Band 254, 2018, Ausstellungen: Berlin, S. 238

Schein und Spiegelung

Ein Relationspositionsprojekt
G.A.S.-station Sept. 2017 – Okt. 2018
von Peter Funken

Als achtes Projekt – international, spartenübergreifend und themenspezifisch angelegt – veranstaltet der Projektraum G.A.S.-station eine Ausstellungsserie zum Thema Schein und Spiegelung, die neben KünstlerInnen auch Wissenschaftler und Literaten beteiligt. Diesmal entsteht die Ausstellung während des Ausstellens, oder besser gesagt, entstehen nach und nach vier Ausstellungen in einem immer weiter akkumulierenden Progress. Begonnen hat dieser im Herbst 2017, er endet im Oktober 2018. Derzeit läuft die 3. Ausstellung, für das Finale gibt es open call.  

G.A.S.-station, das ist der Künstler Thomas Stuck und die Aurtorin Elisa Asenbaum. Ihren Projektraum erfanden die beiden Österreicher 2008. Mit thematischen Ausstellungen machten sie sich einen Namen: „Die Perfektheit und das Fehler“, „eMOTION“, „Chaos“ oder „Das Ding“ – alle eigentlich eine Nummer zu groß für den Ausstellungsort und seine Möglichkeiten – ein Ladenlokal mit Schaufenster und Basement. Doch darin liegt zugleich die Chance ihrer Unternehmung, denn Stuck /Asenbaum geben Personen Stimme und Gesicht, die im Betrieb großer Häuser zu oft nicht vorkommen, weil dort gerne mit großen Namen gearbeitet wird; heute trifft aber zu, dass viele markante Positionen existieren, die leider unbekannt bleiben. Bei den Ausstellungen von G.A.S. fehlen die Berühmten, aber jenen, die bislang eher ungenannt blieben, gelingt es hier oft, sich zu profilieren.  

Bei „Schein und Spiegelung“ lautet die Fragestellung: „Das Ganze ist nicht mehr als die Summe seiner Einzelteile, sondern etwas anderes!“ Es geht um Relationen und um Fragen von Wahrnehmung und Realität, Illusion und Fake. Mehr als 30 KünstlerInnen sind beteiligt, es finden Performances, Vorträge und Lesungen statt. Das Thema begegnet uns bereits im Außenraum, denn Stuck /Asenbaum haben das Schaufenster von Innen mit Goldfolie bespannt, und in Versalien darauf geschrieben ICH. Es ist ein gigantisches Selfie, das die selbstverliebte Ich-Bezogenheit aufs Korn nimmt. Ein anderes Objekt, das von Beginn in den Ausstellungen zu sehen war, geht auch auf Elisa Asenbaum zurück – ein zweistrophiges Gedicht, graviert in zwei hohe Glasscheiben, die von weißblauen Lichtbändern angestrahlt, folgenden Text zum Leuchten bringen:  

Spiegel

Ich sehe
was ich kenne.
Ich erkenne
was bekannt.
Ich erinnere
was benannt.

Ich schließe rück-

Ach Substanz!
ich bin sprachlos,
wenn es keine Worte gibt.
Unerfasst gefasst
im Erleben.  

Schein

Scheint reich
Ach leicht!
Scheint erhoben
Ach weit oben!
Scheint genial
ohne Mutter_mal.

Leuchtend hell, das Licht
ohne Schwere
ohne Mühe fern und nah
dort und da
schenkt mir der Schein einen Blick
Ach was!  

Die Umbrüche der Gedichtzeilen sind so angelegt, dass die eine Seite wie eine Spiegelung der anderen erscheint. Der linke Vers (Spiegel) reflektiert über Wahrnehmung, Erkennen und Sprache, der rechte über Anschein, Licht und den Wunsch nach Leichtigkeit. Liest man die Zeilen durchlaufend, so ergibt sich ein anderer Sinn.  

Der Mensch als illusionsgieriges, Illusionen schaffendes Wesen täuscht sich und andere gern. Die Thematik von Schein und Sein, Spiegelung, Nachahmung und Vortäuschung ist nicht wirklich neu, doch ändern sich Wahrnehmungsperspektive und Fokus darauf immer wieder: Entwickelten Künstler des Manierismus und Frühbarock Anamorphosen, Vexierbilder und Darstellungen multistabiler Wahrnehmung – von wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet, so interessierte sie im Biedermeier die Spiegelung im Gedanken physikalisch technischer Möglichkeiten. Gegenwärtig erscheint das Thema verschlungen in soziale wie technisch-mediale Kontexte, als zunehmend reale Simulation des Humanen, Erfahrung von Manipulation, von Fakes und Fake News als Ausdruck eines Informations- und Kommunikationsdilemma.  

Völlig konkret setzt Julia Schewalie bei ihrer Arbeit „nylon#acrylic mirror“ die Eigenschaften des Materials ein, das die Umgebung zu seinen Bedingungen unscharf doch in schönsten Farben reflektiert. Bei zwei Fotos von Edin Bajiric wird der Spiegel zum Schutzschild für das nackte Selbst oder zum verführerischen Lichtreflex, der sein Geschlecht verbirgt. Einen eng anliegenden Suit mit 1000 Miniaturspiegeln trägt Veruschka Bohn bei der Performance „How to disappear“. Im Dunkeln, vom Publikum mit Taschenlampen angestrahlt, reflektiert der Anzug, sodass die Figur sich in Lichtstrahlen auflöst und ihre Grenzen verliert. Petra Lottjes prächtig gerahmter Monitor zeigt im Video „World Summit“ ineinander gefügte Räume und Bilder: Darin die Künstlerin, die einen Text von Meryl Streep nachspricht, der die Ungleichheit der Geschlechter beklagt. Vor allem schön sind die Unterwasseraufnahmen in Marion Luise Buchmanns Film „Bewegtes Selbst“: im Türkis des Wassers scheinen sich Körper und Gestalt einer Schwimmerin fortwährend zu verändern. Bemerkenswert die Fotokompositionen „nietzsche haus“ und „einstein haus“ von Michael H. Rohde; mit Blick von unten, so als würden wir durch gläserne Böden in möblierte Wohnräume schauen, eröffnet sich eine am Rechner konstruierte, ungewohnte Perspektive auf die Innenräume zweier Geistesgrößen. Verschoben und gekippt, erkennt man eine gerichtete Ordnung, in der alles losgelöst und wie zu Schweben scheint. Ein ironischer Fake entsteht mit David Enders Arbeit „Der Spiegel“ – ein Gedicht samt spiegelnder Installation:  

Korf erfindet einen Spiegel,
der das nur zeigt, was
nicht im Bildfeld.  

„In diesem Spiegel“, spricht er,
„kannst du auch dich selbst erblicken,
doch nur, wenn du nicht vor ihm stehst.“  

Das, was sich hier anhört wie Christian Morgenstern, ist Lyrik von David Enders, die er in eine echte „Palmström“ Buchausgabe von 1917 eingebunden hat. Fake oder Neuschöpfung? Auf jeden Fall ist es eine kluge und spielerische Anmerkung zum Thema.  

Autor
Weitere Personen
Elisa Asenbaum

* , Österreich

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Veruschka Bohn

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Marion Luise Buchmann

* , Hamburg, Deutschland

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David Ender

* 1960 , Wodonga, Australien

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Michael H. Rohde

* 1960, Lippstadt, Deutschland

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Julia Schewalie

* 1988, Pavilodar Region, Kasachstan

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Thomas Maximilian Stuck

* , Österreich

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