Band 253, 2018, Gespräche mit Künstlern, S. 148

Tomás Saraceno

Ein Jules Vernes der konkreten Utopie

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Statt von einer Spinnenphobie kann man im Fall von Tomás Saraceno eher von einer Spinneneuphorie sprechen. Während andere vor den Achtbeinern panisch die Flucht ergreifen, sucht er deren Nähe, weil er in dem, was sie vollbringen und leisten, einmalige Vorbilder für ein anderes Zusammenleben der Menschheit sieht. Unter den Künstlern, die aus den Quellen der Wissenschaften schöpfen, ist der 1973 geborene Argentinier so etwas wie ein Jules Verne der konkreten Utopie. Mithilfe von Biologie und Ingenieurskunst imaginiert er poetische Visionen eines postfossilen Lebens ebenso wie gegengängige Fantasien der Mobilität.  

Mit seinem interdisziplinären Kunstprojekt Aerocene widmete er sich beispielsweise der Erforschung alternativer Lebensräume und Transportmittel in der Luft. Der Titel spielt auf den Begriff des Anthropozäns und damit auf den vor achtzehn Jahren von dem niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene Stoermer ins Spiel gebrachten Vorschlag zum Einstieg in eine neue geochronologische Epoche an. In dieser ist der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf das Ökosystem geworden. Mit der fatalen Folge, dass wir uns der Lebensgrundlagen durch das Verschwinden natürlicher Ressourcen, durch das Ansteigen der Emissionen, den drastischen Klimawandel und das Artensterben berauben.  

Saraceno absolvierte von 1999 bis 2000 ein Aufbaustudium an der Escuela Superior de Bellas Artes Ernesto de la Carcova in Buenos Aires, von 2001 bis 2003 ein Postgraduiertenstudium der Kunst und Architektur an der Städelschule in Frankfurt bei Thomas Bayrle und Ben van Berkel. Im Jahre 2003 besuchte er bei Hans Ulrich Obrist und Olafur Eliasson ein Jahr lang den Kurs „Progettazione e Produzione delle Arti Visive“ an der Universität Venedig (UAV). Im Sommer 2009 nahm er am International Space Studies Program im Ames Research Center der NASA im Silicon Valley teil. Anschließend präsentierte er auf der von Venedig die monumentale, mit Kristall-PVC-Skulpturen bestückte Rauminstallation Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider’s Web: Ein Netzwerk aus elastischen schwarzen Seilen erstreckte sich da durch einen großen Saal des Palazzo delle Esposizioni. Für diese Erkundigung alternativer Lebensstrategien erhielt Saraceno den renommierten Calder Prize.  

Heinz-Norbert Jocks: Was löst Ihr Interesse an Architektur und Kunst aus?  

Tomás Saraceno: Am Anfang war es reine Neugierde. Später traf ich Künstler und lernte deren Denk- und Ausdrucksweisen kennen. Sowohl diese als auch ihre Freundschaft inspirierten mich. Mehr und mehr geriet ich in Künstlerkreise, lernte Kunstschulen kennen und entwickelte meine eigene Kunstpraxis.  

Mit wem kamst du in Kontakt?  

