Band 243, 2016, Gespräche mit Künstlern, S. 182

Gülsün Karamustafa

MYSTIC Transport Modernity

Ein Gespräch von Michael Hauffen

In kaum einer wichtigen Biennale der letzten zehn ­Jahre hat Gülsün Karamustafa gefehlt, die damit heute­ womöglich als die wichtigste Künstlerin der Türkei gelten kann. Mit ihren thematischen Installationen hat sie nicht nur die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Nebenschauplätze der Globalisierung gerichtet, sondern auch dem Politischen in äußerst sinnfälliger Weise Ausdruck gegeben. Ihr Hauptaugenmerk ist auf alltagskulturelle Brennpunkte gerichtet, in denen sich traumatische Erfahrungen, aber auch unerwartet kreative Potentiale abzeichnen, was viel Spielraum für Assoziationen schafft. Mit ihrer Mischung aus spontaner Einfühlung und durchdachter Inszenierung ist sie denn auch zum Vorbild einer jüngeren Generation von KünstlerInnen avanciert.  

Trotz ihres Erfolges blieb sie der Stadt Istanbul treu – nicht zuletzt weil sie dieser historische und dynamische Knotenpunkt bis heute beeindruckt. Mit ihren anspielungsreichen Einblicken in die Licht- und Schattenseiten unserer modernen Welt wirken ihre Arbeiten wie Prismen, die jeweils einen thematischen Fokus in seine Facetten zerlegen – etwa wenn sie in „Modernity Unveiled“ (2011) mit der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die auf der Flucht vor den Nazis 1938 Aufnahme und eine Anstellung in Istanbul erhielt, eine Phase der wechselvollen Beziehungen zwischen Mitteleuropa und der Türkei rekonstruiert.  

Mittlerweile müssen wir zusehen, wie in der Türkei in kurzer Zeit zahlreiche Intellektuelle und Schauspieler­ ­entlassen wurden, die der Regierung kritisch gegen­überstehen, und es erscheint daher als trauriger ­Vorteil, dass die Kunstszene von Anfang an auf private Initiativen bauen musste – doch auch wenn sie deshalb etwas weniger im Fokus nationaler Gesinnungskontrolle steht, ist ihre Lage erkennbar angespannt.
Umso erfreulicher ist es, dass der Hamburger­ Bahnhof gerade jetzt der Künstlerin eine große Retro­spektive gewidmet hat, die noch bis zum 15. Januar­ 2017 zu sehen ist. Die Ausstellung umfasst 110 ­Arbeiten aus der Zeit von 1970 bis heute und bietet,­ zusammen mit dem umfangreichen Katalog, die Gele­genheit, sich einem bedeutenden Projekt solidarischen Engagements zuzuwenden.
 

Michael Hauffen: Du nennst es einmal eine kluge Methode, verschiedene historische Ebenen zu überlagern, um sich ein brauchbares Bild der Gegenwart zu machen. In deiner Ausstellung im Hamburger Bahnhof wendest du diese Methode auch auf dein eigenes Werk an.  

Gülsün Karamustafa: Das hängt wohl damit zusammen, dass meine Einstellung zum Leben schon immer die einer Geschichtenerzählerin war. Ich beginne jedes Werk mit einem Bezug auf das konkrete Leben, seien es historische Dinge, seien es eigene Erfahrungen, und aus diesem jeweiligen Kontext heraus entwickle ich dann das, was ich meine Erzählung nennen würde. Von Beginn an habe ich deshalb, auch rückblickend, nach Ereignissen Ausschau gehalten, die mich inspirieren könnten. Das können Momente sein, die sehr heftig direkt aus meiner Umgebung auf mich einwirkten, oder aber auch Momente, auf die ich stoße, wenn ich mich mit der Geschichte beschäftige, und die mir besonders aufschlussreich erscheinen.  

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Autor
Michael Hauffen

* 1954, München, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Gülsün Karamustafa

* 1946, Ankara, Türkei

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Weitere Personen
Margarete Schütte-Lihotzky

* 1897, Wien, Österreich; † 2000 in Wien, Österreich

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