Band 245, 2017, Titel: Kunst lernen?, S. 62

Accademia di Belle Arti, Rom

Arbeit am Genius Loci

von Tanja Klemm

An zwei Orten, die unterschiedlicher kaum sein können, befinden sich die Gebäude der römischen Accademia di Belle Arti. Stadthistorisch und -topographisch prägnant sind sie beide: Da ist auf der einen Seite das Hauptgebäude, gelegen in der schmalen Via di Ripetta. Als eine der drei schnurgeraden Hauptstraßen, die seit dem 16. Jahrhundert von der Piazza del Popolo im Norden des Zentrums in südliche Richtungen ausstrahlen, stößt sie im Westen an das Tiberufer: Ein Sitz in einem der Herzen der Stadt, in der Nachbarschaft des umglasten Friedensaltars Ara Pacis Augustae, unweit der Engelsburg und des Vatikan und nur wenige Schritte vom belebten Corso entfernt. Mauro Lucentini bringt es in seinem Romführer auf den Punkt, wenn er diese Gegend rund um die Via di Ripetta als das „Rom des Mittelalters, der Renaissance und der Päpste“ bezeichnet.1 Fast also sollte man meinen, die heutige Kunstakademie habe schon in der Renaissance hier gestanden, zumal sie im späten 16. Jahrhundert aus der päpstlichen Accademia di San Luca hervorging, die u.a. von dem Künstler und Kunsttheoretiker Federico Zuccari und dem Kardinal Federico Borromeo gegründet wurde.2 Doch statt eines Renaissancepalasts steht da das wuchtige Gebäude aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, wegen seines Grundrisses auch „Il Ferro di Cavallo“ – „Hufeisen“ – genannt. Hier bezog die Kunstakademie in den Jahren nach der Vereinigung Italiens ihren Sitz; kurzzeitig wurde sie Istituto di Belle Arti genannt, eine Namensgebung, die über dem Hauptportal heute noch sichtbar ist.  

Das labyrinthische Innere des steinernen Hufeisens, in dem sich Werkstätten, Aulen und Seminarräume in dichter Folge abwechseln, führt teilweise noch weiter in die Vergangenheit: Studenten – auffällig viele sind Chinesen – winden sich an Abgüssen antiker Reliefs und Vollplastiken vorbei oder stehen neben ihnen Schlange; im Treppenhaus fluchtet der Blick auf Skulpturengruppen wie den Laokoon oder auf einen Abguss des Carafa-Pferdekopfs, und manche Vorlesungsräume scheinen vollständig von den überlebensgroßen Abgüssen besetzt. Dabei handelt es sich hier nicht um reine Reminiszenzen an eine Akademieausbildung des 18. und 19. Jahrhunderts, denn nach wie vor werden die Abgüsse, wie beispielsweise in der Bildhauerwerkstatt von Ciriaco Campus, als Objekte für zeichnerische Naturstudien verwendet.  

Auf der anderen Seite sind da die Vorlesungsgebäude und Freiflächen der Bildhauer-, Mode-, und Gießereiwerkstätten inmitten der Weite des Campo Boario im Süden der Stadt – die Platzprobleme, mit denen die Kunstakademie seit Jahren kämpft, sind hier nicht mehr spürbar. Auf dem ausgedehnten Gelände befand sich seit dem späten 19. Jahrhundert der städtische Schlachthof inklusive Viehmarkt. In den 1970er Jahren wurde er geschlossen, und bereits in dieser Zeit wurden mögliche zukünftige Nutzungsmöglichkeiten des Geländes diskutiert. 1988 unter Denkmalschutz gestellt, dienten die Gebäude zunächst als Lagerstätten, Büroflächen und Partylocations. Seit den späten 1990er Jahren zeichnete sich die Entstehung eines neuen Kunstzentrums ab. Ein wichtiger Impuls dafür war die Ausstellung „Riciclart. Arte e Riciclaggio al Mattatoio“ („Riciclart. Kunst und Recycling im Mattatoio“) im Jahr 1997, kuratiert von Giuliana Stella. Die Professorin an der Kunstakademie beschäftigt sich mit Fragen zur Industriearchäologie, die zu jener Zeit noch nicht allzu präsent in Italien waren. Alle ihre zahlreichen Ausstellungsprojekte, die sie zum Großteil mit Nachwuchskünstlern verwirklicht, sind ortsspezifisch angelegt, viele davon arbeiten mit dem Genius Loci Roms, sei es in entweihten Kirchen („Visioni succesive“, 1997/98), ehemaligen Klöstern („Contestura“, 1998) oder im Kolosseum („Gary Hill. Resounding Arches/Archi Risonanti“, 2005).  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Tiziana D’Acchille

* 1963, Sulmona, Italien

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Giuliana Stella

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Weitere Personen
Ciriaco Campus

* , Bitti, Italien

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