Band 137, 1997, Gespräche mit Künstlern, S. 483

MARTIN KIPPENBERGER:

»Wenn ich schon Kunst anfasse, dann soll das auch positiv enden«

Ein Gespräch von Rainer Metzger

Es sollte eine Art Locality Show werden, eine Nachfrage, wie sich die kleine Wirklichkeit Wiens verträgt mit den Große-Welt-Attitüden des Martin Kippenberger. Der Meister war nach Österreich gezogen, aus Liebe, wie es das Gespräch denn auch unüberhörbar zum Ausdruck bringen würde. Martin Kippenberger hatte Elfie Semotan geheiratet, die bekannte Fotografin und Witwe von Kurt Kocherscheidt, der 1992 unerwartet verstorben war. Nun lebte Kippenberger in Österreich, auf einem Hof im südlichen Burgenland und in einer jener prachtvollen gründerzeitlichen Wohnungen unweit der Wiener Ringstraße, für die man die antibourgeoise Häme gern einmal hintanstellt.  

Kippenberger hatte bei Hubert Winter eine kleine Präsentation mit Bildern allerneuester Provenienz und einigen seiner Hotelzeichnungen eingerichtet; nach der Vernissage gab es die obligatorische Feier, bei der Kippenberger früh schlafen gegangen war. Am nächsten Tag, dem 7. Januar, trafen wir uns in seinem Stammcafé, dem "Engländer", zum Gespräch. Kippenberger, der Kosmopolit und Egozentriker, trat sehr ruhig in Er- scheinung, war sichtlich bemüht, jedes Dementi abzuliefern, was seine früheren Auftritte als Enfant Terrible anging, und manchmal blitzte der Schalk auf, wenn er allzu eilfertig seinen wiederholten Abschied vom Jugendbonus betonte. Wir redeten, was man in Wien meistens tut, über Wien und über die Pläne, die von hier aus zu realisieren waren. Auf den Tag zwei Monate nach dem Interviewtermin war Martin Kippenberger tot. (Rainer Metzger)  

*  

R. M.: Fühlen Sie sich denn wohl in Österreich?  

M. K.: Ich war ja vor zwölf Jahren schon einmal längere Zeit hier, damals zusammen mit Albert Oehlen. Wir waren seinerzeit noch sehr auf der Suche. Jetzt ist es so, daß ich sage, wo die Frau ist, mit der ich lebe, da ist auch die Stadt, in der ich lebe.  

Man hat Sie, als Sie zum Beispiel in Köln wohnten, sehr häufig gesehen. Nun, in Wien, passiert das seltener. Sind Sie kein Szenegänger mehr?  

Diesen Entzug habe ich seit vier Jahren hinter mir. Es ging mir auf die Nerven, daß nur noch die Skandälchen verhandelt werden.  

Bei diesen Verhandlungen haben Sie aber gut mitgemacht.  

Das war jugendlicher Übermut. Man merkt, daß man vorankommt, wenn man sich präsent zeigt. Aber das geht vorbei. Irgendwann wird dann jede Großstadt zur Kleinstadt. Und sonntags sieht es überall schlimm aus.  

Fühlen Sie sich also wohl in Österreich?  

Der Unterschied zu anderen Städten ist, daß ich österreichisch verstehe. Sonst, in Los Angeles oder Paris, war es eher ein Geräuschpegel. In Wien muß ich mich, schon wegen der Sprache, die ich verstehe, mit Kleinkram beschäftigen. Das wiederum ist auch ein spezielles Hobby in dieser Stadt. Aber ich versuche, mich möglichst herauszuhalten. Ich laufe immer nur die Wege entlang, die ich schon vor zwölf Jahren erkundet habe: Das ist wie in einem alten Film.  

Künstlerisch geht es, wie man an den Bildern sieht, die Sie bei Hubert Winter zeigen, auch eher weiter wie bisher - vor allem, was Ihre Hotelzeichnungen angeht.  

Das ist mein laufendes Thema. Das kann mir keiner wegschnappen, jeder weiß, daß das von mir ist. Außerdem wird es nicht langweilig, weil man sich immer wieder auf ein anderes Papier einstellen muß.  

Ihre umfänglicheren Werke entstehen hauptsächlich im Burgenland. Dieses Jahr nehmen Sie ja an der documenta teil. Arbeiten Sie schon dran?  

Nein. Der documenta-Beitrag wird aus einer Werkreihe stammen, die den Titel "Unsinnige Bauvorhaben" trägt: Ich habe dabei Eingänge für U-Bahnstationen entworfen, die dann zum Beispiel auf einer griechischen Insel oder in Dawson City am Yukon realisiert wurden. So einen Eingang wird es auch in Kassel geben: Weltvernetzung über imaginäre U-Bahnhöfe.  

Auffallender Bestandteil Ihrer Arbeit sind Ausstellungen mit Kollegen.  

Wenn ich schon Kunst anfasse, dann soll das auch positiv enden.  

Verfolgen Sie diesbezüglich auch, was sich hier vor Ort tut?  

Nein, ich habe auch nicht den Eindruck, daß sich in den letzten zwölf Jahren viel geändert hätte.  

Es gibt etliche Stimmen, und gerade keine österreichischen, die davon reden, daß Wien die interessanteste Kunststadt Europas ist.  

So? Sagt man das?  

Sie haben ja ein eher durchwachsenes Image. Wie gern machen Sie auf unangenehm?  

Ich wurde als Schwulen- und als Frauenhasser beschimpft. Es gab Skandalberichte über meine Person. Aber die waren alle erfunden.  

Wie gerät man denn an dieses Image?  

Wir waren vor 15 Jahren einfach ein bißchen lauter als andere. Alle saßen da nach den Eröffnungen, wollten Künstler sehen und haben sich gelangweilt. Da haben wir dann ein wenig verrückt gespielt - so lange, bis alle den Saal verlassen hatten. Und weil wir so laut gesungen haben und so kräftig, haben einige gemeint, das wären Nazi-Lieder.  

Würden Sie solche Aktionen heute auch noch veranstalten?  

Ich glaube nicht, das kam damals einfach spontan. Früher habe ich auch für jede Ausstellung eine Rede gehalten. Doch allerdings - reden, das tue ich immer noch gern.  

Autor
Rainer Metzger

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Martin Kippenberger

* 1953, Dortmund, Deutschland; † 1997 in Wien, Österrreich

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