In Argentinien studierte ich Architektur bei einem Professor, der ein Seminar über Interventionen in der Architektur und die Verbindungen zwischen Kunst und Architektur im Werk von Gordon Matta- Clark anbot. Bis zum 8. April zeigt übrigens das ZKR – Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum Schloss Biesdorf in Kooperation mit dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst die Gruppenausstellung „Blick Verschiebung“. Im Grunde eine Hommage an Gordon Matta-Clark, zu der auch ich einen Beitrag steuerte. Ebenso nachhaltig war der Eindruck, den Gyula Kosice, ein argentinischer, aus der Slowakei stammender, vor zwei Jahren verstorbener Objektkünstler und Vertreter der Kinetischen Kunst hinterließ. Auf unübliche Weise spekulierte er über „hydrokinetische Städte“, die frei in der Luft schweben. Diese erinnern mich an die in Italo Calvinos „Unsichtbaren Städte“ evozierten Räume. Diese, weit entfernt von der üblichen Praxis der Architektur und poetisch vermittelt, decken sich mit meinen Vorstellungen. Mir liegt an einer Erweiterung der Terminologie und einem anderen Architekturverständnis. In Frankfurt begegnete ich Thomas Bayrle, der damals Professor an der Städelschule war. Ein extrem offener, neugieriger und wissbegieriger Mensch mit großem Interesse nicht nur an Kunst, Architektur und Sound, sondern auch an Wissenschaften und anderen Disziplinen. Er ist befreundet mit dem britischen Architekten Peter Cook, der, damals ebenfalls Professor am Städel, Absolvent von Londons renommierter Architectural Association und seit den frühen 1970ern Mitherausgeber, aktiver Autor und Denker des Magazins Archigram ist. Mit wem auch immer ich zusammenkam, alle arbeiten interdisziplinär, so auch Hans Ulrich Obrist und Olafur Eliasson. Mich interessiert das Dazwischen.  

Ich vermute eine geheime Verwandtschaft zwischen Ihnen und denjenigen, denen Sie begegnet sind.  

Mir gefällt Ihre Annahme, wonach ich mir nicht unbedingt dessen bewusst bin, was die Verbindung zu den Genannten ausmacht. Bei Bayrle ist mir ein Großteil seiner künstlerischen Praxis so vertraut, dass ich gelegentlich seine Geschichten und Narrative erinnere, derer er sich in seiner Praxis des Webens bediente, als er in der Industrie arbeitete und Wandteppiche fabrizierte. Alle diese Fäden verknüpfen sich und tauchen in seinem Autobahnprojekt, seinen Collagen und Akkumulationen kleiner Tapeten auf Wandpapier auf. Apropos Fäden, die sich verknüpfen, dazu fällt mir spontan meine Arbeit mit Spinnennetzen ein. Seit Jahren fasziniert mich die in Namibia vorkommende Gattung der sozialen Spinne, deren Verhalten ich mit Obsession studiere. Übrigens gab es den Mythos des sozialen Ballooning, wonach jede Spinne alleine ist und Fäden in der Luft aus Drüsen ausscheidet, nicht fähig, abzuheben, weil der Wind sie daran hindert. Also bauen sie diesen Teppich. Dabei ist der thermodynamische Wind derjenige, der webt und die vielen Fäden miteinander verknüpft. Dadurch entsteht eine soziale Konstruktion. Über die verschiedenen Formen der Gesellschaftsbildung unterhielt ich mich übrigens mit Bayrle. Alles in allem erlaubte mir der zu meiner Studienzeit geführte Diskurs einen anderen Blick auf die Dinge.  

Nun sind Spinnennetze in Ihren Augen ebenfalls Architektur!  

Erst einmal: Versuche ich die Bedeutung eines Werks zu ergründen, kann ich nicht einschätzen, ob die Erklärung alles expliziert. Unter Architektur subsumiere ich nicht nur den Bau von Gebäuden, sondern auch die verschiedenen Formen, wie Dinge artikuliert oder orchestriert werden. Ich spreche von Architektur nicht nur in Bezug auf die von uns erlebte Konstruktion einer physikalischen Realität wie Städte, Häuser und Gebäude, sondern zudem auch im Hinblick auf ein Gedicht, eine Software, ein Computersystem und unser Denken. Der Begriff meint das Komponieren von etwas. Insofern ich Architektur in diesem erweiterten Sinne auffasse, geht mein Interesse an ihr weit darüber hinaus, was sie heute ist, und mündet darin, was und wie sie in Zukunft sein könnte. Verglichen mit anderen Disziplinen ist die Architektur, wie es Mark Wigley, der Dekan der Columbia Universität und damals ebenfalls Professor an der Städelschule formuliert, erheblich langsamer. Ja, wir lieben Wohnungen mit hohen Decken und großen Fenstern. Könnte Architektur nicht auch etwas Positives derart sein, dass wir den Fokus darauf richten, wie wir in Zukunft leben. Es macht Sinn, Architektur in Bezug zur Umwelt zu begreifen. Félix Guattari spricht von „drei Ökologien“, der sozialen, der mentalen und der Umwelt-Ökologie. Dass wir uns ihrer nicht bewusst sind, heißt nicht, dass sie nicht wirksam sind.  

