Band 248, 2017, Skulptur Projekte Münster 2017: Skulptur Projekte Münster 2017, S. 470

Skulptur Projekte Münster 2017

Künstlerischer Leiter: Kasper König
Kuratorinnen: Britta Peters und Marianne Wagner
10. Juni – 01. Oktober 2017
 

Den Wurzeln treu: Moderate Gangarten und subversive Präsenzen

von Martin Seidel

1977 gab es noch ästhetische Fronten. Die Kunst war abstrakt und der Zeit voraus, die Spießer spießig und der Zeit weit hinterher. Kunst und Öffentlichkeit begegneten sich in Münster in klischeehafter Unversöhnlichkeit. Konkret war es die 1975 an der Promenade Engelenschanze aufgestellte Skulptur von George Rickey, die die Bürgerschaft der Bischofsstadt in Rage brachte. Klaus Bußmann, der spätere Direktor des Landesmuseums, ergriff die Initiative und versuchte gemeinsam mit Kasper König, der feindlich gestimmten Bevölkerung in der Ausstellung „Skulptur ’77“ klarzumachen, dass Rickeys „Drei rotierende Quadrate“ kein 130.000 DM teurer Humbug und überhaupt moderne Skulpturen Kunst sein können. Damit war, vierzig Jahren ist es her, der Grundstein der „Skulptur Projekte“ gelegt. Heute sonnt sich „Skulptur Projekte“ im Glanz des Erfolgs – und in diesem die ehemalige Gegnerschaft sich gleich mit. Was macht heute, wo der Legitimationsdruck weggefallen ist, den Erfolg dieser Langzeitveranstaltung aus, die seit der zweiten Ausgabe Kaspar König und wechselnde Co-KuratorInnen künstlerisch leiten? Die Themen sind es nicht, denn die gibt es nicht. Auch nicht besondere Konzepte und Vorsätze. Es ist die Unaufgeregtheit dieser alle zehn Jahre Luft holenden Ausstellung, die die Ansprüche nicht über ihre Möglichkeiten hochschraubt und sich keine unerfüllbaren Programme schreibt. Ausgangspunkt war und ist der Vorsatz geblieben: Kunst ins Öffentliche zu bringen. Aus der Spießerfolie Münster, an der der Kunstbegriff der Moderne abzuarbeiten war, ist für die „Skulptur Projekte“ eine Stadt ohne Eigenschaften geworden, ein idealer heterogener Stadtraum mit dem besucherstrategischen Vorzug kurzer Wege.  

Wie das bei „Skulptur Projekte“ immer war, geht die Kunst nicht in die Stadt, um sie zu verändern, sondern um dort präsent zu sein. Seit 1987 bespielen die Künstler die ganze Stadt. Das Team mit dem langjährigen Chefkurator Kaspar König und den Kuratorinnen, Britta Peters und Marianne Wagner, tut sich und den Künstlern keinen Zwang an. Digitale Licht- und Klangspiele, begehbare Environments, Großskulpturen und Klanginstallationen, Performances bilden Bastionen in den Randzonen: am Aasee im Westen, in der Eissporthalle, den Schrebergärten und dem Theater am Pumpenhaus im Norden, dem Gelände der OFD und am Stadthafen im Osten und dem Sternbusch-Park im Süden. Zur Vielfalt gehören Aktionen von Menschen, die sich unter Anleitung der Choreographen, Tänzer und Performer Xavier Le Roy und Scarlet Yu als Living Sculptures frei in der Stadt bewegen; Künstler, die sich zwischen Waren und Videos wirtschaftskritisch in alten Ladenlokalen einnisten (Mika Rottenberg); es gehören dazu verhallende Klänge im „Hamburger Tunnel“ am Bahnhof (Emeka Ogboh) und Meta-Monumente, wie der auf Krücken ruhende Nietzsche-Felsen von Justin Matherly, ein „Nuclear Temple“ von Thomas Schütte oder ein grandios queerer Figurenbrunnen von Nicole Eisenman.  

