Band 243, 2016, Ausstellungen: Köln, S. 306

Reset II and Futurism

Galerie Priska Pasquer 03.09.2016 – 27.01.2017
von Ann-Katrin Günzel

Wie formt das digitale Zeitalter den Blick der Künstler auf die Welt und welche Bilder entstehen daraus? Die digitale Moderne durchdringt alle unsere Lebensbereiche, verändert die Gesellschaft, geht mit Flüchtigkeit von Ereignissen, Bildern und Werten einher, durchdringt Kommunikation und Beziehungen sowie unsere Vorstellung von Individualität und Entfaltung. Der Titel der Ausstellung „Reset“ – steht daher für den Neustart einer jungen Künstlergeneration. Die hier vertretenen 11 zeitgenössischen Positionen beschäftigen sich mit der digitalen Transformation und der Frage, welche Themen daraus für die Kunst hervorgehen. Als Generation, die längst in der postdigitalen Welt angekommen ist werden ihre Arbeiten mit Originalfotografien der Futuristen aus den 1920er und 30er Jahren kombiniert, so dass ihnen ihre historischen Vorläufer zur Seite gestellt werden. Die Futuristen haben Anfang des 20. Jhds. von den heutigen Entwicklungen noch geträumt, haben das Einsetzen der industriellen Moderne, Bewegung, Geschwindigkeit, die Veränderungen durch technischen Fortschritt sowie dadurch einsetzende neue Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten positiv begriffen und lautstark begrüßt: „Der Futurismus beruht auf einer vollständigen Erneuerung der menschlichen Sensibilität, die eine Folge der großen wissenschaftlichen Entdeckungen ist. Wer heute den Fernschreiber, das Telefon, das Grammophon, den Zug, das Fahrrad, das Motorrad, das Auto, den Überseedampfer, den Zeppelin, das Flugzeug, das Kino, die große Tageszeitung (Synthese eines Tages der Welt) benutzt, denkt nicht daran, dass diese verschiedenen Arten der Kommunikation, des Transportes und der Information auf seine Psyche einen entscheidenden Einfluss ausüben.“ (Marinetti 1913, in: Drahtlose Phantasie)  

Heute sieht man die Erfüllung dieser Träume oft kritischer. Die alten Räume der Massenverbreitung, die Marinetti noch zur Bekanntmachung seiner Ideen nutzte, wie Litfaßsäulen und Theatersäle, sind inzwischen durch Socialmedia Kanäle wie facebook und twitter oder you tube ersetzt worden, die drahtlose Telegrafie ist endgültig ins WLAN eingemündet, Smartphones ersetzen die riesigen schwarzen Maschinen, mittels denen erstmals überhaupt über längere Distanzen gesprochen werden konnte und das Radio wirkt fast schon antiquiert. Künstlerisch hielten damals Themen wie Simultaneität und Brüche in der Wahrnehmung Einzug, technische Neuerungen wie Fotografie, Radio und Film wurden besetzt und genutzt. Um die Welt von ihren neuen Ideen in Kenntnis zu setzen und aufzurütteln sowie zur Partizipation zu animieren, gingen die Futuristen auf die Straße und veranstaltete tumultuöse Abende in Theatersälen. Heute ist es der Performancekünstler Christian Falsnaes, der – unter anderen Vorzeichen – die künstlerische Autorität in der Aufforderung zur Zuschauerpartizipation bewusst als Strategie einsetzt und den Zwischenraum von Begeisterung und Gefolgschaft öffnet und zur Schau stellt, während er das Publikum einlädt seine Ideen auszuführen. In seiner Arbeit „Opening“ (2013) läßt er die unvorbereiteten Eröffnungsbesucher enthusiastisch eine Choreografie für ein Musikvideo aufführen, lenkt sie dann in den Ausstellungsraum und lässt sich dort seine Kleider vom Leib schneiden, während er zu den Anwesenden spricht. Er lässt die Besucher damit zu einer zufälligen Erlebnis- aber auch Voyeur-Gemeinschaft werden, deren Erfahrungen direkt in eine Aufzeichnung einfließen, welche wiederum durch dieselbe verfügbar gemacht werden. Auch die Arbeit „A Series of Unusual Visits“ (2016) von Hiroko Komatsu bindet den Ausstellungsbesucher direkt ins Werk ein, beläßt seine Erfahrung jedoch im Bereich des Persönlichen. Die Installation aus 723 Fotos zieht sich von der Wandfläche über den kompletten Boden, so dass man unweigerlich auf die Bilder tritt und sich an großen Rollen weiterer Fotos vorbeizwängt, in dem vergeblichen Versuch, möglichst wenig zu berühren. Die Flut an Bildern, die spätestens seit der Digitalisierung täglich auf uns hereinbricht, scheint sich hier materialisiert zu haben und in einer ähnlichen Sorglosigkeit im Umgang mit dem Bild schieben sie sich geradezu unter unsere Füße – wobei diese Situation im Ausstellungsraum natürlich nicht nur ungewohnt, sondern geradezu absurd erscheint. In der Arbeit „Forgetting Spring“ (2016) von Evan Roth mündet die Materialisierung von virtuellen Bildern in einem fest verschnürten Paket aller Ausdrucke der Seiten, die der Künstler im Frühjahr dieses Jahres im Internet aufgerufen hatte. Die transparenten, in allen Farben schillernden Skulpturen der Künstlerin Berta Fischer hingegen scheinen jede Materialität wieder aufzuheben. Mit scharfen Kanten und spitzen Ecken schneiden und winden sie sich im Raum und sind doch kaum mehr als ein Lichtreflex. Demgegenüber sind die „entleerten“ Seiten im „Song for Sebald“ von Jane Benson materialisierte Musik. Durch akkurates Herausschneiden einzelner Buchstaben aus den vergrößerten Buchseiten hat sie jede semantische Bedeutung buchstäblich herausgelöst, jedoch durch das bloße Stehenlassen der Tonsilben do-re-mi-fa-so eine Stimmung geschaffen, die, von einer Sopranistin vertont, neben dem zum Bild zerschnittenen Roman hörbar wird. Frank Ammerlaans changierende Farboberflächen erschaffen ebenfalls eine nicht fassbare Stimmung. Er eröffnet mit seinen Bildern einen Raum, in dem Farbe und Licht wolkenhaft-immateriell im Nichts vergehen. Johanna Reich verschwindet direkt körperlich in der Malerei, in ihrem Fall dem schwarzen Quadrat und kann sich damit gleichzeitig dem überwachenden Blick einer Drohne entziehen. Bei Aleksandra ­Domanovic ist es eine mit einem Ultraschallgerät verbundene Handprothese aus Metall, die eine hautfarbene Unterlage durchleuchtet und damit einerseits ein bildgebendes Verfahren aufzeigt, andererseits aber auch unweigerlich den Gedanken an Kontrolle und Durchsichtigkeit des Körpers evoziert.  

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Autor
Ann-Katrin Günzel

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Weitere Personen
Frank Ammerlaan

* 1979, Sassenheim, Deutschland

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Christian Falsnaes

* 1980 , Kopenhagen, Dänemark

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Priska Pasquer

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Evan Roth

* 1978, Verein. Staaten

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