Die Fantasien der Utopie

Ihrer Kunst liegt die uns in luftige Höhen versetzende Utopie eines neuen Zusammenlebens in anderen Räumen oder Sphären zugrunde. Träumten Sie davon bereits in jungen Jahren?  

Ja, ich glaube. Niemand kann wirklich wissen, wie er zu dem geworden ist, der er ist, noch, wer er einmal sein wird. Vielleicht hat unsere Entwicklung mit den Umständen zu tun, denen die Familie ausgesetzt ist. Ich wurde in Argentinien geboren. Meine Eltern und Brüder sahen sich wegen der Militärdiktatur gezwungen, 1976 das Land zu verlassen. Da war ich gerade geboren. Nach acht Jahren in Italien, als der Albtraum der Diktatur endlich sein Ende fand, beschloss meine Familie, nach Argentinien zurückzukehren. Als man mir sagte: „Wir können zurück“, fragte ich: „Was heißt das?“ Ich hatte keinerlei Erinnerung an Argentinien. Und obwohl ich in Italien aufwuchs, gab man mir dort zu verstehen, ich sei kein Italiener. Bei Fußballspielen wurde ich gefragt: Bist du Italiener oder Argentinier? Stehst du auf dieser oder auf der anderen Seite? Mir ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Ort selbst dann fremd, wenn ich mit Leuten zusammentreffe, mit denen ich mich identifiziere. Stets habe ich die Empfindung, womöglich Teil von etwas zu sein, das anders ist. Zu dem, was ich vorhin über die Rückkehr nach Argentinien äußerte, muss ich noch ergänzen, dass seitens meiner Eltern die Entscheidung über meinen Kopf hinweg getroffen wurde. Erst waren es die Politiker, die uns zwangen, anderswohin zu ziehen. Dann bestimmte die Familie, wo ich zu leben habe. Die Gründe für das Gefühl permanenter Unzugehörigkeit sind vielfältiger Natur. Das spätere Reisen von Ort zu Ort, um Projekte zu realisieren, lässt sich auch darauf zurückführen, dass ich während des Sommers mit meinem Vater Urlaub an verschiedenen Orten machte. Jedenfalls gibt es für mich weder einen festen Ort noch einen, der Heimat bedeutet, sondern immer nur Delokalisierung. Keine Ahnung, ob das eine Brücke zu dem darstellt, was ich heute tue, und ob es erklärt, warum ich über die Möglichkeiten der Architektur nachsinne. Kunst erscheint mir als komfortabler Ort für diese Form der gelebten Verbindung zu verschiedenen Dingen.  

Jedenfalls gibt es für mich weder einen festen Ort noch einen, der Heimat bedeutet, sondern immer nur Delokalisierung.

Es gibt also keinen Ort, den Sie als Heimat empfinden.  

Von Richard Buckminster Fuller, dem Architekten, Konstrukteur, Visionär, Philosophen und Schriftsteller stammt der Satz: „Unser Raumschiff ist die Erde“. Demnach kommen wir nicht aus einem bestimmten Land, sondern von dem Planeten Erde. Auf diese Weise über Herkunft zu denken, setzt ein anderes Umwelt-Bewusstsein voraus. Auch im Sinne der Dringlichkeit und Notwendigkeit unserer planetarischen Zugehörigkeit. Mein umfangreiches Werk Aeroscene und einige der Spekulationen, die wir konstruierten, beruhen auf dem Konzept einer neuen Geopolitik der Erde vor dem Hintergrund der Frage nach einem anderen Ortsbewusstsein, das unser herkömmliches Denken der Zugehörigkeit transzendiert.  

Ihre Kunst hat etwas von Science-Fiction.  