Offenheit ist ein Wesenszug der Münsteraner Arbeiten und Projekte. Die wenigsten der 35 neuen Beiträge haben etwas mit der skulpturalen Bildhauerei zu tun, die feste Formen und Zustände schafft. Das Performative ist, wenn auch nicht neu und reichlich auf documenta und Biennale gegeben, gar als Unterscheidungskriterium der „Skulptur Projekte“ 2017 apostrophiert. Es meint körperliche Präsenz wie bei der Rumänin Alexandra Pirici, die im Historischen Rathaus, wo 1648 der Westfälische Friede unterzeichnet wurde, Konflikte und Grenzsituationen antimonumental-szenisch mit sechs TänzerInnen darstellt. Es meint das Modellierend-Gestaltende, Intervenierend-Verändernde, Prozessual-Transformierende, das Temporäre und Partizipative einer expandierenden Kunst, die alles sein kann: Monument, Medium, Installation, klassische Skulptur und Plastik, analog und digital, Klang, Experiment, Tanz, Rollenspiel.  

„Skulptur Projekte“ 2017 ist mit 35 internationalen Künstlern und Künstlergruppen, einem literarischen und publizistischen Begleitprogramm, einer Vorlesungsreihe und einer neuen Skulpturenpartnerschaft mit der Ruhrgebietsstadt Marl breit aufgestellt. Dabei bleiben Kaspar König, Britta Peters und Marianne Wagner in der fünften Ausgabe den Wurzeln treu. Sie zwingen die Kunst nicht in Diskurse und arbeiten nicht beflissen-gewissenhaft den Problemkatalog der üblichen Themen ab. Vielmehr bauen sie auf bestehende künstlerische Konzepte und Werkstrategien und lassen die Künstler machen.  

Kaum ein Projekt schlägt – sofern es überhaupt einen festen Ort hat – auf, wo gerade noch Platz oder eine letzte Lücke zu finden war. Die Orte sind mit Bedacht gewählt, selbst wenn sie nur als Hülle eine Rolle spielen wie bei Pierre Huyghe, dem Liebling der documenta 2012. Kunst und Lebenswelt durchdringen sich bei ihm in einem Environment, das die ehemalige Eissporthalle in Beschlag nimmt, und schaffen Neues gerade dort, wo ein Abriss bevorsteht.  

Im Erbdrostenhof-Palais treten zwei Plastiken von Nairy Baghramian in einen Ferndialog mit Richard Serra, der 1987 hier mit einer Stahlskulptur einen Auftritt hatte. Die nicht zusammengeführten Gussteile und die Lackierung, die die wertvollere Bronze versteckt verweigern das Finito und reflektieren die ephemere Aufstellungssituation.  

Es geht fast ohne Ort: Videos von Andreas Bunte – ansonsten bequem auf Vimeo zu haben – sind über QR-Codes auf Plakatwänden am Schlossplatz, der VHS und am Stadthaus mit Smartphone aufzurufen und von dort überall mit hin zu nehmen. Filmische Bewegungsstudien etwa einer rotierenden Bürste einer Autowaschanlage verorten sich so über den Menschen als Medium in diffusen Außenräumen.  

Ei Arakawa lässt zu sieben großen LED-Malereien nach Gemälden von Gustave Courbet, Joan Mitchell und anderen eigens komponierte und getextete Musikstücke ertönen; wie vom Himmel herabgeschwebt, stehen die Tableaus nun auf einer Wiese am Aasee und gefallen in arkadischem Selbstbezug. Ganz anders mischt der nigerianische Klang- und Videokünstler Emeka Ogboh dem innerstädtischen Gewühl des Hamburger Tunnels am Bahnhof seine Stadtklangkunst bei, ein ortsspezifisches Gemisch aus Texten und Musikstücken des amerikanischen Komponisten und Musikers Moondog, der einige Jahre in Münster lebte und hier begraben ist.  

