Band 242, 2016, Monografien / Gespräche mit Künstlern, S. 168

Christo

Wie Jesus auf dem Wasser des Lago d’Iseo

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Wenn es einem Künstlerpaar seit Jahrzehnten wieder und wieder geglückt ist, die Schönheit zu grüßen und ihr zu Exklusiverscheinungen zu verhelfen, so mit Sicherheit dem heute 81jährigen Christo mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude. Ihre einmaligen, zeitlich begrenzten Interventionen locken ein Millionenpublikum aus aller Welt an. Zuletzt im Juni an 16 Tagen mit ihren „Floating Piers” auf dem 100 Kilometer östlich von Mailand gelegenen italienischen Lago d`Iseo. Auf zwei Stegen, die sich über mehrere Kilometer hinzogen, konnte man, die Bewegungen des Wassers unter den nackten Füßen spürend, vom Festland aus zu den sonst nur per Boot erreichbaren Inseln San Paolo und Monte Isola laufen. The Floating Piers, deren Realisierung 19,5 Millionen US-Dollar verschlang, war das erste, von Christo ohne seine Frau vollendete, am 3. Juli 2016 letztmalig begehbare Großprojekt.  

Christo Vladimirov Javacheff, am 13.Juni 1935 im bulgarischen Gabrovo geboren, bildete mit Jeanne-Claude Denat de Guillebon, ebenfalls am 13. Juni 1935 geboren, aber in Casablanca, bis zu ihrem Tod am 18. November 2009 in New York das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude. Bekannt wurde Christo nach seinem Anschluss an die 1960 von Pierre Restany und Yves Klein in Paris gegründeten Gruppe „Nouveau Réalisme“, ohne je deren offizielles Mitglied gewesen zu sein. Seine Kunst, ursprünglich aus der Assemblage entwickelt, erfuhr durch die gemeinsam mit seiner Frau realisierten Verhüllungen von Landschaftsräumen, Industrieobjekten und bekannten Bauwerken eine uferlose Erweiterung. Popularität erlangte das Paar 1995 in Deutschland durch die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes. In Paris, wohin es ihn früh zog, weil die Seine-Metropole als das Mekka der Kunst galt, machte er den wegweisenden, sein Image prägenden Schritt: Er verhüllte Dosen, Flaschen, Stühle, ein Auto, weder besonders schöne noch bedeutsame Alltagsgegenstände. Für ihn, der gegen die Hierarchisierung künstlerischer Ausdrucksformen und Inhalte revoltierte, konnte jedes Objekt Teil der Kunst werden. Besondere Aufmerksamkeit wurde zwischen 1958 und 59 den mit harzgetränkter Leinwand umgebenden, verschnürten, mit Leim, Firnis, Sand und Autolack behandelten, verpackten Dosen und Flaschen geschenkt. Seine Verhüllungen interpretierte David Bourdon als „Offenbarung durch Verbergen“.  

Heinz-Norbert Jocks: Christo, könnten Sie mir etwas über Ihre Herkunft und darüber erzählen, was Sie nach New York verschlug?  

Christo: Ja, meine Mutter stammte aus Mazedonien, mein Vater war halb Bulgare und halb Tscheche. Während des von russischen Panzern zerschlagenen Ungarn-Aufstands 1956 besuchte ich in Prag meinen Onkel und meine Cousins und floh von dort in den Westen nach Österreich und schließlich nach Paris.  

Warum verließen Sie Bulgarien?  

Um darauf zu antworten, muss ich weiter ausholen. Ich bin der Zweitälteste von drei Brüdern. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, sah mich meine Mutter immer zeichnend. Sie arbeitete als Generalsekretärin der Akademie der Schönen Künste in Sofia, interessierte sich für Kunst und war mit Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen und mein Vater vorwiegend mit Wissenschaftlern befreundet. Weil ihr mein künstlerisches Talent und meine Leidenschaft nicht entgangen war, lag ihr daran, dass ich Privatunterricht in Malerei, Zeichnung und Architektur bekam, um später Architekt zu werden. Und so wurde ich nach der Schule von Malern und Bildhauern unterrichtet und machte meine ersten Skulpturen. Übrigens entdeckte ich meine Leidenschaft im Umgang mit großen Stoffbahnen in der Fabrik meines Vaters. Dort fertigte ich erstmals Zeichnungen von großen Stoffballen an.  

