubakar Fofana

* 1967, Mali

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Ibrahim Mahama

* 1987 , Ghana

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Benjamin Patterson

* 1934, Pittsburgh, Verein. Staaten; † 2016 in Wiesbaden, Deutschland

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Biennalen
documenta

D – Kassel

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