Andere Projekte teilen gezielt aus. Christian Odzuck zum Beispiel setzt dem kürzlich abgerissenen Gebäude der Oberfinanzdirektion ein Denkmal. Er hat die architektonisch einzigartige Rampe dieses Gebäudes der Nachkriegsmoderne 1:1 nachgebaut. Darauf kann man sich nun noch einmal begeben und sich bewusst machen, was einmal war und nun nicht mehr ist, und dass wie es jetzt ist, so auch nicht bleiben wird – auch dies ein Werk, das den „Skulptur Projekte“ den Stempel aufdrückt.  

Eine fast acht Meter hohe Archiskulptur des Künstlerinnenduos Peles Empire aus Berlin schafft am Aegidiikirchplatz größtmögliche Distanz zur Umgebung. In Gestalt der Treppenskulptur und mit bildlichen Querverweisen macht sie das Überlagern von Zeitschichten und nicht zuletzt den Verlust von Authentizität und die Attrappenhaftigkeit der geliebten oder gescholtenen Münsteraner Rekonstruktionsarchitekturen am Prinzipalmarkt sichtbar.  

Eines der avisierten Projekte ist an Eigentumsfragen gescheitert. Ansonsten scheint sich „Skulptur Projekte“ gut mit der Stadt zu vertragen. Kritik der Kunst gibt es am traditionellen Zentrum der „Skulptur Projekte“, dem Museum. Bis 2008 hieß es Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, nun nennt es sich LWL-Museum für Kunst und Kultur. Auf der elegant und weitläufig getreppten Eingangsseite des 2014 fertig gestellten Erweiterungsbaus steht in zentraler Achse eine Skulptur von Rückriem, die Fassade ziert eine serielle Wandarbeit von Otto Piene. Dazu kommt als Überbleibsel der 2016 gezeigten Moore-Ausstellung im LWL Henry Moores berühmte Bronzeplastik „Der Bogenschütze“ (1964/65), eine Leihgabe der bis auf Weiteres in der Sanierung befindlichen Berliner Nationalgalerie. Als Beitrag für die „Skulptur Projekte“ hat Cosima von Bonin, ansonsten bekannt für umstürzlerisch-schräge Plüschplastiken, quer über den Vorplatz einen Tieflader geparkt, der den schmucken Vorplatz abriegelt und der feiertäglichen Gestimmtheit des edel gestalteten und ausstaffierten Entrees brüsk in die Parade fährt. Cosima von Bonins Idee war es, die Plastik auf den Transporter zu setzen, um deren Deplatziertheit zu thematisieren – eine Idee, welcher Einwände der Moore-Foundation im Wege standen. Ersatzweise hat von Bonin in Kooperation mit Tom Burr nun auf dem Lader eine Transportkiste in den Maßen der Plastik abgestellt. Im Künstlerischen holpert es, der Affront aber bleibt als Angriff auf die öffentliche Prominenz einer Plastik, die weder etwas mit der „Skulptur Projekte“ zu tun hat noch (weiterhin) mit der Stadt Münster und dem Museum. Und er ist ein Angriff auf die vereinnahmende Haltung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, das dem Museum den seltsamen neuen Namen gab und in diskussionswürdigen Verhandlungen mit dem Künstler dafür gesorgt hat, dass der Otto Pienes Wandarbeit nun die LWL-Initialen einverleibt sind.  

Einen Seitenhieb auf diese Vereinnahmung verkneift sich auch nicht der Logo- und Labelkünstler John Knight. An der markanten Gebäudeecke am Domplatz hat Knight eine Arbeit realisiert mit dem zaunpfahlwinkenden Titel „John Knight, A Work in situ“: Eine vertikal angebrachte Wasserwaage antwortet dem daneben befindlichen Schriftzug des LWL mit den Künstlerinitialen JK.  

