Band 236, 2015, Biennalen, S. 196

13e Biennale de Lyon

La Vie moderne

von Fabian Stech

Die diesjährige Ausgabe der Biennale in Lyon steht unter dem Stichwort der Moderne. Der Direktor der Biennale, Thierry Raspail hat es für die drei nächsten Ausgaben des französischen Großevents im Bereich zeitgenössischer Kunst ausgewählt. Für die diesjährige Ausgabe wurde der Amerikaner Ralph Rugoff rekrutiert, der seit 2006 sehr erfolgreich die Hayward Gallery leitet und sie neben der Tate Gallery zu einem der wichtigsten Ausstellungsorte in London ausgebaut hat. Ralph Rugoff, der seine Karriere als Kunstkritiker in Los Angeles begonnen hat, formulierte das Thema mit literarischen Anklängen in “La Vie moderne” um, wie er in seinem Interview erklärt. Das moderne Leben ist dabei für ihn inhaltlich stark auf einen politischen Anspruch fokussiert, aber wenn man die zentralen Orte der Biennale in Lyon durchschreitet, erkennt man schnell, dass er auch in der Form der Ausstellung, in Hängung und Installation der Kunstwerke, der Moderne seine Reverenz erweist, nicht ohne sie gleichzeitig zu kritisieren. Ralph Rugoff gelingt es die Arbeiten der 62 teilnehmenden Künstler freizügig anzuordnen, und, wie zum Beispiel im zentralen Raum der Sucrière, der mit nur drei Kunstwerken bestückt ist, gar großzügig Raum zu gewähren.  

Wirkten die letzten Biennalen im Nachhinein überfrachtet, scheint die Biennale 2015 klar und strukturiert. Ihr Parcours beginnt im Musée d’Art Contemporain in Lyon. Gleich die erste Videoarbeit von Miguel Angel Rios bringt auch die Kritik an der Moderne auf den Punkt. Wellblechhütten fallen in der Wüste laut vom Himmel, dann folgt die Kamera des Argentiniers in der Nähe der mexikanischen Stadt Zaachila einem schwebenden Plexiglaskubus durch die Landschaft. Die schwebende Transparenz verkörpert und visualisiert den geometrischen Geist der Moderne und stellt gleichzeitig die Frage nach seiner Unzulänglichkeit. Viele Video-und Fotoarbeiten auf der Biennale bestechen durch ihre Einfachheit, wie Anthea Hamiltons Möbelserie „Fruity seatings“ mit aufgedruckten Früchten und Frauenkörpern, die die moderne Architektur persiflieren. Mohamed Bourouissa zeigt in der Serie „Shoplifters“ Fotos eines Ladenbesitzers aus Brooklyn, die dieser von Ladendieben machte. Was im Supermarkt zur Abschreckung aufgehängt wird, öffnet dem Betrachter in der Ausstellung einen gefährlich poetischen Blick ins Innere des Kapitalismus und seiner Auswüchse. In der Sucrière arbeitet derselbe Künstler mit einer ähnlichen Umkehrung, wenn er Fotos der amerikanischen Reitkultur direkt auf Autohauben belichtet. Der in Berlin lebende Franzose Cyprien Gaillard benutzt eindrucksvoll die 3 D Technik im Film, um Pflanzen tanzen zu lassen. Hypnotisch wirken die Bewegungen der Pflanzen durch den Wind im Rhythmus eines Musiksamples von Alton Ellis auf den Betrachter. Und noch bei dem Maler Johannes Kahrs scheinen die photographischen Vorarbeiten zu seinen Gemälden zwischen Analyse und Assoziation Sinn zu machen. Auch die Rundum-Videoinstallation des Amerikaners T.J. Wilcox ist erwähnenswert, denn sie verbindet den Blick aus seinem Atelierfenster in New York mit einem Blick in die Geschichte, die in sechs Episoden Gebäude und Ereignisse erklärt. Selbst die Anordnung der Gemälde von Michael Armitage neben den die Realität der Ausstellung und des Ateliers hinterfragenden Installationen von Emmanuelle Lainé ist gelungen. In der Sucrière bleibt der zentrale Raum in Erinnerung, nicht unbedingt aufgrund der höchst politischen Aussage der Arbeiten von Klaus Weber und Andreas Lolis, deren Aktualität sich auch die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation nicht entziehen kann, sondern eher aufgrund der Maitrise des Ausstellungsmachers über den Raum. Als zusammengeschrumpftes Zeit-Raumkontinuum ist der Raum der Moderne ebenfalls das Thema von Laura Lamiels geheimnisvoller Installation von zwei Schaukästen und Tatiana Trouvé geht in ihren Zeichnungen und ihrem Ausstellungsdispositiv diesem Thema als Zentrum der Moderne nach. In seinem Interview, das kurz vor der Biennale geführt wurde, spricht Ralph Rugoff über seinen Ansatz für die Ausstellung und lässt auch die Schwierigkeiten bei Planung und Durchführung nicht außer Acht.  

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Autor
Fabian Stech

* 1964, Hannover, Deutschland; † 2015 in Paris, Frankreich

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Ralph Rugoff

* , New York, Verein. Staaten

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Weitere Personen
Mohamed Bourouissa

* 1978, Blida, Algerien

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Céleste Boursier-Mougenot

* 1961, Nizza, Frankreich

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Cyprien Gaillard

* 1980, Paris, Frankreich

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Johannes Kahrs

* 1965, Bremen, Deutschland

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Laura Lamiel

* 1948, Frankreich

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Andreas Lolis

* 1970, Griechenland

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Miguel Angel Rios

* 1953, Argentinien

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Tatiana Trouvé

* 1968, Cosenza, Italien

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Klaus Weber

* 1967, Sigmaringen, Deutschland

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T.J. Wilcox

* 1965, Seattle, Verein. Staaten

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Guan Xiao

* 1983 , Volksrep. China

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Haegue Yang

* 1971, Seoul, Rep. Korea (Süd)

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Biennale Lyon

F – Lyon

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