Im Jahr der Machtergreifung durch die Kommunisten in Bulgarien war ich zehn Jahre alt. Der Krieg war gerade vorbei, die stalinistische Ära hart, die Armut groß. An der Kunstakademie, so konservativ wie die Akademien des 19. Jahrhunderts in Deutschland, studierte ich insgesamt acht Jahre und davon die ersten vier Malerei, Skulptur, Architektur und dekorative Künste. Sogar Medizin, insbesondere Muskelaufbau und dergleichen standen auf dem Lehrplan. Danach konnte man sich auf Malerei oder Skulptur spezialisieren. Ich floh nicht nur wegen der politischen Lage, sondern auch, weil ich noch nicht zu lernen aufhören wollte und mich noch nicht entscheiden konnte, wer ich sein und was ich machen wollte. Das war das Eine. Zum anderen waren die Zeiten schrecklich. An all die schlimmen Ereignisse möchte ich mich ungern erinnern. Alles in allem ein Horror der Unterdrückung. Reinster Terror. Ich ging zunächst nach Prag. Diese Stadt, in der ich zum ersten Mal Originale moderner Kunst sah, repräsentierte für uns den Westen. Zuvor kannte ich nur Reproduktionen, und das illegaler Weise. Einmal in Prag, wollte ich nicht wieder zurück. Um zu überleben, jobbte ich, kaum Deutsch sprechend, in Restaurants. Ich wusch Autos und malte mit meinem Familiennamen Javacheff signierte Portraits von Bekannten.Schließlich wollte ich nach Wien. Natürlich konnte man nicht ohne weiteres ein kommunistisches Land verlassen. Zum Glück gelang ich mit dem Zug dorthin, wo ich bei einem Freund meines Vaters herzlich aufgenommen wurde.  

Für Sie ist eine Rückkehr in das, was man Heimat nennt, wohl unvorstellbar.  

Ja, nie wieder werde ich einen Fuß auf bulgarischen Boden setzen. Zu negativ ist die dort verbrachte Zeit besetzt. Da ich aus politischen Gründen geflohen war, wurden nicht nur meine Eltern verfolgt, sondern auch mein Neffe und älterer Bruder zur Verantwortung gezogen. In den Jahren zwischen 1958 und 1960 gingen gewaltige Veränderungen vor sich. Die Welt schien für immer in zwei, sich feindlich gegenüberstehende Blöcke auseinandergerissen zu sein. Hier die kommunistische und dort die kapitalistische Welt. Nichts schien mehr für immer Bestand zu haben.  

Wann sahen Sie Ihre Eltern wieder?  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 245 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Christo (Christo und Jeanne-Claude)

* 1935 , Gabrowo, Bulgarien

weitere Artikel zu ...

Weitere Personen
Mary Bauermeister

* 1934, Frankfurt am Main, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Simone de Beauvoir

* 1908, Paris, Frankreich; † 1986 in Paris, Frankreich

weitere Artikel zu ...

John Cage

* 1912, Los Angeles, Verein. Staaten; † 1992 in New York, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Yves Klein

* 1928, Nizza, Frankreich; † 1962 in Paris, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Heinz Mack

* 1931, Lollar, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Jonas Mekas

* 1922, Litauen

weitere Artikel zu ...

Nam June Paik

* 1932, Seoul, Rep. Korea (Süd); † 2006 in Miami, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Otto Piene

* 1928, Bad Laasphe, Deutschland; † 2014 in Berlin, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Pierre Restany

* 1930, Amélie-les-Bains-Palalda, Frankreich; † 2003 in Paris, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Jean-Paul Sartre

* 1905, Paris, Frankreich; † 1980 in Paris, Frankreich

weitere Artikel zu ...

Alfred Schmela

* 1918, Dinslaken, Deutschland; † 1980 in Düsseldorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Werner Spies

* 1937, Tübingen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Harald Szeemann

* 1933, Bern, Schweiz; † 2005 in Tegna, Schweiz

weitere Artikel zu ...

Günther Uecker

* 1930, Wendorf, Deutschland

weitere Artikel zu ...