Band 246, 2017, Titel: Public Image, S. 152

Jonathan Meese

Populismus ist Geschmacksterrorismus

von Oliver Zybok

Kaum ein Künstler der Gegenwart polarisiert die Öffentlichkeit in einem derartigen Ausmaß wie Jonathan Meese. Seine vielfältigen künstlerischen Auseinandersetzungen – von der Malerei, Skulptur, Grafik und Fotografie über den Film, die Oper, Installation und Performance, bis hin zu Gedichten und Texten – werden kontrovers diskutiert. Aber warum? Meese hinterfragt das derzeitige gesellschaftliche System und möchte es durch eine „Diktatur der Kunst“ ersetzen. Das politische Establishment reagiert, und versucht öffentliche Auftritte des Künstlers zu vermeiden. So wurde er als Regisseur des Parisfal für die Bayreuther Festspiele ausgeladen. „Kultur ist Menschenjagd“, so Meese. „Ich bin das Gejagteste. Mich befällt die Hetzjagd. Mich erfasst der Befindlichkeitsterrorismus der Projektionisten. Mit mir gibt es Nichts theoretisch zu besprechen, ich bin die totale Neutralität. In mir existiert keine Ironie, kein Zynismus, kein Sarkasmus. Wir lassen uns diktieren, was Freiheit ist. Wir sollen kaltgestellt werden, uns soll der Atem genommen werden.“  

Oliver Zybok: Zum Einstieg möchte ich eine ganz allgemeine Frage stellen. Sie zielt auf ein gesellschaftliches Kunstverständnis ab. Was glaubst du, hat die breite Öffentlichkeit für ein Bild bzw. für Bilder von Kunst vor Augen, wenn man sie schon nur alleine mit ihrem Begriff konfrontiert? Wenn ich von Öffentlichkeit spreche, meine ich nicht Kunstinteressierte, nicht das Bildungsbürgertum, sondern vielmehr Menschen, die kaum Berührungspunkte zur Kunst besitzen.  

Jonathan Meese: Ich kümmere mich eigentlich nicht darum, was Menschen über meine Arbeiten denken, sondern ich mache sie einfach. Für die meisten Menschen gibt es die Verbindung Kunst und Geld – Kunst, das ist etwas Teures, und erst dann ist es Kunst. Für viele ist sie Dekoration für Religion, Politik, Ideologie oder Reichtum. Gleichzeitig haftet ihr auch etwas Abwegiges an, nach dem Motto, da ist der verrückte Künstler – aber zu verrückt darf er auch nicht sein. Und einige sprechen hinsichtlich der Kunst von „Schönheit“, sie muss über’s Sofa passen usw. Andere wiederum betrachten sie als Spekulationsobjekt. Alles, was ich jetzt gerade aufgezählt habe, hat mit Kunst nichts gemein. Gleichzeitig wird der Öffentlichkeit eingeredet, Kunst sei etwas Abgehobenes, das mit ihnen gar nichts zu tun hätte. Ich möchte eigentlich die ganze Zeit erzählen, dass Kunst wie Atmung ist, etwas völlig Normales, das alltäglich bei den Leuten auf dem Butterbrot landet. Alles, was man heute als Kunst betrachtet, wird durch die Wertfrage elitär behandelt oder heilig gesprochen – Geld, und damit der Kunstmarkt, spielt eine nebensächliche Rolle. Was sich in einem jedem von uns abspielt, in einem Leben passiert, das ist bereits Kunst. Wenn du mit deinen Kindern spielst, wenn du ein Glas Bier trinkst, ist das ein Akt der Kunst, aber nur, wenn keine ideologischen Dogmen zugrunde liegen.  

Was ist für dich eine Ideologie?  

Wenn ich etwas, das nicht notwendig ist, zum Gesetz erhebe, wird eine Ideologie formuliert. Wenn ich zum Beispiel sage, alle Menschen müssen Lamborghinis fahren, und diese Forderung gesetzlich, quasi per Dekret manifestiere, dann ist dieser Akt ideologisch bedingt. Als Politiker unterliege ich per se einer Ideologie, als Priester, Bischof oder Papst ebenso. Ich kann auch ein Künstler aus ideologischen Gründen sein, aber dann bin ich eigentlich kein Künstler, sondern ein Kulturfunktionär. Bei vielen Berufen kann der Mensch entscheiden, ob er bei dessen Ausübung einer Ideologie unterliegt, oder eben nicht. Wenn ich aber ideologisch handle, bin ich ein Verräter meines Berufsstandes. In einen Beruf gehört keine Ideologie, sie ist nicht zukunftsgerichtet, sie ist kunstlos. Ideologisch handeln bedeutet, etwas zum Gesetz zu erheben, was nur meinen Geschmack darstellt. Wenn ich sage, ich esse gerne Kartoffelbrei, dann ist das in Ordnung. Aber sobald ich kein Verständnis für denjenigen aufbringe, der keinen Kartoffelbrei mag, reagiere ich aus ideologischen Gesichtspunkten, und das ist falsch.  

Ich möchte eigentlich die ganze Zeit erzählen, dass Kunst wie Atmung ist, etwas völlig Normales, das alltäglich bei den Leuten auf dem Butterbrot landet.


Um den fragwürdigen Definitionen von Kunst entgegenzuwirken, forderst du eine „Diktatur der Kunst“. Zahlreiche Kritiker haben ein Problem mit dieser Bezeichnung, sie wäre Ausdruck von etwas Totalitärem. Ist die Diktatur der Kunst heute in der Krise der Demokratie mehr denn je von Nöten?
 

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Autor
Oliver Zybok

* 1972, Wuppertal, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Jonathan Meese

* 1970, Tokio, Japan

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Richard Wagner

* 1813, Leipzig, Deutschland; † 1883 in Venedig, Italien

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