Keine Frage, das ist wie mit dem nächtlichen Träumen. Warum ich was träume, frage ich mich ebenso wenig wie, wieso ich zur Fiktion neige. Es ist eine körperliche Notwendigkeit, jeden Tag in einer anderen Realität zu sein. Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir mit Science-Fiction-Träumen. Ein Problem ist, dass ich nicht immer erinnere, was ich nachts geträumt habe. Klar, ich versuche, mir die Träume bewusst zu machen. Aber nicht nach jedem Traum sagst du: „Ja, das will ich machen!“ Albträume helfen dir, zu unterscheiden, wofür du kämpfen möchtest, wenn du morgens aufwachst. Vielleicht können wir einmal zusammen träumen. Der Alltag kann ziemlich grau sein wie derzeit in Berlin, wo der Himmel von Wolken so verhangen ist, dass man so gut wie nichts sieht. Schon nachmittags wird es dunkel. So ein weißer Luftballon, wie er in meinem Studio steht, verhilft dir zu einem sonnigen Tag. Mit ihm kannst du 300 Meter in die Höhe steigen, und dort oben wird es sonnig. Das heißt, Science-Fiction ist Realität und nur 300 Meter über deinem Kopf, also viel näher, als du es dir vorstellst.  

Werden wir eines Tages dort oben leben?  

Natürlich. Sobald der erste Schritt getan ist und wir uns vorstellen, dort oben sein zu können, geht es mit der Umsetzung schnell voran. Was mich antreibt, ist, wie wir uns auf diesem Planeten bewegen, andere Lebewesen auf dieser Reise involvieren und erkennen, dass wir nicht alleine sind. Wenn wir über Zukunft reden, müssen wir über Zukunft im Plural, also über Zukünfte reden. Ist es zu exklusiv, schließt es andere aus dem Träumen aus.  

Würden wir lernen, in der Luft zu schweben und im Wasser zu treiben, könnten wir für eine Weile sein, ohne zu denken.

Das Spinnennetz, das Sie zuletzt im K21 in Düsseldorf unter der Kuppel installieren ließen, vermittelt demjenigen, der sich darauf bewegt, das wankende Gefühl des Losgelöst-Seins-von-der-Erde und des Schwebens-zwischen-Himmel-und-Erde. Besteht eine geheime Verbindung zwischen dem als Kind erlebten Unterwegssein und dieser Art von Kunst?  

Ja, manchmal neige ich dazu, die Werke als ein Fliegen mit den Füßen am Grund zu beschreiben. Tagtäglich kreisen wir mit der Erde um die Sonne. Wir verfügen über verschiedene Modi des Fliegens und haben vergessen, dass wir Bewohner eines dynamischen Planeten sind. Die Umwelt, zu der auch Wolken, Luftzirkulation und Energieströme gehören, fordert unsere Weise heraus, den Planeten zu bewohnen. Würden wir lernen, in der Luft zu schweben und im Wasser zu treiben, könnten wir für eine Weile sein, ohne zu denken.  

Sie verstehen sich mehr als Künstler denn als Architekt?  

Ja, denn ich gehe intuitiv an Dinge heran und reagiere spontan, während Architektur Planung erfordert. Die künstlerische Praxis erlaubt es wegen der Intuition und Spontaneität, die ihr eigen ist, hingegen, auch Dinge zu realisieren, die einem nicht bewusst sind. Gemäß dem „Thinking Through Making“ des Sozialanthropologen Tim Ingold denken wir durch Machen. Alles, Denken, Machen und Leben gehen Hand in Hand.  

Neurowissenschaftler begreifen das Spinnennetz als offenes Gehirn der Gliederfüßer.

Was brachte Sie zu der Beschäftigung mit Spinnen?  

