Band 242, 2016, Titel: postdigital 1, S. 36

Postdigital 1

Allgegenwart und Unsichtbarkeit eines Phänomens

herausgegeben von Franz Thalmair

„War postdigital besser?“ heißt ein Buch, das der Frage nachgeht, inwieweit digitale Technologien heute nicht mehr als etwas Neues wahrgenommen werden und wie sich folglich das Wechselspiel von analogen und digitalen Medien verändert. Das war vor zwei Jahren. Schnee von gestern? Ja und nein. Ja, da dem Begriff „postdigital“ als Spitze einer Welle oberflächlicher Begeisterung vielerorts wieder abgeschworen wurde. Nein, da dieser Terminus auf so unterschiedliche – künstlerische wie alltagskulturelle – Phänomene angewendet wird, dass es sich lohnt, einen Blick darauf zu werfen, um ihn für die Beschreibung des aktuellen gesellschaftlichen Zustands fruchtbar zu machen.  

Unser Alltag wird derart von digitalen Parametern bestimmt, dass diese zum Normalzustand, ja geradezu mustergültig geworden sind und sich in alle Lebensbereiche einschreiben. Dementsprechend lautet einer der Ansatzpunkte des Kunstforum-Themenbands postdigital 1, dass digitale Technologien zeitgenössischer Kunst inhärent sind und auf inhaltlicher, formaler und materieller Ebene Auswirkungen auf sie haben. Auch abseits einschlägiger medienkünstlerischer Kontexte gestaltet das Digitale künstlerische Produktions-, Rezeptions- und Distributionsvorgänge mit. Es ist gleichzeitig allgegenwärtig wie unsichtbar, ein Widerspruch, der eine Betrachtung der Funktionsweisen und Logiken dieses Phänomens geradezu herausfordert.  

In diesem Spannungsfeld legt Florian Cramer mit „Nach dem Koitus oder nach dem Tod?“ eine Begriffsbestimmung vor, die den Terminus „postdigital“ bis ins Jahr 2000 zurückverfolgt. Bei all der Vieldeutigkeit, die sich heute um den Begriff rankt, kommt der Autor zum Schluss, dass im Zeitalter elektronischer Totalüberwachung „jede und jeder, ob gewollt oder nicht, Performancekünstler und Netzpublizist [ist] – und sei es nur durchs Überweisen seiner Miete.“ Im Begriff „postdigital“ drücke sich das Bedürfnis aus, Kunst unter diesen veränderten Bedingungen zu beschreiben.  

In „Wir sind nie digital gewesen“ umreißt Katja Kwastek das Postdigitale als Denkfigur, die digitale Technologien nicht mehr als vom Alltag separiert, sondern als „integraler Bestandteil und sogar mehr und mehr Basis unseres gegenwärtigen Lebens, inklusive des Kulturschaffens“ versteht. Sie diskutiert technische Bildgebungsverfahren und stellt fest: „Digitale Produktions- und Vermittlungstechnologien stellen nicht mehr nur lediglich eine Alternative zu tradierten Formen der Kulturpraxis dar, sondern sind in zunehmendem Maße direkt oder indirekt Grundlage all dieser Praktiken.“  

Dass es in der Debatte um Postdigitalität nur vordergründig um ein technologisches Problem geht, sondern dass sich dahinter „eine tiefer liegende Krise [verbirgt], deren Wurzeln sozio-ökonomischer Natur sind und die in der Diskussion um die neue Allgegenwart der digitalen Medien zum Ausdruck kommt“, ist der Ansatzpunkt Clemens Apprichs „Ora et labora (et lege)“. Die Politik des Postdigitalen beschreibt er anhand des Klosters und der Bibliothek, zwei Institutionen, in denen durch Netzwerken und Kollaborieren der Grundstein für aktuelle, mitunter gegenkulturelle Handlungsfelder gelegt wurde.  

Kolja Reichert überprüft in „Für einen neuen Zirkulationismus“ das in den vergangenen Jahren zum Schlagwort verkommene „Post-Internet“ auf den Vorwurf mangelnder Kritikalität. „Abseits des Digitalen Primitivismus“, so der Autor in seiner durchaus positiven Sicht auf das Phänomen, „entdecken Künstler ihre Freiheit gerade in der Aufkündigung der Komplizenschaft mit dem Erbe der kritischen Theorie – und suchen angesichts des aufkommenden Techno-Oligarchismus nach neuen Wegen, Einfluss zu nehmen.“  

Ergänzt werden die Essays mit ausführlichen KünstlerInnengesprächen: Der dänische-färöische Musiker und Komponist Goodiepal begreift Kunst als aktivistische Praxis der Verweigerung. Bei der Filmemacherin Hito Steyerl fallen Kunstproduktion und die Reflexion derselben in eins und bilden eine neue Einheit. Rózsa Farkas betreibt Arcadia Missa in London, ein Hybrid aus Produzentengalerie, Verlagshaus und globalem Netzwerkknoten. Der Österreicher Heinrich Dunst kippt die Grenzen zwischen Vorhandenem und Virtuellem, was sein Betätigungsfeld anschlussfähig für die Diskussion einer postdigitalen Kondition macht. Beim spanisch-deutsche Künstler Ignacio Uriarte sind digitale Methoden der Kunstproduktion sowohl das der Arbeit zugrunde liegende Prinzip wie auch ihr übergeordnetes Thema.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 248 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Franz Thalmair

* 1976 , Wels, Österreich

weitere Artikel von ...

Weitere Personen
Clemens Apprich

* 1981, Österreich

weitere Artikel zu ...

Arcadia Missa

weitere Artikel zu ...

Florian Cramer

* 1969, Berlin , Deutschland

weitere Artikel zu ...

Heinrich Dunst

* 1955, Hallein, Österreich

weitere Artikel zu ...

Rózsa Farkas

* 1987, Grossbritanien

weitere Artikel zu ...

Goodiepal

* 1974, Faroe, Dänemark

weitere Artikel zu ...

Katja Kwastek

* 1970 , Münster, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Kolja Reichert

* 1982, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Hito Steyerl

* 1966, München, Deutschland

weitere Artikel zu ...

Ignacio Uriarte

* 1972 , Krefeld, Deutschland

weitere Artikel zu ...