Band 236, 2015, Titel: Wendezeiten – Deutschland in der Kunst, S. 162

Christoph Schlingensief

Von Maria Anna Tappeiner

Als Christoph Schlingensief 1982 zweiundzwanzigjährig in der Kleinstadt Much barfuß im Schnee auf seiner Trompete die deutsche Nationalhymne spielte – und das ziemlich schief –, war das der Beginn einer fortwährenden Auseinandersetzung mit Deutschland. Für Schlingensief war dieser frühe Beitrag mit dem ironischen Titel Für Elise (1982), der auf eine der Deutschen liebster Melodien verweist und seit Generationen von kleinen Nachwuchspianisten geklimpert wird, „ein Beitrag zur Lage der Nation“. Knapp drei Jahrzehnte später wollte Schlingensief mit seinem Einzelauftritt im Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2011 ein weiteres Statement zur Lage der Nation abgeben, doch sein früher Tod machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Unter dem Titel Deutsches Zentrum für Wellness und Vorsorge hatte Schlingensief, der zuletzt in Burkina Faso ein Projekt für ein Operndorf vorangetrieben hatte, in Venedig die Themen Eurozentrismus und Rassismus wieder aufgreifen wollen. Die Pläne für seine Installation sahen unter anderem vor, Afrikaner als Künstler, Schauspieler, Computerfachleute und andere „Kuriositäten“ dem Publikum als Ausstellungsobjekte in Käfigen zu präsentieren und eine riesige „Negermaske“ mit übergroßer Unterlippe vom giebellosen Vorbau des faschistoiden Baus auf die Besucher herablächeln zu lassen. Daneben sollten auch künstlerische Beiträge aus Burkina Faso gezeigt werden, zum Beispiel von Schülern gedrehte Videos.1  

In zahlreichen weiteren Werken hat sich der Filmemacher, Theaterregisseur und Aktionskünstler Schlingensief mit Deutschland, seiner Politik und Geschichte und der wechselnden nationalen Befindlichkeit kompromisslos auseinandergesetzt. Es gab kein Tabu, das er nicht gebrochen hätte.  

Wahrscheinlich wäre es einfacher, Titel und Werke zu nennen, die keine Beschäftigung mit Deutschland aufzeigen. Als Beispiele seien hier dennoch genannt: der Film 100 Jahre Adolf Hitler. Die letzte Stunde im Führerbunker von 1988/89, der in knapp sechzehn Stunden an einem Stück gedreht wurde und die letzten Minuten rund um Hitlers Suizid interpretiert, der satirische Horrorfilm Das deutsche Kettensägenmassaker (1990), in dem der Mauerfall als nationales Schlachtfest nachgezeichnet wird, oder die Parteigründung Chance 2000 (1998), die Schlingensief als „Wahlkampfzirkus ’98“ bezeichnete und die er mit dem Slogan Scheitern als Chance! und der Aktion Baden im Wolfgangsee, zu der der Künstler damals alle vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland einlud, medienwirksam inszenierte. Große Aufmerksamkeit erregte er im Jahr 2000 mit der „volksverbundenen Aktion“ Bitte liebt Österreich! im Rahmen der Wiener Festwochen. Dabei installierte Schlingensief in Wien einen der Fernsehshow Big Brother nachempfundenen Container mit der Aufschrift „Ausländer raus“, in dem eine Woche lang zwölf vom Künstler als Asylsuchende vorgestellte Teilnehmer wohnten. Das Publikum erhielt die Möglichkeit, durch Abstimmung per Telefon und Internet täglich darüber zu entscheiden, welche zwei der Bewohner, deren Containerdasein live ins Internet übertragen wurde, den Container und damit das Land verlassen mussten.  

All diese Filme und Aktionen zeigen, wie sehr Schlingensief seine Mitmenschen bewegen und wachrütteln wollte. Dafür hat er viele Grenzen überschritten. Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit waren für ihn das größte Übel: „Ich bin wütend auf diese Grunddepression, diese Oberfaulheit, dieses verklemmte Dasein. Mir kommt es so vor, als würde ganz Deutschland auf dem Klo sitzen und stöhnen. Man weiß genau, was passieren muss, damit es endlich mal weitergehen kann, aber der Deutsche sitzt da und schimpft, dass kein Klopapier da ist und er deshalb nicht kann. So ist Deutschland.“2  