Das Museum als Institution ist nicht, wie man meinen könnte, der natürliche Feind der ins Öffentliche zielenden „Skulptur Projekte“. Aber natürlich sorgen die Münsteraner Saisonkünstler, seit Ayşe Erkmen 1997 Exponate des Landesmuseums an einem Hubschrauber hängend über dem Dom kreisen ließ, immer wieder für Durchbrüche und Öffnungen. Nora Schultz grätscht in die tektonische Aufgeräumtheit des Museumsfoyers mit einem fulminanten Crossover physischer und atmosphärischer Interventionen: dunkler als sonst ist es, die Akustik gedämpft, eine Skulptur von Olle Bartling aus dem Münster-Marler-Skulpturentauschabkommen kragt vorübergehend über die Treppe, Mobiliar ist verstellt und schlussendlich verzerren mit Drohnenkameras aufgenommene fahrige Raumansichten die Perspektiven.  

Fast unvermeidlich in solchen Zusammenhängen ist die subversive Präsenz von Gregor Schneider. Bei der Ruhrtriennale in Bochumer Museum hatte er einen ähnlichen Auftritt, jetzt macht er die Verwaltungsräume des LWL-Museums als autonome, dabei der Videokontrolle unterliegende Wohnräume gefügig und stößt erneut existentielle Diskurse an über das Öffentliche im Privaten und das Private im Öffentlichen.  

Den Ehrgeiz, ganz neu zu sein und sich selbst zu übertrumpfen, hält „Skulptur Projekte“ in Grenzen. Das geschichtlich gewachsene Selbstverständnis hält sie bis heute davon ab, mit anderen Großkunstereignissen zu konkurrieren – auch wenn die Vergleiche nicht ausbleiben. „Skulptur Projekte“ präsentiert sogar eine ganze Reihe von Künstlern der letzten Documenta und Venedig- und anderen Biennalen, und manchmal sogar ein Projekt. Mit einer Adaption ihrer cool durchgestylten Video-Environmentkunst der Sao-Paolo-Biennale nistet sich Hito Steyerl ins Foyer der LBS West am Aasee ein.  

Was erwartet man von Kunst heute? Kaum mehr, dass sie in sich bedeutend oder gar schön ist. Sie soll Argument sein, und bei allen weltbewegenden Fragen als moralische Superinstanz mitreden. Wie gesagt: „Skulptur Projekte“ spielt die Karte der Kunst als Superwaffe nicht. Bei aller Verschiedenheit der Themen und Ansätze: Sie widersteht solchem Erwartungsdruck und auch der völkerverbindend mitmachenden Tempelästhetik von Kassel. Zumindest überwiegend: Denn auch in Münster erreicht man die im Zweifel doch eher ethisch als ästhetisch gestimmte Öffentlichkeit mit Sinnstiftung und Schulterschlüssen. Die Manifesta-Künstlerin Lara Favaretto stellt aus ihrer fortlaufenden Serie „Momentary Monuments“ am Ludgeriplatz in Auseinandersetzung mit dem dortigen Train-Denkmal und mit assoziativem Bezug auf die anliegende Ausländerbehörde einen Granitquader auf. Imposant ist er, und doch das Gegenteil, von dem, was er scheint: ein bleibendes unverwüstliches Werk. Denn der Stein ist hohl, er ist nicht für die Ewigkeit bestimmt, und er hat einen Schlitz zum Geldeinwurf. Der Ernst, mit dem auf diese Weise Cent- und Euro-Münzen einer zentralen Abschiebe-Einrichtung nahe Büren zugespielt werden, ist doch recht bieder und geschmäcklerisch wie das salbungsvolle Versprechen, das Zweck-Monument am Ende der Veranstaltung zu schreddern und das Gestein einer neuen Bauunternehmung beizumischen.  

Das in alle Ecken der Kunst schwappende Partizipieren, Inkludieren, Sozialisieren hat ganz unterschiedliche Facetten. Der Turner-Preisträger Jeremy Deller brachte 2013 auf der Venedig-Biennale im britischen Pavillon den Eklat um die rücksichtslos an den Giardini geparkte Mega-Yacht des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch auf den Tisch. Aktuell bringt er sich mit einer bissigen Plakataktion in den britischen Wahlkampf ein. In Münster – und das ist typisch für die moderatere Gangart der „Skulptur Projekte“ – setzt Deller ein vor zehn Jahren initiiertes, in seiner Art bestechendes Projekt fort. Damals forderte Deller Kleingartenvereine auf, mit Texten, Fotos oder Zeichnungen die gärtnerischen und sozialen Entwicklungen in den Gärten zehn Jahre lang zu dokumentieren. Nun präsentiert er die entstandenen Bücher als „Natur- und Sozialprotokolle“ in einem der Gärten in einer eigens eingerichteten Bibliothek – selbstverständlich unter Beteiligung der Schrebergärtner.  