Das geschah unbewusst aufgrund meiner frühen Faszination für Spinnennetze. Diese sind eine ständige Quelle meiner Inspiration und von einer ungeheuren Komplexität. Diese motiviert mich dazu, stets auf dem neuesten Erkenntnisstand zu sein. Neurowissenschaftler begreifen das Spinnennetz als offenes Gehirn der Gliederfüßer. Im Grunde ist das filigrane Netz eine Ausdehnung des Spinnenkörpers und im Verhältnis zu dem Gewicht der kleinen Tiere stärker als Stahl. Analog dazu lassen sich die Architektur und die von uns gebauten Städte als Exo-Körper des Menschen verstehen. Nicht nur die Frage der Stabilität der Netze, interessiert mich. Auch die Theorie von Otto Frei zur Leichtbauarchitektur. Um mehr über das Verhalten und Kommunikationsformen sozialer Spinnen zu erfahren, arbeiten wir übrigens zusammen mit dem Max-Planck-Institut. Es scheint, als würden die sozialen Spinnen das Netz wie ein Instrument benutzen. Sie bauen gemeinsam am Netz, sorgen für Nachwuchs und verteidigen gemeinsam die Kolonie. Solange diese nicht gestört wird, bleiben sie zusammen.  

Als Sammler von Spinnnetzen aus den verschiedensten Weltgegenden sind Sie gleichzeitig Forscher. Ich wüsste gerne mehr über Ihre Recherchen?  

Ihre Frage weckt bei mir die frühe Erinnerung an einen Freund, der mir das Buch von Carl Sagan und all diese Doku-Videos schenkte. Mir gefiel seine Idee, mithilfe der goldenen Datenplatte „Voyager Golden Record“ an den Raumsonden „Voyager 1“ und „Voyager 2“ friedliche Botschaften der Menschheit zu versenden, die von einer außerirdischen Intelligenz verstanden werden kann. Sagan erstellte diese Diskette, indem er die Geräusche der Erde und der auf unserem Planeten lebenden Tierarten sammelte. Mit deren Hilfe hoffte er auf Kontakt zu anderen Welten und Teilen des Universums. Seine Denkweise war nie nur anthropozentrisch. Übrigens sehen viele Astrophysiker in der Architektur der Spinnennetze eine Analogie zu dem Universum und der Ausrichtung von Galaxien. Sie reden von den Wassertropfen, die, sich in den Filamenten eines Spinnennetzes verfangen, wie Galaxien erscheinen. Und so hatte mein Werk mit dem Titel Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider’s Web für die 2009 von Daniel Birnbaum kuratierte Biennale in Venedig etwas Kosmologisches, was zu der Einsicht führte: „Okay, wir Menschen leben nicht nur auf dieser Erde zusammen, sondern auch innerhalb des Sonnensystems, und dieses ist Teil des Universums.“ Meine fliegenden Städte spielen auf poetische Weise mit solchen Querverbindungen und beziehen sich auf die Sammlung von Spinnennetzen.  

Der Kosmos der Spinnennetze

Was für Entdeckungen machten Sie durch das Sammeln?  

Wie Spinnen ihre Netze weben. Auf welche Weise sie Teil der bebauten Umgebung sind. Außerdem die durch die Lebensbedingungen bedingten Unterschiede im Sozialverhalten. In den wärmeren Breitengraden nahe dem Äquator finden sich vermehrt soziale Spinnenarten. Und die Beobachtung, dass die bis ins hohe Alter bleibende Fähigkeit, Netze zu weben, nicht erlernt, sondern angeboren ist, lässt daran zweifeln, ob das, was wir Menschen erlernt zu haben glauben, nicht doch genetisch vorprogrammiert ist. Übrigens konnte Arachnologen, mit denen wir uns austauschen, noch nie zuvor auf eine so umfangreiche Spinnennetzsammlung zurückgreifen, wie wir sie zusammengetragen haben.  

Sind Spinnennetze für Sie Vorschein einer anderen Welt?  

Ja, eine zu klärende Frage lautet: Wie können wir Zukünfte bauen? Das bereits erwähnte Projekt Aerocen lässt sich als Einführung in eine neue Epoche deuten. Denn wir sind keine Affen-Menschen mehr. Deshalb arbeiten wir mit Spinnen. Sie leben permanent mit uns. Wir alle haben welche zuhause. Aber die meisten von uns wollen sie dort nicht. Übrigens können Spinnen nicht sehen, was wir sehen, und unsere Frequenzen nicht wahrnehmen. Sie sind blind und taub und die zweitsensibelsten Tiere auf der Erde. Ihr Netz funktioniert wie das menschliche Trommelfell. Dank diesem nehme ich die Schwingungen wahr und kann dich verstehen. Zu denken, wir würden uns von den Tieren unterscheiden, nicht zu einer Gruppe oder diesem Planeten gehören, ist problematisch, weil wir uns über den Rest erheben. Und das, obwohl wir selber Natur sind. Sie ist die Familie, von der wir abstammen und zu der wir gehören.  