Nach der Wahlkampftournee 1998 begab sich Schlingensief auf Deutschlandsuche ’99, eine Aktion, die sich aus vier Projekten zusammensetzte: der Theatertournee Wagner lebt – Sex am Ring, der Aktion Deutschland versenken in New York, mehreren Internationalen Kameradschaftsabenden und einer Wagnerrallye in Namibia. Mit seiner Schauspieltruppe begab sich Schlingensief auf eine „Expedition durch das Zentrum und die Provinzen der Berliner Republik, auf der Suche nach einem neuen Siegfried, einem neuen deutschen Helden“3. Im Rahmen der Aktion Deutschland versenken reiste der Künstler auf Einladung von Klaus Biesenbach am 9. November 1999 als orthodoxer Jude mit Schläfenlocken, Hut und einem schwarz-rot-goldenen Fußballhooliganschal nach New York und übergab dem Hudson River eine Urne mit neunundneunzig Alltagsgegenständen, die er während der Tour gesammelt hatte. Vor der Freiheitsstatue fiel Schlingensief feierlich auf die Knie – eine Anspielung auf den Kniefall Willy Brandts in Warschau – und hinterlegte dort die Schläfenlocken, „um Deutschland der Globalisierung zu übergeben“. Die Wagnerrallye durch die namibische Wüste beschloss die Deutschlandsuche ’99: „Die kolonialen Überreste des ehemaligen Deutsch-Südwestafrika [wurden] ein letztes Mal mit Wagnermusik beschallt, der Nibelungenring nicht im Rhein versenkt, sondern in den Sand gesetzt.“4  

Viele Themen und Aktionen erscheinen bei Christoph Schlingensief heute wie Deutschland im Zeitraffer. Die Liebe für sein Land und gleichzeitig die unverhohlene Kritik an ihm sind immer gegenwärtig. Dabei changiert der Künstler zwischen einer symbolhaften, metaphorischen Sprache und einem sehr direkten Umgang mit tagespolitischen Themen und dem Aufzeigen von Missständen. Künstlerische Provokation war vor allem ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erringen und den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. „Ich glaube, dass für Christoph Schlingensief ganz wichtig war: Jeder Mensch ist ein Künstler, aber jeder Künstler ist auch ein Bürger. Und dass gerade in Deutschland durch das Dritte Reich und vielleicht ein Fehlen von Aktivität, von Widerstand für ihn so etwas wie ziviler Ungehorsam, zivile Kreativität, ziviler Mut und zivile Freiheit eine absolute Bürgerpflicht und Künstlerpflicht war. […] Der ständige Ausnahmezustand war der Zustand, in dem sich Christoph Schlingensief kontinuierlich bewegt hat.“5 Kunst könne sich allein an „Kriegen, Crashs und Konfusionen“ messen, sagte Schlingensief bei seiner Festansprache zum Publikumspreis der Nationalgalerie im September 2005 in Berlin. Als er kurz darauf die Preisträgerin bekannt geben sollte, schloss er unvermittelt mit den Worten: „Kunst kennt keine Sieger, also breche ich die Veranstaltung ergebnislos ab.“6 Ergebnisoffen war alles, was Schlingensief angefangen hat. Seine Ideen und seine künstlerische Haltung leben bis heute fort.  

ANMERKUNGEN
1 Vgl. Johannes Baum, Venedig: Requiem für Schlingensief, in: RP Online, 4.6.2011, http://www.rp-online.de/kultur/venedig-requiem-fuer-schlingensief-aid-1.1295172, wieder unter: http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=biennale&article=rp (Abruf: 20.8.2015).
2 Christoph Schlingensief, zitiert nach: Hildebrandt/Lebert, „Merkel ist supersüß“. Ein Gespräch mit „Parsifal“-Regisseur Christoph Schlingensief über Heldendarsteller in der Politik, Zombies in Bayreuth und Deutschland vor der Wahl, in: Die Zeit, Nr. 32, 4.8.2005, online unter: http://www.zeit.de/2005/32/Titel_2fSchlingensief (Abruf: 20.8.2015).
3 Christoph Schlingensief, DEUTSCHLANDSUCHE ’99/2. Internationaler Kameradschaftsabend, Tourneetheater, online unter: http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=t031.
4 Ebd.
5 Klaus Biesenbach in einem unveröffentlichten Interview mit der Autorin am 30.11.2013 in Berlin.
6 Gegenwartskunst: Nationalgalerie ehrt italienische Künstlerin, in: SPIEGEL online, 28.9.2005, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gegenwartskunst-nationalgalerie-ehrt-italienische-kuenstlerin-a-377103.html (Abruf: 20.8.2015).

Autor
Maria Anna Tappeiner

* 1968, Wiesbaden, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Christoph Schlingensief

* 1960, Oberhausen, Deutschland; † 2010 in Berlin, Deutschland

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