Von Aram Bartholl kennt man vor allem die skulptural umgesetzten Google-Positionsmarker, die im öffentlichen Raum den Zusammenhang der digitalen und physischen Welt sichtbar machen. In Münster fördert Bartholl eine archaisch-postdigitale Konfrontationsästhetik, die unter anderem das Angebot, Handy-Akkus thermoelektrisch am Lagerfeuer aufzuladen, mit der Möglichkeit zwischenmenschelnder Begegnung verbindet. Ausgeprägt ist der soziale Rückhalt der Kunst bei Oscar Tuazon. Der für kraftvolle alternative Gebrauchsskulpturen bekannte Bildhauer und Installationskünstler hat auf einer Industriebrache am Dortmund-Ems-Kanal eine Betonspirale hingestellt, die als Feuerstelle und Sitzgelegenheit dient. Das Werk nimmt Menschen, die es in diese Unwirtlichkeit versprengt und die sich hier Schlafstätten und Hütten einrichten, mütterlich unter die Fittiche. Kunst wird als Nichtkunst zum Treffpunkt und Kristallisationspunkt sozialer Begegnungen und Prozesse. Als Gutkunst bemächtigt sie sich dabei natürlich auch letzter Freiräume, um sie in gütiger Zuwendung zu kontrollieren. Um an der Bedeutung des Sozialen und vielleicht auch an dessen Primat gegenüber dem freien Künstlerischen keinen Zweifel zu lassen, verzehrt sich dieses „Formwork“ im Gebrauch der Verschalung als Brennstoff teilweise selbst.  

„Skulptur Projekte“ bläst manchmal die Backen auf. Sie kann aber auch leise. Cerith Wyn Evans, der britische Konzeptkünstler, Bildhauer und Filmemacher, manipuliert Tonfolgen der Glocke der 1963 errichteten Kirche St. Stephanus in der Münsteraner Aaseestadt – so dezent, dass es selbst für Anwohner nur schwer wahrnehmbar sein soll. Wyn Evans Beitrag zu „Skulptur Projekte“ belegt zweierlei: erstens, dass und wie Kunst sich künstlerisch überzeugend und voller Niveau und intellektueller Eleganz dem Trubel und der Überproduktion entziehen kann; und zweitens dass das Mitmachen fürs Überleben dann einfach doch zu wichtig ist, um davon ganz Abstand zu nehmen.  

Gäbe es in Münster einen Publikumspreis: Ayşe Erkmen, die sich mit ihrer Skulpturenflugaktion schon vor zwanzig Jahren fest in die Geschichte der „Skulptur Projekte“ eingeschrieben hat, wäre eine Kandidatin. Am Stadthafen, dem hippen „Kreativkai“ Münsters, hat sie eine knapp unter dem Wasserspiegel liegende Gitterrostbrücke gebaut, die beide Ufer verbindet. Erkmen verquickt Illusion und Pragmatismus zu einer eingängigen Sinnbildlichkeit – zweifellos liebenswert, lustvoll und legitim, doch hart an der Grenze zum künstlerischen Reibungsverlust.  