Spinnen sind blind und taub und die zweitsensibelsten Tiere auf der Erde.

Neben den Spinnennetzen haben Sie auch das Arachnid Orchestra präsentiert.  

Ja, die kosmischen Jam Sessions sind eine durch Klang vermittelte Interspeziesbegegnung zwischen Arachniden. Das Audio-Publishing-Projekt ist eine Fortführung, Erweiterung und Verbreitung der gleichnamigen, von mir 2015 konzipierten Ausstellung am NTU Center for Contemporary Art in Singapur, die von Ute Meta Bauer kuratiert wurde. Dabei ging es um die Kommunikation der Arachniden durch Schwingungen. Wir entwickelten Instrumente, die dazu dienen, diese Schwingungen bis zur Hörbarkeit zu verstärken. In dem Zusammenhang denke ich auch an das, was der Physikerin Gabriela González gelungen ist. Dadurch, dass sie die Vibrationen von zwei Schwarzen Löchern, die ineinander stoßen, aufgenommen hat, sind wir in der Lage, den Wiederhall, diese Wellen von Raum und Zeit zu vernehmen. Für die Ausstellung in Korea vor weniger als einem Jahr nutzten wir die durch Satelliten von der Erde aufgenommenen Geräusche, um herauszufinden, was das Geräusch der Erde ist. Dieses ist nicht nur durch den Menschen verursacht. Es impliziert auch die Beziehung der Erde zu anderen. Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, ein tieferes Verständnis davon gewinnen zu wollen, was wir sind. Wie wir mit allem anderen verbunden sind und uns erneut verbinden können und wo wir sind, und zwar nicht nur als Menschen, sondern auch als Wesen, die von anderswo kommen.  

Manchmal glaube ich, wir seien einst Spinnen gewesen.

Eine TV-Dokumentation zu „Spiderman“ weist nach, dass die Fiktion auf wissenschaftliche Untersuchungen beruht. Gelänge es, das entsprechende Gen einer Spinne in den menschlichen Körper einzuschleusen, mutierte dieser zum Spiderman.  

Manchmal glaube ich, wir seien einst Spinnen gewesen. Am Anfang der Evolution standen Bakterienzellen und kosmische Gase, die auf diesen Planeten mit gewissen Informationen gelangten. Das Leben entstand im Meer und siedelte sich am Land an. In gewisser Weise kehren wir jetzt wieder zum Universum zurück und vollziehen einen Übergang von dem, woher wir kamen, zu dem, wovon wir ein Teil sind. Übrigens schenkt die Wissenschaft dem Faktum, dass die Spinnennetze für gewöhnlich von Weibchen und nicht von Männchen gebaut werden, zu wenig Beachtung. Die Rede vom Spiderman beruht auf diesem Missverständnis. Eigentlich müsste es Spiderwoman heißen.  

Der Blick aus der Ferne

Dem, was Sie als Künstler machen, liegt eine Utopie zugrunde. Entspringt diese den Erfahrungen des Exils?  

Ja, einige der im Exil aufgewachsenen Söhne und Töchter gingen entweder nach Mexiko oder anderswohin. Jeder von ihnen drückt auf seine Weise aus, dass er etwas vermisst. Verursacht wird dieses Gefühl des Mankos durch die Unmöglichkeit, dorthin zurückzukehren, von wo die Familie vertrieben wurde. Viele dieser Exilkinder träumen von einem Nest der Zugehörigkeit. Vielleicht kompensierte ich diesen Mangel dadurch, dass ich Städte in der Luft imaginierte. Ich glaube, dass die verunmöglichte Rückkehr, gepaart mit der Vorstellung, an einem Ort und gleichzeitig anderswo zu sein, und die Beziehung zu Familie, Land, Territorium und Staat eine andere Ausdrucksweise hervorbringen. Zudem setzt sie Fantasien des anderen Zusammenlebens frei. Vielleicht neigt man deshalb zum Gestalten von etwas, das über das Territoriale hinausgeht. Und womöglich denkt man auch deshalb über den Bau nicht geographisch fixierbarer Städte sowie über Phänomene wie Luftbewegung, Höhenlage, Temperatur und Luftdruck nach. Jedenfalls schärfte dies meinen Blick und führte mich zu meiner Art von Kunst.  

