Band 253, 2018, Titel: I. Kulturtheoretische Essays, S. 58

Was kann die Kunst?

Neun ästhetische Strategien

von Marion Strunk

Das Kreative ist in einem Dilemma: Viele Menschen wollen als kreativ wahrgenommen werden, gleichzeitig sehen sie sich konfrontiert mit dem Appell, es sein zu müssen. Das imperativische „Sei kreativ!“ fordert auf, sich mit dem entsprechenden Normgehalt aufzuladen. Kreativität als Haltungsgestus und zugleich als Aufforderung kommt in einen unauflösbaren Widerspruch. Sie verliert den Charakter des Besonderen. Im Privaten, so wie im Öffentlichen und vor allem in den ökonomischen Zusammenhängen gerät „das Schöpferische“ zum unablässigen Antrieb für innovatives Agieren. Eine damit einhergehende Selbstentfaltung wird zum Glücksversprechen in Lebensumfeld und Berufskontext. Das Kreative, bislang den KünstlerInnen als Subjekt vorbehalten, hat inzwischen den Charakter eines „Role Models“ angenommen. Es bietet die offensichtlich attraktive Möglichkeit, autonom, frei und selbstbestimmt eine Allianz mit dem Erfinderischen einzugehen und damit unablässig Fortschritt, Wachstum und Mehrwert zu generieren. Begriffe wie Kreativindustrie, creative class, Kreativitätsdispositiv und Ästhetisierung des Alltagslebens benennen diesen Prozess – und sie verweisen auf die Permanenz der Debatte über das in den letzten dreißig Jahren sich fundamental verändernde Verhältnis von Arbeit und Kreativität. Mit anderen Worten: Thema dieses Textes ist das Kreative als Kunst.  

I.

Jeder Mensch ist kreativ und kann ein Künstler sein, wenn er die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert (frei nach Joseph Beuys)

Wenn jeder und jedem kreatives Potenzial vorbehaltlos zugestanden wird, was verbleibt dann der Kunst aus dem Fundus des Kreativen? Bei der sehr bekannten Aussage von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ lohnt es sich, diese Lebens- und Werkmaxime entsprechend zu interpretieren mit einem Nachsatz, der lautet: wenn er oder sie die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert. Dieses „Wenn“ räumt eine Bedingung ein, die Oberflächlichkeit, Naivität oder Täuschung ausschließt.  

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Autor
Marion Strunk

* , Deutschland

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Weitere Personen
Karl Valentin

* 1882, München, Deutschland; † 1948 in Planegg, Deutschland

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