Eine Attraktion ist Michael Smith, zumindest wird er nicht unerwähnt bleiben, wenn von „Skulptur Projekte“ 2017 die Rede ist. Der ebenso schräge und quertriebige wie erfolgreiche documenta-8-Teilnehmer von 1987 hat nahebei ein Studio bezogen, in dem man sich nach Vorlagen von „Skulptur Projekte“-Künstlern ein Tattoo stechen lassen kann – Senioren zum Sonderpreis. Dass die 60-pluser, derart begünstigt, zuhauf anrücken, ist sicherlich nicht das, worauf es ankommt. Vielmehr erreicht das Projekt die Menschen nicht nur über den Kopf und übers Sehen, sondern über die Haut und den fühlend-denkenden Körper. Ganz beiläufig und nicht notwendig zu bemerken, überspielt Smith das ästhetische Fehlkonstrukt der Trennung von Kunst und Leben. Er bringt die performativen Absichten der „Skulptur Projekte“ auf den Punkt und trägt die Kunst ziemlich wörtlich ins Leben. Nebenbei charakterisiert er in der Distribution eines Tattoos als Kunstobjekt auch hintersinnig, treffend und witzig Mechanismen des Kunstbetriebs.  

Der documenta-Spagat Kassel / Athen spiegelt sich in der neuen „Skulptur Projekte“-Kooperation Münster / Marl. Im Unterschied zu Münster hat die aus Dörfern zusammengewachsene Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets kein historisches Zentrum, dafür aber eine auf Grüner Wiese konsequent modern angelegte Mitte mit Rathaus, Wohnhochhäusern und Einkaufszentrum. Ganz das Gegenteil von Münster, hat man früh und mutig für diesen öffentlichen Raum Skulpturen angeschafft. Marls Bekenntnis zur Moderne in Kunst und Architektur steht einzigartig für die Aufbruchsstimmung im Lande und den in der Ära Brand/Scheel lancierten Anspruch „Kultur für alle“. Auf der kunst- und kulturgeschichtlichen Ebene ist die Münster-Marl-Connection als Expansion der „Skulptur Projekte“ hochinteressant und zwingend, wenn sie auch vorerst vor allem Symbolpolitik bleibt.  

Der Erfolg und das Renommee bringen Besucher, Flair und Lebensqualität in die Stadt. Dass aus der ästhetischen Aufklärungskampagne und dem etablierten Ausstellungsformat nebenbei auch ein Tourismusfaktor geworden ist, kann kein Vorwurf sein. „Skulptur Projekte“ 2017 ist alles in allem ziemlich vernünftig und sehr mild gestimmt – mehrere Beiträge könnten ein markanteres künstlerisches Profil haben. Aber so oder so verändert Kunst, auch öffentliche Kunst, nur selten die Welt: Sie verhindert keine Dreißigjährigen Kriege und keine neuen Grenzmauern, sie bewahrt im Zweifel keinen Obdachlosen vorm Kältetod und sie macht keine Schlecht- zum Gutmenschen und keinen Kunstfeind zum Ästheten. Und genau so denkt die Schau in Münster. Sie zielt aufs große Ganze, das sich weltoffen, sympathisch unverbiestert und quirlig dem städtischen Leben einschreibt und den Charme der „Skulptur Projekte“ ausmacht, der als ästhetische Strategie möglicherweise mehr bewirkt als ein politischer Vorsatz.  

Informationen
www.skulptur-projekte.de, T +49 (0) 251 590 750 0
Infos zu Touren und Workshops: T +49 (0) 251 203 182 00, service@skulptur-projekte.de. Online-Buchung unter: www.skulptur-projekte.de
GRANDTOUR: Erlebnisrundfahrt, Dauer 45 Minuten, Samstag 15 Uhr und Sonntag (12 und 15 Uhr). Tickets bis 15 Minuten vor Tourbeginn am Pumpenhaus, www.grandtour-muenster.de
Skulptur Projekte App: Navigations-App unter: apps.skulptur-projekte.de.
 

Katalog
SKULPTUR PROJEKTE MÜNSTER 2017. Katalog herausgegeben von Kasper König, Britta Peters & Marianne Wagner. Mit Beiträgen von Inke Arns, Claire Doherty, Georg Elben, Kasper König, Britta Peters, Marianne Wagner, Mithu Sanyal, Mark von Schlegell, Angelika Schnell, Raluca Voinea & Gerhard Vinken. Münster 2017. 436 Seiten. EUR 18,00.
 