Es scheint mir, als gelangen Sie wie ein aus der Ferne auf die Erde Blickender zu anderen Erkenntnissen.  

Ja, im Grunde geht es nicht bloß darum, wie wir die Spinne sehen, sondern auch darum, wie diese uns wahrnimmt, also um die gegenseitige Wahrnehmung. Die Konzerte und Jame Session zielen auf Wege gegenseitigen Verstehens sowie auf ein Bewusstwerden der Verbindungen zu den anderen. Es gibt da nur eine Melodie oder einen Rhythmus, über den wir uns mit den anderen identifizieren. In gewisser Weise war dies auch das Thema der in 25 Metern Höhe unter der Glaskuppel des K21 in Düsseldorf schwebenden, riesigen, begehbaren Rauminstallation, einer Konstruktion aus 2500 Quadratmetern Stahlnetzen und großen Ballons, den transparenten Sphären. Auf dem Netz spürt der sich dort Bewegende über die Präsenz des Anderen den Raum. Die Vibrationen und Bewegungen der anderen nimmt Einfluss auf deine Weise des Gehens und übermittelt dir, wie sich der Andere innerhalb der Grenzen dieser Kunstwelt bewegt.  

Offenbar träumen sie von einem Zusammensein von Mensch und Tier auf gleicher Augenhöhe.  

So ist es. Darüber hinaus hoffe ich auf mehr Wissen um die Verbindung unseres Planeten zu dem Sonnensystem. Der Versuch, die Schwerkraft zu verstehen, damit wir auf andere Weise zu schweben lernen, kann eine Reflexion über den Sonneneinfluss auf das Zusammenleben sämtlicher Tierarten und ein anderes Verständnis unserer Beziehung zu den nahen Sternen zur Folge haben. Das Denken in Verbindungen beruht auf der Idee der Kollektivität und eines anderen Bezugs zur Erde. Dadurch, dass wir fossile Brennstoffe nutzen und Unmengen Kohlenstoff ausstoßen, betreiben wir eine Zerstörung des Planeten auf vielen Ebenen. Wir sollten endlich mit dem Aufbau anderer Beziehungen beginnen, nicht nur auf praktische, sondern auch auf metaphorische Weise. Künstlerisch ebenso wie in den nächtlichen Träumen. Für deren Verwirklichung bedarf es der Utopie ebenso wie der Dystopie. Beide bilden eine Etappe vor dem Aufwachen. Die Frage, wie wir uns synchronisieren, brachte mich zur Kunst. Wichtig ist mir, dass ich bei der Auseinandersetzung mit Wissenschaften im Dialog mit Universitäten und Forschungsgruppen die Poesie meiner Form des Denkens nicht aus den Augen verliere. Ohne Träumen gelangen wir nirgendwohin. Doch auf welche Weise finden wir zu Narrativen, die unseren Blick für ein Leben im Einklang mit dem Planeten schärfen? Sobald es uns gelingt, dort anders zu sein, wird offenbar, wie wir in diesem Sonnensystem und dieses in dem Universum existieren können. Es geht um diese verwickelte, hoffentlich durch Kunstwerke und Erfahrungen möglich werdende Beziehung, die uns glücklicher sein lässt.  

Ja, im Grunde geht es nicht bloß darum, wie wir die Spinne sehen, sondern auch darum, wie
diese uns wahrnimmt, also um die gegenseitige Wahrnehmung.

Lesen Sie mehr Wissenschaftliches oder mehr Literarisches?  

