Band 233, 2015, 56. Biennale Venedig – All the World's Futures: Länderbeiträge Stadtgebiet, S. 502

Armenien

Armenity / Haiyutioun

Zeitgenössische Künstler aus der armenischen Diaspora. Kommissar: Kulturministerium.

Kurator: Adelina Cüberyan von Fürstenberg.

Ort: Monastery and Island of San Lazzaro degli Armeni

Adelina Cüberyan von Fürstenberg hat den Beitrag Armeniens zur Biennale Venedig dem Gedenken an den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren gewidmet. Die Schweizerin mit armenischen Wurzeln spricht aus, was viele deutsche Politiker nicht wagen, und nennt die Massaker und Deportationen, bei denen bis zu 1.5 Millionen Armenier umkamen, Genozid – Völkermord. Jedoch werden die Verbrechen, die osmanische Türken 1915-1916 an Tausenden von Armeniern verübt haben, in ihrer Ausstellung nicht direkt angesprochen: Adelina von Fürstenberg geht es nicht um Anklage. Auch nicht um Aufklärung. Sie versucht vielmehr, die Folgen dieses Völkermords zu erfassen, will nachspüren, wie das Trauma bis heute im Leben der Nachkommen nachwirkt.  

Ausgewählt hat sie 16 Künstler(gruppen) verschiedener Generationen und aus verschiedenen Ländern und Kontinenten - eine „transnationale“ Versammlung unter dem Banner der zerschlagenen Identität. Der Ausstellungsort für diese besondere Schau könnte nicht besser gewählt sein: Das armenische Kloster auf der Insel San Lazzaro, das den armenischen Pavillon bereits vor zwei Jahren beherbergte. Der 1717 von dem Mönch Mekhitar gegründete Konvent hat bis heute vielen Intellektuellen als Rückzugsort gedient. „Die Insel wird Kleines Armenien genannt, weil sie für die armenische Diaspora schon 300 Jahre vor Gründung der Republik ein wichtiges Zentrum unserer Kultur war", sagt Adelina Cüberyan von Fürstenberg. Die Kuratorin hat die Ausstellung über weite Bereiche des Klostergeländes verteilt und nutzt Park, Kreuzgang, Museum, Bibliotheksräume, Flure, ja sogar das Treppenhaus. Nicht alle Werke sind auffällig inszeniert und man sollte Zeit und Aufmerksamkeit mitbringen, will man alles sehen.  

Mekhitar Garabedian (geb. 1977) hat seinen Vater gebeten, alle Namen von Menschen aufzuzählen, die er gekannt hat. Zu hören ist die Sound-Installation draußen vor dem Kloster. Hier steht auch der Beitrag von Melik Ohanian (1969). Als Hommage an die Opfer des Genozids entwickelte der Künstler 2010 eine Skulptur für den öffentlichen Raum in Genf. Konzipiert war die Arbeit als Work in Progress. Jetzt sind alle Elemente vorhanden, werden aber in ungeordneter Haufenform präsentiert.  

„Wie man in der Antike vielleicht mal einen Fuß von einer Skulptur gefunden hat und anhand des Fußes versucht, die ganze Skulptur aufzubauen, so versuche ich ein bisschen zu rekonstruieren, um besser zu verstehen und um besser mich selbst zu verstehen“, beschreibt die heute in Berlin lebende Silvina Der-Meguerditchian (1967) ihre Vorgehensweise. Ausgangspunkt ihrer Arbeit „Treasures“ ist ein kleines Buch mit handschriftlichen Rezepten, das ihre Urgroßmutter der Familie hinterlassen hat.  

In seiner Fotoserie „Unexposed“ befasst sich Hrair Sarkissian (geb. 1973) mit der Geschichte von Armeniern, die, um dem drohenden Genozid zu entgehen, zum Islam übergetreten sind. Ihre Nachfahren sind inzwischen wieder zum Christentum konvertiert, müssen ihre wiedergefundene Identität jedoch verbergen: Von der türkischen Gesellschaft werden sie abgelehnt, von der armenischen Gemeinschaft nur zum Teil akzeptiert.  

In einer großen Vitrine im Obergeschoss haben Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi ihre „Rotolo Armeno“ ausgerollt. Auf der 17 Meter langen Papierbahn erzählen sie in kleinen Aquarellen verschiedene armenische Märchen. An den Aufenthalt von Lord Byron, der sich 1816 im Kloster mit der armenischen Schrift und Sprache befasste, erinnert Hera Büyüktasçiyan (geb. 1984). In einem der schönen Bibliotheksräume zeigt sie Bronzearbeiten, die sich mit dem Alphabet der armenischen Sprache befassen, die der englische Dichter einst als „die Sprache des verlorenen Paradieses“ bezeichnet hat. Ihr Beitrag erinnert auch an die einst herausragende Rolle des Klosters als Druckerei: Die Mechitharisten verlegten Bücher in 36 Sprachen und in zehn Alphabeten.  