Satelliten
The Hot Wire Eine Kooperation von Skulptur Projekte Münster und Skulpturenmuseum Glaskasten Marl. The Hot Wire umfasst verschiedene Projektbausteine: Künstler_innen, die in beiden Städten arbeiten, Skulpturentausch, eine Ausstellung von Modellen aus dem Archiv der Skulptur Projekte im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, eine Videoausstellung in der Schule an der Kampstraße in Marl. Informationen unter http://www.skulpturenmuseum-glaskasten-marl.de/.
Münster: Kur und Kür ist das literarische Begleitpropgramm der Skulptur Projekte. Zehn AutorInnen verbringen jeweils zwei Wochen in Münster, davon einen Tag in Marl. Die entstehenden Texte werden online veröffentlicht und alle 14 Tage findet eine Lesung statt. Texte und Termine unter www.kur-und-kuer.de.
Blumenberg Lectures Eine Kooperation mit der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Vortragsreihe thematisiert Grundfragen der Ausstellung aus unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Perspektiven. Termine unter www.skulptur-projekte.de.
Double Check – Michael Ashers „Installation Münster (Caravan) 77 87 97 07“. Michael Asher Beitrag zu den vergangenen „Skulptur Projekten“ ist Gegenstand einer Archivausstellung des LWL-Museums für Kunst und Kultur. Fotos von Alexander Rischer zeigen die Standorte von Ashers Caravan heute. Informationen unter www.skulptur-projekte-archiv.de.
Pure Consciousness
Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster zeigt eine Dokumentation über On Kawaras Arbeit „Pure Consciousness“ für Kinder. Öffnungszeiten: Mo-So 10 – 18 Uhr.  

Orte
Das Theater im Pumpenhaus nutzt das Regie-Duo Gintersdorfer/Klaßen als öffentlich zugänglichen Produktionsort. Von Dienstag bis Sonntag gibt es feste Termine für Wiederaufführungen bisheriger Performances. Geöffnet täglich von 10 – 22 Uhr.
Die Trafostation an der Schlaunstraße 15 wird als Ort der Kunstvermittlung genutzt. Informationen unter www.skulptur-projekte.de.
Das „Freihaus ms“ in der Hüfferstr. 20 beherbergt die AutorInnen von „Münster Kur und Kür“ und ist Ort der Lesungen. Informationen unter www.freihaus.ms.  

Autor
Martin Seidel

* 1958, Frankfurt am Main , Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Kasper König

* 1943, Mettingen, Deutschland

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Britta Peters

* 1967, Birkenfeld , Deutschland

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Marianne Wagner

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Weitere Personen
Ei Arakawa

* 1977, Fukushima, Japan

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Nairy Baghramian

* 1971, Isfahan, Iran

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Aram Bartholl

* 1972, Bremen, Deutschland

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Cosima von Bonin

* 1962, Mombasa, Kenia

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Andreas Bunte

* 1970, Mettmann, Deutschland

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Tom Burr

* 1963, New Haven, Verein. Staaten

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Jeremy Deller

* 1966, London, Grossbritanien

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Cerith Wyn Evans

* 1958, Llanelli, Grossbritanien

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Lara Favaretto

* 1973, Treviso, Italien

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Pierre Huyghe

* 1962, Paris, Frankreich

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John Knight

* 1945, Kalifornien, Verein. Staaten

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Christian Odzuck

* 1978, Halle, Deutschland

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Emeka Ogboh

* 1977 , Nigeria

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Gregor Schneider

* 1969, Rheydt, Deutschland

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Nora Schultz

* 1975, Frankfurt, Deutschland

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Richard Serra

* 1939, San Francisco, Verein. Staaten

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Michael Smith

* 1951, Chicago, Verein. Staaten

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Hito Steyerl

* 1966, München, Deutschland

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Oscar Tuazon

* 1975, Seattle, Verein. Staaten

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Biennalen
Skulptur. Projekte in Münster

D – Münster

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