Mir gefällt beides. Ich erwähnte bereits Italo Calvino, dessen Roman „Die unsichtbaren Städte“ mich in jungen Jahren in den Bann zog. Darin werden diverse Geschichten erzählt. Am Ende stellt sich heraus, dass der Erzähler nicht zwangsläufig ein Mensch ist, sondern die Perspektive eines anderen Wesens hat. Außerdem gefällt mir bei Julio Cortázar, wie er eine Erzählung so aufbaut, dass man von einer Buchseite zu einer anderen springen und selber entscheiden kann, wie man sich durch den Text schlägt. Derzeit lese ich anthropologische und soziologische Texte über die Zeit und die Geschichte. Zum Beispiel „Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari. Darin argumentiert er, dass wir nicht durch die biologische, sondern durch die kognitive Revolution zu dem geworden sind, wer wir heute sind. Aufgrund dieser Revolution, die keine biologische sein muss, unterscheidet sich der Homo sapiens von seinen Vorgängern. Ihr verdanken wir unsere Erzählkunst, das heißt die Fähigkeit, herum zu schwadronieren und Fiktionen von etwas Noch-Nie-Dagewesenem zu erfinden. Ebenso befähigt sie uns, Religionen zu schaffen und Gesellschaftssysteme zu entwerfen. Doch welcher Erzählungen bedarf es heute, um andere Beziehungen sowohl untereinander als auch zu der Erde und den anderen Tierarten einzugehen? Wie können wir aus den Bahnen der Gewohnheit heraustreten? Bedauerlicherweise haben wir den Zugang zu unserer Animalität und unserem Instinkt verloren. Auf die Frage: „Was ist menschlich?“, gebe ich zur Antwort: Ich hoffe auf den Tag, da wir, wieder menschlich oder menschlicher geworden, zu einer mehr der Intuition folgenden Lebensweise zurückfinden.  

Ich hoffe auf den Tag, da wir, wieder menschlich oder menschlicher geworden, zu einer mehr der Intuition folgenden Lebensweise zurückfinden.

Übersetzt aus dem Englischen von Alexandra Skwara.

Biografische Daten

Tomás Saraceno
Geb. 1973 in San Miguel, begann 1999 ein Kunst- und Architekturstudium an der Universidad Nacional de Buenos Aires. Danach folgte von 2001 bis 2003 ein Postgraduentenstudium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt/Main. Im Sommer 2009 nahm Saraceno an einem „International Space Study Programm“ der NASA in Kalifornien teil. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 Museo de Arte Moderno, Buenos Aires, Aerosolar Journeys, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen; 2016 – 2017 San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco, CA; 2016 Contemporary Arts Center, Cincinnati, OH; 2015 SKMU Sørlandets Kunstmuseum, Kristiansand, Aerocene; Grand Palais, Paris, NTU Centre for Contemporary Art, Singapore; 2013 K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; 2012 Metropolitan Museum of Art, New York; 2011 – 2012 Hamburger Bahnhof, Berlin; 2010 Bonniers Konsthall, Stockholm, Blaffer Gallery, University of Houston; 2009 Walker Art Center, Minneapolis.
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 11th Shanghai Biennale, Power Station of Art, Shanghai, Architecture of Life, UC Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive, Berkeley; 2015 Musée du Louvre, Paris, Palais de Tokyo, Paris, The State of the Art of Architecture, Chicago Architectural Biennial, Chicago, IL; 2013 Museum of Modern Art, Dublin, Portscapes 2, Maasvlakte 2, Rotterdam; 2012 Intersections: Science in Contemporary Art, Weizmann Institute of Science, Rehovot; 2009 53rd Venice Biennale, Venedig
www.tomassaraceno.com

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Tomas Saraceno

* 1973, San Miguel de Tucuman, Argentinien

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Weitere Personen
Thomas Bayrle

* 1937, Berlin, Deutschland

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Italo Calvino

* 1923, Santiago de las Vegas, Kuba; † 1985 in Siena, Italien

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Olafur Eliasson

* 1967, Kopenhagen, Dänemark

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Hans Ulrich Obrist

* 1968, Weinfelden, Schweiz

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