Vertreten in der Ausstellung ist auch der in der Türkei geborene und in Frankreich lebende Künstler Sarkis Zabunyan (geb. 1938), der armenische Wurzeln hat und als Künstler lediglich seinen Vornamen benutzt. Im Treppenhaus präsentiert er seinen „Atlas de Mammuthus Intermedius“, bestehend aus einem 160 000 Jahre alten restaurierten Mammutknochen und einer Swatch-Uhr, beide akkurat auf einem Spitzendeckchen arrangiert. Dass Sarkis auf dieser Biennale zugleich den türkischen Pavillon bespielt, hält Adelina Cüberyan von Fürstenberg für eine „wundervolle Geste“. Sarkis selber möchte den Dialog zwischen Türken und Armeniern offen halten: „We are the link between the two pavilions – Wir sind die Verbindung zwischen den beiden Pavillons.“  

Dass der armenische Pavillon von der Biennale-Jury mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, hat viele „überrascht“ (Warum eigentlich?). Ein nationaler Pavillon, gegründet auf einem in der Diaspora lebenden Volk – das ist in der Geschichte der Biennale sicherlich ein Novum. Jeder Künstler habe seine eigene Verortung wie auch sein kulturelles Erbe eingebracht, so Biennale-Präsident Paolo Baratta. Im Jahr des Gedenkens an das einschneidendste Ereignis in der armenischen Geschichte setze dieser Pavillon „ein Zeichen für die Widerstandsfähigkeit transkultureller Zusammenflüsse und Transfers“. SB  

Praktische Hinweise: Die Ausstellung ist Mo-So von 13-17.30h sowie nach Vereinbarung geöffnet (Tel. +39-041-526 01 04). Das Vaporetto ACTV Nr. 20 fährt ab San Zaccharia nach San Lazzaro um 13.10h, 14.30h und 15.10h (15 Minuten); Rückfahrt 15.25h, 16.45h, 17.25h. Eintritt 6€, mit Biennale-Ticket 3€.  

www.armenity.net  

Künstler: Haig Aivazian, Libanon; Nigol Bezjian, Syrien/USA; Anna Boghiguian Ägypten/Kanada; Hera Büyüktasçiyan, Türkei; Silvina Der-Meguerditchian, Argentinien/ Deutschland; Rene Gabri & Ayreen Anastas, Iran/Palästina/USA; Mekhitar Garabedian, Belgien; Aikaterini Gegisian, Griechenland; Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi, Italien; Aram Jibilian, USA; Nina Katchadourian, USA/Finnland; Melik Ohanian, Frankreich; Mikayel Ohanjanyan, Armenien/Italien; Rosana Palazyan, Brasilien; Sarkis, Türkei/Frankreich; Hrair Sarkissian, Syrien/Großbritannien  

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Silvina Der-Meguerditchian

* 1967 , Buenos Aires, Argentinien

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Adelina Cüberyan von Fürstenberg

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Mekhitar Garabedian

* 1977 , Aleppo, Syrien

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Yervant Gianikian

* 1942, Meran, Italien

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Melik Ohanian

* 1969, Lyon, Frankreich

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Angela Ricci Lucchi

* 1942, Meran, Italien

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Sarkis

* 1938, Istanbul, Türkei

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Hrair Sarkissian

* 1973 , Damaskus, Syrien

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Weitere Personen
Haig Aivazian

* 1980 , Beirut, Libanon

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Ayreen Anastas

* , Bethlehem, Israel

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Paolo Baratta

* 1939, Mailand, Italien

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Nigol Bezjian

* 1955 , Aleppo, Syrien

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Anna Boghiguian

* 1946, Kairo, Ägypten

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Hera Büyüktasciyan

* 1984 , Istanbul, Türkei

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Rene Gabri

* , Teheran, Iran

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Aikaterini Gegisian

* 1976 , Thessalononiki, Griechenland

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Aram Jibilian

* 1988 , Verein. Staaten

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Nina Katchadourian

* 1968 , Kalifornien, Verein. Staaten

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Rosana Palazyan

* 1963, Rio de Janeiro, Brasilien

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Biennalen
Biennale Venedig

I – Italien

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