Band 253, 2018, Zeichnen zur Zeit, S. 180

Zeichnen zur Zeit

Eine Serie in mehreren Folgen.

Teil IX vorgestellt von Reinhard Ermen

Zum neunten Mal heißt es im Kunstforum „Zeichnen Zur Zeit“, seit im April 2009 die erste Folge der Dokumentation erschien, wurden immerhin 90 Positionen des Mediums ausgeleuchtet und hervorgehoben. Die Vorbereitungen zur aktuellen Ausgabe waren im vollen Gange, da überrascht den Autor und Herausgeber ein Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Die Zeichnung kommt“ steht gleich in der Titelzeile am Samstag, den 04. November 2017. Schauplatz der frohen Botschaft ist die Seite „Kunsthandel/Auktionen“, Anlass für die Feststellung, ein Besuch auf der Kunstmesse Artissima in Turin, die den „Disegni“ einen separaten Bereich eingeräumt hatte; 26 der teilnehmenden Galerien haben dieses Terrain bespielt. Nun sind auf allen Kunstmessen Zeichnungen durchaus präsent, längst haben sich auch spezielle, dem Medium zugewandte Messen etabliert, die Nachricht ist also nicht ganz neu, immerhin scheint bemerkenswert, dass Italiens „wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst“ diese Fokussierung vornimmt. Zusätzlich liefert der lesenswerte Artikel von Eva Clausen interessante Beiträge fürs ‚Handbuch des nutzlosen Wissens’, etwa, dass die teuerste Zeichnung aller Zeiten 2012 bei Sotheby’s in London für 29,7 Millionen Pfund über den Tisch ging, eine Kohlezeichnung (37,5 × 27,8 cm) von Raffael. Der Bericht zur Artissima 2017 beschreibt ein Phänomen aus der ganz speziellen Perspektive des Marktes, er belegt, was ein Trend wert ist, z. B. Jan Fabre zwischen 30 000 und 240 000 Euro oder Gary Kuehn von 6000 bis 18000 Dollar.  

Die Connaisseure, die dem Medium nahe sind und möglicherweise ZZZ im Kunstforum mit verfolgt haben, brauchen die Meldung vom Markt nicht, der entdeckt, was längst da ist, spätestens seit der ersten Hochblüte in der Hochrenaissance. Gelegentlich ergießt sich das Füllhorn auch auf Künstlerinnen und Künstler, aber gearbeitet wird ununterbrochen, der Diskurs um das Medium Zeichnung hält an. Trotz der zyklischen Hymnen auf ihre Wiederkehr und die entsprechenden Ausschläge des Marktes, schwebt die Zeichnung eher in den stillen Zwischenräumen der angesagten Aufgeregtheiten. Es ist reichlich Platz, es gibt noch weiße Flecken; im wahrsten Sinne des Wortes: Denn die meisten Protagonisten arbeiten auf Papier, das im frischen Zustand auch meistens weiß ist. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber selbst die Tapedrawings eines Schweizer Einzelgängers suchen gerne frisch gekälkte Wände auf und das Büro eines spanischen Exzentrikers ist eine blitzsaubere Bauhütte. „Zeichnen Zur Zeit“ sucht diese und ähnliche Positionen auf. Zehn Porträts sind angesichts der Fülle des Phänomens nichts, doch die Ausgewählten, erscheinen im Idealfalle beispielhaft. Trotz gelegentlicher Grenzgänge, soll die Zugehörigkeit zum Medium evident sein. Pluralismus ist ein Gebot der Auswahl, was nicht mit Beliebigkeit zu übersetzen ist. Bezeichnenderweise kommt das Wort „Grundsätzlichkeit“ in mehreren Spielarten immer wieder vor. Kontraste, sprechende Gegensätze dürfen sein, ein Weltberühmter und der ihm eigene mediale Synkretismus stoßen auf die piktorale Metaphysik eines Mannes mit Gottvertrauen. Konzeptioaneller Realismus begegnet dem surrealen Naturalismus am Boden, da wo der Staub seine Wolle spinnt. Ein Apologet der Körperlichkeit entpuppt sich als Meister des Ausgleichs, ein Seelensucher landet auf anderen Planeten, eine empfindsame Seismographin lässt die Kaligraphie hinter sich.  

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Autor
Reinhard Ermen

* 1954, Moers, Deutschland

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