Band 233, 2015, 56. Biennale Venedig – All the World's Futures: Länderbeiträge Stadtgebiet, S. 542

Island

Christoph Büchel

Kommissar: Björg Stefánsdóttir. Kurator: Nína Magnúsdóttir.

Ort: Santa Maria della Misericordia, Campo de l'Abazia, Cannaregio 3548/49

Der Schweizer Christoph Büchel (geb. 1966) gilt als Provokateur, der in seinen Projekten die Grenzen zwischen Realität und Fiktion oft bis zur Unkenntlichkeit verwischt. So geschehen auch in dem Biennale-Beitrag, den er für Island entwickelt hat. „The Mosque“ nennt sich das Projekt – und dieser Titel ist wörtlich zu nehmen: Büchel hat in der Kirche Santa Maria della Misericordia eine Moschee eingerichtet. Es ist dies das erste muslimische Gotteshaus innerhalb der Altstadt der Serenissma, die trotz tausender muslimischer Einwohner Moscheen bislang nur auf dem abgelegenen Festland duldet.  

Nun gibt es also eine im ruhigen Stadtteil Canareggio. Sie wird nicht nur von gläubigen Moslems, sondern natürlich auch von Biennale-Pilgern aufgesucht, die das umfunktionierte Gotteshaus mit einer Mischung aus vorsichtiger Ehrfurcht und Staunen betreten und sich darin mit einer spürbaren Unsicherheit bewegen (man fragt sich, ob sie noch niemals ein islamisches Gotteshaus besucht haben?). Auffälligstes Element der Moschee ist der riesige grün-gelb-rote Gebetsteppich, der selbstverständlich nicht mit Schuhen betreten werden darf (für deren Ablage gibt es nach Geschlechtern getrennte Regale). Weitere Ausstattungselemente sind die Minbar (Kanzel), die Mihrab (Gebetsnische) sowie Tondi mit arabischen Kalligraphien. In einem Vorraum, der für Zusammenkünfte und Besprechungen genutzt werden kann, werden religiöse Schriften, kleine Gebetsteppiche, Brettspiele zu religiösen Themen („The Great Mosque Game“), Kalligraphien und anderes angeboten. In einer Seitennische kann man „Mekka-Cola“ aus dem Automaten ziehen, einfaches Wasser gibt es auch. Die Gebetszeiten sind digitalen Anzeigetafeln zu entnehmen.  

An diesem Punkt ist das Projekt gescheitert. Wohl um ein Verbot durch die Stadt zu umgehen, hatte Büchel die Moschee als „place of activity“ für die muslimische Gemeinschaft Venedigs angekündigt, an dem pädagogische und kulturelle Programme für ein allgemeines Publikum angeboten werden sollten. Eine explizite Nutzung als Moschee war nicht vorgesehen. Die Praxis sah dann anders aus: Immer mehr Gläubige strömten zu den Gebetszeiten in das Gebäude, oft war der Gebetsteppich bis auf den letzten Platz belegt. Für die Stadtoberen war damit die Grenze des Kunstprojekts überschritten: Nur zwei Wochen nach Eröffnung verhängte sie die Schließung der Moschee.  

Zu den Kontroversen, die Büchel mit seinem Beitrag angestoßen hat, gehört nicht nur die Frage einer Moschee für die Altstadt Venedigs. Auch die Umnutzung einer ehemaligen Kirche zur Moschee ist eine Geste, die durchaus provokatives Potenzial birgt (selbst wenn sich diese in Privatbesitz befindet, seit 40 Jahren nicht mehr genutzt wird und 1973 offiziell von der katholischen Kirche entweiht wurde): Michel Houellebecq lässt grüßen. Eines scheint zumindest sicher: Während sich die kleine muslimische Gemeinde in Reykjavik bald über eine eigene Moschee freuen darf, werden die Mitglieder der muslimischen Gemeinde Venedigs wohl noch lange auf eine zentral gelegene Gebetsstätte warten müssen.  

Die für den Biennale-Beitrag verantwortliche Organisation, das Icelandic Art Center in Reykjavik, veröffentlichte umgehend nach der Schließungsanordnung ein Statement. Darin beklagt sie nicht nur die extrem schwierigen Verhandlungen mit dem Stadtrat, die sich im Vorfeld der Ausstellung über Monate hingezogen hatten. Skandalös ist aus ihrer Sicht vor allem die mangelnde Unterstützung durch die Verwaltung der Biennale: „Vielleicht am enttäuschendsten ist die Tatsache, dass die Verwaltung der Biennale di Venezia, eine Institution innerhalb der Stadt Venedig, diese künstlerische Bemühung nicht in der Weise unterstützt hat, die man von einer Organisation ihres Status’, die sich explizit für die zeitgenössische Kunst einsetzt, hätte erwarten dürfen. Mit der Schließung des isländischen Beitrags zur 56. Biennale Venedig ist klar geworden, dass die Biennale selber, die über ein Jahrhundert lang die erste Bühne für bildende Kunst weltweit war, nicht der Ort für wirklich freien künstlerischen Ausdruck ist. Künstler, die für eine Biennale-Teilnahme ausgewählt wurden, scheinen nur noch solche Themen ansprechen zu dürfen, die von den örtlichen Autoritäten akzeptiert werden.“ SB  

www. icelandicartcenter.is  

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Christoph Büchel

* 1966, Basel, Schweiz

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