Band 130, 1995, Ausstellungen: Frechen, S. 404

Stefan Römer

Marcel Broodthaers

»Un Jardin d'Hiver«

Galerie Jule Kewenig, Köln, 13.11.1994 - 31.3.1995

Was kann architektonisch deutlicher die Sehnsucht der Mitteleuropäer nach Süden und Exotik ausdrücken als der Wintergarten? Seine Entstehung fällt ungefähr in die Zeit der Industrialisierung, des Kolonialismus und der Definition des Kultur-Natur-Antagonismus im 19. Jahrhundert. Schnell stellen sich bei der Betrachtung der Rauminstallation »Un Jardin d'Hiver« von Marcel Brood-thaers Assoziationen zu zeitgenössischen Kunstpraktiken ein, wie z.B. Mark Dions Sammlungen von Tieren oder Renée Greens Untersuchung der Kategorisierung durch Sprache.  

Mit Drucken aus Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts in Vitrinen und Wechselrahmen, umgeben von Zimmerpalmen, einem zusammengerollten Teppich und einer Videokamera mit Monitor, in dem sich die Besucher selbst sehen können, versetzte Broodthaers die Betrachter in einen Wintergarten der Abwesenheit, der nur die Repräsentanten in einem Bedeutung erzeugenden Darstellungssystem vorführt. Die Idealisierung des Exotischen als Abwesendes, Fremdes wird durch den Rahmen der Musealisierung auf seine Authentizität hin untersucht, die sich als kolonisierendes sprachliches Konstrukt erweist. Warum schauen die Besucher in die Vitrinen? Was erhoffen sie sich dort? Was meinen die Drucke von Tieren? Was bewirkt der inszenierte Museumsraum?  

Broodthaers nahm mit dieser Rauminstallation 1974 im Palais des Beaux-Arts in Brüssel an einer Gruppenausstellung teil. Bereits zwei Jahre vorher hatte er mit seiner Ausstellung »Der Adler vom Oligozän« das Ende des Museums in seiner bürgerlichen Tradition und des Kunsthandels verkündet.  

Nachdem Broodthaers bis Anfang der 60er Jahre Schriftsteller gewesen war, entwickelte er in seiner künstlerischen Praxis analytische Funktionen, indem er - Magrittes Schriftbilder weiterentwickelnd - mit dem Verhältnis zwischen der poetischen Sprache und den künstlerischen Objekten in Gemälden, Installationen, Filmen, Büchern und Objekten experimentierte. Ausgehend von Mallarmés Poetik, der Untersuchung der einzelnen Buchstaben im Verhältnis zur umgebenden weißen Fläche des Papiers, analysierte er die Formationen des künstlerischen Objekts in Relation zum räumlichen Kontext und den betrachtenden Subjekten.  

Im definitiven Abhängigkeitsverhältnis der künstlerischen Praxis von Museen und Galerien bezüglich der ökonomischen Voraussetzungen, verdeutlicht sich die symbolische Macht, die diese Institutionen innerhalb der Gesellschaft haben. Sie prägen - wie Brood- thaers herausfand - in ihrer Sammlungs- und Repräsentationsfunktion die herrschende Ideologie, d.h. Meinungen und Werte der Gesellschaft. Die implizite Selbstanalyse von Broodthaers' Arbeiten bezieht sich immer auf die ökonomischen Verwertungsmöglichkeiten, denen sie unterliegen. Ohne jedoch poetische, mediale, künstlerische und epistemologische Aspekte zu vernachlässigen, arbeitete Broodthaers systematisch auf eine Politisierung der Ästhetik und somit eine Veränderung des herrschenden Diskurses und der bestehenden Verhältnisse hin.  

Die Galerie Kewenig zeigt neben dem »Wintergarten« auch das gesamte grafische Werk, einen 16mm Film und eine Diainstallation, die zu dem selben Werkzyklus gehören - leider an der Peripherie Kölns, weshalb zu dieser wichtigen Ausstellung nur wenige Besucher kamen.  

Autor
Stefan Römer

* 1960, Katzenelnbogen, Deutschland

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Weitere Personen
Marcel Broodthaers

* 1924, Brüssel, Belgien; † 1976 in Köln, Deutschland

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